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Central-Verein-Zeitung · 1931-08-28 · 35 (28.8.1931) · p. Seite 423

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
35 (28.8.1931)
Date
1931-08-28
Page
Seite 423 (sequence 3)
Language
German
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423 ein bißchen bezweifeln möchte, das Lied zrtiert, das beginnt: Tr? er nid;: für tieiineit ft eiben kann, Ter ist der £et:o irert; Ihn peitsche Psasi und CMmaim Und seinen eigenen Herd! Ter „Fridericns" modle seinen Lesern ein» reden, das sei ein vaterländisches Kriegslred gegen die Franzo'en.. Tabei lautet die Heberfchrist: „S t r a s l i e d b e i tn s ch l e ch t e n Kriegsanfange der Gallier"!, und die Verse beziehen jicf) cnf da- Gerücht von Ansangserfolgen in jerrern Kriege der Alliierten n die französische Aevolmion, der dann sehr mir der Katastrophe von Balmy endete. Bürgers Entrüstung gilt also dem angeblich unzureichenden Kriegswu: der Freiheitshelden und drückt seine entschiedene Parteinahme für die Lache der Nevolmion genau so deutlich aus wie das andere Gedicht. 2. Tie Verse von Hosniann von Fallersleben, die b eginnen: Was sie jeton Tag vollbrachten, Co sie scherzten., ro sie lachten. Wird genau erzählt . . . und die schließen: Tech ihr sonstia Tun und Raten, Was sie für die Völker taten, Wird genau vrrhchlt: Cb sie sonst was Gute? dachten, lleberhaubt was Gutes "achten, Wird auch nie erzähl:. tragen allerdings d'e Ilerer'christ „Neuste Beschreibung des Wiener Kongreßes". Toch hat niemals ein Vernünftiger daran cezweiselt, daß cs sich hier nicht uw. ein ßisteriüches Gedicht aus den 25. Jahre vergangenen „Wiener Kongreß" handelt, sondern uni eine Karikatur der zeitgeuösiischen Presse und ihrer Hosberichte. (Liehe z. B. Petzet, „Tie Blütezeit der deutschen politischen Lyrik 1S^0—1S4S'.') Aus diesem Grunde wird das (nedicht auch in Anthologien zuweilen unter derselben lieberschrist abgedruckt, wie das ein Jahr später entstandene: „Wie ist d o ch d i e Z e i t u n g i n t e r e s s a n t für unser liebes Vaterland", das genau das gleiche Thema behandelt. Im übrigen ist es eine groteske Idee, ausgerechnet den Wiener Kongreß zum Ahnherrn unserer Parlamente machen zu wollen! Er war bekanntlich ausschließlich eine Versammlung von Vertretern der souveränen Fürstl i ch k e i t e n , bei denen dir Völker nicht das mindeste zu 'sagen hatten. In Hosfestlichkerten ist denn auch der Kongreß erstickt. Und eben daraus und aus nichts anderes zielt der Lpott des Tichters, wenn er in seinem Angriff auf die damalige deutsche Tresse diese Ueberschrist gibt. Die Korrektur der Tatsachen, das „corriger la fortune“, ist also aus'schliesslich von dem „Fridericus" vorgenommen, wobei sein außerordentlicher Mangel an Kemnnwen zur Erklärung, wenn auch nicht gerade zur Entschuldigung, dienen mag. * Ta wir nun mal im literarischen Gebiete sind, muffen wir noch zu einer Behauptung des „Friderieus" Stellung nahmen, die in der Einleitung zum gleichen Auf'atz zu finden ist. „Sprechen wir dir elelche Sprache? Aeußerlich ja — aber nur äußerlich. Nur wenige jüdische Schriftsteller schreiben cin jarwmrests Deutsch; bei den meinen merkt man den stoischen Einschlag, der selbst bei anerkanntem Dichmrn. immer wieder hervortritt.' Eins freilich wo Gen wir dem „Fridericus" zugeben: wir, das heisst, dieseuigeu, die inWahrheit sur Wahrheit kämpfen, strechou nur äußerlich die gleiche Sprache wie die Herren vom „Fridericus" und seiner Eeuosstn von rechts! Wir entwürdigen die den:'che Sprache nicht dazu, ein Behälter für Schmutz und Unrat zu sein. Man schlage am beliebigen Tage eine beliebige nationalsozialistiche Zeitung aus, man wird eine Unzahl unflätiger Worte und Wendungen finden, man wird den -eil der Gosse darin finden. Was uns Sprache sein kann, 'das hat Jacob Wassermann, dessen. Stil man nicht gut i!,ui Jargon wird vergleichen können, in feinem -brenntnisbu'che „Alein Weg als Deutscher und Jude" gesagt. Wir empfehlen Herrn Znnmermann, die betreffenden Seiten darin nachzulesim. Er wird vor einem Beispiel voist Erd- und Heimatverbuudensein eines großen Geistes stehons und er müßte von seiner eigenen Behauptung beschämt sein. Und wenn uns der Verfasser schon Theodor Fontane nennt: wir neunen Georg Hermanns Schilderungen der Mark, wir ~ nennen Ernst £ i ff a u c r, Hugo von H o s m a n n s t h a l, Peter Alte n* berg und Franz Kafka. Wenn der Herr auch nur eine Zeile der Genannten gelesen hat, wird er wissen, daß sie mit das edelste, innigste und unmittelbarste Deutsch geschrieben haben, das in den letzten Jahrzehnten überhaupt geschrieben worden ist. Und misten wir noch Gundols nennen, besten Sprachgefühl und Sprachmeisterschaft einhellig anerkannt ist? Genug der Namen, genug des Redens. Wir fürchten, sehr vieles von dem, was wir zu sagen hatten, ist in den Wind geredet. Wir misten, daß unsere Widersacher nicht hören wollen, daß sie unbelehrbar sind. Aber wir wissen auch, daß es andere gibt, die hören wollen. Und für die, nicht für einen Herrn Zimmermann, sind diese Zeilen geschrieben. An die Adresse des „Fridericus" sind sie nur darum gerichtet, weil sich die Herren da drüben den Anschein geben, Mitstreiter im Kampfe um Wahrheit und Klarheit zu sein. Dr. M. Kahn. Haltet ö!s Wohlfahrtspflege aufrecht Die Zentralwohlsah rts stelle der deutschen Juden richtet einen von Rabbiner Tr. B a e d gezeichneten Ausruf nn d i e jüdischen G e m e i n b s n i n Deutschland, dem folgende Gedanken zugrunde liegen: „In schwerer Stunde richten wir an die jüdischen Gemeinden in Deutschland den Rust Haltet die Wohlfahrtspflege aufrecht! 1. Kcmc Gcmcirrdcaufgabe ist in dieser Not notwendiger als Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik. 2. Helft, daß überall die unentbehrlichen Heime, die Kindergärten, Horte, Jugendheime offen blcibcn. Vermehrt die Speisungen. Aber vermeidet und verhindert rücksichtslos alle Loppelarbcit, jeden Leerlauf. 3. Erhaltet der Arlvit alle Berufskräfte. Sie leisten schwerste, verantwortungsvolle Arbeit. Sie bringen das Diclfack>e von dem herein, waö sie kosten. 4. Ermutigt den Hclferwittcn jedes einzelnen: Ge w in nt freiwillige Mitarbeiter: Weckt die Nachbarschaftshilfe: Schafft „P f n n d sarnmlungcn": (von Lebensmitteln). 5. Stärkt in der Arbeit die Gemeinschaft mit den anderen konfessionellen nnd interkonscssioncllcn Organisationen und mit der öffentlichen Wohlfahrtspflege. Gemeinden und Vereine, schließt euch enger zusammen: Erhaltet und stärkt das Werk der jüdischen Wohlfahrtspflege." Antireligiöser Feldzug in Sowjet - Russland Das Dolksbildungskommissariat der Sowjetrepubliken verlangt, wie wir bereits meldeten, in einer Verordnung eine scharst' aiuireligiöst Propaganda anläßlich der jüdischen ,Feiertage. In Fabriken, in denen eine grössere Anzahl jüdischer Arbeiter beschäftigt ist? sollen antlretigiöse Aussprachen veranstaltet werden. Ter Stadtrat von Odessa entsendet 50 für die autireligwst Arbeit ausgebildete Agitatoren in die Fabriken mit jüdischen Arbeitern. Tausende antireligiöser Plakate in Jiddisch wurden äugelch.'a^-». (Jta.) Ui' „Sifinnef ueriiölini IlMes Elend Tie Tatsache, wie stark die Wirtschaftsnot und die Arbeitslosigkeit weiteste Kreise der deutschen Juden ergrisstu haben, ist in diesen Blättern wiederholt eindringlich von sachverständiger Seite dargelegt worden. Es würde sich erübrigen, dieses Problem hier schon wieder zu erörtern, wenn nicht der Nürnberger „sturmer" in seiner Nr. 32 vom August d. I. eine Notiz gebracht hätte, die unbedingt der Richtigstellung bedars. Er verösseutlicht in Fettdruck folgendes geschmackvolle „Preisausschreiben": Preisausschreiben. Wie viele Juden gehen zum Stempeln? Während des Reichsragsmahlkampfcs lieg der Gau G r o ß - Ä ü n ch e n ein Plakat cnfchlagen, aus welchem der Oeffentliükeü nachsemiesen wurde, daß die Nutznießer der heutigen Zeit die I ud e n seien. Das Plakat gipfelte in der Feststellung, daß der Dank- und Darenhausjude die einzigen sind, die heute lachen können. Dieses Plakat brachte die Münchener E. V.-Juden (Centralrereins-Iuden) aus Rand und Bond. Es ist nun eine bekannte Tatsache: Wenn der Jude anfängt, dum m zu merken, dann macht er seine Sache gleich saudumm. So auch bei den Münchener C. V.-Juden. Sie brachten eine groß (ungezogene, Gegenerklärung, in roelchcr behauptet murde, daß cs den Juden mirtsch-astlich nicht gut ginge, weshalb viele Juden zum Stempeln gehen mußten. Dir ersuchen unsere Leser, sich nun zunächst herzlich auskachen zu mellen. Dann aber bitten mir Umschau zu halten und uns bis zum 15. August 1951 alle Juden namha': zu machen, die infolge „mirtschädlicher Not" gezmungen sind, „zum stempeln" gehen zu misten. Derjenige Leser des „Stürmers der diese neueste Iuderei am besten zu be-antmorten meiß, eerälr einen wertvollen Preis. Die Einsendungen können in Prosa oder in Versen gemache meiden. An un'crem Preisausschreiben können sich ausnahmsme se auch Angehörige der jüdischen Nai!e beteiligen." Tatsächlich hat die Münchner Ortsgruppe des C e u t r al ve r e i ns am Tage der letzten Neichstagswahl in der Presse eine Erklärung gegen halt- und sinnlose Behauptungen national, sozialistischer Wahkplakate — wie „Ter Jude lacht. Tem Juden gehören die Banken. Tie Zinsen fresien Euch auf. Tem Juden gehören die Warenhäuser. Tietz und Karstadt fressen Euch auf" — verösseutlicht. Tiefe Erklärung enthielt wahrheitsgemäße Schilderungen des wirtschaftlichen Niederganges des jüdischen Mittelstandes. Konnte diese Entgegnung schon vor etwa einem Jahr unbedenklich niedergeschrieben werden, so erst recht im gegenwärtigen Augenblick. Wir sind weit davon entfernt — etwa, wie es der „Stürmer" anzunehmen scheint —, aus propagandistischen Gründen eine jüdische Wirtschastsnot zu konstruieren. Sie ist leider vorhanden. Das Gespenst der Arbeitslosigseit hat vor den Türen der deutschen Juden keineswegs haltgemacht, sie hat dort vielmehr in einem Ausmaß Einkehr gehalten, das erdrückend ist. Zahlenmäßig jedoch läßt sich dieses jüdische Elend kaum ermitteln, denn die öffentlichen Arbeitsämter und die Neichsanstalt für Arbeitsvermittlung veröffentlichen feine nach der Neligionszugehörigkcit der Arbeitsuchenden eingeteilte Statistiken, sondern lediglich Gesamt- Ziffern. Bei den Arbeitsnachweisen und Wohlsahrtsstell-eu jüdischer Kultusgemeindcu werden nur die allerwenigsten jüdische Arbeitslosen gemeldet und registriert. Die Zahl der jüdischen Arbeitslosen kann deshalb war geschätzt werden. Sie beläuft sich nach sachverständigen Schätzungen auf Zehn» tausende. Allein die Ziffern der jüdischen Arbeitsnachweise gehen in die Hunderte mtb Zzn* sende; sie vermögen aber kein Bild von der wahren Wirt schastsnot der Jrideu iu Deutschland zu entwerfen. Es gehört iu der Tat Mut dazu, die wirtschaftliche Lage eines Volksteiles zu „witzigen" „Preisatls'chreiben" zu benutzen und mit ihr Schindluder zu treiben. E. G. L.

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