Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 33 (14.8.1931)
- Date
- 1931-08-14
- Page
- Seite 408 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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40$ Heinrich Helms LeberregsMhetl» von Dr. Hugo Lachmanski Ans Heinrich Heines Leben läßt sich Freu Mathilde, die „sü§e Perbringerin", nicht sortdenken. Sie lvar, als sie noch Erescentia Engenie Mirat hieß, aus einem französischen Marktflecken nach Paris verschlagen worden; und einer jener liebenswürdigen Zufälle, wie ne Schicksal und Nachruhm des Menschen oft bestimmen,-halte sie hier im „heitersten Rosenlichte" dem deutschen Dichter in die Arme geführt. Ihre ländlich-naive Amnut entfachte in seinem leicht entzündbaren Herzen, wie er selbst^gc stand. Wahrhaft salomonische Lielwsgluten: rasch waren die „Verschiedenen", denen er ans seinen galanten Pariser Streiszügen begegnet, vergeben, und an ihre Stelle treck mm die eine, die er auder Enge de? kleinen <achuhwarenladens, in dem sie als Verkäuferin tätig war, zunächst in einen gemeinsamen menage parisien ausnahm, um die freie Verbindung dann, nach einigen rasch unterdrückten Wallungen des Selbstbesinnens, tu eine legalisierte Ehe mnzuwandeln. Keine größeren Gegensätze ließen sich denken, als dies völlig ungleiche Paar. Scheu nach Herkunft und Abstammung gehörten sie^ zwei grundverschiedencn Lebenskreisen au: der Mann, der in einem achtbaren bürgerlicher! Hanfe ausgewachsen war und eine gute Erziehung genossen hatte, und die Frau, aus einem unscheinbaren Bauernrnilieu heworgegangen und innerhalb dieser Sphäre mehr' mit Kühen als mit Menschen vertrau!: der Mann, Jude, der, nach eigenem Bekenntnis, trotz seiner Taufe nie ausgehört hat, Jude zu sein, und der gerade in der Spätzeit der Ehe den Weg zmn Geck seiner Väter zurücksand; die Frau, eine strenge Katholikin, die sich in ihrer Behausung ein Kruzifix errichtet hatte und an jedem Sonntag geputzt ^zur Meste ging. Und auch sonst die inneren Welten voneinander auffallend getrennt: der potenzierten, in allen Farben schillernden Geistigkeit des Mannes, die erst in Frankreich sich frei entfaltete und über das Awischenreich der Phantasie den Flug zur Höhe nahm, stand die primitiv gebundene, ungeistige Natur Mathildens gegenüber, die, ohne alle Bildungsinterepen und in leeren Aeußerlichkeiten des Lebens ausgehend, nicht einmal ein Wort jener Sprache verstand, die der Meann zur unerreichten Meisterschaft ausgebildet hacke. Seine reifsten dichterischen Werke, die er an ihrer Seite schuf, der „Atta Troll", der ganze „Ronumzerv" blieben ihr aus solche Weife verschlossen — sie konnte nur in umvissendem Erstaunen andere fragen, ob ihr Mann denn wirklich ein ..eetödve poete allemancT wäre. „Dumm wie eine Gans", nannte sie einer der zahlreichen Besucher, die in Heines Krankenstube vordrangen: als ein gutes „Schickschen" wurde .sie in Onkel Salomons Familie eben noch geduldet. und um noch einige Grade ticker sank sie im Urteil mißgünstiger .Korrespondenten, die ein Interesse daran hatten, allerlei indiskreten Klatsch über Heines Ehe nach Deutschland hinüberzutragen. Man hat für die Beziehungen Heines zu Mathilde oft mn das gleichartige Verhältnis Goethes zu Christiane Vulpius hingewiesen: und hier war es einer der feinsten Kötzfe, Hermann Grimm, der allen moralisierenden Betrachtungen die Spitze abbrach mit der Forderung. man solle sich nicht an die allgemein herrschende Ansicht halten, sondern nur an das, was Goethe selbst in Christiane sah und an ihr hatte. Läßt nian diesen Maß'lab auch für Mathilde gelten, so wird ihr Bild in einem wesentlich günstigeren Lichte erscheinen: als das große, harmlose Kind, das dem spielerischen Sinn des Künstterrnenschen Heine ein holdes Ideal der Weiblichkeit vorgaukelte; als das sorglos-heitere Naturwesen, das auch in den tollsten Launen für ihn noch den unverbildeten Reiz des Ursprünglichen bewahrte und berjen Rücken, dessen Tücken er in stiller Gelassenheit ül»r sich ergehen ließ; und als die in mehr als zwanzigjähriger Gemeinschaft ihm verbundene Lebensgefährtin, auf die der Himiechende, als das Gewölk des nahenden Todes sich immer dickster um seine Matratzengruft lagerte, den Schutz des Himmels herabflehte: „Bei eurer eigenen Schönheit, Huld und Milde, Beschwör' ich euch, ihr Enget, schützt Mathilde!" * Wie Heine sie sah — aus dieser Perspektive leitet sich auch die Betrachtung her, die Walther Victor in einem gefälligen, novellistisch eingekleideten Büchlein dun Andenken Mathildens gewidmet hat. stMathilde. Ein Leben um Heinrich Hein e." E. P. Tal L Eo. Verlag. Leip z i g 1 9 31). Auf den Tichtcrgacken, als seinen besten Kronzeugen, gestützt, wirst er sich ritterlich zu ihren.! Beschützer auf und vollzieht an der vielfach Verlästerten eine posthume Ehrenretckuu-g, die sich nicht durch den Eigenwert einer irgendwie beträchtlichen Persönlichkeit, sondern nur durch die Spiegelung des naturhasten Wesens in der LicW eines andern rechtfertig:. Freilich: auch dieses moderne Franenloo vermag der Gefahr solcher „Rettungen", das Wirllickäe zu idealisieren, vorhandene Fehler und -^chuvächen zu beschönigen, nicht zu entgehen, und wenn er der jugendlichen Mathilde einen greechenhafteu Zug gibt, der zu ihrer lärmenden Munterkeit schlecht passen will, oder wenn er über das „gute, kreuzbrave Geschöpf", wie Heine es in Wirklichkeit sah, eine Gloriole der Reinheit breitet, die sie säst in madonnenhaftem Glanze erstrahlen laßt, so scheint ihn der Schwung der Phantasie über die Realität der Tatsachen weit hinausgeführt zu haben. Mathildens Gestalt ist, in ihrer frischen, ganz unfeierlichen Haltung ,nicht dazu angetan, zelebriert zu tverden: um so sympathischer berührt der Versuch, die natürlichen Züge ihres Bildes nach zu zeichnen und ihnen Wärme und Helligkeit zu geben aus der ^>eele des Dichters, der — er hat es selbst bezeugt — das Martyrium seiner letzten Lebensjahre nur um Mathildens willen ertragen hat. Samson HochfelL zum Sröachims Es sind schon zehn Jahre her. daß Sann'on Hochfeld, der Rabbiner der Berliner Jüdischen Gemeinde, im Alter von fünfzig Jahren plötzlich abbernfen wurde. Tie schweren Jahre, die furchtbaren Erlebnisie. die gesahrerfüllte Gegenwart haben sein Andenken nicht ausgelöscht, und es ist die Absicht dicker Zeilen, daß viele, die durch ihn dem Guten nähergebracht worden sind, sich seiner dankbar erinnern mögen. Hochfeld war ein bedeutender, ein besonderer Mensch, und viele Eigenschasten von hohen! Wert heben sich selbst bei einer kurzen Würdigung seiner Persönlichkeil heraus. Gr besaß den'entschiedenen Willen zur Religiosität, er erarbeitete sich ein hohes musikalisches Verständnis und meisterhaftes Können, er war der geborene Pädagoge und er entwickelte in Wesen und Erscheinung Grobheit und Vewußckein. so daß der Wille zur Nachahmung und Gesolgschast aus andere überging. Dielen wird er als bckouders würdevoller Gedrückt) und der Unterwürfigkeit gegenüber' den Laien ein Ende gemacht hat. Hochfeld war ein Asten'ch, der seinen Wert erkennen durfte, der seinen Weg unbeeinflußt und unbeirrt ging. Er hat den Wert der Erziehung innerhalb der religiickcn Praxis weit über das gesprochene Wort gestellt und hat schon in jungen Jahren in seinen! ersten An!te in Frankstirt a. d. Tder einen Band Jugendpredigten veröffentlicht, die bis zum heutige:! Tage keine ebenbürtige Nachfolge gefunden haben. Er hat ferner als Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in ek-euso lebendigen wie gemeißelten Vorträgen das uuterrichtliche Fach vertreten, und es ist ewig schade, daß seine Arbeiten hierüber noch immer im Manuskript schlummern und nicht der Oesfentlichkeit nutzbar gemacht werden können. Seine Seelengröße hat sich besonders in der Krankheit und dem Leiden gezeigt, denn bewußt des drohenden Endes, hat er bis zum letzten Augenblick gearbeitet und des Daseins kostbares Geschenk genutzt. Tie Erinnerung an ihn, der jetzt 60 Jahre geworden wäre, gibt dein Schmerz über seinen Hintritt erneut Ausdruck, und die deutsche Judenheit und die Gemeinden, in denen er segensvoll gewirkt hat, erinnern sich mit seiner Familie dieses ganz vortrefflichen und stets unverzagten Mannes, der sich in straffer Zucht erhielt, aber allen anderen in Liebenswürdigkeit und Freundschaft uähertrat. Samson Hoch'eld bleibt uns erhalten als ein abgeklärter, seelenstarker und wohlwollender Men'ch. Er war ein Charakter! Du Martin Salomonski. Zum 700. Geburtstag von Solomon Iaöassohn Am 13. August stierte die rnusikall'che Wett die haindertste Wiederkehr des Geburtstages des bedeutenden Mufitcheorctikers ^alomon I a d 2 s - sohn. 1531 zu Breslau geboren, wird er 184-8 Schüler des Leipziger Konservatoriums. 3d}on jn den Jahren 1R19 bis 1831 finben wir ihn bei Asti in Weimar, bei dem er seine hoben pianisti'chen Fähigkeiten zur Vollendung führen konnte. Bon da ab studierte er in Leipzig und beendete seine Ausbildung in den theoretischen Fächern und vor allem in der Kompositwns- und Jnstrumentatiousckhre bei Moritz Hauptmann. Don nun an blieb er in Leipzig, wo er zunächst als Lehrer und Dirigent verschiedener Musikgestll''chaften. so des Gesangvereins „Jsallerionck tätig war. bis er 1871 an das Leipziger Konstrvatorimn berufen wurde, wo er neben 6. F. Richter als Lehrer der theoretischen Fächer wirkte. Sein Ruhm verbreitete sich rasch, die königliche Akademie in Florenz berief ihn alsbald zu ihrem korrespondierenden Mitglied. 1887 verlieh chm die Leipziger Universität den Titel eines Tr. Phil. h. c. Tie größte Ehrung wurde ihm 1833 mit der Ernennung zum königlichen Professor zuteil. Dis zu seinem Tode im Jahre 1902 war Jadcsfohn vor allein durch seine theoretischen Werke von entscheidendem Einfluß auf das munkali'che Schaden seiner Zeit, ä'lls Vertreter eines Mcndelsohn'chen klassizistischen >-ckils steht er dem musikalischen Schachen unserer Zeit zwar durch die Verwendung romanti'cher Klangmittel fern, woraus sich auch erklärt, daß, abgesehen von einer Feierstunde im Leipziger Rundfunk, seine mehr als 12.7 Werke heute keine Ausiührung finden. Aber durch stine Rückverbundenheit zu dem <Mile Joh. Seb. Bachs, die ihn stets neben seinen großen Zeitgenosicn Wagner und Brahms stehen ließ, ist er richtungweisend für eine neue Entwicklung gewesen. Jadassvhn hat sich aus dieser Einstellung heraus auch bebemüht, a\v die st'Nagvgale Musik Einfluß zu nehmen — aus diesem Grunde hat er mit dein Mannheimer Rabbiner Tr. Pracger in Verbindung gestanden —. weil ihm der dort herrschende, von Lewandowsti und christlichen Komponisten bestimmte Wil mit jüdi'chem Wesen und seinen natürlichen Ausdruckssormen nicht übereinzustimmen schien. Ihn: schwebte die Meinung vor, der Liszt in seinem Buche „Tie Zigeuner imb ihre Musik in Ungarn" Ausdruck verlieh, nachdcnr er in Wien den „KantoremKönich nutzer gehört hatte: „Wir haben ein - cinzraesmal Gelegenheit gehabt, eine Ahnung von S '-/V,0 Potsdam 2voi I h*r v'Jft*^ tu,&Keine Eretk'änkesicuek'