Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1931-08-14 · 33 (14.8.1931) · p. Seite 404

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
33 (14.8.1931)
Date
1931-08-14
Page
Seite 404 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2277379-2277886-2277919--06901-2287757
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

404 scheu, die in täglich steigendem Maße die Wohlfahrtsunterstütznng in Anspruch ^nehmen muffen, gehen mir verloren. Sie müncn den Wohlsahrtsarzt aussuchen, jedenfalls überall bis aus die Vororte, und ein selch hauptanulich angestellter Wohlfahrtsarzt hat einen riesigen Stadtbezirk zu betreuen. Tie Arbeitslosigkeit kostet uns also unsere Patienten, trotzdem sie weiter Anspruch auf Krankenhilse haben, den sie aber nicht bei uns anmeldcn dürfen." „Haben Sie als jüdischer Arzt besondere wirtschaftliche Schwierigkeiten?" „Das Vertrauensverhältnis zwischen mir und meinen Patienten hat die nationalsozialistische Hetze noch nichi zerstören können. _ Von anderen Kollegen höre ich allerdings des öfteren von Dohlottsällen, die sehr bedenklich sind." * Eine Viertelstunde später laffe ich mich vom Bürovorsteher einem Anwalt in einer großen Turcb-aangsjtraße melden. Ter Ausweis der „C. V.-Zeitrmg" öffnet mir bte Türen und Herzen gleich einem „^esam, offne dich." An dieser Staue der Sachlichkeit darf ich sogleich in Medias res gehen. „In welchem Umsang beeinflußt die allgemeine Krise Ihre Privatpraris?" „In hohem Maße! Nach meiner Schätzung nehmen heute m e h r als die Hälfte der Mandanten das Armenrechr in Anspruch." „Verzeihung, daß ich unterbreche . . . Armeurechlsgebührcn sind doch staatlich garantierte, sichere Einnahmen . . .?" „Gewiß, doch finb diese Gebühren im Dezember vergangenen Jahres derart gesenkt worden, daß viele Anwälte heute nicht einmal wehr ein Monatseinkommen von 200 Mark haben. Selbstredend trägt auch der starke Zustrom neuer Kräfte zum Tilenuua bei. Es gibt gewiß noch eine größere Anzahl von gesuchten und daher stark beschäftigten Kollegen, deren Namen in aller Munde sind und die tatsächlich erhebliche Einkommen haben. Ter großen Muffe der Anwälte geht es sehr schlecht. Eine große Anzahl Berufskollegen sind dem 'jüdischen Wohlfahrtsamt nicht fremd." * Tann geht » noch hinaus zu den Hallen der Funkausstellung, um einen jüdischen Reklamekünstler Zn hören. Hoch oben unter der Kuppel des Riesenraumes treffe ich ihn au, wie er mit sichM ren Strichen den Farbpinsel führt. „Hat das vermehrte Neklamebedürfnis der Industrie Vorteile für Sie?" „Nein, diese Vorteile sind heute ganz illusorisch. Wir müssen Ew.würse über Entwürfe einreichen, an denen viel Mühe und Schweiß klebt, ohne in den meisten Fällen auch nur mit der Annahme und Bezahlung rechnen zu können. Jeder spart heute in erster Linie an der Reklame. Auch sonst gibt es Schwierigkeiten genug. Ich habe kürzlich einem großen Werk eine Zeichnung geliefert, die als brauchbar befunden wurde. Ter betreffende Abteilungsleiter bat mich, nuv ja nicht mit «reinem jüdischen Namen zu signieren, da das an leitender Stelle unangenehm aufsallcn könnte." A der Urrlslofi LLZ'AWMgm AlMmterZ Beim Goldschmied, der gerade sorgsam an seinen: Schmelztieael beschäftigt ist. „Haben die einschneidenden Vestimmungen der Negierung Ihr Gewerbe noch über die Nöte der Zeit hinaus belastet?" „Aber in höchstem Maße. In den ersten Krisentagen war überhaupt kein Gold, also das Krisenlagen war überhaupt kein Gold, also das pauptmaterml un;ercr Ardert, zu bekoiumen. Wir waren vollkommen lahmgelegt. In den nächsten Tagen gab es Gold nur granunweise, obwohl wir^gerade in dieser Zeit bätttn mehr Geschäfte tärigen können. Tas Publikum verlangte von nur z. B. 60 Gramm schwere Eoldketten, um sich in Sachwerte zu flüchten. Ich habe alle Geschäfte, die mich mit den Gestmeu in Konilitt bringen konnten, von vornherein abgelehnt." „Befanden sich unter den Interessenten für Sachwerte viel Juden?" „Im Gegenteil, fast gar nicht! Niemals ist mir die Verarmung des jüdischen Wittelstandcs mehr zum Bewusstsein gekommen als in diesen Tagen. Erscheinen tatsächlich keine Barmittel vorhanden gewesen zu sein, mit denen man sich „in die Sachwerte stückllen" konnte. Außerdem ruiniert die Unmöglichkeit der Eheschließung in allen Kreisen, besonders aber in meinem jüdischen Kundenkreis unser Hauptgeschäft von einst, die Herstellung von Trauringen und Geschenken." * Im Errort- und Galanteriewarenviertel suche ich anschließend einen jüdischen Bauglasermeister auf. „Wie stehen die Tinge bei Ihnen?" „Insbesondere ist es die K r e d i t n o t, die NN? zu schaffen macht. Außerdem kommt noch hinzu, daß im Urteil des nichljüdischen Auftraggebers ein jüdischer Handwerksmeister in dem Verdacht steht, nicht genügend vorgebildet zu sein. Nur allererstllassige Ausführung kann uns die Kundschaft erhalten." „Bestehen keine jüdischen Kredichilfe- Jnstitutionen?" „Es besteht die jüdische Tarlehuskasse. Wenn jedoch diese Einrichtung schon aus ihren beschränkten Mitteln helfen möchte, so stehen dem Krcditsuchcndcn infolge Substanzverlustcs keine ausreichenden Sicherheiten und keine zahlungsfähigen Bürgen mehr zur Vcrsüguug." „Wie steht es mit den jüdischen Gesellen?" „Es gibt genügend davon, jedoch können angesichts der traurigen Lage weniger denn je uutcrgebracht werden." Nm Envmch mit Äfflfän imö Meitem In einem Klub, in den: allwöchentlich jüdische Berufstätige zu sozial-geselligem Beisammensein sich vereinigen, ist es sehr leicht, das arbeitende jüdische Berlin, soweit es sich nm Angestellte um! Beamte handelt, von nächster Nahe aus, lebenswahr kennenzulerucn. Gut bezahlte Sekretärinnen, einigerinaßen entlohnte Schreibmaschinistinnen, Jndustriebeamte, Buchhalter, technische Hilfsarbeiter mit einem notdürftigen Au-kommen. Ta neben, wie mir der Borsitzen.de mitteilt, eine größere Anzahl arbeitswilliger, aber arbeitsloser Menschen. .von denen so mancher seit vielen Monaten ohne Stellung ist. Ter Weg führt mich über den lärmenden und tosenden Niesenplatz der Innenstadt, einem großen Warenhaus entgegen. Lärm umfängt den Eintretenden in: Lichthos, es wird nach Kräften aus den Ausstelltischen „gewühlt", und das Arbeitstempo scheint von: Saisonausverkauf scharf diktiert zu werden. Ta muß mau schon vorsichtig sein, um einige Worte mit dem jüdischen Verkäufer wechseln zu können. „Darf ich erfahren, wie alt Sie sind und was Sie verdienen?" „Ich bin 28 Jahre alt, aus der Arbeitslosennot hier herein als Aushiljsverkäuser gekommen. Zwei Brüder sind arbeitslos." ,Lüas verdienen Sie?" „Ich erhalte 5.20 Mark den Tag. Sonn- und Feiertage lverden nicht bezahlt. Tann gehen die Abzüge ab." * Ta ziehe ich mir doch den Arbeitsplatz des jungen Bauschlossers vor, den ich auf einen: Träger in schwindelnder Höhe interviewen muß, nachdem der 'Meister die Erlaubnis erteilt hat. Blau ist beim Nullen eines Stahlträgers. „Sw sind gelernter Schlosser?" „Jawohl. Ich bin heute 19 Jahre und seit einem Jahr Geselle. Hier bei uns gibt es wohl Nazizellen unter den Lehrlingen: die vernünftige Kottegcnschaft bcurteitt mich jedoch wie jeden anderen jüdischen Kollegen nur nach der Leistung. Und die muß crstklasjig sein." „Wie sind die Aussichten!" „Nach meiner Meinung bekommt ein wirtlich guter Banschlosser bestimmt eher Arbeit als eine geistige Leuchte, die in fünf Sprachen korrespondieren kann." „Wolle:: Sie mir etwas über Ihre Familienverhältuiffe erzählen?" „Mein Vater ist Kaufmann. Eine Schwester ist Verkäuferin in einem großen Warenhaus: eine zweite Schwester bereitesich aus den Beruf der Tekorateuriu vor. Hoffentlich bekommt sic dann Stellung." * In einer Wirtschaft acradeüber treffe ich einen lang aufgeschossenen Monteur, der in einem säurezersresftneu Kittel an der Tecke „Slrippeu" zieht. „Wie ist die Wirtschaftslage?" „Im Sommer war ich schon zweimal vier Monate arbeitslos. Wir verdienen auch jetzt wenig, dem: das Gehalt ist klein und die Trinkgelder' sind spärlich. Wir haben uns mit einem 3)^prozeutigen Lohnabbau einverstanden erklären muffen, um diesen Sommer dnrchgehalten zu werden." * Noch am Abend besteht für mich Gelegenheit, als letzten jüdischen Arbeiter einen Zeitungsverkäufer zu befragen. In einer großen Politnchen Versammlung in den Tagen des Volksentscheid-Kampfes. Stimmengewirr und dicker Qualm lagern über dem Saal, die Rufe der Zeitnugsverkäuser gellen daraus hervor. Mir bietet ei:: intelligent aussehender junger Mann eine Kampffchrist an, und während das Neserat beginnt, ziehen wir uns in den Lorraum zurück. „Waren Sie immer Zeitungsverkäufcr?" „Nein, ich stamme aus einer proletarisierten Kaufmanusfamilie. Als wir unser Geschäft ausgcben mußten, war ich nacheinander als Erdarbeiter, als Hausdiener und Träger in einen: Krankenhaus tätig und jetzt bin ich Zcitungsverkärrscr. Ich habe zahlreiche jüdische Kollegen in diesem Beruf," „Was verdienen Sie und wie sind Ihre Familieuverhaltuiffe?" „Ich habe, nachdem die Tätigkeit in: Krankenhaus zu Ende war, süp zwei Wochen 17 Mark Unterstützung erhalten. Ich wohne in einer Stube bei meiner: Ettern, wir sind in zwei Zimmern fünf Personen und ein Kind. Ter Zeituugshaudel kann mich nur vor dem Aergsten bewahren, wenn politische Entscheidungen das Geschäft beleben; denn feste Stellungen gibt es in diesem Beruf so gut wie gar nicht mehr." K. 8t. In einer zweiten Reportage werden wir uns demnächst mit dem sozialen Elend der durch die Wirtschaftsnot ausgebooteten Berliner Juden beschäftigen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.