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Central-Verein-Zeitung · 1931-08-14 · 33 (14.8.1931) · p. Seite 403

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
33 (14.8.1931)
Date
1931-08-14
Page
Seite 403 (sequence 3)
Language
German
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vV'O/ Wvv £? f'-J . * A?r;.; y v / s/ p C-'V v *-*> ' . / * 1 . ./‘-j1 i / -; / ■ /V In den nationalsozialistischen Zeitungen und Versammlungen kehrt auch in der allerletzten Zeit die Anklage immer wieder, daZ ganze deutsche Volk habe unter der Wirtschastsnot entsetzlich gelitten — nur die Juden nicht. Eine Reportage, die wir nachstehend verössentlichen, soll lebendige Eindrücke von einer Kreuz- und Querfahrt durch das arbeitende jüdische Berlin wiedergeben und notwendiger Anschauungsunterricht für Freund und Gegner sein. Tie Schriftleitung. lnöuslnells mH kül-fmünnlfHr -§Ltr!ck'S Im Fabr'ckgelände des Nordostens suche ich einen h?etaHindu§tr!eIIen auf, einen der wenigen, die ihr Werk noch erhalten konnten. Tie rasenden Transmissionen, die rotierenden Scheiben, erzeugen zunächst den Eindruck höchster Beschönigung, bis ich durch die bereitwilligst erteilten Informationen des Fabrikanten einen Blick hinter die Kulissen tun darf. „Herr M., mir erscheint zunächst die Frage wichtig, wie die Einstellung der Großindustrie bei Ordererteilung an jüdische Fabrikanten ist?" „Tie Einstellung der Großindustrie verursacht eine Benachteiligung jüdischer Industrieller wohl weniger, da die Orders ja von den angestellten Einkäufern vergeben werden. Allerdings machen diese Herren, die zum großen Teil aus dem Offizierssiand kommen, immer noch in dieser Richtung bedauerliche Unterschiede und ziehen es teilweise vor. bei nichtjüdischen Häusern zu bestellen." „Haben Sie die Krise vorausgesehen?" „Nein, die Krise kam für die Industrie ganz ' überraschend. Tie Kundensirmen hatten es sich angewöhnt, Sechsmonatsakzepte zu geben, die infolgedessen zum allergrößten Teil zu Protest gingen, als die Wirren einsetzten. Anderseits aber drängen große Jndustrie-Rohstossirmeu heute unter Anrechnung von sage und schreibe 18 Prozent Verzugszinsen auf pünktliche Regulierung, to daß tatsächlich die Führung eines Betriebes nicht zu den Göttergeschenken dieser Welt gehört." Ich kann dann noch einen Blick in die Arbeitssäle Inn und darf mit Genugtuung feststetten, das; eine ganze Anzahl jüdischer Gesellen und Lehrlinge an der Drehbank und an den Stanzmaschnrerr ihr Brot verdient. Weiter treibt rnich der Strom der Riesenstadt bis in die große Ausfallstraße, die ein rein proletarisches Viertel mit dem Arbeiter- Vorort Lichtenberg verbindet. In dem einzigen Schaufenster seinekleinen Ladens ist ein jüdischer Einzelhändler mit dein Lack sch reiben kleiner Preisschildchen beschäftigt. Es kostet keinerlei Mühe, den cssenbar sehr bedrückten Manu zum Reden zu veranlassen. „Glauben Sie bitte nicht kritiklos, was die Zeitungen über den großen Erfolg der Ansverkäuse berichten. Ich bin hier auf eine persönliche Bekanntschaft mit der Kundschaft angewrejen, die, wenn sie überhaupt noch als Käufer hereinkommt, auch zu 80 Prozent arbeitslos ist. Karn so ein Kunde früher alle 4 dis 6 ^Wochen, so dauert es heute ein halbes Jahr, bis nu.au etwas awchafst. Früher'wurden 50 Mark angelegt, heute im Höchstfall 10 Mark für ein ^tuek. Wo soll das hin?" „Trägt die hohe Ladenmiete zu Ihren Schwierigkeiten bei?" „In meinem Falle weniger, bitte sehen Sie. . Tie Tür zur Wohnstube wird mir geöffnet, und ich kann mich davon überzeugen, das; hier Ettern und zwei Kinder in einer Stube und Küche wohnen. Ein kleiner Junge sieht bewnders angegriffen aus. Aus meinen fragenden Blick erfahre ich, daß zwar der Arzt dringend empwhlen habe, den Jungen allein schlafen zu lasten: es ist den Leuten unter den obwaltenden Berhältninen aber nicht möglich, den kleinen Laden mit einem anderen zu vertauschen, um vielleicht einen Raum mehr zu haben. Heute schon geht da- Gespenst des Schließenmüssens um, trotzdem jeder H a u d g r i j f i m Lade n allein getan wir d. * Don den Röten des jüdischen Textiikaufmannes überzeuge ich mich daun bei einer großen Konsektionsfirma am Hausvogteiplatz. Reihenweise hängen 'die Kleider und Mäntel an den Standern, ohne ihrer Bestimmung zngeführr werden zu können. „Bringt der Export einen gewissen Ausgleich für das Versagen des Jnlandgeschästes?" „Nein, keineswegs. Tie Firmen, die heute noch nennenswerte Posten nach dem Ausland verkaufen, sind mit der Lupe zu suchen. Tie Lage des Engros-Konfektionsgeschüstes ist als geradezu katastrophal zu bezeichnen. Jede Woche bringt einen neuen Freitod; vorige Woche waren cs sogar zwei Inhaber großer und geachteter Hauser, die ihrem Leben ein Ziel setzten. Davon schreibt die Hitler-Presse leider nichts, wenn sie von Zusammenbrüchen landwirtschaftlicher Unternehmen berichtet oder die Selbstmorde arbeitslo'er Menschen judenhetzerisch ausschlachtet. In einer Zeit, in der der letzte Pfennig für Lebensmittel hergegeben werden muß, wird eben in erster Linie an der Kleidung gespart." Und nun hinein in das kleine Gase, den Treffpunkt der Agenten. Sie alle, die bei einer bescheidenen Taue Kaffee meist unfreiwillig Pause machen, könnte man fragen: „Lohnt es sich überhaupt noch zu verkaufen?" Nein, es weiß kein Mensch mehr, von wem er auch tatsächlich die beorderte Ware bezahlt erhalten wird. Tie großen Werke machen sich überdies um die Provisionsaus Zahlung keine Sorgen, der Vertreter ist weitab vom Schuß. Das Proletariat des nrchtjüdischcn Landarbeiters findet sein wahres und krasses Ebenbild in dem des jüdnchcn Agenten. Nur mit dem Unterschied, daß der jüdische Proletarier nicht stempeln gehen kann, da die weitaus größte Anzahl keine festen Gehälter, sondern nur problematische Provisionen bezieht, die außerdem nicht gezahlt werden, wenn der Kn in de falliert. Wenn dies:- jüdische Proletarierteb.'n doch einmal von juden.gegnerischer Seite objektiv gewürdigt werden möchte! Lll toi ftelln QrMi; Mein W:g w:hr: mich in einer kleinbürgerlichen Straße des Berliner Südens bei einem Apotheker vorbei. Ties mal nicht als Patient, sondern als Konsulent. Iah werde freundlich empfangen und durch ein Gewirr von Retorten, Phiolen und dickbauchigen Flaschen ins Kontor geleitet: „Inwiefern, Herr Doktor, leiden Sie besonders unter der heutigen Wirtschaftskrise?" „Das kann leicht mit Zahlen erklärt werden. Seit der Einstshrang der 5K-Pseunig-Re;eptgebühr ist der KaWnum'atz um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen, der Brivakmnsatz um mindestens 50 Prozent. 'Obwohl die Kasten heute bereits hone Rabatte erhalten, ist ein weiterer Abbau dos Srezialitätenzuschlagein Aussicht genommen. Unter dem Judenhaß haben weniger die Apotheker als die Angcstelltcn zu leiden. Die gegnerische Einstellung der Apothcker führ: dazu, daß in der pharmazeutischen Zeitung verwiegend christliche Angestellte gesucht werden. Diese Maßnahme versuchen die Apotheker mit dem Druck zu entschuldigen, der von den antistuniti'chen Aerzten (besonders ans dem Landeausginge. Ich «ruß anerkennen, daß die Arbeit des E. D. hier und da Wandel zum Besseren geschaffen hat. In der grage der Konzen ionsertei Einig läßt die Regierung Gerechtigkeit walten." Tankend verabschiede ich mich, um sogleich einen Zahnarzt an einem belebten Platz der Eny zu interviewen. Nach freundlicher Auswrderung, meine Wißbegier zu befriedigen und mich einmal unter den zahlreichen Instrumenten furchtlos zu bewegen, gehen wir auf die allgemeine Lage ein. „Ein großer Teil der Sozialverncherten vernachlässigt seine Zähne, um die Arztscheinkosten zu sparen." ^„Schasst Ihnen die Privatpraxis einen gewipen Ausgleich?" „Im Gegenteil, die Zahlungsunfähigkeit des Privatpubliknms ist eklatant. In diesem Falle erwachsen uns noch bewuchere Schwierigkeiten dadurch, daß wir wertvolle- Material, wie Gold usw. auslegen mimen, ohne den Gegenwert dafür hercinbekommen zu können. Außerdem haben wir unter den manatelangen Tisserenzen mit den kaufmännischen Ersatzkosten, selbstverständlich jüdische wie nichtjüdische - Kollegen, schwer gelitten." In unser Gespräch hinein sthrillt das.Läuten eines schmerzgeolagtcn Bat reuten und wie gern gibt man sich in diesem Falle die Klinke in die Hand. * Ein anderes Bild. An der Tür einer Mielkastwne Neuköllnzieht das Schild eines jüdischen .Arztes mit dem charakwristischeu kleinen Schildchen „T" und „Breie Arztwahl" meine Angen ans sich. Ich suche den Herrn am' und werde vorgelassen; ein älterer Arbeiter verabschiedet sich gerade mit den Worten-. „Alse schönen Tank, Herr Doktor, ich kam heute nun letztenmal. Sie wissen ja, die Krise ist nun auch alle ..." „Was meinte der Patient damit, Herr Doktor?" „Sehen Sie, das ist heute schon der dritte Patient, der a u s a e st e wert ist und nunmehr der Wohlfahrt überwiesen ist. Alle diese Allen-

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