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Central-Verein-Zeitung · 1931-08-07 · 32 (7.8.1931) · p. Seite 394

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
32 (7.8.1931)
Date
1931-08-07
Page
Seite 394 (sequence 2)
Language
German
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m 0 Vr- V W, VSlM /,V§itzR ÄT. Anwachsen juhenftinülichsr Skromungsn // Die vielerörterte Frage des jüdischen Einflusses im politischen Leben der Sowjetrepubliken ist auch in dem vor kurzem erschienenen Buch von Theodor Seibert, ..Das rote Rußland" (Verlag Knorr u. Hirth G. m. b. H., München 1931), behandelt. Unter der UeherschrisL „Antisemitismus" (S. 44) untersucht Seibert die Wandlungen in der Stimmung der breiten Massen den Juden gegenüber und den Einfluß jüdischer Politiker im neuen Rußland. Er zeigt, daß Ausklärung und Gemeinschaftsbildung bisher noch nicht das Gift des Antisemitismus, das die Machthaber des alten Systems dem Volkskörper beibrachten, restlos zu beseitigen vermochten. Er zeigt vor allem, daß es ein Märchen ist, wenn heute noch immer, von einer jüdischen Allein- oder Vorherrschaft im Sowjetstaat geredet wird. Theodor Seibert als langjähriger Korrespondent der rechtsgerichteten „Münchner Neuesten Nachrichten" steht gewiß nicht im Verdacht, die Vorgänge in Rußland aus übertriebener Sympathie für die Juden geschildert zu haben. Seine Ausführungen verdienen daher besondere Beachtung, wenn wir uns auch in allen Punkten nicht mit dem Gesamrinhalt seines Buches identifizieren können. ' Als um 1925-26 auch J>k Sinowjew- Kamenew-Gruppe in die oppositionelle Kampffront eintrat und das Bild des nach der Alleinherrschaft strebenden Stalin sich schärfer abzeichnete, nahm die Personal- Politik des Kreml einen geradezu antisemitischen Charakter an. Ich durchschaue heute noch nicht rocht, was Ilr'ache, was Wirkung war — jedenfalls tauchten mit der Zeit fast alle führenden jüdischen ^Bolschewik! in den Reihen, der Opposition aus nni) verschwanden dementsprechend aus den Personallisten der Partei- und Staatsleitung. Ich bin in jenen Jahren viel in der russischen Provinz gereist und habe dort aus dem Munde braver, aber etwas undiplomatischer Provinz- Bolschewiki direkte Beweise für die systematische Ausschaltung der jüdischen Parteileute erhallen. Stalin hat in den Kampsjahren gegen Trotzki nach meiner Ueberzeugung bewußt das Anwachsen antisemitischer Strömungen in der Partei selbst geduldet. Tiefe Haltung derTiktatur hat natürlich, trotzdem man den Antisemitismus mit den Lippen weiterhin verdammte, ihre Wirkung auf die breiten Mayen nicht verfehlt. Dos äußerte sich im Alltagsleben darin, daß man auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in den Betrieben das Wort „Schid" wieder täglich hören konnte, ohne daß Polizei und andere Amtsorgane gleich dagegen eingeschritten wären wie bisher. Darüber hinaus aber ist es„ besonders 1928 und 1929, in allen Teilen des Reichs zu antisemitischen Roher tsakten gekommen, die manchmal fast den Charakter von Pogromen annahmen. Ein kleiner Teil dieser Fälle wurde an die große Glocke gehängt, und dabei stellte sich bezeichnenderweise säst immer heraus, daß die-Delikte in Amvesenheit und unter stiller oder lauter Billigung nicht nur der Arbeiterschaft, sondern auch der Partei-, Gewerkschaits- und Betriebsorganisation verübt worden Sind; das bestätigte die Breite der autisemitichen Einstellung der Sowjetbevölkerung, die man ja aus dem täglichen Leben bereits sattsam kannte. In einer Reihe von Prozenen wurde auch fesrgestellt, daß sich Parteileute selbst, insbesondere Jungkommunisten, an der Beschimpfung und Mißhandlung jüdischer Proletarier beteiligt haben. Ich verzichte auf die Schilderung einzelner antisemitischer Erzefse, die oft auch zu abscheulich'sind, als daß sie dem Papier anvcrtraut werden könnten, möchte aber ^einige vielsagende Zahlen geben: Auf den Schächten des Grubeirbezirks Bokowo-Ehrustalski sind in der Zeit zwischen 15. Februar 1920 und dem 20. November 1928 2987 Juden eingestellt worden, von denen sich nicht e i n e i n z i g e r auf den Schächten halten, konnte, obwohl unter ihnen erfahrene Bergleute traten. „Weshalb die jüdischen Arbeiter die Schächte verlassen," sagt die „Moskauer Arbeiter-Zeitung", der diese Taten entnommen sind, „versteht mau aus fob gendem Vorgang: In diesem Sommer kamen im Lugansker Kreis 23 Juden aus dem Gouvernement Witebsk an. Hungrig, abgerissen, Arbeit suchend, streiften sie lange in den Schächten umher. Ueberall empfing man sie mit Spott: „Ro, wohin denn mit euch, Abrahamchensk Schachtarbert wollt ihr machen? Wollt ihr nicht lieber in der Stadt ein Handelchen betreiben?" Schließlich wurden sie doch angenommen. Ater die Spötterei hörte nicht aus. Tie Vorarbeiter hetzten sie herum, gaben ihnen keine Arbeitskleidung und keine Ausweise für den Konsumverein. In den Dohnkaserncn gestaltete sich das Leben für die jüdischen Arbeiter unerträglich. Die anderen Arbiter sammelten Läuse und Wanzen und steckten sie in die Matratzen, beleidigten die Zngewanderten, wo immer sie konnten, und benutzten jede Kleinigkeit, um Händel anzufangen. Trotz aller Bitten fanden die Juden nirgends Beschützer. Tie Partei-, die Gewerkschasts- und die Jungkommunisten-Organisationen — alle schwiegen. Bis zum Herbst erduldeten die jüdischen Arbeiter alles. Tann ertrugen sie den ungleichen Kampf nicht mehr und legten die Arbeit nieder." Ter heimliche Kampf der Partei gegen die jüdischen Ger.osien hat mit der Niederschlagung der Trotz ki-Opposiu.ou feinen Ztveck verloren. Man spürt ihn heute nicht mehr. Neuerdings find sogar einzelne Inden wieder in bolschewistische Machtpositionen aufgerückt. Aber konzentrierten Einfluß. „Herrschaft", üben sie weniger denn je im bolschewistischm Gemeinwesen. Von dieser Wahnvorstellung sollte sich das Ausland endlich sreimachen. R9 fv'Sef* KEß v<* wvv| Schwache Hoffnung auf akaöemischen Irkeöen - krawalle in öerlin, München, Köln usw. nur - Sind öle Sluöentenein Anfang gewesen! Tie Deutsche Studentenschaft ist nach dem Kriege als großdeutz'che Vereinigung der örtlichen Studentenschaften des Teutich-m Reiches, Oesterreichs, Danzigs und des Sudetenlandes gegründet worden. In Oesterreich haben sich von jeher die örtlichen StuVmtemchasten aus den arischen Standpunkt gestellt. Ties war einer der Gründe, die zur Aenderuna des preußischen Studentenrechts durch die sogenannte Becker-Verordnung gerührt haben: die Folge war der Verzicht säst 'aller preußischen Studenten aus die staatliche Anerkennung. Tie weitere Folge war, daß die einheitliche Teutsche Studentenschaft, die dank ihres großdeutschen Aufbaues ein mächtiges Zeichen deutschen Einheitswillens und ein Kulturträger erster Ordnung sein konnte, zerschlagen wurde. ^reydem: auch heute noch umfaßt die Deutsche Studentenschaft die große Mehrheit der deutschen Studenten. Ihre Tagungen haben Anspruch, mit Ernst betrachtet und gewertet zu werden. Man hat aus der Tagespreise entnommen, daß vor dern Studcntcntag Führer der Studentenschaft mit Hitler verhandelt haben: man hat geleftn, daß von nationalftzialisiischer Seite die Besetzung der drei Vorstandsäutter durch Nationalsozialisten gefordert sein. soll. Man las von einem Abkommen zwischen den Wassenringcn und den nationalsozialistischen Studentcubünden, tvonach diesen in polinsiher Hinsicht bestimmte, weitgrcifende Rechte vorbchalten worden sind. — Rach alledem kann es nicht überraschen, daß, tvie die „E. V.-Zeinmg" bereits meldete, auf dem Studementage einstimmig beschlvpen worden ist, zwei Nationalsozialisten in den Vorstand (einen zum Vorsitzer) der Teut'chen Studentenschaft zu entsenden. Das dritte Vorstandsmitglied ist Mitglied des katholischen farbentragenden Eartell-Verblmdes >E. V.) Es sind nicht nur die Nationalsozialisten, die diesem Vorgänge eine tie'e, symbolische Bedeutung für das ganze Volk zuerkennen. Ter Reichsiührer des nationalsozialistischen Studentenbundes schreibt im „Völkischen Beobachter" vom 223. August, daß seit dem 14. September 1930 die Macht Hitlers noch nie io anschaulich offenbart worden sei. Auch wir vcrketlnen keineswegs die Wichtigkeit dieser Wahl. Sie konnte diejenigen, die die Verhältnisse an den Hochschulen kennen, kaum über- 5';, raschen. Daß aber dieft Wahl einstimmig erfolgt ist, daß dies ge'chah, nachdem in den letzten Mouawn Krawalle übelster Art auf den deutschen Hochschulen ftattgefunden haben — das läßt die ernste Befürchtung auskommen: die Mai- und Juli-Vorgänge in Berlin, in München, Köln und anderwärts sind vielleicht nur ein Anfang gewesen. Aber in Berlin hat sich gezeigt: Wenn die andersgesinnte, auf Ordnung haltende Studentenschaft einheitlich für den akademichen Frieden eintritt, dann kann dieser erhalten bleiben. Hoffen wir, daß eine solche Geschlosienbeir der st u d i e r e n d e n Studenten erzielbar ist. — In dem erwähnten Aussatz im „Völkischen Beobachter" wird von der sachlichen Eignung der neuen Vorstandsmitglieder gc'prockzen. lieber die Berechtigung dieses Urteils zu schreiben, fehlt dem Verfasser die' nötige Kenntnis. Voraussetzung hier ist allerdings, daß unter der neuen Führung auch sachliche Arbeit geleistet wird, daß sich die Tätigkeit der neuen Herren nicht in der Parteipolitik, nicht in der Propaganda der eigenen Ideen, nicht in der Aufputschung der Studentenschaft, nicht nur im Kamps gegen Minister Grimme er'chöpst. Man wird mit ernster Aufmerksamkeit die weitere Entwicklung beobachten müssen. Gerichtsassessor Hans Lennhoff. E. J. Köln, 3. August 1931. Wie sehr die öffentliche Sicherheit durch das Rowdytum der Nationalsozialisten in den Universitätsstädten gefährdet ist, zeigt ein neuerlicher Borfall, der sich am hcllichtcn Tage in der Nähe des Partcihauscö der NSDAP, in Köln abgespielt hat. Etwa 20 Nationalsozialisten sieten ohne irgendwelche Veranlassung über drei jüdische Studenten her, von denen einer erheblich verletzt wurde. Die Polizei wird sich mit fccm Uebersall noch zu befassen haben.

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