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Central-Verein-Zeitung · 1931-07-24 · 30 (24.7.1931) · p. Seite 378

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
30 (24.7.1931)
Date
1931-07-24
Page
Seite 378 (sequence 2)
Language
German
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37$ N a t i on a l ae f ü hr. SHfc ungcsähr tn5, was die jiiQCüMidfcn Herder und Goethe als c m c r g i e r en d e s, d. h. hervorbrechendes T e li 11 d) t u ni bercichncten. Dein Vaterland und dem Gemciuarcsin Zu Helsen, cs Zur Höhe zu führen, isr die Zielsetzung jener geistig und sittlich strebsamen Jünglinge. Das gibt zu denken-, und vor allein zu fragen, srornir“ jene nicht weazuleuaneude Anziehungskraft berühr. — Hier die Antwort : Tie ideologische Stoßkraft des Nationalsozialismus beruht daraus, daß er sich an der großen Auseinandersetzung mit dem beut} ch e n Formproble:n verantwortlich beteiligt. Was haben wir unter diesem deutschen Formproblem zu verstchcn, das wohlbcmerkt den deutschen Gei st und die g e s a m t e deutsche Nation angeh:? Tie G c fl attwerdrrng nicht n;w des einzelnen Menschen, sondern eines ganzen Volkes und Staates, nennen wir Form. Es ist nun eine schicksalsschwere und jeder höheren dem sichen Einsichtssichigkeir bewußte Tatsache, daß Volk und Staat der Deutschen im Gegensatz Zu anderen Nationen noch nicht ihre Form gesunden haben. Zwiefach ist die Ursache. Sie ist zunächst durch die -Zeit Ich i t u n g und Zerrissenheit der nationale w E n t w i ct! u n g verschuldet. Sodann durch die eigentümliche Verfassung des deutschen Geistes, der im Begrisfe. Form zu werden, weis wieder in Freiheit a u s b r i ch„Nordische Schönheit", sagt WklfsNn, „n: nicht eine Schönheit des Jn-sich-Geschlc".enen n.nd Begrenzten, sondern des Grenzenlosen nnd Unendlichen." Der bedeutsamste Versuch, zu einer deutschen Form zu gelangen, geschah unter A n! e h n u n g an die Antike. Es ist der K l a s s i z i s - m u s, der zugleich H u n: a n i s m u s sein will. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut — dies ist seine sittliche Forderung. Das Bildungsziel der deutschen Klwsik ist der har m o n i s ch e M c n s ch. K 1'c i \ i f, definiert Fritz Strich, ist Vollendung, dagegen ist der Kontrast zu der Klassik, die Nomantik, Unendlichkeit. Ta aber das Unendliche sich in keinen festen Umriß bannen läßt, kann cs denn überhaupt eine deutsche Form., insbesondere Staatssorm ans romantischer Grundlage geben? Gewiß, wenn man, wie die Romantik, die U n f o r m als Form festlegt. Da aber die Vollendung. Einordnung und Sclbstrcschränkung verlangt, das Grundgesetz des deutschen Geistes jedoch oisf Freiheit beruht, kann^ cs denn überhaupt eine deutsche Form und staatssorm aus klassischer Grundlage geben? Gewiß, wenn man unter Freiheit nicht Ziellose romantische Freiheit, sondern innere Freiheit versteht. I n n e r e F r e i h e i t i st H a r m o n i c. Nienumd har das Disharmonische, das Unfertige und Unvollkommene des deutschen Wesens bitterer empfunden als der eigentlich politische Scher des deutschen Humanismus: Holderk i n. In seiner Lctcnsbeichte „H y p e r i 0 u" stoßen wir ans die entsetzlichen Worte: „So kam ich unter die Deutschen . . . Barbaren von alters her, durch Fleiß m:t> Wissenschaft und selbst durch Religion be.rbarischer geworden, tief* unfähig jedes göttlichen Gefühls ..." — Es b!:eb außerdem die Möglichkeit offen, ans jener deutschen Unzulänglichkeit eine T u g e n d *11 machen, oder — p ' y ch 0 a u a l y t i s ch gesprochen — das Unzulänglichkeitsgenchl ins Gegenteil zu verkehren und zum Angelpunkt des nationalen S r! b st b c w u ß t s e i n s zu machen. Diesen Weg ist die Romantik gerangen. Wie die Klassik in der Antike, so sah" die Romantik in dem deutschen Mittelalter das wicdtrzt7erwcckcv.de Verbild. Ties war ein Selbstbetrug. Denn das heute so ullkrittsch verherrlichte Mittelalter ruhte keineswegs ans einheitlichem, sondern aus zwiespältigem Grunde. Ties hat Konrad Burdach in seiner Schrift „Deutsche Renaissance", die den nengoti sehen Rationalismus eines Richard Benz abjcnigt, klar bewiesen. Tos deutsche Mitwlelter hat eine einheitliche nrti orale Kultur nicht bejerstn. Nur dcr gebildete Adel empfand ein gewisses Ncnoualgcsühl: Bürger und Bauer spürten nichts davon. Und gerade aus die Staatspolitik des Zeitalters tritt: Hölderlins Wert zu. daß lerne zerrissenere Nation denkbar sei als die deutsche. Trug aber nicht der deutsche Merttch des Mittelalters die Züge einer großen Versoulichteii: Ter v:c!bewunderte g 0 lij ch e All c n s di, über den sich Thomas M a n n in seinen ..llnpolirischcn Betrachtungen" erheiterte, ist nichts weiter als eine Erdichtung: eine Attravpe der nationalistischen Sclbstbesriedlgv.ng; ein Hcmnnklilus dcr chauvinistischen Mythologie. Heute ist er mit der blonden Bestie, welchen Begriff man dem wehrlosen Nietzsche entwendete, eine Person a l u n i 0 n cingegangen. Nu n ist c r der Wegbereiter des dritten Reiches: der heldische U e b e r m e n s ch i n W i n d j a ck e u n d W i cf c l g a m a s ch e. Er ist der fanatische Mensch schlechthin, das Eegenbild des harmonischen. Menschen. Er ist der nationalistische Neurotiker, auf den Goethes Wort Anwendung ttndet: „Das Klassische nenne ich das Ges u n d e und das N 0 m a n t i s ch e das K rank c." Wenn man heute die Romantik als Prophetin des „starken Staates", als Duelle des modernen Nationalismus in Anspruch nimmt, so scheint uns das ans einer V e r w e ch s e l u n 9 zwischen der sehr wertvollen r 0 m n u t i f ch e n A u I - tnrp 0 litik nud der höchst verschwonnv.enen romantischen S t n a t L lehre zu beruhen. Daß jene Staatslehre wie alles Romantische letzten Eudes lt n e r 9 i e b i 9 blieb, das beweisen die wichtigsten Träger der romantischen staats idee. Adam M ü l l e r, der Staatsphilosoph der Romantik, blieb in der Opposition gegen den modernen Zeitgenossen stecken. S a v i g n y durchforschte mit höchster Genialität die rechtlichen Normen des deutschen Mittelalters, er vertagte sich aber, als cs galt, dev rechtsbedürsiigen Mitwelt durch den Ausbau des bürgerlichen Rechts zu helfen. Ficht e, der Proteus unter den deutschen Philosophen, warf über das Meer der nationalen Phraseologie seine Lichtsignale hin, die in bedenklicher Richtung nach dem Gestade des dritten Reiches wiesen. Heinrich Leo, der Univerialhistoriker der Romantik, entdeckte mit lobpreisender Gebärde wiederum das Mittelalter, ohne die Unvereinbarkeit des mittelalterlichen und des modernen Staatsbegrisfs herauszustellen. Karl Ludwig von Haller, der mit seinen staatswistsiuschattlichen Eimällen den Gcistestcdars des preußischen Königtums deckte, destillierte aus dem Mittelalter" den Glauben an den guten Landesvater und verketzerte die deutsche Versassunassehusucht als eine Eingebung des bösin Geistes. 8 t n fj 1 schließlich ordnete die <-laarswiisinschafr der Theologie unter. Erst B i s m a r ck, der große Praktiker, durchschaute die Gefahr der romantischen Staatslehre: „Die einzig gesunde Grundlage eines großen Staates ist der staatliche Egoismus und nicht die Romantik." Ten völligen Bruch mit ihr vollzog — in den Spuren seines Meisters Hegel wandelnd — sein Gegenspieler: Karl ->.>! a r }\ Das Erbe jenes Systems der Romantik hat jetzt dev R a t i 0 n a l s 0 z i a l i s m n s angetreten. Aus jenem Erbaut stamm: ebenso die politische Mystik: die Idee des dritten Reiches,' das ein anfaewärmter Ständestaat kein wild, wie anderseits die Sehnsucht nach „einem germanisch-demsichen Recht". Romantttch ist seine V e r k 0 n n u 11 9 t> c x Zeitbed ü rsni? f e. Romantisch ist sein kindlicher Glaube an den starken Mann uitd seine Verachtung des Versassungsstaates. Nomantisch ist fei ne Berlästc- $. 380 Br,Eva Relcftmarm-Iungmann: fiis&lang oaä Erss!:nis flssZiüiäteiilssssressos rung der 2? CTnur.fi zugunsten des nnverantwertlich schweifenden Gefühls: „Wir sehnen uns nach einer fleckenlosen, unwandelbaren Eercchttakeit in:d Halle'.: die Sehnsucht -für ein Wincn'von ihr, snr ein Vermögen, sie hcrzusteUcn, da es doch nur ein Glauben ist. Nur ein Glauben, sage ich: der letzte Nachttang, die dtrnkle Ermnernng eines ehernaligen Glaubens, neben den: das Höchste, was Menschen er* kanttken und behaupteten, nur ein Wißen war." Sleht diesir Stoßseufzer einer unreinen Vernunft etwa in Alfred Rose n b c r g s „Mythus des 20. Fahrhunderts"? Nein, er stamm: voll Adam B! ü l l e r, er könnte aber ebenso gut von Alfred Rosenberg sein. Romantttch ist ferner sinne Verleugnung der Grundsätze der Bismarckschcn Realpolitik, die nach außen hin eine Politik dcr pazifistischen Verständigung war. Ter wirklichkoitshungerige Bismarck hätte cs abgclehnt, seiner Staatsidee ein Hirngesrinst wie das dritte Reich — das W u :i s ch b i 1 d eines z n ch t l 0 s e n RR achttricbs — zugrunde zu legen. Vlit schneidendem Spotte hätte er Hitler in die Reihe jener S ch w a r n: g e i st e r verwiesen, denen seine Verachtung galt. Ein Amslackern dev romantischen Illusionen liegt in dem wütenden Belfern des Nationalsozialismus gegen die Lehre von Karl M a r x verborgen. Weder die Entlarvung des mittelalterlichen Feudalismus noch die Kritik der romanri'chcn Ideologie kann der Nationalsozialismus denn Marxismus verzeihen. Rontanrisch ist — lassi 00t least — sein Jude nha ß. Wie die Romantik will der Nationalsozialismus Wiederherstellung statt Erneuern n g, R r st a u r a t i 0 n statt R c - v 0! u r i 0 n. Das isr die Tragik des Nationalsozialismus. Er unterliegt einem Wiederholungs- Zwange: die nationale Knltureinheit, die das Mittelalter in trügerischer Fülle scheinbar besaß, zu der die Romantik in edler Selbsttäuschung Zurückstrebte, will er in der deutschen Gegenwart verwirklichen. Aber er vermag dem „Realitätsprinzip", d. h. den realen Anforderungen jener Gegenwart, nicht zu entsprechen, lleberlicseruna und Forderung des Tages liegen im Widerstreit. Er leidet an unverdauten geschichtlichen E r i n n e r u n g s r e sl e n. So ist er zu einer intellektuellen 3tonwechselkrankheit geworden, die die Jugend und damit die nationale Zukunft vergiftet. Halten wir Umschau! Ter humanientus ist heute tot oder, wenn man lvill, scheinlebendig. Ter roniantttche Nationalsozialisnuus ist nichts weiter als der Niederschlag dcr von Hölderlin verabscheuten deutschen Barbarei. Welcher W-a. bleibt übrig? Ihn har Mar Weber gewiesen. Eine tragische Ironie liegt darin, daß in dem gleichen Jahre IE20, in dem Eitler aufbrach, i^bex, das größte politische Genie der Deutschen seit Bismarck, ans dcr Höhe des Lebens verstarb. Weber witterte die herannahende nationalsozialistische Gefahr. Tsiit der enormen Wucht seines Geistes wandte er sich in dcr Krieaszcit gegen Max M a n r c n b r e ch e r. dcr in" Äbtvehr des demokratischen Individualistnus den Staat als I d e e. als Objektivierung des Absoluten verkündete: Auftakt zmn dritten Reich. Weber, so berichtet seine Gattin, war solche Staarsromantik verhaßt. Bevor noch Hitler mit roher Krastgeste Aktivisru n s mit Aktivität verwechselte, bevor seine tirsthige Herrenmoral sich über die pauvre Bürgerwelt erhaben dünkte, hat Max Weber seiner Bewegung das Urteil gesprochen: „Tie Deutschen sind ein Plebejervolk — oder, wenn n:au es lieber bört, ein bürgerliches Volk der Arbeit, und nur aus diesem Boden kann eine spezifisch deutsche Form entstehen, die mrercr bürgerlichen, sozialen und ökonomi'chen Struktur angemessen und daher echt und vornehm ist." — T e m 0 t r a t i c a k s d e u t s ch e Form. Aber ist sie angesichts der gegenwärtigen Krise des deutschen Bürgertums überhaupt möglich? Es gibt nur einen Ausweg: Ter deutsche Burger

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