Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 29 (17.7.1931)
- Date
- 1931-07-17
- Page
- Seite 370 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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370 N. Zn? i^aKrj! FacMnger Yersan istelle, Berlin SW 11 ßcfcöneberger Strasse Ita. Telefon: Lützow: S260,’61. Großindustrie im DussickMrat tn Danatbank die Verbundenheit zwischen „schaffendem und raffendem Kapital". Tiefe notwendige und übliche Verflechtung sollten die Gasienhetzer endlich einmal verstehen, die aus der einen Seüe sehr gern das Geld gvoßindusirieller Kreise zur Bezahlung ihres Parteiapparates entgegennehmen, und die auf der anderen Seite den jüdischen .chLankhäusler" nicht genug schmähen können. Was soll nun geschehen? Wir hoffen, daß in letzter Stunde Mittel und Wege gefunden werden, um Deutschland vor dem Schlimmsten zu schützen, daß es gelingt, Wuhe und Vertrauen zu den berufenen Hütern von Ordnung und Recht aufrechizuerhalten; wir jüdische Deutschen wollen mit ganzem Herzen für unbedingte Wahrung unserer deutschen Ehre eintreten und alles Lun, um eine Katastrophen stimmung zu verhüten. 2löer das allein würde nicht genügen. Jeder einzelne von uns mutz sich als Sendbote fühlen, um die geheimen Ausstreuungen, die wir oben angedeutet und dann im Fall Coldschmidt klargeleat haben, zu bekämpfen. Die Leitungen des C. B., seiner Landesverbände und seiner Ortsgruppen werden wie immer ihre Pflicht tun. Es kömmt jetzt darauf an, daß der einzelne in all 'einen Aeußerungen sich als Zelle der gesamten Bewegung suhlt und die Gedankengange betont und unterstreicht, die wir oben dargelegt haben. Gefängnisstrafe für Frrcdhofsfchärrder. Wie wir in Nr. 39 der „G. V.-Zeitung" dom 26. September 1930 berichtet hatten, wurde der alte jüdische Friedhof in Kiefernstädtel (Schlesien) von Rohlingen heimgesucht. Acht Grabsteine wurden umgewopen und Bäume und Sträucher ausgerifsen. Das Schöffengericht Ln Gleiroitz beute am 24. Mai d. I. den Täter zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Kürzlich fand die Lerusungsver- Handlung vor dar S 7 r a f f c m m e i statt, die zu einer wesentlichen Erhöhung der Strafe führte. In dem Urteil heißt cs: „Die Straftat zeugt von niedriger Gesinnung, ba der Angeklagte sich nicht gescheut hak, seine Zerstörungswut an den Grabdenkmälern aatszulasier?, die 50 bis 260 Jahre alt sind.« ML Rücksicht darauf, daß er unter dem Einfluß des Alkohols gehandelt hat, wurde eine Gefängnisstrafe' von einem Jahr sechs Monaten für ausreichend erachtet; da der Angeklagte ehrlos gehandelt hat, wurden ihm gleichzeitig die bürgerlichen Rechte abgesprochcn. Die Fenster der Synagogin Cranz elnge- Worfeu. Bei der Grcn-cr Sgn-goge (Sstprnitzm), die dem Gottesdienst der fa:: 'c;:e dient unb von der Synagogcngcnicinbe Känizsbng verwaltet wird, wurden kürzlich die Fcnster mir Steinen eingeworfen. Als SynagoLcnbeaw.tc berbciciücn, ergrisstn die Täter die Flucht. Es fcb.lc zur-nt noch jede Spur von ihnen. Ter Verdacht poli lisch er Motive liegt nahe, da in Ostpreußen im le-sten Jahr mehrere ähnliche Schandtaten verübt würben. MLr«AW ®EEi7:r:st! LSßrn k:r Avnzlarrr FLZrn brslralt Im August 1930 fanden aus Anlaß einer nationalsozialistischen Bersamtrckmtg in Lun-lau Unruhen statt, im Verlause teren die Polizei zur Schußwm"e greifen mußte. Ter in Breslau ersch-einend-e nanona.Üozialistische „Schlesische Beobachter" brachle baD darauf eine Notiz, die von dem Färoereiarbeiter Erdmann Semmel, dem Pressewart der Nationalsozialisten von Bunzlau, herstamrnte. In diesem Artikel wurde behauptet, drei Bunzlcuer Juden hätten sich über den Tumult gefreut. Es war ferner der Vermutung 2lusdruck gegeben worden, die Bunz» lauer jüdische Bevölkerurig hätte die Rädelsstchrer für die beabsichtigte Sprengung der nationalsozialistischen Versammlung bezahlt. Auf Veranlassung des Central- Vereins st 1111 e n alle e r w a chsenen jüdischen Bürger Bunzlaus Strafantrag. Nachdem der verantwortliche R.edokteur des „Schlesischen Beobachters". Goebel, im ersten Termin den Wahrheitsbeweis angeboren hatte, wurde auf Anerag des Berereters der Nebertkleger, des Schriftführers der Ortsgruppe Breslaus Rechtsanwalt Keiler, sämtlicheerwachsenen jüdischen Bürger Bunzlaus als Zeugen vernommen. Durch die Beweisaufnahme JÖSOHD U t/jiä Bayer. Alpen V.-.S 2.a3 EKIÜ UlTERIETiVSI?KALKUNG UU'il-u. BADHOTEL LO. G..al F.*r£':es ur.d ent** t'i:3. Das ki'.gexz;:} Preise. wurde die Unwahre eit der Behauptungen einwandfrei nachgewiesen. Gegenüber diesem für die Angeklagten dernichtenden Ergebnis hatte Goebel noch den traurigen Mut, zu behaupten, er könne den Wahrheitsbeweis durch einen Beamten antreten, scheue sich aber, dies zu tun, um den Beamten keinerlei Unannehmlichkeium zu bereiten. ^Tas Schöffengericht Breslau ließ sich auf diese Ausrede nicht ein, sondern verurteilte entsprechend dem Anträge des Staatsanwalts Lammet zu 2 00 Mark eventuell 20 Tagen Gefängnis, Goebel 311 400 Mark eventuell 40 Tagen Gefängnis. Außerdem wurde den Nebenklägern die Befugnis zugeiprocken, des Urteil im schlesischen Beobachter" und in einem Bnnzlauer Blatt zu rerösstnt liehen. Ter Vorsitzende schloß sich den Ausführungen des Vertreters der Nebenkläger an, es sei nicht das Verdienst des 'Angeklagten gewesen, wenn aus Anlaß eines so aufreizend wirkenden Artikels Ausschreitungen gegen die jüdischen Bürger Bunzlaus unterblieben sind. Mit Recht hat die staat-parteiliche Jl e n e Bunzlauer Zeitung" den Artikel als eine wüste nationalistische Hetze bezeichnet. Osöünken Zum H. flb (23. Juli) von Rabbiner De. Lowrnftarnm loerlin-SpQnöau) Tie Krise des äußeren und inneren Lebens unserer Zeit legt uns mit ganzer Wucht die Frage nahe: Welchen Sinn hat die Geschichte der Völker und der Menschheit? Regiert in dem Ablauf des historischen Geschehens Vernunft und Gesetz wie in der Ordnung der Natur? Gibt es eine sittliche Weltordnung?" Tie Antworten weisen leine Einheitlichkeit auf, weil Geschichte nicht mit der loten Materie, sondern mit dem menschlichen SelbstbeDußtfetn zu rechnen hat. Wie es keine eindeutige Lösung für den Sinn und Wert des Menschenlebens gibt, so noch viel weniger für die Entwicklung der kleinen und großen Menschengruppen. Wir kennen keine unverbrüchlichen Gesetze der Geschichte. Tie Frage nach dem Ziel und Zweck ist kein Problem der Wipenschaft. Hier sind wir auf Deutung angewiesen, wie in allen Grundlegungen der Kultur. So hat jede Zeit nach ihrer eigenen Kulturdeutung ein Bild der Vergangenheit. Geschichte wird über die Tatsachen hinaus zum Erlebnis und gliedert sich in das lebenöestimmende Reich der Werte ein: In dem Auf und Ab der Entwicklung erscheint ein Kamps der Ideen, und in der Geschichte suchen wir so das Ewige und Beständige im wechselnden Strome des Werdens. In dein großen Erinnerungsbuch der Menschheit, das die Geschichte bedeutet, bat die jüdische Geschichte ihre besondere Note und Nuance. Am Trauertage der zweimaligen Zerstörung des Staates und des Tempels, am 9. Ab, wird immer die jüdische Historie in ihrer Totalität zum Problem. Während jedes der drei geschichtlichen Hauptseste uns ein einzelnes, wenn auch überragendes Ereignis .zum Bewußisein bringt, von dem aus die spätere Entwicklung verständlich wird, siebt am 9. Ab die Ganzheit der jüdischen Geschichte in Frage und belichtet die verschiedenen Perioden des Judentums. Hier scheiden sich die Gei'st er, weil e§ 'um den Sinn des oesamten jüdischen Sein.? geht. Nach dem Urteil des deutschen Philosophen Hegel, dessen 100. Todestag die geistige Welt in diesem Jahre jeiert, weist die jüdische Geschichte große Tage aus, und es ist eine religiöse und historische Pflicht, sich auf diese zu besinnen. Eine Entwicklung von dreieinhalb * Jahrtausenden zieht an uns vorüber, und mit Bewunderung steht der deutende Betrachter vor der Einheitlichkeit, Folgerichtigkeit und Kontinuität dieser geschichtlichen Erscheinung. Ist es sonst Ausgabe der Wipenschaft, die Einheit in der Mannigfaltigkeit zu erkennen, so drängt sich hier das eine durchlaufende Prinzip von selbst auf und ist .zur Wirklichkeit geworden. Am Anfang steht die Offenbarung, verkörpert durch das Element der Prophetie, diese im Kampf um die Einheit des Weltgrundes und des Lebens. Mit unerhörter, intuitiver Sicherheit stellt sis das Dasein auf eine einzige Grundlaae und setzt dem Judentum seine besondere Ausgabe in der Geschichte der Menschheit. Es folgt die Periode der Ueberliefernng, in der diese Idee auf eigener Scholle, aber in staatlicher Abhängigkeit von den Weltmächten sich konsolidiert. In der dritten Epoche, in der Zerstreuung, bis heute ringt das Prinzip um seine Selbstbehauptung und seine Reinheit in der Vielfältigkeit der Weltkultur gegenüber dem Ansturm der Menschheit. Und diese Idee ist keine andere als die religiöse Idee des ethischen Monotheismus. Tas Judentum ist zu allen Zeiten das Genie der Einheit. Ter Lebensgrund kann nur durch die Beziehung des Menschen zu Gott in der ganzen Tiefe erkannt und erlebt werden. Alle Mächte des Lebens, die äußere und innere Wirklichkeit, alle Motive des Handelns werden dem religiösen Gedanken unkcrworsen. und das Ganze des Einzeldaseins und der Völkerentwicktung gerühmt von hier seinen Sinn und seinen Wert. Tie Sittlichkeit, die allein aus Gott stammt, ist das wahre Prinzip alles Geschehens. Seit dem Zusammenbruch des ersten jüdischen Staatslebens durch Babylon fühlte sich die Judenheit als die Trägerin und Ermllerin dieser religiosen Idee. Hierin sah sie ihre einzige Aufgabe und Besonderheit im Völkerleben. Tie äußere Organisation des Staates war das Sekundäre