Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1931-07-03 · 27 (3.7.1931) · p. Seite 342

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
27 (3.7.1931)
Date
1931-07-03
Page
Seite 342 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2277379-2277886-2277913--06833-2287683
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

342 mochten nicht, aus sich heraus einen besonderen Stil zu gebären; und dos versprengte Volk schloß "sich beim Ban seiner Gotteshäu'er jeweils der Bauform und dem Zeitstil des Aufenchaltlandes an. Man gelangte auch nicht zu einer überzeugenden Charakterisierung aus den Bedingungen des Kultes und jüdischen Wesens heraus; die Neigung — und vermumm auch Eignung zur Lösung dieser Gestaltungsaufgaben — scheint nicht vorhanden gewesen zu sein, oder es spielen auch andere Hemmungen mit. Lolche Ausformung selbständiger Art märe aber sehr wohl veranlaßt, insbesondere durch eine folgerichtig entwickelte Anlage von Blmemor, Thora-Schrein und Frauengalerio, durch die bedingte Art der Lichtzuführung u. a. m. Das jetzige Streben muß sein, eine charaktervolle und typische Bau- und Na um form zu finden, nicht bester auszndrücken als mit Goethes Mort von der „geprägten Form, die Leben sich entwickelt". — Dieses erscheint mir als die ernste Aufgabe der Gemeinden, der Rabbiner und — nicht zuletzt— des einfühlenden und gestaltungsfähigen Baukünstlers. Der moderne Synagogenbau gibt die Lösung zweier wesentlicher Probleme auf: eine wirkliche Klärung des allgemeinen und besonderen Bauprogramms und die Charakterisierung in weitestem Ginne. Das BauPro gramin betreffend, ist, wie ich meine, das eingeleitete Streben zu begrüßen und Zu fördern, ein Gemeindezentrum zu schassen; die Räume für alle Aufgaben der Gemeinde und ihr nahestehende Organisationen sollen mit dem eigentlichen Kultbau in einen Zusammenhang gebracht, eventuell zu einer ausdrucksvollen Baugruppe vereinigt werden. Dieser Gedanke schasst organisatorische und ökonomische Vorteile, zugleich aber auch Werte ethischer und geistiger Art; er trügt zur Steigerung des gemeindlichen.und religiösen Lebens bei und gibt weiter Gelegenheit zur Schaffung einer großzügigen und nach außen wirksamen baulichen GestÄtung von symbolhaftem ‘ Ausdruck. Solche Zusammenfassung läßt auch das Bauwerk im Gesamtbild der Stadt zur Geltung kommen; der Städtebauer von heute begrüßt dies lebhaft, da er in straffer Organisation größere Baueinheiten zusammenfaßü Problematischer im Sinne der Möglichkeit einer befriedigenden Lösung ist die Ausstellung des engeren Programmes, insbesondere des Kultraumes selbst. Tie verschiedene Einstellung der streng orthodoxen, der liberalen und der Reformgemeinden fordert hier klare Feststellung der Wünsche. In diesem Sinne gebe ich hier die Anregung, daß sich die Landesverbände in Rabbinerkonferenzen dieser Aufgabe annehmen wollen, ähnlich, wie sich die Protestanten alljährlich mit diesen Fragen beschäftigen. Eine bauende Gemeinde sollte sich in Zukunft — vor Ueberantworlung der Aufgabe an den entwerfenden Architekten — über das Grundsätzliche völlig klar sein: über die Stellung des Almemors in der Mitte des Raumes oder über eine ^Zusammenfassung der Kulthandlung vor der Ostwand; über Art und Umfang der Abtrennung der Frauen, über die Frage der Einfügung einer Orgel; auch über Fragen des Stimmungswertes, das Problem klarer Helle oder mystischer Dämmerung des Kultraumes. Solche Entscheidungen sind grundlegend und leiten zwangläufig über zur Lösung der Raumrorm in der gesamten Vaugestaltung. Handelt es sich doch um die Schaffung eines i n sich lebendigen Organ isnrus; Grundbedingung eines solchen ist von je die Einheit von Funktion und Gestalt, von Inhalt und Form; dasselbe, was die ewige Scbönheit der ^Natur und des menschlichen Körpers ausmacht! — In dieser Blickrichtung aus den Bedingungen des Kultes, des jüdischen Wesens und unserer deutschen Kultur ist der Bauorganisl mus zu entwickeln; dies das Programm im tiefsten Sinne sür den neuzeitlichen deutschen Synagogenbau. — Hm zur Mitarbeit und intensiven Einfühlung anzuregen, will ich versuchen, als Schassender einen Blick in die Werkstatt zu bieten, zu zeigen, wie eins ins andere greift und wie endlich ein Gemeindehaus oder eine Gemeindezentrumsanlage gleich einem lebendigen Wesen in seine Umgebung sich einfügt, bedingt und — je nach Kraft und Eigenwert — auch bedingend. Es ist nicht gleichgültig für Wesen und Wirwamkeit, ans welchen Platz ein Mensch gestellt wird — das ginne gil: für unseren Ban! Für eine Gemeinde., die in gutem Sinne schöp'erisch sein will, muß also die Wahl des Baurlatzes von allergrößter Bedeutung sein, gewwermaßen Hcrzenswcke. Eier setzt ein Zwiespalt ein zwischen der Einstellung des Praktikers und des Idealisten, ^der ausgekämpft sein will; in diesem ersten Stadium ist die Beratung durch den Künstler, der die Gestaltung voranssieht, besonders wichtig. Es ist vorzuprüsen. ob ein gc'chlosiener Borhof sich einfügt, der typische un.d menschlich wertvolle Vorraum Sinter freiem Fimmel, schon ein wenig abschließend vom Lärm des Draußen, vom Profanen, vorbereitend und sammelnd. Es ist Zu bedenken —oder besser zu erschauen—, ob der gedachte Bau, bei aller Einfügung und Verwachsung mit seiner Umgebung, ein Selbständiges und Eigenartiges werden, ob er seinen Charakter in vornehmer Weise zur Geltung bringen wird; ob er schlicht-feierlich oder heiuckich-versteckt oder betont und gewaltig sein wird und will. Ob er nickt Gefahr laust, von Nachbarn beunruhigt, entwertet oder gar erdrückt Zu werden. Tie vorn Bauherrn gewünschten Räume sind rechnerisch und praktisch Zu ordnen und zusammenzusanen nach Sinn und Gehalt; die Glieder des Baues oder der Baugruppe erhalten alsdann sinnvolle Beziehung in der BorstAlung: sie müssen innere Steigerung urrd ein Zentrum haben, Herz muß der Kultranm sein. Klare und lichte Dorräume sind für jeden neuen Bau SelbstverstLndlichkeit; auch die Arbeiis- und Berwaltungsräume und die Schulzimmer werden freier und lichter gehalten. Tie Wochcntagssynagoge muß in ihrer Anordnung und Gestaltung dem Gefühl derer Rechnung tragen, die in strenger Gläubigkeit den Raum alltäglich zum Gebet betreten. Zugang und Vorräume des Hauptkultraumes scllen vorbereitendes Wesen haben, nichts Selbständiges oder Anspruchsvolles; sie sollen Ruhe und Sammlung schenken, denn^ alle Möglichkeiten gesteigerten Ausdrucks muffen dem Kultraum Vorbehalten sein, nicht nur der großen Dimension und der Raumwirkung an sich vor allem, des ethischen Gehalts und Stnrunungswertes. Ter Eindruck der Erhabenheit und Weihe kann nicht nur durch unendliche Mittel der Kunst geschaffen, sondern auch wesentlich vorbereitet werden. Zn diesem Zusammenhang stehen wir schon mitten im zweiten Problem, der Ausgabe der ch a i a k t e r i st i s ch e n G e st a l L u n g. Tie Erkenntnis des Wesens eines Bauwerks ist sür den Richtsachmann schwierig. Es ist ein Organismus künstlerisckzer Art zu erfassen, nicht etwa eine Aesthetik nachzumhlen. Es handelt sich nicht wie Lei der Malerei um eine ebene Fläche, auf die der Gehalt projiziert ist; vielmehr um Gestaltung von Körper und Raum, um konvexen und konkaven Ausdruck eines und desselben Wesensinhaltes, um ein Außen und Innen, von denen das eine aus dem anderen sich entwickelt. Rein real betrachtet, erscheint der konstruktive Gedanke — man denke an das Skelett des Menschen — ausschlaggebend für die Bau- und Raumsorm wie überhaupt für die Gesamtgestaltung und bis zu einem gewissen Grate auch charakterisieren-. Kcnstruktton als selbstherrliche Bedingung, als Selbstzweck wäre aber gröbster Materialismus, und die wiederholten Angriffe gegen das moderne Aauschafsen hätten recht. Beim echten Bauwerk bleibt die Konstruktion „Mittel". Las Wunschbild. in der Vorstellung des Vanenden entstanden, sucht und schasst sich also diejenige Konstruktion, welche ideale und reale Bedingungen am vollkommensten zu erfüllen verspricht. Der städtebauliche Gedanke, das Streben nach Ausdruck, das allgemeine und engere Bauprogramm, die Praktischen Fragen des Lickweinsalles, der Akustik und vieles mehr — alles dies ist Basis, worauf die Phantasie entwickelnd schisst, voll Bewegung, Beweglichkeit und Bereitschaft zur symbolhaften Gestaltung. Beim Wuuswe nach der Anordnung de? A lmcmor in der M i t t c des Kult raumes wird der Gestotter die Konstruktion des Zentralraumes an.strebeu, der seinerseits da? konwntrische Sickchcharcn der Betenden um den Platz der Thoravorle'ung verstärkt und versinnbildlicht. Beim liberalen Programm wird ein Aufbau des Raumes gewählt werden, der die Hiusührnng nach dech O st s e i t e betont und steigert. In beiden Fällen aber muß allgemein gesucht und erreicht werden: der typische Eindruck der geweihten Bersauunlungsstätte, des Raumes innerer Sammlung und Konzentration, kurz dessen, was den jüdischen B e t r a u m seinem Sinne nach ausmacht. Alsdann wird dieser weder einem christlichen Kirchenraum noch einem Festsaal oder Theater ähneln. Der künstlerischen Mittel — die Zugleich praktisch sein können — sind unendlich viele. Tie Anordnung der Frauengalerie muß so getrosten sein, daß durch sie nicht etwa der Raumeindruck zerstört wird (wie dies leider ost der Fall ist), sondern im Gegenteil bereichert und gesteigert erscheint. Die Lichtzusührung kann, zur Ermöglichung klaren Äsens, an richtiger Stelle und zur Vermeidung der Blendung sein zerstreut, ein wesentliches charakteristisches Moment werden, wie auch die feinempfundene Verteilung der Farbwerte, typischer Schmuck — vor allem hebräischer Schristzeichen — und eine weise Verwendung der Materialien. Eine überlaute Buntheit, bisher viel angewandt mit der Motivierung jüdischer Farbenfreudigkeit, erscheint mir irrig. Denn längst hat sich der europäische, der deutsche Jude dem verhaltenen Farbenempfinden angeglichen. Als stärkstes und höchstes Mittel ausdrucksvoller Gestattung ist stets zu bewerten die Beherrschung der Raum- Proportionen selbst und seiner Glieder. Der Architekt kann hier, ähnlich dem Musiker^durch Rhythmik und Zäsur, Kontrapunkt und Steigerung eine jeden Besucher ergreifende Wirkung schassen. Die vielpropagierte Meinung ist ein großer, aber verständlicher Jrrtmn: es unwe die neuzeitliche, mit dem Schlagwort „sachlich" belegte Gestaltung notwendig zu einem nüchternen, ja entseelten Ausdruck führen. Ter wirkliche Künstler wird die modernen Methoden anwenden, das heißt sich untertan machen. Wir wiffen, der Klang wird kein romantischmelodiöser sein, kein bunt-pathetischer, kein künstlichaltertümelnber. Ein Ausbau innerlicher Konsequenz und Geschlcnenheit wird uns gemäßer sein. & Nicht etwa nur der Synagogenbau selbst — alle Bauten der Gemeinden, insbesondere auch des Totenkultes, rufen nach der geschilderten Erneuerung, nach Gestaltung, Turchgeisrignng. Beseelung. . . Wir stehen heute erst in einem Anfang. Auch die christliche Kirche übrigens hat seit Jahren das Widersinnige erkannt in der Fortführung einer Imitation alter Bauarten. Wir Juden hatten bisher noch selten die Möglichkeit, in. diestm Sinne ans Werk zu gehen. Die Gemeinde Plauen genehmigte nn Jahre KG3 — wohl zum erstenmal für einen .größeren Gemeindebau mit Synagoge — auf meinen Wunsch un.d Rar ausdrücklich die Gestaltung in einem neuzeitlichen Sinne. Tie Anerkennung des beschritteneu Weges wird seitdem allgemeiner und lebhafter. In meinem preisgekrönten Entwurf sür den Tempel zu Hambürg unternahm ich alsdann, eine typische Lösung aunustellen sür einen im freien Raum erstellen Tempel, insbesondere sür die konzentrierte Kombination von Haupt- und Wochentagssynagoge (welche der dringlich geforderten Sparsamsten der Zeit entgegenkommt); ich vorsuchte hierya, aus Grund meiner Erfahrungen, die Grundbedingungen des heutigen Tempelbaues. in sieben Punkten festzulegen.— Eine sehr würdige Gestaltung schuf Architekt Nathan in seinem Friedhof für Frankfurt a. Main. Tie Kollegen Harry Rosentbal, Robert Stern (Köln) und manche andere haben sich bereits der Gestaltung jüdischer Bauausgaben gewidmet. Diese sehr schwere Zeit wird nur selten in der näheren Zukunst dem Baukünstler neue Aufgaben zu stellen vermögen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.