Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 27 (3.7.1931)
- Date
- 1931-07-03
- Page
- Seite 340 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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340 Vom modernen Kunsthandwerk Von Dip!.-Ing. Harry Rosenihal 'Berlin!, Architekt, BDA., Berlin Es fällt an% wie wenig Kunsthandwerker es unter den demschen Juden gibt. In der Malerei, der Architektur, der Musik und Literatur stellen sie ein Kontingent, das in keinem Verhältnis zu ihrer numerischen Unterlegenheit steht. Sie und hier stark an der Führerschaft beteiligt und erweisen dabei aufs neue ihre Eignung, das Ferment kultureller Entwicklung zu bilden und ihre Eigenart zum Nutzen geistiger Klärung und schöpferischen Lebens einznjetzen. Das Basteln, die handwerkliche Arbeit jedoch scheint gerade in. den Ländern, in denen sie im Vordertreffen des kulturellen Lebens stehen, nicht im gleichen Maße ihre Sache zu sein. Vielleicht wirkt der jahrhundertelange Ausschluß von der Zunst der Handwerker bis heute nach: denn in Ländern, wo der jüdische Werksiun nicht durch solchen Ausschluß gehindert war. brachte er es zu Leistungen charakteristisch'r Prägung, und es ist immer ein besonderer Eindruck, in fernen Gegenden, in den Städten des Balkans oder Nordasrikas, ganze Straßen jüdischer Werkstätten zu durchwandern. in denen man langbartige Bibelgeftalten hämmern, feilen, bosseln und nahm sieht. In den kultivierten Ländern scheint jedoch die Eigenschast abstrakter Tenkschärse dem Juden Spezialaufgaben zugewiesen zu haben., die ihn der intensiven Fühlung mit dem Material handwerklicher Gestaltung entfremdeten. Immerhin gibt es auch auf diesem Gebiete, das ebenso wie die übrigen Kunstgattungen wichtigste Kulturarbeit leistet und diese gerade durch die Beschäftigung mit den Gegenständen des täglichen Bedarfs in das Bolksganze trägt, eine ganze Reihe von Persönlichkeiten, die starke Leistungen handwerklicher Kunst aufzuweisen haben und von denen hier nur eine kleine, mehr zufällige Auswahl behandelt werden kann. Tie Bearbeitung der Edelmetalle ist von jeher ein bevorzugter Zweig jüdischen Handwerks gewesen, die Goldschmiedekunst verfügt über eine alte stolze Tradition. Allmählich aber wurde aus dem Goldschmied der Juwelier, das Handwerkliche schlug ins Händlerische um. Aber in den Arbeiten von E m m h Roth (Berlin) haben wir wieder echtesten Werksgeist. Jede ihrer Schalen, jeder Krug, jeder Lössel hat seinen Ursprung an der Werkbank und in cigeuüer Werkstattersiudung. Sie weiß, daß ein Gegenstand, der im Haushalt täglich benutzt wird, vielfältigen Anforderungen genügen muß. Außer dem wohtabgewogeuen Revräserttationsgcg.ckr. den sie jeden! Gebrauchsgegenstand zuteil:. ist unendlich viel Praktisches zu berücksickügem ein Teelöffel muß iiu Gewicht so ausbalanciert sein, daß er gut in der Hand liegt, nicht von der Untertaste herunterfällt, und doch muß er so stabil sein, daß er sich im Kampf mit einem etwas hart geratenen Tortelett nicht verbiegt. Tie Würde eines edlen Materials verlangt einen gewissen formaler. Aufwand, aber der schönste Schnörkel wird lästig und daher häßlich, wenn die Berticsungeu nicht gereinigt werden können und entweder der Staub oder das Putzmittel drin hängen bleiben. Ter eleganteste Kannenhenkel wird täglich Verflucht, wenn er nicht so isoliert ist, daß man ihn ohne Gefahr ansasteu kann. Eine Kanne muß, ohne den letzten Tropfen auf dem Tischtuch zu hinterlasfen, mit sicherem Strahl gießen, der Teckel darf nicht herunterfallen, seine Lefsnung und die Jnnensorm mutz so sein, daß eine leichte Reinigung möglich ist. K. •r [ §; 1! - ■ Ms Kleine Leselampe von Ludwig Wolpert, Frankfurt a. M. Tazu kommen die Grenzen, die das Material seiner Bearbeitung und seiner Beanspruchung setzt, und aus all diesen Faktoren entsteht bei Emmy Roth eine Form, deren Schönheit den Zweckgedanken nicht verleugnet, sondern sichtbar aus ihm herausgewachsen ist. So ist sie trotz der Konventionalität, zu der Silber und Gold verpflichten, eine Kämpferin für die neue Zeit. Auch die Arbeiten von Profestor Friedrich Adler (Hamburg) sind edelste Metallkun'r. Tas Bronzematerial und die Gutztechnik der abgebildeten Jahrzeitlampe sind für die Form stark mitbestimmend. Wie die Standsläckx des hohen Schaftes erweitert und dadurch der Schwerpunkt stabilisiert ist, der Schaft eben energisch eingezogen und dann an der Jahrzeitlampe (Öl) von Professor Friedrich Adler, Hamburg Silberne Schussel, dreiteilig, von Emmy Roth, Berlin Tassen aus Porzellan von Marguerite Friedlaender, Halle a. S, Rauchservice in Steinzeug von Marguerite Friedlaender oberen Endigung das Material bis an die Grenze seiner Haltbarkeit ausgenutzt ist, das erweckt schwingendes Leben und geheimnisvolle Anregung. Ludwig Wolpert (Frankfurt a. Main) bekennt sich in seinen Arbeiten ganz und gar zu dem modernen Grundgedanken wohlverstandener Sachlichkeit. Sein ausgeprägter Sinn sür die Wirkung metallischer Tberslache und seine Musikalität heben ihn aus der doktrinären Schwerfälligkeit, die so vielen derartigen Versuchen anhastet, empor und zeigen ihn als Meister einer neuen Formsprache. Tie Arbeiten von Marguerite Friedlaender (Halle a. d. Saale) sind erfüllt von letzter Materialgerechtigkeit und technischer Treffsicherheit. In dieser Keramik spürt man noch die Trehschcibe, auf der die Tosen mit den Händen geformt sind; die Porzellantasfen wißen, daß ihre Schönheit in dem Spiel ihrer Clanzlichker besteht. Bezaubernd die feinen Tüllarbeiten von Tilly Lorch (Frankfurt a. Main). Eine Tischdecke zeigt ein scheinbar einfaches Ornament aus hingestreuten, sich teilweise überdeckenden Kreisen, die verschiedene Tonwerte dadurch erhalten, daß der Tüll doppelt, drei- oder auch vierfach übereinandergelegt und cingesatzt wird. Tas scheint simpel, aber wenn man diese Arbeit näher betrachtet, so zeigen die Ueberschneidungcn der feinen Tüllfäden neue Crnamcnte von so unheimlicher Präzision, als wenn man eine winzige Schneeflocke unter dem Mikroskop sicht. Eine vielseitig begabte Kunstgewerblerin ist Franziska B a r u ch (Berlin). Mas sie aufatzt, sei es ein Bucheinband, hölzernes Kinderspielzeug, das Satzbild einer Truckseite oder ein graphisches Signet, immer ist aus der Kenntnis der Technik, dem Material und den Hilfsmitteln seiner Bearbeitung auf einfache Weise ein Höchstmaß an Wirkung herausgeholt. In der jüngsten Zeit verstärkt sich sichtlich — vielleicht schon ein Ausdruck der im Gange befindlichen Berufsmnschaltunq — der Anteil der Juden am Kunsthandwerk; und so sind die öffentlichen und privaten Werkschulen wie das Bauhaus in Tesiau und die N eima n n - Schule in Berlin auch von jüdischer Jugend stark frequentiert.