Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 26 (26.6.1931)
- Date
- 1931-06-26
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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329 r.i /"• "l ( <iL/ GZLTll'li [ Ü L. 1L lim vergangenen Sonnabend herrschte in Ten ela--an) eine Stimmung. die von dem Gedanken polirischen und wirtschaftlichen Zusamlnenbrnch-5 getragen war. Furchtsame Menschen hatten in gewaltigem Umfange ihr Geld in fremde Valuten umgetauscht und damit die Reichsbank so stark geschwächt, daß die Gefahr schwersten Verfalls unserer Währung und Wirtschaft drohte. Tiefe Krisenstimmung, durch Arbeitslosigkeit und Notverordnung in den lehren Wochen hervorgerufen, erhielt durch die in Versammlungen und Zeitungen sich übersteigernde Hetze der Nationalsozialisten täglich neue Nahrung. Schon vor den letzten Reichstagswahlen Prangten, obschon auch nicht der geringste Anhalt zur Bejahung dieser »Frage gegeben war, cm den Anschlagsäulen, insbesondere in Lauern, Versammlungsankündigungen mir dem Thema: „Liehen wir vor einer neuen Inflation?" Schon diese Fragestellung wuchte naturgemäß die Menschen in starke Erregung versetzen. Tie H o o v e r s ch e Botschaft hat glücklicherweise in letzter Stunde einen Stimmungsumschwung gebracht. So schrieb die „K 5 l - nifche Zeitung" vor einigen Tagen, in Amerika werde diese Botschaft vielfach als „das wichtigste diplomatische Ereignis seit Kriegsende" bezeichnet. Unseren Nationalsozialisten ist das höchst peinlich. In fett gedruckter Ueberschrift erklärt der „Völkische Beobachter" vom 23. Juni, der Hintergrund des Hooverschen Vorschlags sei „die Furcht vor dem nationalsozialistischen Deutschland". Tie Parteipresse der Nationalsozialisten ist sich in der Beurteilung der heutigen Lage aber keineswegs einig. So bucht sie den Hooverschen Vorschlag auf der einen Seite als ihren Erfolg — glaubt, „der Nationalsozialismus habe mit inuuer größerer Wucht die erwachenden Massen gegen die Tributsklaverei aufgerüttelt" („Völkischer Beobachter" vom 23. Juni), und der Aufschubplan fei, soweit er ein Erfolg ist, „einzig und allein dem schärfsten Gegner" des herrschenden Systems zu verdanken, „der ihm das Leben heute in Deutschland heiß macht" („Völkischer Beobachter" vom 24. Juni). Auf der anderen Seite aber nennen sie ihn einen „vollkommen unzulänglichen Versuch, das dringend gewordene Problem der Tribute zu lösen" („Ter Angriff" vom 22. Juni), und da sie noch nicht recht wißen, wie sich der Hoover-Plan in der Praxis auswirkt, suchen sie zunächst wieder einmal einen Sündenbock für die von ihnen so verschärfte Krise. Ter „Angriff" vom 23. Juni hat ihn gesunden: „Amerikanische Juden verdienen Millionen" durch die Börsengeschäfte der letzten Tage, schreibt er. Biele Leute sagen, daß die Juden auch einiges verloren haben, und daß es nicht nur Juden, sondern ebenso auch Nichtjudcn sind, die zu den Verlierern u n d zu den Gewinnern gehören. Das hat sich in diesen Tagen wieder erwiesen. Aber das ist ja doch nur ein Ablenkungsversuch von der Tatsache, in wie starkem Maße das von den Führern der Nationalsozialisten offen Zugegebene Erhitzen der Leidenschaft die Stellung Deutschlands in der Welt ungeheuer verschlechtert. Das hindert die Nallonalsozialisten aber nicht, immer weiter zu hetzen: An der Universitär Wien haben nach der Ungültigkeitserklärung des Wiener Studentenrechts durch den önerreichischeu Bersasiungsgerichtshos wieder einmal nationalsozialistische Ausschreitungen gegen jüdische Studenten begonnen. Ter „Völkische Beobachter" nimmt es der „E. B. - Z e i t u n g" übel, daß wir über die Zustände in Mecklenburg berichtet haben. Er wagt es zwar nicht, unsere Behauptungen auch nur mit einem Wort anzuzweneln, aber er spricht uns bei dieser Gelegenheit wiederum das Necht ab, überhaupt über diese deutschen Belange zu schreiben. In V r a u n s ch we i g ist es den Quertreibereien nationalsozialistischer Kreise gelungen, ein Schächtverbot durchzusetzen. Ter Reichskanzler wird von Nationalsozialisten ständig mit Kot beworfen. All diese „Erfolge" sind keine Ruhmesblätter für den Nationalsozialismus. Tie Herren können reden, was sie wollen. Tie Menschen sehen doch allmählich ein, daß die Stunde, in der ein nationalsozialistisches „Trittes Reich" errichtet würde, ein Unglück für das deutsche Volk sein würde. Und daß das Ausland diese Ansicht auch teilt, beweis: der Ausspruch eines nichtjüdischen ausländischen Industriellen, der einen Kredit für Deutschland jetzt verweigerte, „weilerdie Bartholomäusnacht nicht finanzieren wolle". Glücklicherweise (aßt die Negierung sich durch die Treibereien der Nallonalsozialisten nicht beirren. R e i ch s r e g i e r u n g und Länderregier ungen haben ihre Ruhe und Festigkeit bewahrt. Dem Eentralverein nehmen diese Ereignisse nicht die Ruhe. Er steht nicht, wie der „Völkische Beobachter" glaubt, hinter den Zeitungsverboten, aber er steht hinter allen Bestrebungen, die die Lügenpest, welche die Nationalsozialisten in ihren Versammlungen und Zeitungen täglich und stündlich gegen die Juden verbreiten, mit Nachdruck ausrotten wollen. Darum Hilst er der Regierung und weiß mit ihr, daß die Bekämpfung dos jetzt modernen Radikalismus Deutschlands Rettung bedeutet. Die Goiiesöisnsifiömng in Essen Die Täter vor der Strafkammer. In Nr. 43 „E. V.-Zeitung" vom 24. Lkwber 1930 berichteten wir über einen häßlichen Vorfall in Essen. Dort hatten fünf Burschen im Alter von 24 bis 26 Jahren den Gottesdienst in der Synagoge gestört. Nachdem sie nach:- stark gezecht Hallen, zogen sie Snnillag morzens gegen 7 Uhr geräuschvoll im Gänsemarsch in einen Betsaal, in dem gerade Gottesdienst cwgchlluu wurde, ein und verteilten sich dort in zwei Gruppen unter dis Awoefendcn. Bc'onders die eine Grnpve, du aus den Angeklagten Fischer. Mcchn-.bachrr und Tiwy bestand, tat sich sogleich durch lärmendes Benehmen und ungebührliche Zurufe hervor. Ta sie aus Aufforderung den Gottesdienst, d e r u n t e r b r o ch e n werden mu ß t c, rucht gurwillig verliehen, wunden die drei Ruhestörer von dem Lehrer B. aus dein Bllwa! cnüernt. Tie zwei anderen haben offenbar darounhin freiwillig das Gotteshaus verlassen. Jetzt ützte ober erst die sällimmste Rüpelei ein. Ter Angeklagte Fischer wr'eptc _ vor dem Bestell dem Lehrer L. einen Tchlag ins Gesicht, durch den die Tr ernste gesundhllllichig Schädigungen erlitt. Ein anderer, der nicht mit Aestimmthei: festzustcäen war, mißhandelte den Kantor C. _ Ter Angeklagte Maßen ste che r. offenbar der Rädelsführer der Ho"nungsro2en Gruppe, zog ein Messer und wehte es an den Treopensuuen. Unter den Rusen „Juda verrcllell zogen sich die L-errschasten dann in eine Kneipe zurück, in der sie von ber. Polizei dingfest gemacht wurden, nachdem sie sich in der Waschküche verborgen Hallen. Vor dem Essener Schllllngerich: waren die 'Angeklagten zu Gefängnisstrafen von 2 bis ö Monaten verurteilt worden. Vier von ihnen hatten Bsrwung. eingelegt, darrinter drei hinsichtlich der Hohe des Strcstnaßes. Ebcnw hatte die Staatsanwalllchast mit dem Zille bei Erhöhung des Strafmaßes Beruiung eingllegt. „ Tie Berurungsverhandlung fand am 13. Juni vor der Großen Strafkammer in Esten statt. Tie Angeklagten versuchten, wie auch, schon in der ersten Instanz, sich damit herauszureden, daß sie sinnlos betrunken gewesen seien und sich an fall nich.'s mehr ^erinnerten. Eine Verabredung zürn Zwecke der Störung habe ihnen serngelegen. Geben diese Enllastungsversuche wurde aber mit Relli von den vernommenen Zeugen gelten) gemacht, d-aß sich die Burschen in ihren Aeußerungen sowohl wie in ihrer Haltung, keineswegs als sinnlos bezecht erwiesen hätten, wenn man auch zugeben müsse, daß sie angeheitert gewe'en seien. Ter Staatsanwalt geißelte das empörende Verhalten der Störenfriede und beantragte Erhöhung der Strafen. Selbst der Verteidiger mußte das objektiv Schändliche des Verhaltens zugeben und bat nur um mildere Beurteilung, da die in den Zuständen begründete allgemeine Zuchtlosigkeit der Heranwachsenden I u g_e n d den Tätern zugute -gehallen werden minie. Ter Vertreter des als Nebenkläger zuaelanonen Lehrers B., Rechtsanwalt Tr. Krombach, wies demgegenüber aus die sich Hainenden Angrille gegen Einrichtungen der jüdischen Kultnsaemllnden, insbesondere aus die übergroße Zahl den Friedhofsschänduugen hin. Er stellte zur Erwägung, welch eine Welle von berechtigter Empörung durch die Qesfentlichkeit gegangen wäre, hätte sich ein ähnlicher Vorfall wie der zur Verhandlung stehende in einem katholi'chcn oder protestantischen Gotteshaus ereigne:. Es Handel: sich keineswegs, fuhr Tr. Krombach fort, um einen Dummenjungensireich, vielmehr um ein bewußtes und gemeinsames Handeln der Angeklagten, die den Gottesdienst in flegelhafter Weise gestört hätten. Gerade gegenüber der vom Verteidiger erwähnten allgem einen Zuchtlosigkeit liege für das Gericht Veranlassung vor, durch empfindli ch e strafen so erzieherisch zu wirken, daß m i n d e st e n s Einrichtungen des Kultus von Einflüssen pol i t i f ch e r Verhetzung verschont blieben. Tas Gericht gelangte dann auch, wenigstens bei den Tauvttllern, zu angemessenen Stellen. Es ließ dis Höbe der Gefängnisstrafen bei Fischer, iu q £ e r. b c d) e r und TiWh bestehen; lediglich der Ar.glllagks Wo!f, der der weniger ausgefallenen Grnvre angchölle. wurde sreigesprochen, die strafe des Angeklagten. Tablem, der sich bei Wolf befunden batte, aus einen Monat Gefängnis ermäßigt. Bewällnngsllist wurde bei Mcchcnbacher ebadebnt, bei Füller dem Ermepen des Richters erster Instanz au dein: gestellt. E. P. * Urteil gegen Trebnitzer Fricdhosöschänder in der Berufungsinstanz bestätigt. In der Strafsache gegen die Schänder des Trobnitzer Friedhofes fand am 2. d. M. vorder Strafkammer des Landgerichts in Oels die Berufungsverhandlung statt. Ter eine der beiden Berurkeilken. der Kaufmannslehrling Kurt Schreiber, hatte gegen das Urteil des Schöffengerichts, das ihn mit zwei Monaten Gefängnis bestrafte,. Berufung eingelegt. Der Bormund 16jührigcn Angeklagten beschräillce in der Verhandlung die Berufung aus das L-rasmaß. Der Vorsitzende stellte durch BefragenE des Angeklagten 'fest, daß er sich wegen seiner Untat bei keinem der Benachteiligten enlllluldigt hatte. Das Gericht verwarf die Berufung des Angeklagten und verweigere auch die Strafaussetzung. Der Borsitzende. Landgerichto-direktor L e § k e, erklärte in der Urteilsverkündung: An den Pforten der Ewigkeit habe d e r P a r t e i st r e i t unter a l l zn II nt ft ä n b e u a u fzu - hören. Die klärte der T o t e n m ü s se jede n h eilig fei n. Die Tat zeuge von abgrundtief c r Ge sin n ii n g s r oh e i t. Des halb könne das Gericht weder die Strafe ermäßigen noch ihre bedingte Aussetzung zulasten.