Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 26 (26.6.1931)
- Date
- 1931-06-26
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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326 Ursprung 1835 To dLteraasstener-V ersl ßieronö bil durch eine Erwägung klar. Er setzte seine Idee durch wider olle Gegner der neuen Gedanken, wider olle, die durch sie benachteiligt und depossediert wurden, wieder alle innere und äußere Opposition. Aber er wußte sie durchsetzen auch gegen die, denen die revolutionäre Reform zugute kam, die sie für mündig erklärte, denen sie Rechte und Vorteils gab. So gewaltig auch in früheren Jahrhunderten schon die kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung der deutschen Städte gewesen war, der Politische Einfluß, die politische Begabung, die politische Leidenschaft, ja das politische Streben blieb.dem deutschen Bürgertum versagt. Nicht wie in Frankreich drängte es ungestüm vorwärts mit der drohenden Parole: „Das ist der dritte Stand? Nichts. Was muß er sein? Alles." ‘ Sondern ein Reichsfreiherr verlieh dem nicht Fordernden, zögernd Annehmenden die politische Mündigkeit. Sondern sie wurde ihm geschenkt, ohne von ihm erobert zu sein, besessen, ohne erworben zu werden. Bon oben dekretiert, in Gesetzen, verkörpert, nicht im blutvollen Menschen, behielt diese Reform den Charakter des Unwirklichen oder doch Widerruflichen, bis die Volksbewegung von 1645, so schmählich auch der Ausgang war, doch den Bruch mit dem Alten, die Erledigung des alten Ständestaats, die Ernsttichkeit der Wandlung Siegern wie Besiegten für alle Zeit erwies. Aber cm jenem Geburtsfehler hat die deutsche Demokratie dauernd gekrankt. Er trägt die Schuld daran, daß das deutsche Bürgertum, so sehr in ihm und in seiner Leistung Teutschland verkörpert war, politisch immer im Schatten geblieben ist, niemals die politische Stellung eingenommen hat, die seiner 'geistigen Bedeutung entsprach. Ter Freiherr vom Stein hatdasdeutsche Bürgertum in den Sattel gehoben. Es hat lange gedauert, bis es reiten konnte. Ter Ritter hatte größeres Vertrauen zu dem Bürger als der Bürger selbst. Unbeirrt blieb Stein gegen alle Bedenken, alle Einwände, alle Besorgnisse, als könne die Ration nicht den rechten Gebrauch machen von der Freiheit, die rr für sie verlangte: „Tie Geschichte aller deutschen Republiken, aller deutschen Vereine, wozu ich auch die Schweiz und Holland rechne, beweist, daß ruhiges, besonnenes, gemeinschaftliches Beraten, pünktliches treues Ausführen überall zu finden war, wo der Deutsche frei und ungestört seine Kraft äußerte." Ein frischer Luftzug jugendlicher Zuversicht ging durch die große Reform. Als einer der bedächtigen Minister, ob all dieser Radikalismen entseü.t, wenigstens für die Mitglieder des Magistrats ein Mindestalter von 30 Jahren verlangte, fand er schroffe Ablehnung: gerade das Alter zwischen 25 und 30 Jahren sei besonders kräftigt Es ist nicht Steins Schuld, wenn die Saat, die dieser frühe Säemann demokratischer Ideen ausgestrcut hat, nicht traniger ausgegangen ist. Fast konnte es scheinen, als ob die Gegner seiner Ideen ihren revolutionären Charakter schneller und kräftiger begriffen als die Freunde, als die Kreise und Blasien, denen er diente. Auch der General Iorek jauchzte nach Steins Sturz, daß „ein unsinniger Kopf schon zertreten ist", und in einem der Junkerproteste gegen die Reform wurde die entrüstete Frage aufgeworfen, „ob man denn das alte ehrlich brandenburgische Preußen in einen neumodischen Judenstaat verwandeln wollet Stark wie wenige der Zeitgenossen hat Stein auf seine Tage gewirkt. Stärker auf die Rachwelt. Er stand Pate bei der ersten freien Verfassung, die das deutsche Volk in seiner jahrtausendalten Entwicklung sich gegeben hat, und es ist kein Zufall, daß Hugo Prcuß, der Schöpfer der Weimarer Verfanmrg, sich sters als sein Schüler bekannt, keines Staatsmanns Woree so gern und so eifrig zitiert hat wie die des Freiherrn vom Stein. Er wird auch Pate stehen bei jener vielleicht nicht mehr zu fernen Wandlung, die uns, allen Partikularismen zum. Trotz, sein eines Teutschland wirklich schenkt. Dr. Emst Feder. Hitler oder Steins / m M-r.ia-»>.r Das Unglück ist ge'chchn, das Herz des Bolls eines Wilhelm von Humboldt. Edle Einist in den Kot getreten und feiner edeln salt und stille Größe— mit Winckelmann Begierde mehr fähig. Alörecht von Haller. gU sprechen — geben seinem antikisichen Charak- Tie Festktänge zur Feier des Freiherrn vom Stein dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, in welchem Maße das Teutschland von 1931 seinem Geiste untreu wurde. In diesem Teutschland spielt Adolf Hitler eine gewichtige Rolle; und wer auf ihn schwört, ist den Manen Steins abtrünnig geworden. Nicht als ob wir beide Männer als Persönlichkeiten miteinander vergleichen wollierchJm Vergleich mit dem Mut, der Klarheit und seelischen Kraft Steins erscheint Hitler als arm, flach neben desien Tiefe. Lediglich als Exponenten der deutschen Gegenwart stellen wir ihn zu Stein in Parallele. Was Stein für das deutsche Staatsleben bedeutet, hat in diesen Blättern Ernst Feder gesagt. Vielleicht läßt sich sein staatsschöpferischer Wille am knappsten durch einen Faust- Spruch umreißen: er wollte auf freiem Grund mit freiem Volke stehen. Will nun, so wird man einwerfen, Hitler nicht das gleiche? Gewiß; der im Sinne Rankes überparteiische Historiker darf nicht verkennen, daß Hitlers Vaterlandsliebe die Sache der nationalen Freiheit — unbeschadet seiner Methoden — ebenso bitter ernst nimmt wie seinerzeit Stein. Ebenso wie Stein kennt Hitler — in der Tonstärke seines nationalen Pathos einem Hutten oder Hölderlin vergleichbar — nur ein Vaterland, welches Teutschland heißt. Tos einheitsstaatlich-großdeutsche Ideal verbindet sie beide und grenzt sie gegenüber der, kleindeutsch - preußischen Staatsanschauung eines Bismarcchab. Gemeinsam ist ihnen nicht zuletzt das Wipen und Leiden um die uralte deutsche Staatsnot, die neben und nach P u f e nd o r f niemand schmerzlicher empfunden hat als Hegel in dem schlechchin genialen Sah: „Teutschland ist der gesetzte Widerspruch, daß ein Staat sein soll und nicht ist." Soviel des Gemeinsamen; aber wie grundverschieden sind Ausgangspunkt und Endziel. Wer war, unter geiftesgeschichrlichem Gesichts- Punkt. Stein? In ihm lzat der Staatsgeist der deutschen und darüber hinaus der europäischen Aufklärung — also der GiPfelbewegung der abendländischen Kultur — lebendige Gestalt gewonnen. Tie aufklärerische Theorie vom möglichen oder gar besten Staate hat er zu einem guten Teil in die Wirklichkeit umgesetz.t. Wie Kant den geistig mündigen Menschen, so sah Stein den politisch mündigen Menschen als die Quintessenz der Entwicklung an. Insofern dürfen wir Stein gleichnishaft einen ins Staatliche gewendeten Kant nennen; nicht umsonst und nicht etwa zufällig sind die Mitarbeiter Steins, ein B o y e n, ein Theodor von Schön, Schüler Kants gewesen. Ter neue Staat der inneren und bürgerlichen Freiheit sollte nach Steins Willen das ethische System der Humanität und Toleranz in seiner Praxis verwirklichen. Tiefe Gesinnung — die Orientierung an der großartigen Sittlichkeit des Altertums — macht <stcin zum „Klassiker", zum vollbürtigen Weggefährten eures Leising, Goethe, Schiller und namentlich ter das wepräee. . , Hitler dagcaou ist Romantiker. Deingnensinch seine Siaatsidee und Staatslehre Geist vom Geiste dcr Romantik. Wir bezweifeln, daß er die aroßen politischen Tenkschriftcn Adam Müllers kennt, aber manche feiner? Ausführungen muten wie Fortsetzungen der Verkündigungen des romantischen Staatsphilosopben an. Wenn Müller einmal sagt: „Tie Kaupcchnaptow.e der Krankheit unseres Staates sind' ja erstens die Zerrüttung des Gründeraenrums. Zweitens die Korruption des gesell schm Ai Wen. Lebens und der Erziehung .. .drittens der Verfall der Ideen von StaachGenreinwesen. Recht, Ehre und Religion —", so könnte diese bewcgllche Klage ebensogut aus Hitlers Munde stammen. Ter Staat, den Adam Müller einen kranken zu nennen wagte, lvar niemand anders als der Staat Steins. Tie Romantik und insbesondere die politische R o m a n t i k b e k ä mp f t e somit ebenso heftig und verstandn i s l o s d e n © e i ft der Aufklärung und seine st a a t l i ch e Form, wie Hitler heutzutage die Metamorphose des Stein scheu Staats bef e h.d e t: die deutsche demokratische N e P u b! i k. Jnstincktaläubigkeit, Jenseitsrausch, fanatische Leidenschaft: das sind' die Verbindungsfäden zwischen Hitler und der Romantik. Bei Hitler kommt außerdem der Einfluß der imperiaFutisch-eiolog'.schen Gewaltethik eines T r e i t s ch f c hinzu.' Ferner profitiert Hitler vom mißverstandenen N i e tz s ch e. ^Wobei man wohl kaum beachtet hat, wie seltsam der Freund des Franzo'entums und der jüdischen Intelligenz sich am Arme Hitlers ausnimmt. Ganz abgesehen davon, daß Nietzsches Staatsideal sich in Caesar verkörperte, der — zumindest :n seiner Sraatsethik — der Stein der Antike war. Tas aber ist unser Haupteinwand: Hitler hat keimn Humor. Tiefer Umstand rückt ihn in die gefährliche Nähe eines Thomas Münzer und trennt ihn vollends von Stein, über dessen Wirksamkeit jener spezifisch deutsche, mit sittlichem Ernst und souveräner Gelasienheit seltsam vermischte Lebenshumor gebreiter ist. ^chon wegen seiner Humorlosigkeit kann Hitler niemals als Sinnbild des gesamt d 2 u r f £) e n Wesens gelten. Wie anders wirkt Steins Werk und seine Welt auf uns ein! Stein ist stark, wahrend Hitler nur Neurotiker ist. Stein ist T einer, während Hitler nur Redner ist. w:-:m ist Staatsmann, während Hitler nur Agitator ist. Stein ist Grundleger/während Hitler nur Heuer ist. Stein ist der Mann der sittlich verantwortungsvollen Vernunft, während Hitler nur schwärmen kann. Aufklärung wider^ Romantik. Dienst am Volke, das ist dev Llnn der Lebensarbeit unseres '^tein, während Hirler Volk wider Volk treibt. Volksdienst: er verbindet Stein m i t d c m großen Friedrich, er verbindet Srein mit Strese m a n n.