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Central-Verein-Zeitung · 1931-06-19 · 25 (19.6.1931) · p. Seite 315

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
25 (19.6.1931)
Date
1931-06-19
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
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TI 315 LKÄL-L« WIrIct vorästigsiHi! Fachinger Versands teile, Berlin SW1L ScbönebergeT Strasse 16a. Telefon: Lützovr: 8260.61 er habe die Pflicht, als Glied des deutschen Volkes „sich auf sich selbst zu besinnen*. Tenn bei Maß ist das nur eine tönende Phrase.. Vom deutschen Volk ist bei ihm recht selten die Rede. Dem deutschen Volk gilt seine Darstellung gar nicht, beschichte, das bedeutet sür Maß vor allem: Taten von Kaisern, Königen und Fürsten. Sie bestinnnen die Disposition der Darstellung. . Von den Beherrschern des heiligen römischen Reichs deutscher Ration wird nach altfränkischem Brauch auch der schattenhafteste und unbedeutendste pflichtschuldigst^ erwähnt —- ausführlich wird auf die preußischen Könige eingegangen. Unter die Kaiser des Mittelalters werden Zensuren ausgeteilt, gute und schlechte, je nach dem, ob sie „deutsch* oder „undeutsch* waren, ob sie den „nationalen Gedanken* hoch Hielien oder nicht. Friedrich Barbarossa wird 'nachträglich zur Ordnung gerufen, weil er zu ost nach Italien gezogen sei — aber das deutsche Volk, das tritt höchstens als Objekt der großen Politik in Erscheinung; von feinen eigenen großen Leistungen, von den urlebendigen Kräften, die aus seiner eigenen Tiefe hervorquollen, wird, abgesehen vielleicht von der mittelalterlichen Kolonisierung Ostdeutschlands höchstens in ganz spärlichen Notizen, ohne jede Wärme und ohne jede Begeisterung, gesprochen. Bas hört man etwa von der jahrhundertelangen Geistesarbeit des gesamtdeutschen Volles in allen seinen Schichten, das, rezeptiv und produktiv zugleich, indem es immer wieder das gewaltige Erlebnis vom Christentum und Antike auf sich wirken ließ, eine eigene deutsche Kultur schuf, in der sich das Wertvollste aus dem fremden Geistesgut mit den bodenständigen Kräften des Volkstums vermählte? Was hört man von der mittelalterlichen Blute unseres Stüdtewesens, als der deutsche Bürger, in Freiheit auf sich selbst gestellt, unabhängig von Grafen und Fürsten, seine starken polnischen und gemeinschaftsbildenden Fähigkeiten entfalten konnte und in den Mauern seiner Heimatstadt diejenigen Formen menschlichen Zusammenlebens ausbildete, die vorbildlich wurden für den ganzen modernen Staat mit seiner schlagkräftigen Organisation und seinem gegenüber dem Feudalstaat des Mittelalters unendlich erweiterten Aufgabenkreis? — Die dürr und herzlos ist das, was Maß über den Bauernkrieg zu sagen weiß, diesen tragischen, in Strömen von Blut ertränkten Versuch der Mühseligen und Beladenen, ein glanzvoll erneuertes und geeintes Deutsches Reich und in ihm für sich selbst ein menschenwürdiges Dasein zu erkämpfen. Tie Bewegung, deren Führer angeblich auch in ärmsten Volksgeuonen den deutschen Bruder sehen, konnte sich in ihrer reaktionären, obrigkeitsstaattichen Gesinnung nicht besser demaskieren, als durch den lakonischen, cs scheinbar ganz in der Ordnung'findenden Satz, daß die Bauern erliegen mußten, weil sie an sich gesunde Ziele „mit ihren umstürzlerischen Gedanken verquickten*. Schwunglos und ohne jedes Gefühl sür die zu kunstweisende Größe dessen, was damals geschah, ist der dürftige Bericht über den Neubau des preußischen Staats durch die Stein-Hardeubergschen Nesormen: Nach einer Katastrophe ohnegleichen, in der Absolutismus und Diktatur Bankrott gemacht hatten, wagten damals die Negierenden selbst ihre Hoffnung nur noch auf das Volk zu setzen, auf die gewaltige Stärkung und Bereicherung, die dem ^taat aus der verautirortungsvollen und freiwilligen Mitarbeit aller seiner Bürger, ohne Ausnahme, erwachsen mußte. Davon weiß Konrad Maß nichts, von diesem Geiste Eins ErMsMg von Pfssres Nhlhssrr Rabbiner Dr. Arthur Pos n er (kiel) schreibt uns: „In „E. B.-Zeitung* Nr. 23 vom 5. Juni berichtete ich über die Hauptquelle, die mir Pfarrer Ahlhorn für seine von mir in dem ,Offenen Brief' der ,C. V. -Zeitung', Nr. 15, gekennzeichneten judenfeindlichen Verleumdungen genannt hatte. Tie gläubige Benutzung eines Buches wie Meister Judas Schuldbuch zeigt System und Absicht, das war gar nicht zu verkennen. Wie ich es in meinem Offenen Brief' ankündigte, wandte ich mich an die Vorgesetzte Kirche. Ich schrieb am 19. Mai an den Bischof von Osnabrück, Dr. Berning, zu besten Präfektur Schleswig-Holstein gehört, und erhielt am 21. Mai folgende Antwort: »Geehrter Herr Rabbiner! In Erwiderung aus Ihr schreiben vom 19. d. M. teile ich Ihnen mir. daß ich nach dem Grundsatz audiatur et altera pars zunächst von Herrn Pastor Uhlhorn eine Aufklärung über die Angelegenheit eingesorderr habe. Nach Eingang seiner Antwort werde ich Ihnen weitere Nachricht geben. Ergebenst Tr. Berning, Bischof von ' Osnabrück? Eine weitere Antwort aus Osnabrück erhielt ich zwar nicht. Aber Pfarrer Uhlhorn schreibt mir aus Rendsburg unter dem 8. Juni 1931: »Herrn Rabbiner Dr. Posner (Kiel). Der Hochwürdigste Herr Bischos von Osnabrück hat mich beauftragt. Ihnen in seinem Namen auf Ihr Schreiben vom 19. Mai d. F. zu antworten. Ich teile Ihnen nun mit: Das gläubige Judentum bekämpfe ich nicht, wie aus meinem Artikel „Tie jüdische Gefahr* und meinem <rchristwechstek mit Ihnen hervorgeht, aber die Angrijse des liberalen Judentums weise ich nach wie vor energisch zurück. Hochachtend gez. Uhlhorn, Pst' Das letzte Schreiben zeigt natürlich eine gewollte Ablenkung, es ist keine Rechtfertigung und verdreht die wahren Tatsachen. Tenn es ist aus dem beanstandeten Artikel auch nicht im geringsten zu ersehen, inwieweit die Angriffe nur dem liberalen Judentum gelten sollten, ganz abgesehen davon, daß auch das liberale Judentum nichts mit diesen vorgeworjenen Dingen zu tun hat. Derartige ungerechtfertigte Angriffe gegen das Judentum wertem wir immer zurückweisen, einerlei, ob sie das gesetzcstreue oder das liberale Judentum, betreffen. Soviel aber ist klar: der Bi'chm von Osnabrück har das Vorgehen des Pastors nicht gebilligt.^ Pastor Uhlhorn sollte sich em'chn!- digen, aber sein Enuchuldigungsbr:es sackießt wieder eine Anklage in sich.* * Erfreulicher als dieses merkwürdige Schreiben des Herrn Pfarrer U h l h o r r. — merkwürdig deshalb, denn uns ist nicht bekannt, daß jemals das Judentum, auch nicht das liberale, den Katholizismus angegriffen Hüne — sind Ausführungen, die P. Tharc. Paffrath o. F. M. im „Bayrisch-katholischen Kirchenorgaw* macht. Er schreibt dort über die Bedeutung des Alten Testaments und die Versuche, es abzuschassen: „Wer mit jungen Leuten in Berührung kommt und in ihr Denken Einblick gewinnt, findet nicht selten eine heillose Verwirrung bezüglich der^Offenbarung und des Wertes des Alten Testamentes. Mit der Verwerfung des Alten Testamentes ist aber die Verwerfung der gesamten Osienbarung gegeben. Schlecht unterrichtete Christen wollen in Nachahmung sinnloser >-chlügworte um des reinen Christentums willen das Alte Testament verwerten. Das Me Testament ist ihnen infolge ständiger Schmähung und'Verdrehung der Inbegriff jüdischer Falschheit und Gemeinheit, ein rechter »Arier' und Christ und Edelmensch mit Verachtung von sich wirst. Die ungeheure Gedankenlosigkeit, die darin steck-, kommt ihnen nicht zuni Bewußtsein . . . Diese gewaltige religiöse Gefahr liegt für den, der nicht Angen und Ohren verschließt, Jo Aar zutage, daß cs wundernimmt, daß sie nicht längst mehr hervorgehoben und insbesondere, daß sie nicht'längst viel energischer bekämpft wurde.* Wer irägi die Kosten? In einer vor dem Schöffengericht Achim (Pr.) verhandelten Privatklagesache, in welcher dem. jüdischen Angeklagten vom Nationalsozialist: scheu Privatkläger der Vorwuw gemacht wurde, ihn als Friedhofsschänder verdächtigt zu haben, ließ sich der Angeklagte durch einen Br e - nie: jüdischen Anwalt verteidigen. Tie Privatklage wurde abgewiesen, der Angeklagte freigesprochen und dieKosten dem von ememAchimer Anwalt vertretenen Privatktäger auferlegt. Im K o st - n f e st s e h u n g s v e r f a h r e n verlangte der freigesprochene Angeklagte vom Privatklägw auch die Erstattung der Reisekosten seines Anwalts sowie das diesem Anstehende Abhat er keinen Hauch verspürt — ebensowenig wie etwa von dem Geist des Jahres 1848. Kein Wort wird verloren über die Begeisterung und den unendlich großen Idealismus des Parlaments in der Pm.rlskirche, dieser Verkörperung des souverän gewordenen deutschen Volks, ohne dessen machtvolles Einheitsstreben im Revolutionsjahr 1848 cs auch keine Kaiserprotlamatwn von Versailles gegeben hätte, trotz eines Bismarck und trotz der Kanonen von Köuiggratz und Sedan. Wer das deutsche Volk angeblich zurückführen will zu den starken Wurzeln seiner Kraft und dabei auf seiner Wanderung durch die Geschichte achtlos vorübergeht gerade an dem, woran eine notersüllte Gegenwart erst lernen kann, was in diesem deutschen Volk eigentlich steckt — wer das tut, richtet sich selbst. Auch in diesem Sinne ist die Weltgeschichte das Weltgericht. Nationalsozialismus — ein schönes Wort für den, der's recht verstünde. Möge ein gütiges Geschick in unserem Vaterlands einen Geist zur Herrschaft bringen, der erfüllt von ebensoviel sieghaftem Elan wie sittlicher Wärme, wirklich „national* und „sozial*, wirklich getragen ist von der Idee der Volk-gemeinschaft. Das Geschichtswerk, das in diesem Geist geschrieben ist, wird anders ausseheu. Es wird den deutschen Me n s ch e n durch die Jahrbunderte verfolgen, nicht die Herrscherdynastien, sondern die anonymen Millionen, die das deutsche Volk ausmachen, es wird uns miterleben lassen, wie die großen Wendepunkte im deutschen Staatenleben, zum Heil oder zum Unheil, ihr Schicksal formten, aber auch, wie diese Millionen selbst Geschichte machten. Es ward uns weiter schildern, wie die einzelnen Schichten unseres Volks im Lauf der Geschichte auseinander und gegeneinander strebten, wie sich Klüfte aufiaten des Stammes und Standes, des Bluts und des Glaubens, wie aber zu allen Zeiten, gerade in den Tiefen des Voltes, das Sehnen schlummerte, diese Gegensätze zu überbrücken — und nicht nur das Zehnen, sondern auch die Kräfte, dieses Sehnen zu erfüllen, eine brüderliche Gemeinschaft zu "schämen aller derer, aber auch aller ohne parteiische Auslese, die in deutscher Zunge reden und von ganzem Herzen Deutschland ihr Vaterland nennen. Dr. Hermann Funke,

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