Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 25 (19.6.1931)
- Date
- 1931-06-19
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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314 Kur- und Erholungsorten aller Art, und die Preise sind hier kaum höher als im Auslan.de. Wer würde da, schon wegen der Billigkeit der Reise, nicht vorziehcn, im Jnlande Zu bleiben? So spricht die Vernunft. Aber — die H'tz- Politik, die sich heute in vielen Bade- und Bergorten austobt, zerstört die Linie der Vernunft und macht häufig das Natürlichste, Naheliegendste zur Unmöglichkeit. Ter normale Kulturmensch, der gesunde und noch mehr der Kranke, sehnt sich nach Ruhe und will sich nicht die paar Wochen im Freien, die oft die Romantik des ganzen Jahres bilden, durch erbärmlichen politischen Zank vergiften lassen. Für den Juden wird die Erhol'.:ugszeit zum Martyrium, wenn ihn in der freien Natur, in den Gebieten heimatlicher Wälder törichte Menschen mit mittelalterlichem Rassendünkel belästigen. Aber nicht nur der Jude: alle Menschen, die sich in der verworrenen Politik ihre gesunde Natur bewahrt haken — mögen sie politisch denken,^wie sie wollen —, wünschen während der Erholung von allen leidenschaftlichen Kämpfen verschon: zu bleiben. Politik in der Sommerfrische! Gibt es etwas Naturwidrigeres? Wo der Mensch alles Politische abstreifen, mit schlichtes Natnriind sein und die gewaltige Harmonie der Natur in ihrer ganzen Tiefe erfassen will? Und gerade der verfeinerte Kulturmensch, der in der Natur nicht nur körperliche, sonder auch seelische Erfrischung sucht, gerät in Verzweiflung, wenn er sich vom Gespenst der Politik, dem er entrinnen will, verfolgt sieht. Und dazu noch die lärmende, tobende Hehpolitik! Ter brutale Kampf gegen harmlose Menschen, die man gar .nicht kennt — nur ihres Namensktanges oder ihrer Haarfarbe wegen! Kann man sich eine bizarrere Parodie auf die Natur denken? Am schlimmsten steht es in den kleinen Erholungsorten, die ihrer Billigkeit wegen für den Mittelstand in erster Reihe in Betracht kämen; manche von denen sind zu nationalsozialistischen Märkten geworden, wo das Hakenkreuz seine Veitstänze ausjührt. Ich empfahl im vorigen Jahre einer befreundeten Tarne einen wunderschön gelegenen Ort im Thüringer Wald, wo ich vor Jahren glückliche Sommermonate verlebte. Sie schrieb mir, daß der Ort gänzlich verseucht ist und daß sie — als Dame! — von Mißhandlungen bedroht wurde, weil sie einen Zettel mit brutaler Beschimpfung des Judentums vom Maueranschlag entfernt hatte. Die Hotel- und Pensionsbesitzer dieser kleinen Erholungsorte, die als Mittelständler die wirtschaftliche Krise am meisten spüren, und die kleineren Leute, die diese Orte gern besuchen möchten, leiden schwer unter der „Politik" dieser Patentpatrioten, die sich als Freunde des Mittelstandes legitimieren. Sie sollten sich energisch zur Wehr sehen. Ist es nicht eine Kulturschande, daß man es im zwanzigsten Jahrhundert, mitten im hochzivilisierten deutschen Vaterland?, nötig hat, vor der Sommerreise das Verzeichnis des Centralvereins, genau wie den Baedecker, zur Hand zu nehmen, um sich davor zu schützen, daß 'men in einen verhetzten Ort gerät? Und hat man auch einen noch nicht verrückten Ort gewählt, dann muß man häufig genug an Pensionen und Hotels die liebliche Ausschrist „Jüdische Kurgäste verbeten" sehen, oder man begegnet theatralischmilitärisch aufgezogenen Umzügen mit judenfeindlichen Jahnen und Maskeraden, und dann ist es um die Erholungsstimmung geschehen. Was hilft es, daß man uns am Schalter ein reich ausgestattetes Verzeichnis deutscher Bäder gibt, wenn man nicht dafür sorgt, daß diese Bäder nicht zu Stätten des Martyriums für viele Kurgäste werden? Man jagt Tausende mit Gewalt ins Ausland, und zammert dann, daß die schonen deutschen Bäder leer sind! .Und man wirft denen Mangel an Heimatsliebe vor, denen man die heimatlichen Wälder durch die Hetzpolitik verekelt. Ihr, die ihr in Wahrheit ein Herz für den Mittelstand habt und die deutsche Wirtschaft oufbauen und nicht zerstören wollt, sorgt dafür, daß wenigstens in der kurzen Erhotungszeit der politische Burgfrieden in den Bädern gewahrt wird! Vereinig: euch in den Bestrebungen aller vernünftigen und gerechten Menschen, d i e Tie NSTAP. gibt in ihrem Münchener Stammverlag F. Eher eine fortlaufende Schriftenreihe heraus unter dem Titel „Nationalsozialistische Bibliothek". Eröffnet mit einer kommentierten Ausgabe des nationalsozialistischen Programms, hat sie die Ausgabe, in einer großen Dogmatik gleichsam die ganze Ideenwelt der Bewegung zusammenzufassen, auf alle brennenden Fragen der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft die authentische Antwort der Partei zu erteilen. So lautet beispielsweise eins der behandelten Themen „Ter Tawes-Pakt", ein anderes „Nationalsozialismus und Technik", ein drittes — in diesen Blättern bereits besprochenes — „Praktische Kulturarbeit im Tritten Reich", und jedes Bändchen der Sammlung passiert eine strenge parteiamtliche Zensur, ausgeübt durch Gottfried Feder, den vom Parteidikiator Hitler ernannten obersten Richter in allen Fragen der rechten Lehre. Wenn nun in dieser „Nationalsozialistischen Bibliothek" neuerdings eine „Deutsche Geschichte" erschienen ist (Verfasser: Konrad Dt aß) so kann man die Gewißheit haben, daß hier das offizielle Geschichtsbild des Nationalsozialismus niedergelegt ist. Wie hier Tentschlands cchicksalc gesehen und gedeutet sind; genau so sollen sie auch die sechseinhalb Millionen Teutsche sehen und deuten, die von der Hitler-Bewegung ihres Volkes Wiedergeburt erhoffen. Ein Werk wie das von Maß wird man also gewiß mit Interesse zur Hand nehmen. Leider aber ist die erste Feststellung, die der Leser machen muß, die, daß der Verfayer seinen Gegenstand durchaus nicht beherrscht. Freilich sind nur wenige seiner Behauptungen so unverständlich wie jene merkwürdige stelle, an der geschrieben steht, daß „als Stifter der christlichen Religion der Westgoke Illsilas anzuzusehen ist". (*?. 11.) Aber von dilettantischen Fehlern und Ungenauigkeiten wimmelt es. Taß das alte Märchen von der angeblichen Judenfeindschast Bismarcks aufgewärmt wird oder das von der jüdischen Abstammung aller Machthaber in Sowjetrußland, ist nicht einmal das Schlimmste. Ta weiß man wenigstens (eine Entschuldigung liegt darin natürlich nicht), daß bei der Geschichts s ä l s ch u n g eine bestimmte Tendenz im Spiele war, daß der Verfasser es in Wirtlichkeit besser weiß oder es sicher doch bester wisten würde, wenn er nicht in sein Parteidogma verrannt wäre. Nur pure Ignoranz aber — und eine höchst bedauerliche dazu — kann es sein, wenn nicht einmal der Vertrag von Verdun, immerhin eins von dem halben Tutzend Fakten, die das heutige Europa schufen, in seinein Inhalt korrekt wicdergegeben wird. Hier kann der Verfasser kein Jnterepe daran gehabt haben, seinen Lesern die Wahrheit zu verschweigen. Das gilt noch mehr, wenn ihm etwa in seinem knappen Bericht über die Ergebnisse der prähistorischen Forschung mindestens sechs grobe Schnitzer unterlaufen sind, vor die schon ein Blick in das Konversationslexikon ihn bewahrt hätte: So wird die ältere Steinzeit, die man übrigens in einer deutschen Geschichte getrost hätte aus dem Spiele lasten können, gleich um viele Jahrtausende zu spat angesetzt; Germanen soll es in der Eisenzeit noch nicht gegeben haben usw. usw. Tas sind nur wenige Beispiele aus einer großen, großen Fülle, die keineswegs zusammenschrumpft, je mehr sich die Tarstellung der Gegenwart nähert: Tie Grundidee von Luthers berühmter Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation", über die in jeden: kirchengeschichtlichen Schulbuch berichtet wird, hat Maß vollkommen mißverstanden, über das frühere Preußische Herenhaus werden, um Politik der Zersetzung und Verhetz u n g von allen Kurorten Deutschlands fernzuhalten! gleich den Sprung in die neueste Zeit zu tun, durchaus fehlerhafte Angaben gemacht, und der Verfaster weiß sogar unter vielem anderen nicht einmal, wann die Vereinigten Staaten in den Weltkrieg eintraten, und meint, cs lei schon vor der Ernennung Hindenburgs zum Chef der Heeresleitung, also im Jahre 1916 gewesen. Es heißt nicht, den kleinlichen Schulmeister spielen, wenn man auf diese Tinge den Finger legt: Eine Bewegung, die mit solchen Ansprüchen nnrrritt wie der Nationalsozialismus und dabei eine Slümpcrei wie die von Maß mit ihrem Namen deckt, kann nur ans geistigen Hochstaplern bestehen. Oder sollte man von der Partei, die sich rühmt, die Blüte der Nation in ihren Reihen zu vereinigen, nicht verlangen können, daß sie sich für ihr repräsentatives Gescknckstswerk einen Verfasser ans sucht, der wenigstens das kann, was man heute schon von jedem Primaner verlangt, nämlich: von der Forschung längst klargestellte Tatsachen,die aus lausend Veröffentlichungen bekannt sind, und die zudem jeder Fachmann auswendig kennt, wenigstens sauber und fehlerfrei nachzuerzählen? Wichtiger freilich noch als die Exaktheit des äußeren Tatsachenberichts sind die großen leitenden Gesichtspunkte, unter die der Stofs gestellt wird. Welches und die großen Mahmmgen und Forderungen für die Gegenwart, die Maß und mit ihm der Nationalsozialismus aus der Geschichte unseres Volkes herauszuhören behauptet? Tenn nur um ihretwillen wird eine politische Bewegung sich der Geschichte überhaupt zuwenden. Ihre Zahl beträgt sür Maß nur zwei, und noch spärlicher ist ihr Inhalt. Tas eine, was man ans der Geschichte lernen solle, sei, daß das deutsche Volk sich „reinige n" mäste, und zwar reinigen nicht nur von „allen Schlacken fremder Einflüsse", sondern vor allem: sich „reinigen und dann dauernd sreihalten von fremder Blutsmischung". „Fremd" wiederum — das muß man wisten — ist bei Maß säst immer eine Umschreibung sür „jüdisch". Wo ist aber diese geschichtliche Erfahrung, die angeblich gebietet, Hundertrausende von Deutschen, die ihr Vaterland lieben und in unzähligen Fällen diese Liebe durch die Tat bewiesen haben, aus der Volksgemeinschaft auszustoßen? Maß vermag sie natürlich nicht zu nennen; denn die Geschichte hat noch niemals den Wahnsinn gelehrt, sie lehrt stets die Verminst. Was heißt denn das: Tie Inden in Teutschland seien nicht würdig, Deutsche zu sein? Wer einigermaßen klaren Sinucs ist, sür den kann es nur heißen: Tie Geschichte kennt Beispiele, klare und eindeutige, die besagen, daß die deutschen Inden nicht willens oder nicht fähig waren, in jener Schicksalsgemeinschaft, die sich deutsches Volk nennt, ihren Mann zu stehen. Aber daß es solche Beispiele gibt, wagt Maß bei allen seinen gehässigen Aussüllen gegen die sittlichen Qualitäten der Inden nicht einmal ernstlich und geradeheraus zu behaupten, geschweige denn, daß er sie ansührt. Taß also der Geschichtsschreiber der Nationalsozialisten irgend etwas dazu beigetragen habe, um den Hctzcrruf „Juden raus" ans einem Parteidogma zu einem Postulat der historischen Erfahrung zu machen^ wird auch der neutralste Beurteiler nicht behaupten können. Ter zweite Mahnruf, den die Geschichte erhebe, besage, daß das „deutsche Volk sich ans sich selbst besinnen müsse". Tas klingt sehr hübsch. Aber der S. A.-Mann oder sonstige getreue Anbeter des Hakenkreuzes wird sich verzweifelt wenig darunter Vörstetten können, wenn er int Ceschichtswerke seiner Partei liest.