Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 24 (12.6.1931)
- Date
- 1931-06-12
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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304 M Saat Hier gehen nicht Steuerzahler gleichgültig oder erbittert nebeneinander her, sondern hier sorgen Bürger einer Stadt, eines Landes gemeinsam. Die Politischen wie die wirtschaftlichen Folgen dieser Erscheinung stellen sich dem Beobachter, der von außen kommt, durch die Kontrastwirkung gegenüber den Zuständen im Osten und Norden des Reiches als vielleicht zu günstig dar. Aber zahllose Besprechungen bestätigten den ersten Eindruck von der G-esundheit des jüdischen Bevölkerungsteils inmitten einergesunden Umwelt. Tie Querverbindung gleichen Heiinatempfindens läßt auch die schärfsten sachlichen Auseiuandersetzungen ohne den Nachklang persönlicher Gehässigkeit. Ter Stammtisch — der gleiche oder der benachbarte — übt seine wohltuende Wirkung aus. Biele Begleiterscheinungen unserer neuzeitlichen ' Wirtschaftsentwicklung, die man, wenn sie unerfreulich sind, gern als jüdisch bezeichnet, fehlen — und mit ihnen ebenso viele Antriebsgründe des Judenhasses. Sehr gewichtige Stimmen raten dem deutschen Volke zur inneren Kolonisation als dem Ausweg aus der Zeitkrise. Wir deutschen Juden vollbrächten ein gut Stück solcher innerer Kolonisation, wenn wir den Zug in die Großstadt verlangsamten und inmitten unserer überkommenen Umgebung blieben. Wir sind mitunter zu folgsam gegenüber Zeitströmungen, und so mancher Großstädter — eine gcwisie Rückwanderung ist ja bereits zu verzeichnen — sehnt sich wohl wieder nach seiner bescheidenen, sicheren Existenz zurück, die er in irgendeinem kleinen Orte hoffnungssreudig verließ. Die Entwicklung der Technik läßt auch den kleinsten Flecken nicht mehr ohne kulturelle Genüße — also auch diese Erwägung sällt heute fort. * V Tie inneten Probleme des deutschen Judentums und teilweise auch unseres E. V. stellen sich in diesen Gegenden milder dar. Das'viel gebrauche und darum so mißverständliche Wort von der Proletarisierung des deutschen Judentums findet dort seine Bestätigung. Anspruchslose und Zugleich sehr kulturvolle Lebensführung wird innner noch durch die Berufsausübüng getragen. Man muß fleißiger sein als früher, aber man erblickt im Fleiß keine besonders erwähnenswerte Tugend. Die Arbeitslosigkeit ist allgemein geringer als im Reichsdurchschmtt, das entlastet auch. die Gemeinden stark und läßt ihnen Zeit und Mittel für Wetterführung ihrer jüdischen Aufgaben. Im Tempo sieht man kein Kulturmerkmal; auf diesem geschichtedurchtränlten Boden hat man die Muße, Reiseznlen abzuwarten. Darum ist auch das G e n e r a t i o n s p r o b l e m, die Heranführung der jungen Menschen an die Arbeit, ohne die sonst oft zu beachtende Schärft. Tie anteilsmäßige, überall sehr zahlreiche jugendliche Zuhörerschaft bei den Versammlungen des C. V., die L a st a u t o f a h r t der Pfalz-.- BJugendgrupren von Speyer über Landau, stadt, Kaiserslautern nach Saarbrücken zur Bezirks tagung des C. V. und zu einer Arbeitsgemeinschaft „Methodik der politischen Arbeit"' sind bezeichnende Merkmale für den Ernst auch der Jüngeren und für das Empfinden ihres Eingereihtseins in die Kette der Generationen. Gerade die „S.-Ack- Fahrt nach Saarbrücken war eine Bekundung sowohl der unzerstörbaren Verbindung von Ent CfesicMs-lrätmimg aber auch zur Bräunung des ganzen Korpus bei Sonnenbädern verende man die reizmildernde und kühlende Leo-or-FW-Creme. Tube 60 Pf. und 1 Mb Wirksam unterstützt durch Leodor-Edelseise Stück 50 Pf. 2u haben in allen Lhlorodoni-VerkaujsjLelkü. Reich und Saar wie des deutschen Judentums als ewig sich erneuernder Gemeinschaft. * Besondere Aufmerksamkeit wurde dem Angestelltenproblem gewidmet. Tie Struktur- Wandlung der deutschen Wirtschaft mit dem starken Rückgang sebständiger Existenzen berührt besonders das deutsche Judentum als eine bisher im wesentlichen mittelstandlerisch-bürgerliche Schicht in entscheidender Weile. Tie starke Zunahme jüdischer abhängiger Eriftenzcn ohne Aussicht auf die früher übliche Selbständigkeit stellt die um den inneren Gehalt und den äußeren Bestand unserer Gemeinschaft besorgten Organisationen und Menschen vor neue und verantwortungsschwere Aufgaben. Tie C. D. - Jugendgruppen in Karlsruhe und Mannheim bestehen im wesentlichen aus jungen jübischen Angestellten, und eine Stuttgarter Veranstaltung nur für jüdische Angestellte wird hoffentlich im Sinne von Einberusern und Teilnehmern Fortsetzungen finden. Tenn es muß verhütet werden, daß diese oft schwer um ihren Unterhalt kämpfenden jungen Menschen geistig obdachlos werden und dem deutschen Judentum und seiner Arbeit für längere Zeit, ja sogar für die Taner verloren gehen. Innerhalb der Angestelltenschaft selbst regen sich Kräste^die sich ihrer Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft bewußt sind. Ter Centralverein ist zur Fortführung dieser Verbindungen bereit. * Lebensvolle Aufgaben, lebensbejahende Menschen, eine gute Sache — das bleibt von der Reise, vom Sehen, Hören, Sprechen. Und eine starke Freudigkeit stellt sich ein, eine fo breite, geschloffene Front dastehen zu wissen, im Beruhen wie im Kämpfen. Don Hans Herzfelö m MKMN Tie jüdische Jugend Deutschlands steht unter einer doppelten Problematik: Unter der allgemein deutschen, die bei der Krisenhaftigkeit der Zustande immer deutlicher für jeden spürbar wird, und unter der besonderen deutsch-jüdischen Problematik, die sowohl durch die Judensemoschaft wie durch die Tatsache der 3ioinjii|üicn Bewegung ihre besondere Note erhält. Es sind zugleich die Probleme, die den Ausgabenlreis des G. B., der repräsentativen deutsch-jüdischen Vereinigung, beherrschen. Während sich nun der C. D. in seiner Arbeit gegen den Annsemitismus, in Abwehr und Ausklärung, gewiffermaßen in eingesahrenen Bahnen bewegt und unbeirrt von der Ungunst der Zeit ferner Ausgabe gerecht zu werden sucht, ist hinsichtlich der innerjüdischen Fragen keine solch einheitliche Linie spürbar, vielmehr finden wir hier die verschiedenten Meinungen. Don stärkster Betonung;üdl- 'cher Werte bis zum sogenannten Trutzsudenlum chen wir alle Schattierungen reichlich vertreten, und gerade Aussprachen jugendlicher UJicn» -’djen, die den C. D. bejahen, stehen fast auschließlich unter dem Zeichen dieser verschiedenen Betonung des Jüdischem In einer Zeit, in der die religösen Werte nicht mehr als die primären gelten, verschiebt sich leicht die Betonung jüdischer Eigenart vom religiösen aus das kulturelle und gesellschaftliche Gebiet. Man glaubt dann in einer besonderen kulturellen und gesellschaftlichen Seinsweise inmitten der nichtjüdischen Umwelt d:e besondere jüdische Eigenart zu finden und sucht sie nach Kräften zu fördern. Hauptsächlich zwei Grünve führen zu dieser neuen Form des Bekennenzmn Judentum. Entweder ein echtes, m einem elementaren Erleben gewachsenes Neuersanen des jüdischen Seins als Besonderheit — eine Haltung, die in stärkste Nähe zu zwnllNschen Gedankengängen führt, ohne deren „völkische' Konsequenzen mitzumachen. Oder aber ein ^ichzurückgcstoßen-FÜchten von einer judensemolichen Umgebung und eine daraus folgende Be. schränlung auf die eigenen Kreise, in denen man „unter sich" sein kann, also ein freiwilliges Abtreten vom Kampfplatz. Beide Motivreihen kaffen sich im Endergebnis dahin zusammcnfaffen, daß man sich seine menschliche Undemngenheit nicht rauben lassen will und diese Unbefangenheit nur in einem eigenjüdllchen Leven entwickeln können glaubt; folgerichtig will man zur Bildung jüdischer Gruppen mit einem spezifisch jüdischen Milieu schreiten, wobei es im äußeren Ergebnis gleichgültig ist. ob das saubere Motiv einer echten jüdischen Renaissance oder eine Art sreiivilliger Ghettotrred die ausschlaggebende Ursache war. Tenn in jedem Falle erhebt sich der Ruf nach posiNv-jüOrscher Arbeit des E. D. und nach einem stärkeren Hervorheben des jüdischen Elementes in seiner Ideologie. Llbgesehen nun von der Frage, ob der E. B. als eine vornehmlich politisch-rechtliche Organisation überhaupt die Aufgabe hat, eine „Renaissance" des Judentiims in die Wege zu leiten, oder ob nicht — abseits von zionistischen Bestrebungen — andere jüdische Gebilde, wie Gemeinde, Jugendverbände usw., diese Ausgabe als ihre ureigenste betrachten und sich dafür einsetzen müßten, abgesehen davon also besteht vom E. B. aus gesehen in diesem Ruf aus eigenen Reihen nach einem; üoi - schen Milieu eine Gefahr. Gefährdet doch —. genügend zu Ende gedacht — die Bildung eines solchen jüdischen Eigenmilieus die tragende Idee des C. B., die hart erstrittene Emanzipation. Worum man generatwnemang kämpfte und was man schließlich — wenn auch mehr de jure als de facto — erreichte, das setzt man durch ein solches Ausweichen in ein „eigenes" Leben auss >apiel. Es ist ein Irrtum zu glauben, daß sich rn einer vorwiegend irreligiösen Zeit die Mischen Werte verflüchtigen müßten, wenn man das Judentum nur auf den religiösen Glauben basiert und daß deshalb an Stelle der Religion die jüdische Kultur oder Gesellschaft als Werte schaffendes Fundament zu treten habe. Wenn die religiösen Werte auch in ihrem ritischen Kleid im Bewußtsein der meisten Gegenwart Menschen verblaßt sind, so ist doch gerade ow jüdische Religion einer solchen Vergeistigung fähig, daß ihre Wahrheiten auch tn einem „modernen" Bewußtsein aufbewahrt dlclven können, und zwar in Gestalt einer religiös gefärbten Haltung der Tiesseiisbejahung und des Kampfes um Erfüllung des Tresselts mit Geist. Liebe und Gerechtigkeit. Der religiöse Grund — wenn auch nicht im starren Glaubensgewand — bleibt demnach immer der echte Grund eines jüdischen Menschen, und der C. V. tut recht daran, sein Judentum als. e i n vornehmlich religiös und nicht st a m m e s rn ä p r g oder gesellschaftlich bedingtes zu empfinden. Solange dieser Gefühlsgrund selbst bei stärkster Vergeistigung tragsähig genug bleibt, besteht keine Gefahr für den Bestand des Judentinns, das im Gegenteil bei crner völNschen oder gesellschaftlichen Formierung vrel mehr in Gefahr gerät, seinen universellen Charakter und damit seine Eigenart zu verlieren. Wir glauben daher, daß der C. V. aus jedem Grund alle Bestrebungen zurückzuweisen hat. die geeignet und, ein enges Zuscuumenleben mit der nichtjüdischen Unnvelt zu unterbinden. Getreu seinem Bekenntliis zum