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Central-Verein-Zeitung · 1931-06-05 · 23 (5.6.1931) · p. Seite 292

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
23 (5.6.1931)
Date
1931-06-05
Page
Seite 292 (sequence 8)
Language
German
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242 leicht, so sagt der Arzt, die großen geschichtlichen Katastrophe::. Krieg, Revolution. Bölkermllergang im Zusammenhang mit dem Einbruch von Neurosen? Durch Etzel Andergast tritt Dr. Kerkhoven mit der Jugend in Verbindung. Der zwanzigjährige Etzel lacht fclbf: über die neue Mode, die der Minderjährigkeit als solcher einen Vorrang zucrkennt. Wunderlich, daß es Jungen?- gibt, die solchen Quatsch mitmachen! Und die Alten, die jedem Buben nach dem Munde reden, rnüsten ein schlechtes Gewiyen haben! Kcrkhovcn erkennt die große Gefahr in d-cm Lchwinden der Ehrfurcht, in dem wachsenden Mißtrauen gegen alle geschichtlichen Institutionen. Aber er sieht klar die Ursachen und das Wenn der Krankheit: sie ist eine verschlagene Sehnsucht nach Gehorsam und Befehl, ansteckend, verheerend, schlimmer als die asiatisch Pest, ihr äußeres Kennzeichen ist der Haß, der alle Bindungen löst, ihre größte Gefahr, daß ihr am widerstandslosesten die Jugend erliegt. Nie noch wurde tiefer in die Hintergründe der politischen und sozialen Wandlungen geleuchtet, in denen unsere Zeit begriffen ist. Ter Arzt Kcrkhoven versucht die Heilung. Die Erweckung der Phantasie steht in: Vordergrund der Methode, die aus Loyolas Ordensregeln zurückgreiit. Hier bleibt uns der Dichter aus manche Frage die Antwort schuldig, di? vielleicht der dritte Baud der Reihe geben wird. Auch das Gerecht: gkeitöproblem, das große . Thema des „Falles Mauritius", klingt wieder an. Die Alten sind abgestumpft gegen die Forderung nach Gerechtigkeit, sie kommt ihnen unreif vor, die Jugend stellt sie von neuem, was hat sonst „der ganze Klamauk für einen Sinn?" Nus den Gesichtern der Altersgenossen grinst Etzel die Bereitschaft entgegen, ein 'schock und sich selbst dazu für ein Linsengericht zu verkaufen. Was ist das für ein Geschlecht? Was ist das für eine Epoche? In der Kameradschaft sucht er die Rettung. Wie ist sie möglich in einer Zeit, da alles besetzt ist, um jeden Platz bis aufs Mesier gekämpft wird? Tie Jugend will die Welt ändern. Aber wie? Mit dem Leincnkittel, der Lcderweste und dem Brotbeutel allein könnt ihr keine neue Menschheit schaffen. Noch weniger mit den politischen Phrasen, .^örecht Ihr nicht mit der Politik, so Zerbricht sie Euch!" Die Entwicklung der seltsamen Typen erleben wir mit, die diese llebergangszeit gebiert, jener Abenteurernatur, die vom Baltikumer und Kappistcn zum Separatisten, dann zum Geheimbündler, schließlich zum Kommunisten wird, inuner vom Mut zum Extremen erfüllt, jenes Politikers, der im Verein deutscher Studenten beginnt, dann Nationalsozialer, radikaler Sozialist, Monist und freireligiöser Prediger wird, kurz vor dem Krieg Alldeutscher, nach ihm Kommunist und schließlich völkischer Manderredner. Wir sehen die bürgerliche Familie in der Auslösung, in die Wohnung der Deklassierten werden wir geführt, abgebauter Beamter, ruiwerter Adliger und Kaufleute, Stätten der Not, die schlimmer und ergreifender als die Massenquartwre des Elends sind. Gelegentlich, ganz in Parenthese, wird das jüdische Problem berührt. Die verwirrende Nasienfrage: der junge Abenteurer sieht aus wie der Gott aus der nordischen Sage, und die Mutter seines Vaters war Jüdin. Der jüdische Akademiker erschießt sich, als er, der als Freiwilliger den ganzen Krieg mitgemacht und viele- Auszeichnungen erhalten hat, von seiner studentischen Verbindung, weil er Jude ist,- auZgeschlosicn wird. Etzel begreift nicht. „Weil sie sich bester oder vornehmer dünken, soll ich mich umbringen? Damit liefere ich bcd) keinen. Ebcnbürtigkeitsbcweis!" Allmählich erjt fühlt er sich ein in Jene Erschütterung des Selbstbewußtseins, in jene vergeblichen, unaufhörlichen, erniedrigerwen Kämpfe, in das unsagbare, ungesühnte Unrecht. Er diskutiert mit dem Nationalisten, der, ohne Juden zu kennen, sie für das tödliche Eist im nationalen Körper erklärt; er erkennt, daß solcher Irrwahn, cnB echter Verzweiflung geboren, aus echter Ueberzeugung genährt, mit Gründen nicht Zu bekämpfen ist. Er steht vor zugesrvrenen: Terrain, aus besten Grund man nicht gelangen kann. Bluwolle Menschen stellt Wanermam: vor uns hin, in den Männern wie in den Frauen, die sie verbinden und trennen. Ein Aeitkritiker nicht nur, ein Zeitgestaller. In seltsamen Bann schlagt uns das Buch, hält uns in einer ungelösten SMmnng, die nicht nur von diesen mcrkwürdigcn Menschenschicksalen ausgeht, mehr noch von dem eigenartigen geistigen Geschehen, mit den: Jacob Wassermann die Lessingstraße und, im Norden, die Müllerstraße und die Nürnberger Straße und viele uns vertraute Stätten des Alltags füllt. Das Buch ist aus tiefster Sorge geboren, aus jener schw-eren Stimmung, der Heinrich Heine die Morte gegeben hat: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebrecht." Es ist die große Auseinandersetzung des Deutschen mit den deutschen Lebensfragen der Gegenwart. Zur Tagung berKank-GefeMaft in Salle (27. und 28.3R«l &J.) In einer Zeit erbitterter politischer und wirtschaftlicher Kampfe ist der Centralverein gezwungen, seine Hauptkräfte gegen die Angriffe einzusetzen, mit dnwn eine Pl)alanx fanatischer Gegner die deutschen Juden überschüttet. Nebcr der aufreibenden Abwchrarbeit hat er aber nie vergehen und darf er me vergessen, daß ferne Beleidigung letzhin den Kulturgütern gilt, von denen die deutschen Juden auszuschließer: haßerfüllte Feinde sich zun: Ziel gefetzt haben. Für das Interesse an dieser: Kulturgütern legen zahlreiche Beiträge der „C. D.-f Zeitung" und die Zeitschrift „Der Morgen" in ihrer Ganzheit Zeugnis ab. und aus solcher Gesinnung glaubt die Schriftteitung enief) der Tagung der Kant-Gesellschaft ihre Aufmerksamkeit zuwenden zu sollen. Schon die Tatsache des Bestandes mid des Wirkens einer Tmgcnde von Mitglieder:: zählenden philosophisch?:: (Gesellschaft, die neben Fachphilosophen Angehörige der gebildeten Stände aus den verschiedensten Bernsen, namentlich auch Lehrer, Geistliche und Beamte, umfaßt unD ihrer Hauptorganisation nodj zahlreicl)e für die Einführung in die Philosophie bestimmte Ortsgruppe:: angliedert — schon die Tatsache einer solchen über alle Erdtelle sich erstreckenden, durch den Namen Kants geeinigten philosophischen Gesellschaft ist .von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Denn ijfe] (lik] l -jfelü'g:. j-'' wenn sich hier Persönlichkeiten über alle äußerlich trennenden Sck)ra:cken hinweg zu gemein* sanwr Kulturarbeit verbinden, so besäet dies viel rmchr als die Jnternationalitär der Technik oder nnzelivisseuschasrlicher, etwa naturwissenschaftlicher, Forschung. Die Philosophie packt denMenschen viel innerlicher und tiefer. Sie fragt nach dem Sinn unseres Daseins, noch der Bestimmung des Menschen; sie umschließt hierin die Fragen nach dem Sinn des Staates und der Gesell'fchaft, und diese Fragen muß sie ihrem Wesen nach in reinem Wahrheitssireben und mit dem Blick auf die Verwirklichung einer idealen, gerechten Ordnung in gewistenhafter Rechenschaftsablegling über jeden Schrill, den sie tut, lösen. Sie steht hiermit in: schärfste:: Gegensatz zn aller demagogischen Verwirrung des Urteils, die wir alltäglich schaudernd erleben. Sie entzieht sich aber auch nicht ihrer Zeit; sie ist eine Selbstbesinnung jeder Gegenwart über sich selbst, eine Selbstrerständigung mit deren Fühlen und Wollen und zugleich ein Richtung geben dafür. Für die jüngste Tagung der Kant-Gesellschaft war nun ausdrücklcklich „Die Wendung der Philosophie der G e g e n w a 11 zu Ontologie und Realismus" als Gegenstand gewählt und als Hauptredner der Ordinarius der Berliner Universität, Nicolai Hart mann, eurer der glänzendsten Vertreter der zu dieser Wendung sich bekennenden Philosophie^ gewonnen worden; mehr als zwanzig DiskmstonscednEr, auch aus dem Auslande (Holland, Belgien, Japan), schlossen sich ihm an. Aus den: an subtile Probleme anknnpser.de:: Vortrag lasten sich als wichtigste Tendenzen diese her^ vorheben: Hartmann sieht das, wes der'Philosophie unserer Zeit nottut urd wesentlich ist, in den: Drang nach lebendiger Wirklichkeit, im Gegensatz zu aller Wellslucht. In solcher Philosophie aus dem Leben und für das Leben aber findet Harünann — wie er in einer Fülle die Zuhörer mitreißender Beispiele darlegte — unsere innerliche Beziehung aus die Wirklichkeit, nicht in der Erkenntnis, sondern in unfern: gefühlsmäßigen Aufsieangewiesensein, in den „emotional-transzendenten Akten", in der Schicksalhastigkeit unseres Daseins, in welchem die roikuation uns überfällt und uns zum Handeln, also gewissermaße:: zur Freiheit 'zwingt. Der gesteigerte Lebenshunger und die Ausgewühltheit unsrer Zeit wiestms in ihr mächtige Gefühl der SchicksalsgebunLenheit finden in solcher Philosophie in der Tat ihren Ausdruck; diese Philosophie selbst aber hat die Aufgabe, gerade die verworrene Erregtheit zu klären und sie von ihren Schlacker: zu reinigen. In der Diskussion, die auf bedeutender Höhe sich bewegte, wurde der Wendung zum „Ytealisums" mehr Zustimmung zuteil, als der zum Emotionale::, aber es wurde:: auch de::: Nealisnrus, besonders mit Berufung auf Kant, idealistische Thesen entgegengestellt, rmo auch Fundamente der Hartmannschen Untersuchungen bezweifelt. Zun: Eingehen auch nur auf die allgemeiner Verständlichkeit zugänglick^n Motive fehlt jedoch hier t>er Raun:. Bei allen Gegensätzen gestaltete Heu erschienen i OaSTAEmt) eßUC3C38R Kl ORB JSläQUU (DES E-2 G K E f 3) es. SO Seiten - Kartoniert M. 2,—. Das »Berliner Tageblatt“ schreibt: 8Wer Ohren, hat, der höre! Die Tatsachen des gegenwärtigen Lebens in Deutschland, die Miasmen dieser Zeit, sind nie treffender, schärfer, einfacher gezeigt worden. Das dringendste Kapitel dieses kleinen, unerhört gedankenreichen und sprachgewalti£en Baches behandelt den Judenhass, den jadenwahn, den Brnnner anf eine geradezu mörderische \ Weise — und man darf nicht anders mehr als mit I dem Hammer philosophieren — mit dem Hexenwahn [ des Mittelalters parallelisiert- L. H. [ GUSTBV KIEPEI1IIEI IER VERLUD, BERUH.

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