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Central-Verein-Zeitung · 1931-06-05 · 23 (5.6.1931) · p. Seite 291

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
23 (5.6.1931)
Date
1931-06-05
Page
Seite 291 (sequence 7)
Language
German
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2?r Das Oesondlieilsv/asser! Fachinger Versandstelle, Berlin S\Yll ßohöneberger Strasse 16a. Telefon: Lützo\r: 6260,61. ein Hindernis, ba die heutige jüdische Jugend in dem Bestreben, irgendein außerreligwses Judentum aufzubauen, nationaljüoischen Ge- Vankengängen nahekomme. Dies führe ab vom Wege der Emanzipation, die noch lange nicht, wie viele meinten, zu Ende sei, sondern unserer aktiven Mitarbeit, nicht zuletzt der Arbeit an uns selbst bedürfe. Dem Centraloerein, be- Jonders aber seiner Jugend, zeige Brunner die Aufgabe: Vollendung der Emanzipation durch Selbstemanzipation. die überhaupt erst die wirkliche Emanzipation möglich mache. Dr. Luöwig Holländer, der an dieser Stelle in die DiZkusston eingriff, nicht um zu Brunners Theorie Stellung zu nehmen, sondern lediglich um „einige Angelpunkte seines D-enkens" aufzuzeigen, bekannte zunächst, eine wie große B-edeutung seiner Ueberzeugung nach das Denken dieser reinen und großen Persönlichkeit für. alle diejenigen haben müßte, die sich mit jüdischen Fragen beschäftigen. Er schilderte Brunner als einen Mann, der aber bei aller Reinheit seiner Gesinnung leicht übertreibe. Wenn Brunner z. B. behaupte, das Unglück der Juden stamme aus ihrer Selbstabsonderung, so sei es von ihm natürlich nicht so gemeint, daß er alles Uebel nur davon herleite, sondern er wolle damit sagen, daß diese Selbstabsonderung außerordentlich bedenklich und gefährlich sei. Auch fei es durchaus nicht so, daß Brunner jüdisches Volkstum und jüdische Religion gleichsetze. Wenn der Centralverein für die Erhaltung der jüdischen Religion eintrele, so wisse er sehr wohl, daß er in der jüdischen Religiosität eines der großartigsten Güter der menschlichen Gesellschaft und ein Heiligtum von Millionen von Menschen bewahre. Es sei doch so, daß Brunner die Schicksalsfrage an die Juden gestellt habe, die Frage nach der Erhaltung des Judentums. Trotz der scharfen Angriffe Brunners gegen den „Aberglauben" der Juden gäbe es nur eine einzige Garantie für die Erhaltung der ewigen Werte des Judentums, nämlich die Religion. Der Redner kann sich keinen Sinn des Judentums vorstellen, der aus das Religiöse verzichtet. Ter unreligiöse Jude müpe notwendig über lang oder kurz vom Judentum abfallen, namentlich auch dann, wenn er andere Werte wie beispielsweise den nationalen im Judentum suche. Wenn man das Schma' Jisroel dem Judentum nehme, so bleibe gar nichts übrig. Eonstantm Vrurmer, der das „Höre Israel" zugleich freilich mit einem „Höre Nicht-Israel" dem Judentum und der nuhtjüdischen Welt zuruse, sei ein ernster Mahner zur Einkehr. Dr. H. Stern suchte anschließend in seiner Diskussionsbemerkung die Tendenz der Brunnerschen Judenpolitil klar und eindeutig herzu stellen. Wenn nach Brunner der Judenhaß im Dasein der Juden, nicht also in einem irgendwie gearteten Sosein seine Wurzeln habe, und wenn Brunner demgemäß die Aufgabe alles dessen verlange, Waden Juden zum Juden mache, so könne man dieser Logikdie Konsequenz nicht absprechen. Aber man müsse sich auch der letzten Konsequenz bewußt sein: Am Ende der Drurmerschen Deduktion stehen Taufe und Mischehe, die Auflösung des Judentums schlechthin. Brunner führe aus dem Judentum heraus, darüber könne kein Zweifelt sein. Der letzte Redner des Tages, Dr. Mauritus Rahn, ging davon aus, daß wesentlicher als eine philosophische Theorie, wie sie bei Brunner vorliege, eine soziologische Betrachtung der geaenwänigen Lage der Juden sei. Die wirklichen Röte, namentlich auch die wirffchaftlichen, seien bedrohlicher als die Unklarheiten über die Möglichkeit der Erhaltung der jüdischen Werte. Nicht darum handele sich, die Werte des Judentums zu erhallen, soirdern das Sein der Juden zu bejahen. Der Rwner unterschied zwischen Religiosität und Religion, die im Verlaufe der Diskussion immer wieder durcheinandergebracht worden seien. Während es richtig wäre, zu meinen, daß nahezu alle Menschen Religiosität besäßen, müsse für die jüngere Generation der deutschen Juden sestgestellt werden, daß sie eine Gebundenheit in Konfession und Religion nicht kenne. Das Problem der Erhaltung des Judentums sei das Problem, wie diese säkularisierten Juden in die Mische Gemeinschaft eingeordnet werden können. Das könne nach Meinung des Redners nur dadurch geschehen, daß man eine rein politische Organisation als Willensträgerin dieser Gemeinschaft schaffe, und so sehr der Centralverem Anspruch auf die politische Führung des deutschen Judentums' mit Recht erhebe, so wenig könne er der Seelsorger der deutschen Juden sein. In einem kurzen Schlußwort, in dem er die Bedeutung der Anregungen des Referats, und der Aussprache nochmals unterstrich, schloß Dr. Holländer die bis weit nach Mitternacht dauernde Auseinandersetzung. DieVerlinerLI.-Frauet im,Img der §rcm" Die Berliner Frauengruppen des C. B. hatten zu einem Nachmittag in der Berliner Bauausstellung eingeladen. Mehrere Hundert unserer Freunds waren dem Rufe gefolgt und wurden unter sachkundiger Leitung von Dipll-Jng. Ilse Bloch, Dipl.- Ing. Richard Bloch, Dipl.-Jng. G r o w a l d und Profepor Eugen Wölbe durch die interessante Ausstellung geführt. Dann versammelte man sich in dem von Professor Peter Behrens geschaffenen Haus „Ring der Frau" zu einer Kundgebung, die der Komponist Dr. Richard Hirsch mit einem Klaviervortrage aus ,Lohengrin" eiuleitete. Johanna M e h e r trug mit bekannter Meisterschaft das „Deutschlandlied" von Julius Bab und die „Friedhofsinschrift" von Alfred Kerr vor und las dann die Unterhaltung über die Judenfrage aus Wassermanns „Etzel Andergast"; sie schloß mit dem packenden „Judenlied". Dr. Richard Hirsch hatte es als Melodram in Musik gesetzt, es gelangte hier zum ersten Male zu Gehör. Diese ergreifenden künstlerischen Darbietungen wurden mit starkem Beifall belohnt. Darauf ermahnte der Direktor des G. B., Dr. Ludwig Holländer, die vielen C. D.-Freunde in eindringlichen Worten, zu der sittlichen Stärke und Selbstbehauptung zurückzufinden, die dem deutschen Judentum stets eigen gewesen seien. Die deutschen Juden hätten einen großen Fehler begangen, als sie glaubten, durch ihr Dasein allein und durch den Ethos ihrer Gemeinschaft die alte Abneigung zum Schwinden zu bringen. Sie hätten aber nicht mit dem Du des Anderen gerechnet, der von Kindheit auf mit Haß und Abneigung großgezogen »nerde. Man müsse in die Seele bc* Anderen einen Einblick zu gewinnen suchen und erwägen, wie man gegenseitig segensreich aufeinander wirken könne, Notwendig sei der Zusammenschluß aller Gleichgesinnten zu einer starken Willensgemeinschast Margarete Fried, die Leiterin der Berliner C. B.-Frauengruppen, dankte bcn Mitwirkenden und forderte alle auf deutschjüdischem Boden stehenden Frauen aus, sich zu gemeinsamer Arbeit im C. V. zusammenzusinden. M. H. « MWMß..Gel »rooff* Bon Dr. Ernst Feder Wie in ein zerklüftetes, zerrissenes Hochgebirge läßt uns Wanermanns jüngster Roman blicken: in die alte Zeit, den Zusammenbruch, die neue Zeit, die neue Jugend, ihre Ansprüche, ihre Krankheit, die Heilung-Möglichkeiten. Spannende Einzelsch'.cksale tun sich vor uns aus. Es wird sogleich ersichtlich, es wird auch ausdrücklich gesagt, daß alles das symbolisches Geschehen ist, verflochten mit dem Leben der Epoche selbst, mit dem, was Wa'wrmann die innere Ge-'chichte der Menschheit nennt. Wir sind hineingestellt in den Kampf Teutswlands um seine Eristenz. das Ringen ter Naiion um ihr Leben. Aber es geht dabei nicht um Reparationen, Wirtschastsnot, Arbeitslosigkeit, Krise des Kapitalismus. Alle diese Wolken stehen drohend im Hintergrund, eigentliches Tbema des großen Werkes ist das innere Leben, ist, um ein altmodisches Wort .zu gebrauchen, de: Kampf um die deutsche Seele. Die erste Formation des wie ein mächtiges Gebirge aus vielen Gesteinsarten gebildeten Werkes ist die letzte Vorkriegszeit, ist das Ringen des Jrlen, der. aus Afrika zurückkommend, (ahnlich wie Rackes Abu Telfan). frisch und ursprünglich aus die deutschen Tinge steht, die deutsche Krankheit besser als die berufenen Aerzte erkennt, Don Jahr zu Jahr steigt seine Sorge um das Land, seine Befürchtung ob der Krankheit, die ans Leben greift, die, weil -Deutschland das Herzrolk Europas ist, zur Krankheit Europas wird und alles in Frage stellt. Er erwähnt e'm Ge'präch mit Theodor Mommsen — wie ein Vermächtnis an jene Epoche des liberalen Humanismus, der. in einer Reihe erlesener Geister lebendig, nicht die Kraft besaß, Deutschland nach seinem Bilde zu formen. Jrlen sammelt einen Kreis junger Menschen um sich, geistiger Wahloerwandter, dem er das mitteilen will, was er sein Dor-Wissen nennt. Er bleibt nicht beim Philosophieren. Er sucht die Praktische Arbeit, drinnen und draußen. Er wird zur fühlenden Stellung im wichtigsten Konzern der Schwerindustrie berufen, sucht die Versöhnung zwischen Hochkapitalismus und sozialer Pflicht. Er scheitert, weil der Unternehmer stirbt und der Erbe das Wer? des Vaters Erschlägt, jeder sozialen Verpflichtung gegenüber seinen Mitarbeitern hohnlacht: Entschädigen? Er denke nicht daran, er halte kein Greisenasyl. Mit tiefste: Sorge, wie drinnen so selbstmörderische Verantwortungslosigkeit des Groß- Kapitals, erfüll: ihn draußen die Politische Beunruhigung, die Verfinsterung, die sich über ganz Europa breitet. Er reist nach England, den Krieg Zu verhindern. Man denkt an die Reise Dallins. Eine hallte Nacht sitzt er bei Lord Haldane, mitten im Depefchensturm, das Eraebnis ist gleich null. Er stirbt. Zwanzig Jahre lang hat er Brücken gebaut. Umsonst. Und doch fühlt und weiß er hinter allen diesen sich befehdenden und zerstörenden Nationalismen das eine Europa. .Die dem Tode Geweihten grüßen dich, Europa." Kerkhoven, der seltsame, große Arzt, der durch die Berührung mit Jrlen sich selbst gefunden hat, wird sein geistiger Erlx, sein Ersüller in gewmem Sinn. Er wieder, Kerkhoven. löst Etzel Rudergast. den Titelhelden, den aus dem „Fall Mauritius" uns schon Vertrauten, aus Verwirrung u:ü> Finsternis. Wie haben die vierzehn Jahre von 1914 bis 1923 das Bild der Menschheit verändert! Zunächst die Monate vom November 1918 bis Februar 1919 — für Kerkhoven gleichen sie dem finiteren Durchlaß zwischen zwei Straßen, einer verwüsteten, auf der es nicht weitergeht, und einer neuen, die erst gefunden werden muß. Allgemeine Katastrophe und persönlicher Zusammenbruch zugleich. Und dann? Kommt die Genesung? Die Krankheit bleibt, eine Masienerkrankung. Es ist wie eine Eiterung im Volkskörper, ein kreossges Geschwür. Mehr: eine kosmische Störung. Wie früher die Pest, das gelbe Freder, wütet jetzt die Krankheit des Gemüts, Seelenseuche, Willenszerspaltung. Stehen viek-

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