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Central-Verein-Zeitung · 1931-06-05 · 23 (5.6.1931) · p. Seite 290

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
23 (5.6.1931)
Date
1931-06-05
Page
Seite 290 (sequence 6)
Language
German
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MWU 11 nt) wiederum rnißhören sie, daß der Seist des Judentums durch meine Zurrte redet . . . (Brunner: „Höre Israel — Höre Nicht-Israel', Berlin 193b.) Das Erscheinen der neuen Schrift von Eonstantin Brunner „Höre Israel — Höre Nicht- Israel" gab Veranlagung zu einer politischen Aussprache in der von den verschiedensten Seiten her zu den seit mehr als einem Jahrzehnt immer wieder und neuerdings mit bemerkenswerter Scharfe erhobenen Forderungen Constantin Brunners an die Juden und die Nichtjuden Stellung genommen werden sollte. Rechtsanwalt vr. §ritz Hlankenfelö hielt das Hauptrefera! des Abends, indem er nach einem Ilmriß der ganzen Lehre Brunners im einzelnen ans önmners Forderungen Zur juSrschen Politik einging. Tenn Brunner habe neben seinem philosophischen Hauptwerk „Tie Lehre von den Geistigen und vom Volke" eine Reihe von Büchern der Judensache gewidmet, die einen großen Teil seiner Lebensarbeit umsa-ww Das große Werk über den „Judenhaß und die Juden"' (Verlag Oesterheld L Co., Berlin 1919), die Schrift „Memscheleth Sadon" (Verlag Neues Vaterland E. Berger, Berlin 1920), das im vorigen Jahre erschienene Buch „Don den Pflichten der Juden und von den Pflichten des Staates", und das ihm nach kaum Jahresfrist folgende, soeben ausgeaebene „Höre Israel — Höre Nicht-Israel (Tie Hexen)", (die leiden letzten bei Gustav Kiepenheuer, Berlin), geben beredtes Zeugnis von dein Umfang und der Intensität von Brrmners Arbeit an der Judenfrage. Ter Judenhaß schien etwas Einmaliges, Unerklärliches. eine Sphinx, die die Juden mit rätselvoller Undurchdringlichkeit bannte. Erst Brunner hat den Antisemitismus aus der allgemeinen Menschenpsychologie. als Einzelmll des Menschenhastes, verständlich gemacht und dargetan, wie die besondere geschichtliche und soziale Lage der Juden einen günstigen Gclegenheitsanlaß für Luge und Verleumdung daröot. Alle seine Werke zur Judenfrage sind die stärkste Kundgebung gegen den Judenhaß; insbesondere das letzte, das in dem zweiten Teil eine Parallele zwischen dein Judenwahn und dem Herrenwahn bringt, die wie eine neue Apokalypse wirkt. Aber als Politiker wendet sich Brunner auch an die Juden mit Forderungen, und .zwar insbesondere in dcm Werk über die Pflichten. Gewiß sind die Juden nicht die Ursache des Judenhass, sondern nur Anlaß für die Auswirkung des immerwährenden Merrschenhastes. Aber sie sind sich selbst die Einsicht schuldig, daß sie diesen Gelegenheitsanlaß immer noch darbieten, solange sie von ihrer geschichtlichen Hauptsünde nicht lassen wollen: von ihrem Separatismus gegenüber den Völkern. Diese Separation, in die sich die Juden nach Verlust von Land und Staat als Dolk-Nichtmehrvolk durch Festhalten an dem in ihre Religion eingebauten Nationalismus begaben, ist eine Sünde wider das eigene Leben. Mit demGhettofluch zweierJahrtausende wurde ihr gelvolltes Absendern bestraft, und kein Messias erschien, sie in das Phantasieland Palästina zrrrückzusühren. Das Wunder aber, das ihnen geschah. das Wunder der Emanzipation und ihren geschichtlichen Sinn begriffen die Juden nicht — sonst Härten sie sofort die Gebete um Wiederherstellung der jüdischen Nation und um den Wiederaufbau Jerusalems gestrichen und auch ihren, ihnen zum Fluch gewordenen Namen „Juden" aufgeben müssen. Sie aber hielten sich weiter in der Absonderung, durch vieles andere noch als durch ihre Religion und zogen damit znxmgläusig als „die Anderen" von neuern Haß, Lüge, Bedrohung lind Gefahren auf sich. Ja, sie reagierten, auf Ranenhaß und Natwnalchauvinismus wie Angesteckte mit dem Zionismus. Tie Forderung, die aus solchem Verhalten der Juden an sie zu stellen ist, sieht Brunner darin, daß sie zunächst einmal selbst begreifen müßten, daß das Judemmglück aus der Selhsmb sonder un g der Juden seine Herkunft hat. llnd sie müsien darum unter Einsatz aller Willenskräfte die Fortführung der Emanzipation durch Selbstemanzipation betreiben. Es ist widersinnig, wenn die Juden die Apimilation fürchten. Sie müssen in ihr das Gebot des Lebens sehen mib hoffen, daß sie gelingt, und vor allem rnüpen sie allen Absonderungsbestrebungen, zuvörderst dem Zionismus, mir klarer Entschiedenheit entgegentreten und entgeaenarbeiten. Ter Ccntralverein darf dem Zionismus auch aus Rücksichten des religiösen Judentums nicht entgcgenkommen; vielmehr sollte er vom Zionismus die vollständige Trennung der Religion und der Pilitik lernen und prinzipiell auch für sich anerkennen. Die jüdische Religion als Jntcrege geistiger Art hat mit dem politischen Lebenskampf der Juden nichts zu tun, vor allem dürfen die Rücksichten aus sie nicht die Politische Aktionsfähigkeit der Juden hemmen. Der Centrclverein, die politische Führung der Deutschen jüdischer Abstammung, erhält mit einem Judentum, soweit es nicht jüdische Religion, also jüdisches Volkstum ist, nur der Juden Unglück. Vor Beginn des Vortrages halte Dr. Ludwig Holländer, der sein Haus für diese Aussprache zur Verfügung gestellt hatte, in kurzen einleitenden Worten geschildert, einen wie großen Eindruck die Persönlichkeit Eonstunün Brunners aus ihn gemacht habe. Bei aller Kritik, die man den Anschauungen Brunners entgegenbringen müsie, sei doch anzuerkennen, daß hier ein feuriger Geist am Werke ist, der mit prophetischem Pathos jedem etwas zu sagen wipe. Insonderheit sei die Aufsasiung von der Begründung alles menschlichen . Tuns und Denkens durch den Egoismus eine grundsätzliche Einsicht von weittragendster Bedeutung. Man könne auch an der Lehre Brunners nicht vorübergehen, die die Urteile, welche die Memchen im allgemeinen hegen, als lediglich aus ihrem persönlichen Interesse geboren kennzeichnet. Wenn es gelänge, den Menschen beizubringen, daß sie ihre Urteile und ihre Werttmgen nicht aus Egoismus und nicht aus Leidenschaften heraus bilden sollten, so würde damit in außerordentlichem Maße der innere riede besiegelt sein. Tie Auffassungen, die runner in bezug auf jüdische Tinge vertrete, würden vielen fremdartig sein, rmd doch geben sie gerade denen, die Genaueres wüßten, Anlaß zu weitgehendster Selbstprüfung, gleichviel ob man sie übernehme oder scharf ablchne. die Bussprache. Als erster Diskussionsredner sprach Naöblner vc. Löwenstamm (Spanöaul sich gegen Brunner aus. Schon der jüdische Lebensinstinkt sage uns, daß wir die Gedankengange des Vrunnerschen Buches „Von den Pflichten . . ." ablehnen müßten. Es sei alles zu kompliziert, als daß es aus einem Prinzip begriffen iuerbcn könnte, und wir wüßten heute insbesondere, daß man mit rationalistischer Vereinfachung weder das Leben des einzelnen, noch das der Ernppenerscheinungen erklären könne. Ebensowenig ließe sich der jüdische Lebensthpus, wie wir ihn alle heute kennten, aus einer theoretischen Formet heraus begreifen, und auch der Antisemitismus könne nicht auf die von Brunner gewollte Formel „der Andere,^ also der Schlechte" gebracht werden. Bewußt oder unbewußt stelle das Leben des jüdischen Menschen immer ein eigentümliches Verhältnis von Mensch und Gott im monotheistischen Sinne dar. Es sei schwer zu glauben', daß es jemals im Judentum einen wahren Atheisten gegeben habe. Immer seien in der Tiefe dar jüdischen ^eele gleichsam monotheistische Rückstände rege, aus denen heraus der jüdische Mensch das Leben ansehe und sein Verhältnis zu den Mitmenschen gestalte. Auch Brunner selbst komme aus dieser jüdischen seelischen Haltung nicht heraus. und trenn er sich auch als e.xjuctaeuä et atheista bezeichne, so sei in seinem ganzen Kampf gegen die Feinde des Judentums und in dem, was er als dein wahren Judentum feindlich bei den Juden selbst ansehe, eine heimliche Liebe zum Judentum. Jede heimliche Liebe aber sei eine unglückliche Liebe, und das kennzeichne pstchologisch die Art der Brumwrschen Philosophie über das Judentum. Er habe rine entgegengesetzte Entwicklung wie Hermann Cohen durchgemacht, der von einem Standpunkt, der dem Brunnerscheu nicht unähnlich war, den Weg zurückgesunden habe 5u stärkster Bejahung seines Judentums. Niemals würden wir die Selbstpreisgabe billigen oder gar vollziehen können, die Brunner von uns fordere. Aber immer könnten wir Achtung vor dem Ceiue d-:s großen Andersdenkenden haben, wie ihn Brunner darstelle, zumal dieser „rmwankbar ruRchkosten ist, der Fremrd zu bleiben". Doch glauben wir mit innerster Zuversicht, daß da- Wort, das Brunner von sich sagt, immer vom Judentum gesagt werden könne: „Ich habe nicht viel Gegenwart, mehr Zukunft." Es war seAsttverständlicsi daß der nächste Redner, Moritz % Loeb, von seinem jüdisch-ko.'ucrvaüren Standpunkte aus ebenfalls zu einer Ablehnung der Brunncrschen Gedanken gelaugte. Loeb warf die Frage auf, wie es komme, daß Brunner in jüdischen Kreisen gänzlich unbeachtet geblieben wäre, was um so venounderlicher sei, als Brunner ausgebreitetes Wrneu. scharfes Denken und ein ungewöhnliches Sprachtalent vereinige. Der Redner meint, daß der Grund dafür, daß Brunners Lehre ohne Resonanz im jüdischen Leben bliebe, darin zu suchen sei, daß Brunner den Zusammenhang mir dem geschichtlich gewordenen Judentum verloren bube. Gleicherweise lehne Brunner das Religiöse des heutigen Judentums als einen Aberglauben ab, wie auch das behauptete nationale Element als beschränktes Nassegefüht. Hinzukomme seine stark christologische Einstellung. Gleichgültig von welchem positiv jüdischen Standpunkte aus, ob es sich nun um Konservative, Liberale oder Zionmen handele, müsse man der Meinung des Redners nach Brunners Lehre vollkommen ablehnen. Auch für den Eentralverein könne es keine andere Haltung geben einem Manne gegenüber, testen praktische Ratschläge mit Ilottvcndigkeit zu einer Sclbstausgabe führten, zu einer Entäußerung unserer Eigenart und unserer inneren Möglichkeiten, zu einer Verleugnung der gut jüdischen Familiennamen unserer Dor'ahren. wie es ja Brunner selbst getan habe. Rechtsanwalt Ernst pinner wandte sich gegen die Vorredner in einer scharfen Apologie für Brunner. Der Eentralverein müsse für seinen Abwearkampf verwenden, n>as Brunner über den Judenhaß und seine Bekämpfung lehrt. Brunner werde mißverstanden, wenn man meine, daß er gegen das Judentum kämpfe, von dem er größ'r und schöner gesprochen habe als je ein anderer. Was er wolle, sei, die letzten Reste des jüdischen Nationalismus zu beseitigen. Er sei auch nicht gegen die Erhaltung der jüdischen Religion, aber dafür 3u arbeiten, sei ausschließlich Sache der Religiösen selbst. Für eine politische Organisation, wie sie der Gentralrerein Larstelle, der 'den sich bekämpfenden religiösen Richtungen gegenüber Neutralität zu bewahren habe,'sei eine Mitarbeit an der Erhaltung des Judentums schon darum unmöglich, weil es kein Judentum außerhalb der Religion gebe. Insbesondere sei der religiöse Trogrammpunkt für die Erfassung der Jugend für den Centralvereur

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