Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 23 (5.6.1931)
- Date
- 1931-06-05
- Page
- Seite 286 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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LSö v lichen Lieferanten, die sonst sich mit ihrer eigenen dörflichen Stammtischgesellschaft begnügen müssen. Die Propaganda auf dem Lande wird durch den „Stürmer" unterstützt, ein Blatt, depen Bilder und Aufsätze keineswegs auf positiv-völkische Polink gerichtet sind, sondern nur Hetzen und aufstccheln, wobei die Aufreizung sexueller Instinkte eine beträchtliche Rolle spielt. Ter „Stürmer" wird an manchen Tagen unter die Tür eines jeden Bauernhauses in einem Tors geschoben, eine Propaganda, deren finanziellen Aufwand sich keine andere Partei leisten kann und deren Erfolg nicht zu unterschätzen ist, wenn man überlegt, mit wie wenig Kritik das gedruckte Wort unter der bäuerlichen Bevölkerung, bei der es noch nicht zur täglichen Abendkost gehört, ausgenommen wird. Aus dem Lande spielr auch der Einfluß der jüngeren Protestantischen Ceistlichen eine große Rolle. Ihre nationalsozialistische Einstellung entspricht wohl weniger dem Geist des Protestantismus als dem der Universnät Erlangen, von welcher ncch später die Rede sein wird. Heute hat der Landbund, der vielfach mit den Nationalsozialisten sympathisierte, den Konkurrenzkampf ausgenommen. So kam es jüngst in einer fränkischen Bauernversammbung zu einer lebhaften, keineswegs nur mit Worten geführten Auseinandersetzung zwis.chen Landbund und Nationalsozialisten. Es scheint, als würde die nationalsozialistische Propaganda hauptsächlich die Jungbauern erfassen, die wohl auch unzufrieden sind mit der großagrarischen Interessenvertretung der Landvollpartei. Hier in der Jungbauernschast sind verschwommen bodenresormerische und andere freiheitlich-kulturelle Gedankengänge vorhanden, die andere Parteien brach liegen ließen und die jetzt der Nationalsozialismus in sein falsches Fahrwager lenkt. Auffällig ist, daß sich die bäuerlichen nationalsozialistischen Hochburgen in protestantischen Landgegenden MittelfrankenZ befinden, in denen gar keine Juden wohnen, während die katholischen Dörfer Untersrankens mit starken jüdischen Gemeinden Zum großen Teil nur ganz vereinzelt Nationalsozialisten haben. Hingegen spielt die völkische Bewegung im katholischen Oberfranken noch immer eine große Rolle und es ist hier vom Abflauen nichts zu spüren. Einmal macht sich der thüringische und Koburger Einfluß geltend, dann gibt aber auch die besondere wirtschaftliche Struktur dieses nördlichen bayerischen Notgebietes einer radikalen Partei Boden. Es ist eine typische Gegend der Heimarbeit, der Weberei, der Stickerei, der Korbflechterei und der Spielwarenanfertigung. Seat Jahr und Tag fehlen dort die Aufträge, Stundenlohne von 9 Pfennigen sind nickst selten. Trotzdem fühlen diese Heimarbeiter sich nicht als Proletarier, sondern als Handwerker und halten ein bürgerliches Standesbewußtsein künstlich aufrecht durchs die politislche Hinwendung zu einer Partei, die stark antimarristisch ist und doch der wirtschaftlichen Verzweiflung durch ihre wilde QPposttionsstellnng Rechnung trägt. Aus der gleichen Quelle — wirtschaftlicher Abstieg und dein Bedürfnis nach bürgerlicher Geltung — läßt sich der Nationalsozialismus in den fränkischen Kleinstädten erklären. Diese liegen von Montag bis Samstag mittag in friedlicher Stille, ab Samstag mittag aber wird d hier über den Sonntag der Terror organisiert. Ta marschieren junge Burschen, in Zivil sonst kleine Lehrlinge und Schüler — in Hitler-Uniform, Männer markierend, durch die Straßen, da werden Autos angepöbclt, in den Gasthäusern und Casös die Tische besetzt und laute Reden über kommende Taten geführt. In einer Kleinstadt laufen die Jünglinge, wie mitgeteitt wird, mit dem griffesten Messer im Stieselschast und dem Tournister suf dein Rücken herum. Sie sind für Sonntag die „Jeunesse doree“ ihrer Heimat. Jeder andere Bürgersmann ist ein schmählicher Zivilist und Banause. Am schlimmsten liegen bekanntlich die Tinge in K o b u r g, wo ein weiland Duodezfürst, mit reichlichen Geldmitteln durch die Republik ausgestattet, Hof hält und eine nationalsozialistische Residenz errichtet hat. Die alteingestssene jüdische Bevölkerung Koburgs lebt unter dem Terror, ist gesellschaftlich wie wirtschaftlich boykottiert. Wenn eine christliche Dame doch einmal in ein jüdisches Geschäft geht, so tut sie es heimlich und bittet die Geschäftsinhaber, von ihrem Kauf ja niemandem etrvas zu sagen. Ist Koburg eine nationalsozialistische Hofgesellschaft, so ist Erlangen die national-, sozialistische Universität Teurschlands. In den Ferien ein freundliches Städtchen, wird es wahrend des Semesters zu einem Hakenkreuzlerlager, dessen LandsfnÄjte nur so nebenbei sümieren. Wenn eZ dämmert, wird gebummelt, d. h. im strammen Marschschritt gehen Hitler- Jungen über die Straße, langsamer in Sechserreihen die Herren Couleurstudenten, man begrüßt sich mit dem Faschntengruß, der Gehsteig ist für Zivilisten gleichsam gesperrt, selbst alte Damen weichen dieser Jugend aus der Straße aus. Konditoreien und Gasthäuser sind stets von ihnen besetzt, und ein Fremder, der harmlos nach Erlangen kommt, wird eingehend angestarrt, seine Worte belauscht und wehe, wenn er zu der anderen Richtung gehört. Die Professoren sind wohl zum größten Teil keine Nationalsozialisten, aber sie haben die Barbarenangst und machen nichts. Diese Universität erzieht die künftigen fränkischen Richter und vor allem die künftige protestantische Geistlichkeit. Ter Nationalsozialismus in den fränkischen Städten gleicht dem anderer Großstädte auf das Haar. Vielleicht ist der Nowdyton noch etwas'schlimmer unter dem Einfluß des „Stürmers" und von Rednern, deren Lieblingswort „Saustall" ist. Vordem Niveau dieser Reden macht man sich außerhalb kaum einen Begriff. Als der Nürnberger Landtagsabgeordete Streicher jüngst in Stuttgart sprach, schrieb ein christlicher Schulmann im „Stuttgarter TagblatG: „Vas soll man dazu sagen, wenn in öffentlicher Versammlung vor Hunderten junger Leute beiderlei Geschlechts, darunter Knaben und Mädchen von kaum 16 Jahren, ein Redner, ein Volksvertreter, ein Parteiführer sich hinstellt und Stunde um Stunde säst über nichts anderes spricht als über Geschlechtsverkehr, Sünden wider das Blut, über Bastarde, über Defloration und ähnliches^. . . wenn aber zu berichten ist, daß er ohne Scheu mit einer wirklich nicht mehr zu übcrbictcnden .Offenheit' in einer politischen Versammlung vor kaum flügge gewordener Jugend die heikelsten Fragen der Sexualität in widerlichster Weise, man muß schon sagen: breitlrat." Der Artikel fordert am Schluß den Schutz der Jugend vor einem solchen Bersammlungsredner und zeigt in seiner Empörung deutlich wie Reden, die in Nürnberg wöchentlich gehalten werden, da wirken müssen, wo man noch nicht abgebrüht ist. Die Hörer dieser Versammlungen wie überhaupt die Mitglieder der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei in den fränkischen Städten setzen sich nicht aus Arbeitern zusammen, sondern aus bürgerlichem Mittelstand. Entsprechend ist auch der Terror der Hakenkreuzler an den höheren Schulen, besonders an den Gymnasien. Auch hwr fürchten sich die Lehrer vielsach, es mit den Schülern zu verderben. Zusammcnsassend kann gesagt werden, daß der Nationalsozialismus in Franken auf dem Lande sich im weiteren Amvachsen befindet, während er in den Städten seinen Höhepunkt wohl überschritten hat. Menschlich darf mit ^aller Vorsicht gesagt werden, daß bei den basieren Elementen der Nationalsozialismus ein härteres Interesse für die Politik und das allgemeine Geschehen überhaupt wachruft und daß diese Jugend überlegend und lernend sich^mit der Reise wieder aowcndet. An einer Fülle von Einzelbeispielen kann man seststellen. daß die nationalsozialistische Gesinnung bei vielen eine Erscheinung der Jugendjahre ist. die überwunden wird. Für die politische Auswirkung wird aber gerade hieraus klar, daß ein Umschwung bei Wahlen sich in großem Ausmaß so lange sich nicht vollziehen kann, als wir bei jeder Wahl mit etwa 2 Millionen neuer Jungwähler zu rechnen haben. Eine entscheidende Wendung wird vermutlich dann' eintreten, wenn in drei bis vier Jahren sich die Altersverschiebung durch den Krieg geltend macht und mehr die mittleren Altersklassen als die ganz Jungen bei Wahlen den Ausschlag geben werden. er. Muss aus S§LMSK vle Mora! öer nationalsozialistischen Sücgerschaftsmitglieöer Es gibt keine Stadt in Deutschland, in der die Nationalsozialisten seit d^er Reichstagswahl einen so großen Aufschwung genommen haben wie in Bremen. Bon den Septemberwahlen bis zu den Lürgerschaftswahlen im November haben sie ihre S t i m m e n z a h l glatt verdoppelt, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß sie bei den Reichetagswahlen in Bremen, dank der energischen Gegenwehr aller in Betracht kommenden stellen, ungewöhnlich schlecht abgeschnitten haben. Es gibt aber auch kerne Stadt, wo sich die Nationalsozialisten in so kurzer Zeit s o rundlich blamiert haberr wie in reinen. 32 von 120 Sitzen hatte ihnen die B ärger s ch a f t s w a h'l gebracht. Monatelang? Regierungsverhandlrmgen mit der Volkspartei scheiterten, weil die Scnmskandidatcn der Nationalsozialisten selbst bei niedrigsten Ansprüchen nicht genügen konnten. Wie recht die Volts- Partei hatte, zeigte sich bald. Einer der nationalsozialistischen Senatskandidatell entpuppte sich als ein noch vor kurzem unter Polizeiaufsicht stehen.de r sogenannter Quartalssäufer, während ein anderer, der später Dizeprüsiident der Bürgerschaft werden tollte, jetzt die Bürgerschaft verlassen mußte, weil sein V o r st ra sc n r e g i ft e r auch für nationalsozialistische Begriffe zu umfangreich war. Damit nicht genug: e:n weiterer Abgeordneter mußte schleunigst sein Mand-at niedcrlegen, weil er einen: gewitzen Paragraphen des Strafgesetzbuches recht nahe gekommen ist. Ein ehemaliger Polizeihauptmann verzichtete auf sein Mandat wegen „Krankheit" — er war nicht für würdig befunden, als Polizeisenator zu kandidieren. Nach all diesen Schicksals schlügen erfolgte der böseste: der Nationalsozialist Geucke bekannte sich zur Stennes-Strasser-Nichtung, legte sein Mandat nieder, und nun ist die Kandidatenliste der Nazis erschöpft! Ja, die nationalsozialistische Fraktion hat schon einen Abgeordneten zu wenig! Ta man im bremischen Wahlgesetz keine L'.stenverbindung kennt, besteht auch keine Möglichkeit, etloa einen Ersatzmann von einer der beiden(!) Dreinerhavencr Nazi-Listen einrücken zu lassen. Tie Bremer Bürgerschaft muß also mit 110 Mitgliedern tagen, statt mit den versassungsmäßigm 120. Politisch gesehen, ist diese Verringerung der nationalsozialistischen Irak- Eon deshalb von Bedeutung, weil eine etwaige Koalition Volkspartei—Nationalsozialisten (die übrigens noch immer vom rechten Flügel der Voltspartei propagiert wird!), jetzt nur noch über eine Mehrheit von einer einzigen Summe verfügt. Diese aber wird wahrscheinlich auch noch verlorengeben, weil einer der nationalsozialistischen Abgeordneten sich sein Mandat durch falsche Wohnungsangabe erschlichen haben soll. — Und außerdem i\t zu erwarten, daß noch ein oder zwei Straner-Anhänger kurz über lang die Fraktion verlassen werten. Co sieht der Nationalsozialismus in der Praxis aus!