Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 23 (5.6.1931)
- Date
- 1931-06-05
- Page
- Seite 285 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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6. 1S31 Verlin, 5. Juni 1931 X Iqhrgang ♦ Nr. 23 Einzelnummer 20Pfennig O ii>-;v^vvv^v wO-' ^vO<Ü>C-^-Jü3 errrK Js^afesa. ■ x tj Hg ll . w. ^VvV/7 iy **? C'-v’ <j v/ f!jrV*frryy0fr1| RMMS S.Ä. Allgemeine Zeifung des^udenfums BierkeliabrsabonnernenL 2,50 RM. <5U5ügI. S:ftellgeld). Verlag und CchriftleiLuug: Berlin W 15, Ctrjcr Gtr. 42. Fernsprecher: .l2 Oltna 5074. .:. Postscheckkonto: Berlin *04 72. .:. Bankkonto: Dresdner Bank, Dexosttend Berlin.Oilnrersdorf 1, He nenrollernd-arnrn 196, und von GoldschrnUr! > B.otb/child L Co., Berlin \Y 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen.E;pedilion Rudolf Lllr Norrnalze" lie H 2, _.. __. fit, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JIM für die 7gespaltene Zeile nach Nudolf Mostes ilenrneffer Nr. 4, Familien-anzeigen und Ciellengesuchs (nicht Erellenangeboie) für MiiglieLer des Centralnereins 0,45 JIM, bis 62 mm breite Reklamezeile 3,50 JiM Msiisgs Ist WsrsK In der Mai-Nummcr der „Mecklenburgischen Matter" richtet Staatsminister a. D. Mocller, Mitglied des Mecklenburgischen Landtages, einen Offenen Brief an Reichsfinanzminister Dietrich, in dem er die Radikalisierung breitester Schichten beklagt und der Reichsregierung Ratschläge gibt: die einzigen wirksamen Maßnahmen gegen die Verhetzung waren Verbote der Presse und jeder irgendwie gearteten Form von Erkennungszeichen, wie der Nachrichteiwerbrcitung. Tie Reick)sregierung habe auch nicht das geringste getan, um Nadckalismus und Bürgerkrieg entgegenzuwirken. Aber gerade in Mecklenburg duldet scheinbar die Landesregierung diesen Bürgerkrieg. Wer die Psingstseiertage in Waren in Mecklenburg erlebt hat, wird darüber ein Lied anstinunen können. Kam man vom Bahnhof in die Stadt, so standen vor den Toren einer Wirtschaft nationalsozialistische Jünglinge im Stahlhelm, militärisch^ausgerüstet, mit Äerten bewaffnet, die sie an stelle des Seitengewehres trugen. Sie erwarteten Berliner Nationalsozialisten zu einer Propagandafahrt, die offenbar eine Eroberung des Mecklenburger Gebiets dienen sollte. Gegen abend zog eine nationalsozialistische „Militärkapelle" auf Lastautos mit Anhängern der Partei wiederholt durch die Stadt, sperrte jeden Berkehr und ließen bis tief in die Nacht hinein ihre „Gesänge" ertönen. Dann zogen die einzelnen Züge in die benachbarten Wälder und bewiesen durch ihre Schimpslioder, wie sehr sie den Staat und seine Gesetze achteten, und wie „legal" sie seien. Angehörige des Stahlhelms hatten für diese Art der Propaganda Aeußerungen schärfster Mißachtung. Tie Bürgerschaft war zum erheblichen Teil stark erregt, aber eine Gegenwehr war unmöglich. Tie aus nur wenigen Beamten bestehende Warener Polizei reichte naturgemäß zu ein.er polizeilichen Bekämpfung auch nur der gröbsten Mißstände nicht aus — so konnten sich die Berliner „Gäste" in ihren Lastautos, namentlich in der unmittelbaren Umgebung von Waren, austoben. Eine Möglichkeit, der Würde und Ehre des Staates irgeridwie zu ihrem Rechte zu verhelfen, gab es nicht. In anderen Städten^Mecklenburgs soll es ähnlich gewesen sein, ^taat und Reich haben offenbar das Gefühl dafür verloren, daß es neben den Großstädten auch ein flaches Land gibt, und so musste man in Waren erleben, daß die überwiegende Menge der anständigen Bevölkerung, die diesen Rummel voll Entsetzen beobachtete, gewissermaßen wie friedliche Bürger den Einzug feindlicher Truppen iu ihre Stadt erduldeten. Der'Zuschauer fragt sich immer wieder: warum werden die Gesetze nicht angewandt? Und man erhält zur Antwort: Weil man es mit diesen Staatszerstörern, mit diesen unklaren, verwirrten und zum Teil leider unerhört rohen Menschen nicht verderben will. Man traf mit einem Ausländer zusammen und wußte sich schämen, als er die Frage aufwars: Hi Drr NKtlona'sOZmlismus in Franken Eisner-Revolution. Nüteregierung, Hitler- Putsch sind die markanten Ereignisse der bayerischen Nachkriegsgeschichte. In jedem dieser Momente stand Franken zur Seite oder leistete entschiedenen Widerstand. Franken mit seiner starken, fortschreitenden Industrialisierung, mit einer alten freiheitlichen politischen Tradition, mit westlichem Kultureinstuß zeigte im ganzen eine Entwicklung. die mehr mit der allgemeindeutschen im Einklang stand. Entsprechend verlief die Entwicklung der nationalsozialistischn Bewegung in Südbavern und in Franken durchaus verschieden. Lag ihre Blütezeit in Südbayern vor dem Hitler-Punch so bot damals Franken mit geringen Ausnahmen den stärksten Widerstand. Wie in der Zeit der Rateregierung bildete eine seit vielen Jahrzehnten gewerkschaftlich erzogene Arbeiterschaft in den Städten einen festen Wall gegen diesen Putsch, der an der fränkisch-thüringischen Grenze feine Schützenketten zusammengezo-gen hatte. Nach dem Hitler-Putsch erlebt die Nattonalsozialistische Partei in Südbayern niemals wieder den ahten Elan des Ausstiegs. Tre Bayerisch Bolkspartei hatte wieder die Herrschaft im Lande fest in der Hand und sie hält mit großer Energie und erprobtem Parteiapparat dem Nationalsozialismus Widerpart. Anders in Franken. Hier ersolgte der Aufschwung der Nationalsozialisten genau wie im übrigen Reich erst in den letzten Jahren. Allerdings fand bei den letzten Neichstagswahlen nicht die gleiche Vermehrung der Stimmzisfern statt; man versagte aber bereits über einen größeren Stimmensundus von früher her. Bei den'Reichstagswahlen im September sandte Franken 6 Sozialdemokraten, 5 Bayeristche Volksparteiler und 4 Nationalsozialisten in den Reichstag (außerdem erhielten nur noch die Kommunisten und die Wirtschaüspartei je 1 Mandat und das Landvolk 2 Mandate). Aus diesen Zahlen geht ohne weiteres hervor, daß von einer nationalsozialisruchen Vorherrschaft in Franken keine Rede sein kann, daß aber die Nattonalsozialisten heute neben der sozialdemokratischn und der katholischen Partei als die dritte große Partei stehen. Sie nehmen heute den Platz ein, den früher in Franken die Liberalen innehatten, und sie dürsten ihre Wähler aus den gleichn Schichten, nämlich dem Bürgertum und Teilen der protestantischen Bauernschaft zieben. Seit der Walch haben die Nationalsozialisten ihre Propaganda hauptsächlich auf das flache Land gelegt. Sie senden ihre Redner in die kleinsten Orte, wobei es ihnen allerdings auch passiert, daß sie zuweilen keine Zuhörer finden. Jn^bestimmten Gegenden, wie etwa der um den Hesselberg, der heute in der nationalsozialistischen Bewegung Frankens die gleiche Rolle spiett wie dereinst das Dorf Kolbermoor in der altbayerischen, gestalten sich allerdings nationalsozialistische Veranstaltungen zu einem allgemeinen Volksfest. Hierhin werden die Bauern, vor allem die Jungbauern zusammeugezogen. Man bringt auf Lastwagen kleidsam uniformierte S.-A. herbei und man entfaltet in diesen einsamen Gegenden das ganze Schaugepränge eines mittelalterlichen Feldlagers. Reichliches Verzehren von Bier und Bratwürsten erfreut dann noch das Herz der Wirte und ihrer bäner- Sind wir hier wirklich noch in einem zivilisierten Staat? Staatsminister M o e l l e r schreibt mit Recht: „Muß die Reichsregierung das Spottwort eines Goebbels immer wieder beständen, daß sie zu stümperhast ist, uni sich ihrer Feinde mit den gesetzlichen Machtmitteln des Staates zu erwehren? Geht es an, daß diese Machtmittel aus der Bereitschaft immer wieder zurückgezogen werden, und so ihre Nutzlosigkeit, die Ueberstüssigkeit ihres Ordnungs- Willens erkennen und 'dadurch stumpf werden?" Ter Skandal in Waren war nur einer von .Tausenden, die sich in den Pfiugsnagen in Teutschland abgespielt haben. Wir sprecken hier nicht für die Juden allein, nur sprechen für deutsche Kultur und Sitte. Wir sprechen ans Sorge, die politische Achtung Deutschlands in der Welt könne völlig zuschanden werden. So kann es wirklich nicht weitergehen. L. H. AUS DEM INHALT: Dr. Arthur Lilienthal: Notwendige Klarstellung zur Tagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Seite 288. Dr. S. Feist: Schmelztiegel Berlin. Seite 289. Constantin Brunners Ruf an Juden und Nichtjuden. Seite 290. Dr. Ernst Feder: Etzel Andergast, eine Dichtung deutschen Schicksals. Seite 29]. Fritz Engel: Nachruf für Felix Hollaender. Seite 293.