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Central-Verein-Zeitung · 1931-05-29 · 22 (29.5.1931) · p. Seite 278

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
22 (29.5.1931)
Date
1931-05-29
Page
Seite 278 (sequence 6)
Language
German
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27S das ist es, was die nicht wenigen jüdischen Atheisten mit dem Judentum verbindet und sie den Gedanken, cs zu vertagen, lveit zurücklveisen läßt. Das ist es, was sie treibt, ihr Gefühl zu verlebendigen. Sie wollen in ihrem Leben wieder deutlich das Indische spüren. Darum hat die Jugend wieder zum Lernen jüdischer Tinge gesunden. Nichts Jüdisches soll ihr srem) sein. Eie spürt, daß die Rückverbindung, von der wir oben sprachen, am lebendigsten und deutlichsten wird, wenn mnn sie aus der Kenntnis der Fakten dnrch langsames Zurückrersolgcn herzustetlen versucht. — Das Lernen allein verbürg: nocht nicht, daß die Bindung an das Jüdische^geschehe. Eie kommt vielmehr von anderer, lebensnaher Eeite. Wir prachen schon davon, daß im Bilde des deutchen Volkes die Juden eine Eigenfarbe dartellen. Diese Tatsache ist nicht zu bestreiten und deshalb mag hier unerörtert bleiben, wie diese Eigensarbe sich im einzelnen darstellt. Schöpfungen deutscher kultureller Güter, die aus diejer jüdischen Sonderart in ihrer Eigenart nur zu erklären sind, zeigen uns zweierlei: daß das deutsche Leben ärmer wäre, wenn das jüdische Element fehlte. Dieses Ergebnis ist keine jüdische Einbildung. Es ist von anderer Seite vielfach anerkannt und ausgesprochen worden. So schreibt Wilhelm Echüser, ein in diesem Zusammenhang gewiß unverdächtiger Zeuge, in seinem Buch "„Der deutsche Gott. Fünf Briese an mein Doll": „Die Wahrheit ist die, daß die deutschen Juden sichtbar geholfen haben, den Leöensboden der deutschen Bildung überhaupt wieder zu lockern . . ." Und es zeigt zum andern, daß wir verpflichtet sind, gegenüber, sagen wir dem Deutschen. Es bezeichnet zudem noch eine Verpflichtung uns selbst gegenüber. Weil doch das Deutsche^der Raum ist, in dem wir leben, und an depen möglichstem Hochstand wir also ein vitales Interesse haben. Das ist der verpflichtende Adel unserer „geeinten Zwienatur". Darum lebt in uns der Wunsch „nach Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft als Eeistesgemeinschast, als Lchicksalsgemeinschaft, als Lebensgemeinschaft . . ., weil wir das Gefühl haben, es müsse im Judentum etwas stecken, was sich für die Welt, für die Menschheit auszuwirken habe"', wie es Ludwig Holländer ennnal gesagt hat („Deutsch-jüdische Probleme der Gegenwart", 1928) . . Karl Lieblich: „Wir jungen Juden". Drei Untersuchungen zur jüdischen Frage. Zonen-Verlag, Stuttgart 1931. Die vorliegende Broschüre zeigt dein aufmerksamen Leser wieder einmal mit großer Deutlichkeit, zu welchen lebensfernen Denkresultaten ein Autor gelangen kann, wenn er sich bei der Betrachtung jeinos Themas einzig und allein von theoretischen Gesichtspmrkten leiten laßt, ohne die tatsächlichen Verhältnisse genügend zu berücksichtigen. Für Karl Lieblich sind alle Gescheh. nisse der allgemeinen und Geistesgeschichte der Menschheit vorausbestimmt durch das Walten der Gottheit, handle es sich nun um die Sprachenverwirrung beim Turmbau zu Babel, um den Untergang des jüdischen oder anderer Völker oder um die Bedrückung der Juden in der Diaspora. In folgerichtiger Anuvendnng seiner Grundanschauung sieht Karl Lieblich m dem Schicksal des jüdischen Dolles nur die Erfüllung der Vorsehung. Für ihn ist der Antisemitismus nicht erklärbar als kulturelle Nückständigkeit oder Auswirkung von Disseren rasselten, wie es Arriold Zweig zu deuten sucht, sondern er erblickt iu der antrsernitischeu Bedrückung nur das vorherbcsiinume Mittel, um das Judrnvolk in-> müt:n der Zerstreuung als reines Volk zu erhalten, als „einziges Gürtelvolk der Welt", wie er sich ausdrückt. Wozu nun diese wunderbare Erhaltung? Karl Lieblich glaubt an die große weltliche Mi'uon des Judentums. Er sicht int Juden den Repräsentanten einer einig ruhelosen, niemals sich mit dem Bestehenden begnügenden Einuesart, dessen Erislenz und Wirken den anderen Völkern immer wieder ins Gedächtnis zu rufen hat, daß es höhere Werne als die Einheit der Nation, daß cs eine allwaltende Gottheit gibt, die den Juden selbst durch seine Feinde erhält: kurz gesagt, auch wenn er es aus- .zusprechen unterläßt, hält Karl Lieblich das jüdinche Volk für den Repräsentanten des Geistes schlechthin. Um aber erst gar keine Unklarbeilen cuiffoiitmcii zu taffen, betont er mehrmals. daß diese Sendung dem Juden nicht die geringste Verpflichtung gebe, sich über seine Mitmenchen zu erheben. Leine Verpflichtung sei, sich als reiner Jude und in der Diaspora zu erhalten, „zerstreut zu sein unter alle Völker ter Erde und dennoch ein Volk zu bleiben (<o. CS)"; „Wir brauchen die Zerstreuung, um auf das Land der Vereinigung und Verheißung zu warten iS. 41)", die Menschheit aber, so führt er dem Sinne nach .aus, braucht uns. Im Grunde liegt all diesen Ausführungen der alte Miffionsgedanke des liberalen Judentums zugrunde, nur in neuem Gewände und mit Berücksichtigung moderner völkischer Gedankengange. Demzufolge zeigt sich der Verfasser als fchar'er Gegner des Zionismus, dein er vorwirst, daß er geeignet sei, das jüdische Volk ebenso zu „verschalen", wie die gesamte übrige Well sein säuberlich national rn schalen geordnet sei. Mit einer solchen „Rationalisierung" kann sich Lieblich im Interesse der Sendung dcs jüdischen Volkes nicht befreunden. . Auf der anderen Seite aber lehnt cr ebenso jode Assimilation an andere Völker streng ab. Lieblich verlangt also für das jüdische Volk eine Sonderstellung in der Welt, eine kulturelle Autonomie in allen Ländern, d. h. er will unbeschadet der staatsbürgerlichen und nationalen Pslichtersüllnng gegenüber dem Wohnlande eine kulturelle weltliche (nicht nur religiöse) Gemeinschaft der Inden, der betreffenden Nation (Deutschlands, Englands usw.) gewährleistet sehen. Es ist nicht schwer, die Undnrchführbarkeit dieser Vorsiellungen sowie auch die großen Gefahren, die in der Propagierung einer derartigen Idee liegen, einznsehcn. Daß Lieblich d-aran vorbeigeht, zeigt am deutlichsten den rein theoretischen Ursprung und Wert seiner Meinung. Eines muß eindeutig fcstgestellt werden: So wenig Lieblich dern Wesen und der Existenz der deutschen Inden unserer Zeit gerecht wird, so stark sind seine Gedankengänge von den Argumenten der Judengegner beeinflußt. So sehr auch die Entwicklung des deutschen Judentums von seinem Verhältnis zur nichtjüdischen Umwelt beeinflußt wird, so wenig darf sie der d-mtsche Jude in Abhängigkeit bringen von den Argumenten seiner Gegner. Wenn die Judengegner die Forderung nach Ausschalumg der Juden aus dem Leben der deutschon Volksgemeinschaft mit der Behauptung, sie seren „fremd" und könnten deshalb nicht „deutsch fühlen", begründen, liegt sür die Inden noch kein Anlaß vor, die Meinung ihrer G-egner über ihre Zugehörigkeit zum .Deutschtum zur Grundlage der Untersuchung ihrer jüdisclwn Existenz in Deutschland zu machen. Freilich muß dem unbestreitbar vorhandenen deutschen Fühlen ein starkes jüdisches, über die religiöse Verbundenheit hinausgehendcs Gemeinschaftsgefühl entspreche!:, das heißt das jüdische Leben der deutschen Juden muß _cinc starke innere Festigung durch eine u m fassende jüdische Erziehung erfahren. Aber was wir fordern, ist die Gemeinschaft nach innen, nicht ein Ghetto nach außen! Lieblich liefert wieder einmal den nunmehr schon im Uebermaß angetretenen und keineswegs bestrittenen Beweis, daß die vitale Sonderart der deutschen Judeuheit vom Gedanklichen allein her nicht eindeutig zu bestimmen ist. So intereffant es also auch sein mag, seine Gedankengänge mit dieser oder jener Einstellung neu zu gehen und zu ergänzen — das deutsche Judentum braucht Bücher, die bet aller Kritik besser geeignet sind, seine moralische und rechtliche Position nach innen wie nach außen zu stärken. H. €. * Die Hamburger Ortsgruppe des deutsch-jüdischen Wandcrbundcs „Kameraden" trat am 17. Mai mit einer Morgenr-cransraltung zum ersten Male vor eine größere Oesfenrlictikeit. Trotz herrlichen Wetters war der geräumige Saal recht gut gefüllt. Zn der Begrützung-:ansprache wurde über die heutigen C-trömungen innerhalb des „Kameradcn"-Bundes berichtet. Die eine Richtung geht davon aus, daß jeder deutschjüdische Mensch eine starke jüdische Substanz in sich trägt, die zwar oft^verschüttet sei, ad-er unbedingt geweckt werden müsse. Die Erfüllung des einzelnen tonne nur in einer starken jüdischen Gemeinschaft liegen, zu welcher hinzuerziehen der Dille dieses Kreises ist. Der Gegenpol des Bundes erhalt seine Richtung von dem Zdeal der Freiheit. Diese Menschen fühlen sich als Juden im heutigen Deutschland unfrei, sie wollen sich Deutschland erkämpfen-, daß ihnen sowohl geistig als auch seelisch unersetzbare Heimat ist. Erziehung zu freien, selbständigen Menscheu, die ihren Weg vrr eigener Verantwortung finden und gehen sollen, ist das Ziel dieser Richtung. Allen Dundcscichtungen gemeinsam ist die deutschjüdische Gegebenheit und die Grundlage der Jugendbewegung. Ein abwechslungsreiches Programm zeigte Eltern und Freunden einiges aus dem Leben des Bundes und gewann der Hamburger Gruppe der „Kameraden" viele neue Freunde. Nikoöem Caro öS llahre alt Nikvdem Caro, Gelehrter von Weltruf, Organisator von hohen Graden, Industrieller von Rang, einer der Führer der modernen deutschen Wirtschaft, hat am §9. Mai seinen 60. Geburtstag feiern können! Die so viele große Chemiker aus jüdischem Hause, voll Stolz auf seine Abstammung aus einem alten Gelehrtengeschlecht, wird. Caro zu einem der Bahnbrecher der chemischen Großindustrie. Frühzeitig erkennt er die Fortschritte der Wissenschaft von der Elektrizität und stellt sie bewußt in den Dienst der chemischen Forschung. So gehört er zu d-en Schöpfern der elektrochemischen Industrie. Gemeinsam mit Adolf Frank geling! ihm die Bindung des Stickstoffs an die Karbide der Erdalkalien. So kommt er zur H erst e l l u n g des Kalkstickst offs. Aus der Lust zaubert Caro eine neue Materie. Auf dieser genialen Erfindung baut sich ein neuer Industriezweig auf. Im Kriege zeigt sich, wie wichtig es für Deutschland geworden ist, die Unabhängigkeit in der Gewinnung von Düngemitteln gewonnen zu haben. Der Aufbau der großen Kalkstickstoffwerke in Trvstberg in Oberbavern, in Piesteritz a. d. Elbe, in Chorzow in Lbcrschleffen ist Earos Werk. Aus der Werkstatt wird ein Weltkonzern. Caro wird 1N0 der Präsident des Internationalen Kalkstickstofssyndikats.. Auch andere Ehren werden ihm zuteil: Ehrendoktorate, Medaillen wissenschaftlicher Gesellschaften, Titel und Würden gelten dem großen deutschen Juden, der einer der Hauptsörderer der Landwirtschaft geworden ist. X. Z. SCHOKOLADE PRALINEN

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