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Central-Verein-Zeitung · 1931-05-29 · 22 (29.5.1931) · p. Seite 275

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
22 (29.5.1931)
Date
1931-05-29
Page
Seite 275 (sequence 3)
Language
German
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ü’ Wie wollen die Nationalsozialisten Praktische Kulturarbeit treiben? ' Ticke Frage beantwortet Hans Severus Ziegler, der in der von Feder heraus gegebenen Nationalsozialistischen Bibliothek eine Broschüre veröffentlicht. Er vermeint darin Anregungen und Richtlinien für eine gesunde Br Abbildung Zu^geben. Unter Kulturpolitik versteht der Derfa^er selbstverständlich alle Maßnahmen, die im Sinne der Nationalsozialisten rayenmäßige Werte zur Entfaltung bringen können. Tie^e Crundanschauung braucht an dieser stelle nicht mehr widerlegt zu werden! Beschränken wir uns hier darauf nachzuweisen, mit welch völlig unzureichenden geistigen Mitteln hier Forderungen ausgestellt und zusammenhanglos aneinandergereiht werden. Auf fünfzig Seiten behandelt der Verfasser Bi alle Probleme menschlicher (Gemeinschaft: aat und Erziehung, Religion und Kirche, Rechtspflege, Heer, Familie und Schule. Erwachsenenbildung. Presse und öffentliche Meinung. Es ist erstaunlich, mit welchem Leich:sinn hier unter anspruchsvollen Ueberschrisren die wichtigsten Probleme abgehandelt werden. Reform der Gesetzgebung. Eine Fülle von Material liegt vor. Wie stellen sich die Nationalsozialisten zu diesen Vorschlägen? Welche Anregungen haben sie für die praktische Arbeit zu geben? „Rückkehr zu germanisch-deutschem Recht, damit die Begriffe der Ehe und Treue, der Wahrheit und Gerechtigkeit wieder lebendig werden." Mit ähnlichen Phrasen werden auf jeder Seite die für unser Volk lebenswichtigsten Fragen erörtert. Vielleicht kann man einem Schriftsteller verzeihen, wenn er keine Ideen hat. Aber nicht zu entschuldigen ist es, wenn er keine Kenntnipe besitzt auf dem Gebiet, über das er schreibt. Denn oann fehlt es ihm an Pflichttreue und an innerer Wahrhaftigkeit, die jeder Mensch, besonders aber der ^christgeller, besitzen müßte. Tugenden, die Ziegler lelbft als dre Grundlagen einer neuen deutschen Kultur ansieht. Aber er halt es scheinbar nicht für notwendig, sittliche Forderungen vor allem durch sein eigenes Tun zu veranschaulichen, obgleich er an anderer Stelle so großen Wert darauf legt, daß dem Volk durch die Anschauung die nationalsozialistischen „Ideale" nahegebracht werden. Ebenso wie aus dem Gebiete der Rechtspflege fehlt es Ziegler aus den anderen Gebieten, mit denen er sich beschäftigt, an Wissen, obgleich er doch auch Wißen zur Erneuerung deutscher Kultur für unumgänglich notwendig hält. Mit etwas „Psychologie", so meint er, könne man die Schule reformieren. Mehr Einblick in die Pädagogik und Psychologie, wie sie der Vorfaffer besitzt, ist nun aber doch zum Entwurf und zur Verwirklichung von Schulreformen notwendig. Er und sein Gewährsmann Hitler, den er fast auf jeder Seite zitiert, fordern die Erziehung in zwei Stufen, zuerst die Ausbildung des Körpers, dann die der geistigen Fähigkeiten, wobei er wieder unterscheidet die Bildung des Willens und die wchenschastliche Schulung, die an letzter Stelle erfolgen soll. Eine merkwürdig primitive Vorstellung von psychologischen Vorgängen. Ziegler scheint nicht einmal klar zu sein, daß alle körperlichen und geistigen Funktionen Aeuße - rungen eines eirrzigenOrganismns sind und daß mit der Entwicklung des Körpers zugleich eine ganz beüiuumte Entfaltung des Geistes verbunden ist und umgekehrt. Ziegler zeigt sich hier als Anhänger eines ganz naiven Materialismus, obgleich er sich einleitend zu einer idealistischen Weltanschauung bekennt und jeden Materialismus und den „Stoffwahn des heutigen herrschenden minderrassigen Ilntcrmenschentuins" bekämpft. Noch ein Paar Beispiele für seine manaelnaste Orientierung! Er wünscht, daß zur Entfalrung Heist oser Jaust? deutschen Volkstums in Unter- und Oberprima in der deutschen Literatur das neuzehnte Jahrhundert von Goethe ab behandelt wird! Er hält es nicht für nötig, sich die Richtlinien für die höheren Schulen in Preußen anzusehen. Sonst hätte er gesunden, daß diese Forderung ebenso erfüllt ist wie seine andere: etymologische Behandlung der deutschen Sprache und Eingehen auf die Mundarten. Er hat wirklich Pech mit den Forderungen, die er ganz willkürlich und ohne Zusammenhang ausstellt. So ist zum Beispiel erkannt, daß die jugendlichen Psychopathen besonders betreut werden müyen. und dieser Zweig der Fürsorge ist auch längst in Angriff genommen. Geradezu komisch wirckt es, wenn Ziegler so großen Wert auf die Entwicklung des deutschen Sprachgefühls legt, obgleich er selbst die deutsche Sprache arg mißhandelt. Hierfür nur ein kurzer Hinweis auf seine Ausdrucksweise: „Man sollte nicht übersehen, daß sehr viele sich (!) in den Pubertätsjahren befindliche junge Leute, die vielleicht aus den ersten Blick den Eindruck schwächlicher und schwankender Naturen machen und doch im Kern gut sind, in seelischer Beziehung und auch (!) im Ehrenpunkt vorsichtig angefaßt werden müßten" (^. 16 ff). Noch unangenehmer wirken vielleicht sentimentale Stellen wie: „Tie zarte Seele des Kindes, dieses unseres Kleinodes, braucht vom ersten Tage an Sonne und Regen." (S. 14.) Daß Zieglers Begriffe unklar, seine Kenntnipe lückenhaft sind und daß ihm somit Pflichttreue und DeranLnwrtungckgckühl fehlen, mögen ungeschälte Leser nicht merken. Taraus rechnet er augenscheinlich. Er erwartet vermutlich, daß sie sich von 'Redensarten imponieren lassen; wie: „Ter Staat muß dafür Sorge tragen, daß Kinder zeugt: nur wer gesund ist; daß es nur eine Schande gibt, bei eigener Krankheit und eigenen Mängeln dennoch Kinder in die Belt zu setzen, doch eine höchste Ehre: darauf zu verzichten." (ö. 7.) Hier werden in Wahrheit sehr schwierige eugenische Probleme ganz obenhin behandelt. Es kann ja jemand durchaus krank und doch fortpflanzung-tauglich sein, weil seine Krankheit sich nicht auf die Nachkommenschaft vererbt. Ter Begriff der Gesundheit wird ferner hier nicht im biologischen ^inne — dem einzig berechtigten — gebraucht, sondern ganz willkürlich. " Unter „gesunden" Menschen versteht Ziegler r a s s e n m a ß i g gesunde Menschen, das heißt Menschen arischen Ursprungs. Für den „vierten" Stand, die Arbeiterschaft, zeigt Ziegler eine wohlwollende tzerablagung. Nach seiner Meinung könnte sich der Staat „des Wohnst:ls des einfachen Mannes" annehmen, um sein Oeimatgefühl zu wecken. Tüchtige, begabte Volksschüler sollen auf Staatskosten auf höhere Schulen geschickt und dafür minderwertige Kinder höherer Stände aus diesen Anstalten entfernt weiden. Als ob die Auslese so einfach wäre! Mit solchen hingestreuten, scheinbar sozialen Forderungen hofft der Dersasier die Arbeiterschaft zu gewinnen. Aber die geschulte Arbeiterschaft wirchsich mit solchen Redensarten nicht einsangen la-en. Sie weiß nur zu gut, daß für sie das Dritte Reich soziale und geistige Unfreiheit bedeuten würde. Zieglers weitere Ausführungen zeigen das auch deutlich. So fordert er Verstaatlichung der Preyo, Aufhebung der Preyefreiheit und Unterdrückung jeder Opposition. Auch Schule und Hochschule sollen für die Zwecke des Nationalsozialismus mißbraucht werden. Zugunsten der „deutschen" Smdenten wird der numerus clausus eingesührt. In den Dienst dieser Kulturpolitik, deutlicher gesagt „Raffepolitit", raupen sich auch die Vertreter der Kirche begeben. Nach Ansicht des Autors ist der Nationalsozialismus Jbie erste Volksbewegung, die die Bekenntnipe unter einem höheren Machtgedanken, Raye und Volkstum, vereinigt. Kennt Ziegler die Kundgebungen der katholischen Kirche gegen den Nationalsozialismus nicht? Im Tritten Reich werden also Wissenschaft und Religion, Schule und soziale Arbeit, Schrifttum und Preye zum Mittel machtpolitischer Zwecke erniedrigt. Sie werden damit aushören, in Wahrheit der Kultur zu dienen, die sich nur in Freiheit entfalten kann. Dr. Else Hildebrandt. AM'S „KMhSM)h§rMhmfmge"m UM Mage Vor einiger Zeit erschien im Hammer-Derlag die 30., völlig neubearbeitete Auflage des bekannten „Vadeinekums für den Antisemitismus" von Theodor Fritsch. Gegenüber der uns vorliegenden 28. Auflage aus dem Jahre 1919 bedeutet die Neuauflage zweifellos eine Verbefferung: sie präsentiert sich als ein systematisch aufgebantes Werk, das hin und wieder auch den Willen zu einer größeren Sachlichkeit verrät. So sind einzelne Kapitel, die in den früheren Auslagen eine Hauptrolle schelten. jetzt ausgelassen worden, wie die Juden im Menschen- und Mädchenhandel, in der Verbrecherüatisiik und im Kriege. Auch ist uicht mehr von jüdischen Geheim lehren und Geheim gestllschaften dicyNede. sondern nur noch von der „Jüdischen Lehre" und den „Jüdischen Organisationen und Parteien". Tie Erklärungen der Gegenseite — Eentralvcrein, Bloch, Strack — werden ohne Glossen wiedergegeben u. a. m. Anderseits muffen wir gegen die Neuauflage dieselben Einwäude erheben, die wir gegen die früheren Bearbeitungen geltend gemacht "haben. Ter J'udcnfcind aus Prinzip kommt eben von der Terrdenz nicht los, jede Richtung, die ihm nicht paßt, wie z. B. Republikanismus. Pazifismus, Freimaurerei, Liga jür Menschenrechte usw., zu einem jüdischen Unternehmen zu stempeln. Auf der anderen Seite unterdrückt er alles ihm nicht genehme Material oder entstellt es so, wie es seinen Zwecken dienlich ist. So wird z. B. in der „Geschichte des Judentums", die von dem bekannten antisemitischen Geschichtslehrer Heinrich Wolfs bearbeitet ist, die rein bäuerliche Struktur des jüdischen Volkes und Staates verschwiegen. Darum ist es uninnig, das Judentum als Lehrmeister der Verstädterung und der Vernichtung des Bauernlandes hinzustellen. Diese Sünde fällt Rom zur Last, das damit angesangen hat, bevor es mit Judäa in Berührung kauu Ebenso sinnlos ist es. die Orientalisierung der antiken Kulturwelt dem jüdischen „Spaltpilz" in die Schuhzu schieben. Wenn irgendeine Bolkskultur keincn Eingang in die Antike gesunden hat, dann ist es die" jüdische gewesen. Dabei muß es als unwürdige Spiegelfechterei festgenagelt werden, wenn Fritsch unter verantwortlicher Redaktion von Günther sich darauf hinausredet, „daß es sich nicht nur um das Judentum bandelt, sondern um die allen Völkern vorderasiatischer und orientalischer Raffe gemeinsamen Züge", „wenn wir von der uns fremdartigen jüdischen Eigenart sprechen". (S. 60.) — Wolfss fanatischer Katholiken haß kommt auch hier wieder, wenn sich nur eine Gelegenheit findet, zum Turchoruch. Er gipfelt in der Feststellung: „Der Hauptinhalt der neuesten Geschichte ist der Auf-

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