Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 22 (29.5.1931)
- Date
- 1931-05-29
- Page
- Seite 274 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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274 war mit strafrechtlichen Mitteln dagegen puch kaum aufzukommen. Seit endlich die Neumsflmg des Preßgesetzes dem Mißbrauch der Jmuumiwr ein Ende bereitet hat, muß das Blatt etwas vorsichtiger arbeiten. Tie katholische Geistlichkeit hat sich ganz überwiegend von An sang an von der nationalsozialistischen Bewegung zurückgehalten, auch schon, bevor die bayerischen Bischöfe in aller Form vor der unkatholischen Haltung der Partei gewarnt haben. Das schließt nicht aus, daß einzelne katholische Geistliche — außerhalb der nationalsozialistischen Richtung — sich in Zeitungen und sonst recht unfreundlich gegen die Juden geäußert haben, nicht aus Judenhaß, der ja dem Wesen der katholischen Kirche widersprechen würde, sondern aus einer Verkennung der Tinge, die anscheinend stark durch die Auffassungen des benachbarten Oesterreich beeinflußt ist. Tie dort erscheinende Zeitschrift „Die schönere Zukunft" gewinnt leider an Einfluß auf bayerische katholische Kreise, seit ihr Verlag in enge Verbindung mit einer Regensburger Verlagsbuchhandlung getreten ist. Aus einer an sich berechtigten Einstellung gegenüber einer als „Mammomsmus" bezeichneten Ueberspannung kapitalistischer Betätigung und gegenüber gewissen großstädtischen und literarischen Aus'chreiLungen, von denen man eine sittliche Gefährdung des Landvolkes befürchtet, werden hier in ungerechter Verallgemeinerung die Juden angegriffen, als ob sie und sie allein die Träger solcher Fehler wären. Bei dem großen Ansehen. das die Geistlichkeit beim Landvolk genießt, muffen solche Unfreundlichkeiten gegenüber den Juden ernstlicher beachtet werden, als es sonst gegenüber solchen beiläufigen Wendungen in der Lokalpresse geboten wäre. Wenn auch sonst die groß- und kleinstädtische Presse, zumal soweit sie sich überparteilich nennt, nichts zur Verteidigung der Juden und manches gegen sie unternimmt, oft, ohne das Wort Jude ÄU nennen, das man aber, für den Leser verständlich, durch Ausdrücke wie: „Internationale Weltsinanz", „Asphaltlultur" und ähnliche Schlagwörter ersetzt, so spielt hier ein Umstand mit, der allein erklärt, daß in dem sonst nicht unduldsamen Mbayern der nationalsozialistische Judenhaß überhaupt so großgezüchtet werden konnte. Tas ist die von Zeitungen und Versammlungsrednern immer wieder ausgerüttelte Empörung des politisch ungeschulten Bürgertums darüber, daß Bayern, wenn auch nur kurze Zeit, von dein .Luden Eisner" regiert wurde. Mit der Erinnerung daran will man eine bürgerliche Einheitsfront gegen den ebenso gehaßten wie gesürchteten Bolschewismus zustande bringen, und diesen glaubt man besonders in bayerischen Kleinstädten am wirksamsten bekämpfen zu können, wenn man ihn als jüdisches Erzeugnis hinstellt. -Aus diesem Grunde betrachten manche unserer Freunde auch an sich ganz berechtigte und bei der an ihrer Scholle hängenden bäuerlichen Bevölkerung wohlver-!ländliche Bewegungen, wie die Heimatchutzbewegung, mit einem gewiffen Mißrauen, obschon ihre Führer immer beteuern, sie träten nur für „Ruhe und Ordnung" ein und hätten nichts gegen die Juden. Tas gleiche sagt auch der Bayernbund", eine Bereinigung von Föderalisten mit stark konservativer, zumeist auch monarchischer Gesinnung. Aber kann man ihren Beteuerungen des Wohlwollens für die bodenständigen Juden volles Vertrauen entgegenbringen, wenn in einer ihrer Versammlungen der Profeffor Stempsle, einstens in seiner Blütezeit einer der Hauptinspiratoren des längst zur Bedeutungslosigkeit herabgesunkenen „Miesbacher Anzeigers", einen Vortrag über die Selbstschutzverbände hält und dabei zu dem Schluß kommt, die einzige Rettung vor den Gefahren des Umsturzes und im Kampf gegen den Berliner Zentralismus biete die NSDAP.? Vielleicht ist das nur eine Entgleisung, die nicht allzu wichtig genommen werden soll. "Aber sie ist doch charakteristisch für die Stimmung in gewiffen gesellschaftlich angesehenen bürgerlichen und ländlichen Schichten, die sich von der nationalen^ Aufmachung der Nationalsozialistischen Partei blenden lasten und deshalb nicht bemerken wollen, welche Ungerechtigkeit und Unehrlichkeit, welche Gefahr für die Volkseinbei: und für die Staarsautorität in dem baßerm..:en Treiben dieser Partei steck:, und daß nachflwüae Duldung dieses Treibens mitstchuidia macht an all dem Unheil, das sie kür mru; Varerl'and schon gebracht hat und wieder bringen kann.. Wilhelm Levhiger (Mund d rT AK f '«S V*- *s.> V *" «J “ <> sy Ijcn). fM Lb schon die Frage „Kann ein Sozialdemokrat EL.er sein?" durch >ie langjährige Mitarbeit von Sozia ldcmokraun im C. V. prakti'ch bereits in beflhendem Sinne entschieden ist, scheinen unter jüngeren jüdischen Sozialisten, die es besonders cmkt mit ihrer sozialdemokratischen Erundanschauung nehmen, Zweifel darüber zu bestehen. Ticke Ameise! will ein jüngerer Freund unserer Arbeit, der gleichzeitig Sozialdemokrat ist, H ein; Cohn (Berlin), in folgendem offenen Briese entkräften.' Tie Schristlcitung. Lieber Parteigenosse! Ich muß heute noch einmal aus die Einwäude zurückkommen, die Tu mir in unserer letzten Unterhaltung über - die ..Judenfrage" machtest, insbesondere auf die Gründe, aus denen Du für Dich eine Beteiligung an irgendeiner jüdischen Arbeit oblehntest. Du führtest da besonders drei wichtige Punkte ßii die eine solche Arbeit für einen jüdischen Sozialisten überflüssig erscheinen ließen. Zuerst erklärtest Du, daß mit der Lösung der sozialen Frage auch die Judenfrage gelöst sein würde, da ja die soziale Funktion des Judentums, der Zwischenhandel usw., in einer sozialistischen Gesellschaft überflüssig geworden wäre. Weiter sagtest Du, daß Du es aus sozialen Gründen nicht mit Deinem Gewiffen vereinbaren könntest, innerhalb der jüdischen Gemeinschaft mit der jüdischen Bourgeoisie und den ihr verbundenen affimilatorischen Elementen zusamm.enznarbeiten und sie womöglich verteidigen zu müsien. Tu wandtest Dich dann vorzüglich gegen den Gentralvcrein als Vertreter dieser" Bourgeoisie und erklärtest schließlich, daß Dir der Kamps um den Sozialismus^ und gegen den Faschismus keine Zeit mehr laste, sich mit einer wie der Judenfrage zu belassen. Ter Grundirrtnm Deiner Anschauungsweise, lieber Genosie, scheint mir doch in der bedauerlichen Verkennung der Lage der Judenheit zu liegen. Aus der Tatsache, daß es Dir vielleicht (?) gelingen wird. Dich von Deiner jüdischen Gemeinschaft als einzelner zu löien. ziehst Du den falschen Schluß, daß man am diese Weise das ganze Judentum auflösen könne. Ter große Irrtum, der in dieser Amflssimg liegt, erhellt schon allein aus der Tatsache, daß innerhalb der letzten 30 Jahre das Judentum sich nicht nur nicht aufgelöst hat, sondern daß im Gegenteil heute Kräfte am Werke find, die. ohne zionistisch zu sein, auf eine innere Festigung der jüdischen Gemeinschaft hinarbeiten. Tie Proletarisierung des jüdischen Mittelstandes ha! es mit sich gebracht, daß'heute der größte Teil der deutschen Judenheit nicht mehr der Bourgeoisie, sondern dem Angestelltenprrletariat angehört. Eine Mitarbeit im jüdi'chen Lager würde also für einen jüdischen Sozialisten der - Kampf für die jüdische Angestelltcnschast sein. Tie jüdische Bourgeoisie nimmt heute Kvar noch einen Teil der Führerstellen im Judentum ein; diese Tatsache erklärt sich daraus, daß das deutsche Judentum zu einer Zeit emanzipiert wurde, in der alle wirtschaftlich aufstrebenden Kräfte in die Bourgeoisie einmündeten. Ihr Einfluß ist aber stetig im Schwinden, und zwar infolge der oben erwähnten sozialen Umschichtung des deutschon Judentums sowie infolge der Anstrengungen und des Kampfes derjenigen Juden, die sich bei aller Betonung ihrer Zugehörigkeit zum Judentum ihrer Pflichten als Sozialisten voll bewußt sind. Diesen Menschen aber, lieber Genosse, sä l l st D u m i t D e i n e r A u s f a s s u n g in den Rücken, anstatt die nicht wegzudiskutierende Tatsache der jüdischen Gemeinschaft anzuerkennen und auf diesem Kampfloden unsere Ziele burchzusetzen. Insbesondere aber verkennst Tu völlig das Wesen des Central Vereins. Dieser Verein, der zahlenmäßig die größte jüdische Organisation Dcmflhlauds darstellt, vertritt s e l b st v e r st ä n d l i ch die N e ch t e aller d e u t s ch e n In d e n , auch der jüdischen Bourgeoisie gegen Antisemitismus und judenseindlichen Faschismus. Aber gerade in denn Maße, in dem die jüdiühe Angestelltenschaft wächst, fühlt er sich veranlaßt, auch deren Interessen .als Juden sowie als Angestellte zu vertreten, besonders gegen Boykott _ und wirtschaftliche Benachteiligung, eine Aufgabe, die die freien Gewerkschaften zugestandenermaßen nicht nockf neben ihrer vielen Arbeit miterledigen können. Ties alles sind mir Existenzfragen der jüdischen Angestellten. Biel ernster aber wird die Frage, wenn man sic unter dem allgemein "sozialistischen ^Gesichtspunkt betrachtet. Denn, lieber Genome, wenn heute nationalsozialistischer Faschismus zur Macht kommen silllte, dann wird es denflftTen an den Kragen geben — mehr noch der Sozialdemokratie. Gegen solchen Faschismus kämpft die Sozialdemokratie mit aller Kraft. Der Centralverein ist, wie auch von gegnerischer Seite zugestauden wird, die einzige e r n st h a f t e cr p e z i a l o r g a n i s a t i o n gegen das a n t i s e in i t i s ch e Hern» st if cf im Hitler f ch e n F a s ch i s m u s Der Eentralverein leiste: eine, wie ich glaube, die sozialistische Arbeit an vielen Stellen berührende Arbeit, den Kampf einer unterdrückten Schicht um ihre Entwicklnngsmöglichkeiten. Ter Eentralverein ist in Parallele zu setzen den Bewegungen der Frauen, der Jugend usw., die ja auch um ihre Freiheit ringen müsien. Es ist aber die Pflicht jedes jüdi'chen Sozialisten, diesen Kampf mit zu unterstützen und damit die Ausgabe zu erfüllen, die er infolge seiner Lage und Herkunft zu erfüllen hat: Jude zu sein und Klassenkämpser zugleich. Stäötrsche Säle unö NSd^p. Tie Stadtverwaltung Trier hatte auf Anregung des ehemaligen Trierer Stadtverordneten Sigm. Lo eb im Berfaffungsausichuß der Stadtverordnetenversammlung den Antrag gestellt, daß die städtische Tonhalle den Nationalsozialisten nur noch dann zur Verfügung ae- ' stellt werden soll, wenn sie in Flugblättern ttnd Wahlaufrufen den beleidigenden Ztlsatz „Juden haben keinen Zutritt" wealießen. Dieser Antrag wurde gegen die Stimmen der Nationalsozialisten angenommen. Dagegen erhob nun die nationalsozialistische Stadwerordnetensraktion in der letzten Stadtverordnetensitzung Einspruch. Ter Einspruch wurde gegen die Stimmen der NauonalGzialisien, bei Stimmenthaltung der Dentschnationalcn, abgelehnt. Im 50. SrörMAlm m Sr. Krms In diesen Togen wurde, der 30. Geburtstag des Prälaten Tr. K a a s, des VvrsihLnden der Teutschen Zentrumspartei, von der politischen Welt gefeiert. Auch der Eentralverein hat alle Ursache, an diesem Freudentage aufrichtig Anteil zu nehmen; denn Prälat Kaas. eine religiös, men'chlich und wissenschaftlich hochstehende Persönlichkeit, hat stets warmherziges Verständnis bewiesen, wenn ihm twn niedrigen Angriffen, insbcwndcrs gegen die jüdische Religion, das religiöse Schrifttum, die religiösen Einrichtungen, berichtet werden konnte. In ihm verkörpert sich die im deullchm Zentrum traditionelle gerechte Haltung dem Judentum als Religionsgemeinschaft gegenüber. Zu Fübrerversönlichkeiten wie Windthorst und Lieber, wie Gräber und Marr zählt in diesem ^inr.e Tr. Kaas. Möge Tr. Kaas den deutschen Katholiken und dem deutschen Daterlandc noch lange Jahrzehnte in Gesundheit und Arbeitsfrische erhalten bleiben!