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Central-Verein-Zeitung · 1931-05-29 · 22 (29.5.1931) · p. Seite 273

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
22 (29.5.1931)
Date
1931-05-29
Page
Seite 273 (sequence 1)
Language
German
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-Z 6.1931 Serlin, 22.Mai1HZI X. Jahrgang * Str» 22 Cinjelnummer 20Pfennig MünchenLr 9risf für öie „C V.-Feitung Die in den Zeitungen vielfach in ihrer Bedeutung überschätzte Stennes-Äevolte und die damit in Zusammenhang stehenden Berliner Auseinandersetzungen haben zuweilen den Eindruck hervorgerufen, als ob die Schicksale der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei sich in der Reichshauptstadt entscheiden sollten. Ich kann diese Aufsassung nicht teilen. Man darf nicht vergesten, daß die Wiege der Partei in München stand, daß sie hier ihre Frühblüte erlebt hat, daß der Führer und die Reichsleitung in München residieren, das Zentraloroan der Partei hier erscheint. Aus all diesen Gründen lohnt sich von Zeit zu Zeit eine Untersuchung darüber, wie sich das eigentliche Bayern, d. h. Südbayern, zum Nationalsozialismus stellt; denn was nördlich der Donau liegt, gilt dem eingesesienen Altbayern schon fast als ein Stück Norddeutschland. In München hat Hitler das Parteiheim errichtet, an das er sein ganzes Herz gehängt hat, das er mit wilhelminischem Prunk auszustatten bestrebt ist, in desien Glanz und Größe er geradezu ein Symbol für den Aufstieg der Partei sehen will. Ein Symbol ja, ober nicht das Symbol einer kampsbewegten revolutionären Arbeiterpartei, als die er sie früher hinstellte an jenem 1. Mai vor acht Jahren, da er mit seinen Kampfverbänden auss Oberwiesenfeld zog, um zugleichdie Marxisten und die Negierungsmacht zürn offenen Kamps herauszufordern; heute viel eher ein sichtbares Zeichen, wie sehr unkriegerisch, wie verbürgerlicht, wie bürokratisiert die Bewegung geworden ist. Immer wieder wird den bewundernden Beschauern die riesige Mitgliederkartothek vorgeführt, der Stolz eines Organisators, der die Legalität seiner Bewegung beschworen hat. Sehr bezeichnend für den Wandel des Geistes ist auch, wo dieses Parteiheim erstanden ist. Die freien Gewerkschaften, die christlichen Gewerkschäften, die S. P. D., sie haben inre Gewerksa^astshäuser und Parteiburgen m ärmliche Straßen gesetzt, zwischen Arbeiterwohnungen, Grünkramläden, kleine Reparaturwerkstätten und Lagerplätze. Hitler kaufte sich ein Adelspalais in der Prachtstraße, die Ludwig I. anlegte zur. Verbindung von seiner Residenz nach dem von ariechischen Tempeln umgebenen Königsplatz. Tie Arbeiter bleiben einem solchen Haus fern, sie fehlen eben der „Arbeiterpartei".^ Diese „Arbeiterpartei" sieht in Bayern so aus: Die S.-A.- und S.-S.-Leute sind kleine Angestellte in oder außer Stellung, mittlere Beamte, kleine Bürger. Studenten. Die M ü n ch ner Studenten betätigen sich in den Astas der Universität und der Technischen Hochschule. Aber den Ruhm der größeren Aktivität müsien sie den Kommilitonen von Erlangen und Würzburg lasten. Ob dies der Einwirkung einiger vernunstpredigenden Prosestoren zu danken ist oder welchen sonstigen Umständen, ist schwer zu entscheiden. Im Straßenbild treten die Nationalsozialisten nicht mehr so auffällig aus, seit uniformierte Aufmärsche verboten sind. Trotzdem kommt es noch zu Rempeleien und Ausschreitungen, die sich aber kaum gegen Juden, sondern in der Regel gegen Reichsbannerleute und Kommunisten richten. Nach dem großen Wahlsieg vom 14. September, der der Partei selbst so überraschend kam und der einen Teil unterer Freunde so stark verwirrte und entmutigte, in einem Matze, besten sie sich heute wohl selbst innerlich schämen, kündigte die Parteileitung die große Versammlungs- Lawine" an, ermöglicht durch 107 aus dem Neichssäckel bezahlte und mit Freifahrt ausgestattete Agitatoren, die Versammlungslawine, mit der man planmäßig ein Gebiet nach dem anderen erobern wollte. Als erstes Angriffsziel wurde das Allgäu bezeichnet. Anfangserfolge blieben auch nicht aus. Der Bürgermeister der Grenzstadt Lindau trat von der BVP. zur NSDAP, über und erzählte als Versammlungsredner im Umherziehen die Gründe seines Gesinnungswandels. Gregor Straffer verband das Angenehme mit dem Nützlichen, oblag tagsüber in den Allgäuer Bergen dem Skilauf und hielt Abend für Llbend Versammlungen ab, bis ein Skiunsall seine Tätigkeit hemmte. Ob es daran lag oder woran sonst, die Eroberung des Allgäus geriet ins Stocken. Zur Unterstützung des Versammlungssturms hatte man dort eine eigene Zeitung gegründet, der man mit Geschick den Namen: „Deutsche Alpenwacht" gegeben hatte. Als Redakteur war ein Herr Manfred von Nibbentrop bestellt. Das zeigt, daß die Bewegung in Bayern vielfach nicht ganz aus heimischem Boden erwuchs, sondern durch auswärtige Gäste gefördert wurde. Mer auch diese „Aufnordung" nutzte nichts. Das Blatt ist schon wieder eingegangen. Dafür hat man in A u g s - bürg, wo im Laufe der Jahre schon mehrere nationalsozialistische Blätter entstanden und wieder verschwunden waren, jetzt ein neues Parteiblatt gegründet. Auch in Mindelheim und anderen kleinen Orten hat man hakenkreuzgeschmückte Lokalblätter ins Leben gerufen, die freilich ihre Lebensfähigkeit erst noch bewähren wüsten. In den übrigen Gebir-gsorten hat der Nationalsozialismus keine bemerkenswerten Fortschritte machen können. Sicherlich sind auch da genug Leute, die ihm ihre Sympathie zuwenden, auch mit dem Stimmzettel; aber die maßgebenden Leute haben doch aus wohlüberleater^Nücksicht aus den Fremdenverkehr in Garmisch. Aus dem Inhalt: Heinz Cohn: Kann ein Sozialdemokrat CVer sein . . . S.274 Dr. Else Hildebrandt: Kulturpolitik im Dritten Reich.S.275 Jüdische Jugend im Kampf.3.277 Berchtesgaden und ähnlichen Sommer- und Winterfrischen ein allzu sichtbares und hörbares Hervortreten der Partei^und besonders des ran ihr gepredigten Judenhastes Zu dämpfen gewußt. Im übrigen hängt das größere oder geringere Anwachsen der Nationalsozialisten in den kleineren Orten oft vom Wirken eines oder einiger weniger Männer ab. Ein einzelner regsamer Beamter oder Lehrer, der dorthin versetzt wird, ändert zuweilen das politische Gesicht eines Ortes. Ter agitatorische Üebereiser einiger Lehrer hat sogar den bayerischen Kultusminister, der sonst der Freiheit der Meinungsäußerung ber den ihm unterstellten Beamten gewiß nicht zu enge- Schranken zieht, veranlaßt, mit Disziplinarverfahren einzuschreiten. In Oberbayern leben ja außerhalb der Hauptstadt Juden nur ganz vereinzelt. In manchem Ort, wo jahrelang ein Jude friedlich und unangefochten sein kleines Warengeschäft betrieben hat, wurde ihm in letzter Zeit das Leben beträchtlich erschwert, wenn so ein betriebsamer Ortsgruppenführer ans Ruder kam. Ein trauriges Lied kann besonders die kleine jüdi'che Gemeinde von Ingolstadt singen. Tie Stadt hat wirtschaftlich darunter sehr gelitten, daß sie ihre Festung und ihre Garnison verloren bat; das schasst den günstigen Nährboden für Verhetzung gegen die Juden. In dieser Stadt ist es ein Arzt, der Mitbegründer des Nationalsozialistischen Aerztebundes, der mit allen Mitteln, besonders auch mit geschäftlichem Boykott, gegen die Juden arbeitet. Sein beträchtliches Vermögen erlaubt es ihm, eine nationalsozialistische Tageszeitung ins Leben zu rufen, den „Donaub o t e n", der an Roheit des Tones und Niedrigkeit der Angriffe mit dem Nürnberger „Stürmer" wetteifert; solange er sich einen Abgeordneten als Scheinredakteur halten konnte.

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