Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 21 (22.5.1931)
- Date
- 1931-05-22
- Page
- Seite 263 (sequence 3)
- Language
- German
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263 Eine Betrachtung zum Wochenfest Von Rabbiner Dr. Ernst Jacob (Augsburg) „Ter Freiheit Hauch weht mächtig durch die Welt." Leit fast anderthalb Jahrhunderten, feit der französischen Revolution, scheint die Geschichte der Menschheit unter diesem Leit-' wort zu stehen. Ein Volk nach dem andern hat die Fesseln politischer Knechtung unter den Willen eines einzelnen te»er einer bevorrechteten Klasse abgestreisi und ist zu freiheitlichen Berfassungsforrnen übergegangen. Längst sind die Bindungen der Wirtschaft in Zünfte und Innungen beseitigt. Tie Ordnungen des gcfcüfcfjo.f11icf:■ en Zusammenlebens der Menschen sind gewaliig aufgelockert worden, zumal seit dem Beginn dieses Jahrhunderts, und dann wieder noch stärker und schneller seit dem Weltkriege. Tie Bande der Familie sind außerordentlich abgeschwäckch, die des Standes fast kraftlos geworden. Tic Macht, die früher die Konfessionen und Religionen über die Menschheit ausübten, ist erlahmt, und sie selbst sind in hohem Maße aus der Einengung in überlieferte Glautenssätze und der Strenge religiöser Atzungen herausgetreten. Tiefe Entwicklung hat ihren Ausgang von Westeuropa genommen, aber sie hat heu:e über die Böller alter Kultur hinaus alle Rasten und Länder erfaßt. Wer wollte leugnen, daß die Juden bei diesem Befreiungsmerk der Menschheit eine besondere Nolle gespielt haben! Einst lvarcn sie die wehrlosen Opfer Politischer, wirtschafckich-er und gesellschaftlicher Knechtung. Nun wurd-en sie die begeisterten Bannerträger des Gedankens der Freiheit aus allen Lebensgebieten, vor allem auch in allen Bewegungen zur Reform sozialer Sitten und Ordnungen. Und keine andere Bevölkerungsklape hat der Freiheit mehr zu verdanken als die Juden. Sie bat sie zu gleichberechtigten Staatsbürgern gemacht, sie hat ihnen den Weg geebnet zu einem wirtschaftlichen Ausstieg, wie ihn die jüdische Geschichte in solcher Breite nie vorher gesehen hatte und der bis zur Wir-schaftsumwätzung der Nachkriegsjahre ununterbrochen andauerte, sie hatte auch schon die gesellschaftlichen Borurterle gegen den Juden weitgehend abgemildert. Trotz aller Uebcrsteigerungen des Judenhasses bleibt die Tatsache, daß zu Lessings Zeiwn noch gelehrt werden mußte, daß ein JiDe auch ein Mensch ist, und daß er seitdem sich in hohem Grade in die bürgerliche Umwelt einleben durfte. Ter Anteil, den der Jude als Vorkämpfer und Nutznießer an der Freiheitsbewegung gehabt hat. darf ihn nicht blind dafür machen, daß die Entwicklung der Menschheit jetzt aus innerer NotwerDigkeit einen anderen Weg einzuschlagen beginnt. Es liegt in der Polaren Natur aller menschlichen Verhältnisse. daß der Kamps für ein hohes und echtes Ideal die Menschheit in die Irre führen kann, weil er sie gleichsam aus dem inneren Gleichgewicht bringt und die Bedeutung anderer, nicht minder echter Werte verkennen läßt. Ter Gegenpol der Freiheit ist die Bindung. Maß und Schranke hinwegräumen kann ebenso verderblich w-erden wie ihre lieber schätzung und Alleinherrschaft. Tie Welt seufzte früher unter dein Druck der Autorität, sie lag in Fesseln. die Herkommen ur/> innere Anerkennung geschmiedet und immer strenger angezogen hatten. Die Welt beginnt jetzt unter beul Fluch der teuer erkauften und stürmisch bejubelten Freiheit Zii seufzen. Man hat den Menschen gepredigt: „Höchstes Glück der Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit." Was ist die Folge? Jeder Mensch ist nur für sich da. Einam unD verlassen schwinnneu wir aus dem Ozean des modernen Lebens, jedem Windharrck. (der Strömung ^ansgesetzt. Eine völlige Aufösung der schöpferisä-en Lebens zu sammerchänge kündigt sich an. Man hat mit Recht gesagt, daß die Menschheit heute ötonüflert nt; jeder ist eine eigene Welt und bewegt sich innerlich in astronomischer Ferne vor dem, der nach der Bibel sein Nächster sein sollte. Tie hilfreichen Bindungen sind geschwunten, die die Menschen zusammenhiel-ten und dem einzelnen Halt und Schutz waren und ihm in diesem harten, schwankenden Leben Sicherheit und Geborgenheit gaben. Sogar der physisch' Bestand der Menschheit, ihre Zahl und i^elbsteraänzung, beginnt techinz uschmetzen. In der Befreiung des „Ich" hat der Mensch das erlösende „Tu" verloren, das erst dem Leben den vollen Klang zu geben vermag. Ter ^inn jener früheren Bindungen war, den einzelnen 511 benxchren vor dem ^ichselbs-verlieren im Ganzen der Welt, das auch dem größten Geiste stets unübersehbar bleiben wird. Freilich diese Bindungen litten sich mit der Zeit zu unerträglichen Ketten verhärtet. Ter Jude erfuhr früher am stärksten die Segnungen der Freiheit: heute wird er dafür sehr hart von ihren unheilvollen Auswirkungen getroffen. Keine Gemeinschaft hat mehr als die unsrige von der Lockerung der Binduugen in Gesellschaft. Sitte und Glauben zu leiden. Ein schrankenloser Individualismus bedroht die jüdische Religion, die jüdische Familie, die einst festgefügte jüdische Lebensordnung, ja hat sie fast schon aufgelöst. Und doch ist der Jude seiner Natur nach — das heißt im Geistigen seiner Vergangenheit nach — viel eher ein Mensch der Bindung als der Freiheit. Wohl heb: die jüdisck^e Geschichte an mit einer großen Befreiung, dem Abwerfcn des ägyptischen Sklavenjochs. wohl ist cs Israels Verdienst, der Welt erst den GG-anken eines unverlierbaren Menschenrechtes, einer unzerstörbaren Menschenwürde gebracht zu haben. Das Judentum steht immer gegen alle Tyrannei und Unterdrückung. Aber die Befreiung findet für Israel ihren Sinn in der bewußten Unterordnung unter eine andere Herrschaft — unter das Reich Gottes. Gott spricht: ..Mein Knecht ist Israel/ Deshalb soll cs keines Menschen Kneckst sein Aus Aegypten zog J'rael zum Sinai. Tort nahm es am Tage der Offenbarung eine neue, höhere Bindung, ein göulick^s Gesetz au? sich. Es ist die höchste Leistung unserer Gemeinsamst, mit der Offenbarung am Siuai der Bien sch heit gezeigt zu haben, worin alle eckte Bindung und damit das Gegengewicht zu echter Freiheit bestehen muß. Es ist die Bindung an Gott, an den unvergänglichen Sinn alles Seins und Werdens, und es ist die Bindung an t>en Nebenmen sehen, an das nächste Ziel alles Tun und Lassens. Jene Urworte. die seitdem vor der Welt stehen, beginnen mit dem „Ich" Gottes: „Ich bin toin Gott, der dich aus dem Lande Aegypten führte." Sie schließen mit dem Worte „Tein Nächster". Zwischen diesen Polen, die unser Sein begrenzen, verkünden sie die Heiligkeit des Menschenlebens, die Heiligkeit der Ehe, die Heiligkeit des Eigentums. Sie errichten die Schranken, die aller Freiheit heute wie je gesetzt sein müssen, wenn die Welt nicht in Wüste und Leere zurück sinken soll, ans der sie Gottes Schöpserwoct „Es w-erte" emporgernfen hat. Bindung, nichts anderes ist die Worttedeutung von „Religion". Bindung an Gott. Bindung an den Nächstem Freiheit hieß die alte Losung, und viele, unserer Väter waren ..brave Soldaten im Befreiungskämpfe ter llNenschheit". Religion muß die rwue Losung sein, unser Geschlecht muß zu ten Streitern für eine neue Bindung gehören. Sie soll nicht wieder ein Joch werden, in dem Lebcnsglück und Wachstum ersticken. Sie soll sich mit tvahrcr Freiheit zu einer höheren Einheit zusammenfindeu. Ter Tag. der der Erinnerung an die Offenbarung am Sinai bestimmt ist. soll ein leidenjcf>aftlicl>cr Aufruf zur Religion sein. Ter deutsch^ Jude suhlt sich als freier Bürger seines Vaterlandes, kür dia Gesundheit! Fachin"er Versands teile, Berlin SW11 ScbJne'berger Strasse 18a. Telefon: Lützow: 8^5)61. er muß auch wieder ein treuer Sohn UN erer alten Mutter, der Religion, werden. „Go:: zu gehorchen ist Freiheit." t Bayerische Protestanten gegen den Nationalsozialismus Tie „C. V.-Zeitung" hat bereits wiederholt darauf hingewiesen, daß man auch in evangelische n Kreisen immer _ mehr _ einsieht, welch große Gemhr der Nationalsozialismus für die Kirche bedeutet, wie es insbesondere ein beträchtlicher Schaden für sie ist, wenn Pfarrer sich in nationalsozialistischem ^nute betätigen. Auch ein Artikel der besonders in bayerischen Lehrerkreisen verbreiteten ,.T i e freie deutsche Schule": „D i c b ah c - rischen evangelischen Geistlichen und der Nationalsozialismus" in der Nummer 5 dieses Jahrgangs, verdient aus diesem Grunde Beachtung. U. a. heißt es dort: „Nun kann cs —ja dem evangelnchen Laien gleichgültig sein, welcher Partei sich der einzelne Geistliche aus persönlichen Gründen glaubt anschließen zu müssen, sofern er bei der innerpersönlichen S t e l l u n g . a h m e verbleibt. Anders ater lägen die Tinge, wenn sich der Geistliche in völkischem Sinne in und außer seiner Amtstätigkeit werbend betätigt oder wenn versucht würde, die Mehrzahl der Glieder des geistlichen Standes für den Nationalsozialismus zu gewinnen. Damit wäre der sichere Untergang der protestantischen Kirche und ihre Erniedrigung zur S eckte ein geleitet. Sie genöpe daun vielleicht noch das Vertrauen ihrer völkisch gesinnten Gemeindeglieder, während ihr alle anderen — und das ist heute die Mehrzahl — den Rücke n kehrten. Es gibt wohl keine gefährlichere Ideologie als den Glauben völkischer protestantischer Pfarrer, durch ihren Beitritt zur NaLionalsozialiftischerr Partei könnte deren weltanschaulich heidnische Grundlage irgendwie beeinflusst und geändert werden» Eine Partei, die a priori dem Nassen-, Blut-, Machtnnd Gcwaltprinzip huldigt, kann unmöglich mit den: GhristenLum unter einen Hut gebracht werden." Wir würden die Wirkung dieser sehr klaren und eindeutigen Absage dem Nationalsozialismus gegenüber abschwächen, wenn wir dazii noch etwas bemerkten. Der Kyffhäuferbunk» wünscht polnische Neutralität In der „Kölnischen Zeitung" vom 11. Mai lcfen wir einen Bericht über eine Rede, die der Führer des Kyffhäuserbnntes, General von Horn, in Wuppertal kürzlich gehalten hat: „Aus Anlaß des 50jährigen Jubiläums des Elberselter Kricgerverbantes hielt der Führer tes Kysshäuservundes. General von Horn, in einer geschlossenen Festsitzung im Elberstlder Rathaus eiue Ansprache, die eine bemerkenswerte Auseinandersetzung mit ten Bestrebungen gewisser Kreise eutmelt. ten Kyfshäuserbund rechtsradikalen politischen Bestrebungen dienstbar zu machen. Die Aiissührungen ließen den festen