Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 21 (22.5.1931)
- Date
- 1931-05-22
- Page
- Seite 262 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Lö2 Partei irr d:e größte des Landtags geworden; in weitem Abstand eckt folgen Sofiaidemokratie und Zentrum. Nichts liegt uns ferner, als die bequeme Schuldsrage aufzurollen. Aber: wer -rcscn Wahlkampf von Anfang bis zu Ende mitgcnracht hat, kann sich des (Eindrucks nicht erwehren, da'; die hitlergegnerischen Parteien mit den Vorbereitungen snr einen wirkungsvollen Gegenstoß viel zu spat begonnen und ihn nicht mit dem nötigen Nachdruck durchgcführt haben. Tie Mittel moderner Wahlpropaganda wurden allein von dm Nationalsozialisten restlos ausgemcht. Am Wahlsonntag bemerkte man außerhalb von Stadt Oldenburg, Rüst rin gen und Delmenhorst nur nationalsozialistische Propaganda. In B a r e l z. B. war an acht oder zehn Stellen mit Riesenbuchüabon aus das Stratzenpslaster: „Wählt Liste 4" gemalt; jede Straßenecke mar beklebt. Wir 'sahen in ganz Varel, der Hochburg Hitlers, nicht ein einziges Plakat einer anderen Partei. Das von unseren Oldenburger Freunden geschaffene oute Material konnte naturgemäß diese große Lücke nicht füllen. Ter 17. Mai richtet an den Selbsterhaltungstrieb der Parteien die große Mahnung: „Kümmert euch mehr um das slache Land, vor allem auch nach einem Wahlkamps!" Jetzt muß sofort der neue Aufklärungsseldzug in Oldenburg gegen Hitler beginnen. Auch der Centralverein, dessen Dahlarbeit van unseren Freunden in Stad: und Land unterstützt und anerkannt wurde, wird uock intensiver als' bisher dorn Lande seine Aunnerl'ainlert zurrenden müpen. Ich habe unsere Freunde in den kleinsten Ortei: Oldenburgs aus -necken Agitationsreisen ausgesucht und bei dicker Gelegenheit vier Ortsgruppen gründen sännen. Wie dankbar sind diese Mewchen, die nicht, wie die Großstädter, an den Kolonnen der Braunhemden vorbeisehen können, wenn man nch nur ein wenig um sie kümmert. Sie arbeiten gerne mit und sind opferbereit. Sie hotten politisches Verständnis für die aufmunternden Worte des rührigen Vorsitzenden unseres zentralen Oldenburger Wahlausschusses: „W enn unsere Arbeit erreicht, daß nur ein einziger Nationalsozialist weniger gewählt lvird.kann siebedeutungsvoll sein'/ Und im neuen Landrag fehlt den Nationalsozialisten wirklich dieses eine Mandat! Tie Oldenburger Wahlen haben aufs neue bewiesen, daß Wirtschafrsnat und Pnrc'eureichtum immer wieder die Anhängeckchckr Hitlers vermehren. Lassen wir uns nicht kampüsmüde oder gar kampfesunlustig macken. Politischer Kamps vz ein Kamps ohne Bickuzstckch, ist ein Kamps aus weite Sicht. Wer Hessen will, maß arbeiten. Hitler hat in Oldenburg eine neue Schlacht -gewinnen können. Mit dem Judenhaß hätte er es nicht geschasst. Tie Futtermittel waren willkommener' Ersatz. Oldenburg braucht uns also nicht zu entmutigen. Es lebe der Kampf! „DeurMarrös Wchskmft" Gffene Antwort an Dr. Leo Löwenftem von Hezirksrabbiner Dr. s. Cohrn, §rirörichsta-t (El-er), uns Schlußwort von Dr. Leo Löwenftem Hezirksradblner Dr.ö. Lohrn schreibt: Im Jahrgang 10, Nr. 16, Seite 193/94 der „(L V.-Zeitung", schreiben Sie über „Deutsche Wehrkraft" einen Leitartikel. Darin glauben Eie Len Nachweis zu erbringen, wir Juden seien von Hause aus eine kriegerische Nation gewesen, erst im Ghetto unkriegerisch geworden und seit der Emanzipation im Dienst der Freiheitskriege wieder zu tüchtigen Vaterlandsverteidigern erstarkt. Von Ludendorfs lasten Sie sich wrantieren, der Antisemitismus im Heere werde aushoren, wenn Juden in den Zeitungen nichts mehr gegen das Heer schreiben würden, und Sie finden es bedauerlich, daß nur acht statt 864 Juden in der Reichswehr dienen im) nennen den. deutschen Pazifismus unverhüüt einen Bestandteil der militärischen Rüstung der Gegner Deutschlands. Als Rabbiner, der sich die Kriegsgerichten der Vibel auch ein wemg angesehen hat, bin ick) evrpfiichtet, Ihre Ausführungen in wesentlichen Punkten zu berichtigen. Nicht, was irgendwann tatsächlich Juden getan hatten, sond-ern was sie i m tarnen des Judentums zu tun hatten, das allein ist für jüdische Handlungsweise entscheidend. Tie Kriege gegen Kanaaniter und Amalekiter haben, wie :ch vor einiger Zeit im „Israelit" (Nr. 49 und l<), Jahrgang 1030) ausführlich und an Hand unserer authentischen Schriften nachgewiesen habe, bai dieser Betrachtung völlig auszuscheiden. Was bleibt dann übrig? Nicht die Tempelmauer würbe (Noh. 3, 4) mit Schwert und Kelle erbaut, sondern die Stadt m auer. Vom Tempelbau :st gesagt, kein Eisenhieb sei bei ihm zu hören. (Er. 20,25 und 1. Reg. 6,7)._ Tenn Eisen ist Schwert, und z w i j ch e n schwer! u n d Altar gibt es keinen Frieden im Judentum! Tas Schwert erhält keinen Sogen in der Thora, und nicht umsonst hat der Prcester Israels bei einer Leiche (Lev. 21) keines Amtes zu walten. Es ist auch kein Zufall, daß die Ruhmestaten jüdischer Freiheitskämpfer 1513 usw. in die Blütezeit einer Bewegung fallen, die das Judentum in allem den protestantischen Staatskicchen angleichen wollte, — der Reform, die aus „Patriotismus" nch veranlaßt sah, die Gebete um die mossianische Erlösung aus der Liturgie zu streichen, und deren Mentalitcck es mit sich bringt, daß heute roch in den schulen der Alliance Jsraälite mehr französischer Chauvinismus herrscht als in den Pariser Osiizierschulen. Niemand ist daher mit größerer Berechtigung Judenfeind als der Kriegsmann; er ahnt mit sichererem Instinkt als Sie, daß jüdischer Idealismus und Kriegögennr.ung miteinander niemals harmonieren können. Und gesund ist auch die Empfindung des Eros der deutschen Judenheit. die sich niä: beeilt, die *n>8 fehlenden Re ichsw eh cko l d a tcn zu bellen. Ganz abgesehen davon, daß der g e s e Z e s t r e u e Jude noch gar nicht weiß, ob er freiwilligen Heeresdienst mit seinem. Genüssen überhaupt vereinbaren kann, solange nickt der Ltaat allgemein als in äußerster Notwehr befindlich angesehen werden kann. Ein Artikel aber, der 'n die Nckhuung zur inneren Einigkeit ausklckgt, sollte nickt das für den Pazifisten entehrende Fehlurteil enthalten, der deutsche Pazifismus sei eine Wusse der Feinde Deutschlands. Viele Dcutche sind der rerhänanisvo-lleu Meinung, mau brauche nur das Volk zu bewaffnen und einen ausländischen Bundesgenossen, mit das alte dcut'cke Ansehen wiederherzustelleu. Auch im günstigsten Fackle fiihrt diese Gesinnung zu einer lmnmdfiach vor- 'chlimmerlen Wiederholung d's Mossenmordens von 1914 bis 19IN Es liegt im Interene des deutschen Ansehens und Wobler-geb-'-is und im Interesse der Welt, gegen Krieg. Kckcgsrüstung und Kriegsgcsinnung zu arbeiten. Das ist das Ideal aller, nicht bloß der deutschen Pazifisten, tas sie sich von niemanden! ackprechan lassen. Dc. Leo Löwcnske'm schreibt: Aus die mehr als subjektiven Deutungen dieser und jener Bibelstellen durch Dr. Eohcu brauche Ach hier nicht näher einzugeheu. Ick greife demgegenüber nur die heldischen Taren d-r Makkabäer heraus, ohne die das Judentum damals seine Geschichte beendet Härte, und die nur auf Grundlage der wehrhaften Gesinnung vieler vorheriger Generationen möglich waren. Wenn er sagt, daß ich mir durch eine Zuschrift von General Ludendorfs „garantier«?!!" ließ, deren Text ich tatsächlich in meinem Aufsatz als ein Beispiel ungerechtfertigter Verallgemeinerung zurückn.fies, so ist das wohl eine sinnfällige Illustration der Deutung von „aurhentisehen Schriften" durch Herrn Dr. Cohen. Selbst wenn Herr Dr. Cohen, was ich durchaus nicht glaube, das Recht hätte, im Namen des gesetzestrcuen Judentums derartige Erklärungen abzugeben, so ist auch dann dem entgegenzubalten, daß diese Richtung nur einen sehr kleinen Bruchteil des deutschen Judentums ausmacht. Wenn er aber andererseits auch für den gescyestreuen Juden sogar den freiwilligen Heeresdienst jedenfalls für erlaubt hält, wenn „der Staat allgemein als in äußerster Not befindlich angesehen werden kann", so segnet er eigentlich damit wieder so ziemlich alles, ivas er vorher verfluchte. Praktisch kommt ja für Deutschland auf viele Jahre überhaupt keine andere Lage in Betracht, die es zur beioafsneten Abwehr bringen könnte. Aber diese letztere ist eben für uns inmitten eines von Waffen starrenden Europas nur möglich, wenn s ch o n heute diejenigen Vorbereitungen getroffen werden, die in einem solaren Falle den Verlust an kostbarstem Leben möglichst gering machen. Das notwendige Minimum solcher Vorbereitungen an militärischer Grundlage und an körperlicher und seelischer Ertüchtigung der Jugend ist im Hinblick aus die andern Länder bei uns noch bei weitem nicht erreicht. Wer aber auch noch dieses Minimum einengt, trägt die furchtbare Verantwortung für die unnötig schweren Opfer in dem auch von Dr. Cohen als möglich angesehenen Falle. Tie Zeitschrift „Das andere Deutschland" hat mich ob meines Artikels angegriffen. In der gleichen Nummer richtet sie sich auch gegen Severing, den preußischen Innenminister, der am 17. April in Koblenz gegenüber den „waffenstarrenden Staaten", die „glauben, uns überrennen zu können," sagte: „Tann sind wir Sozialdemokraten keine P a z i f i st e n." Und der Reichswehrminister Dr. ©roencr sagte zu Aeujahr in seiner Rundfunkrede: „25 ehrwille und Opferbcrenschaft müssen nationale Tugenden sein und nidjt mir Ideale bet Wehrmacht. Der Staat hat die Pflicht, den Wchrwillen zu fördern und ihn besonders der Jugend einuliwpfin. — Ich richte an das deutsche Voll die Mahnung, zusammenz u st c h e n im Gedanken der Wehrhaftigkeit und des Verteidig uugs willens!" Zu diesen Pflichten werden a u ch w i r Juden wie jeder unserer deutschen Volksgenossen unseren Dt a n n stehen, getreu unserer Tradition. Von all den Zuschriften, die nur anläßlich dieses Aufsatzes zugegangen sind, sei zum Schluß der Parität wegen auch aus dem Schreiben eines christlichen Theologen, Uni» versitä:sprosessvrs, an mich zitiert: „Ich las mit einigen Studierenden Ihren Artikel in der „C. B.Zcitung'. 25ir danken Ihnen für dicken ebenso lichtvollen wie fühlbar kcrnbckten Aussatz. Er zeigt uns wieder: Ter dcutscds Jude, der rx p'-cmrc ans persönlichem Erleben und mit gckchicktlicher Heimalverwunclung irgendein Problem un.sers Landes ansaßt. vermag den Geist seiner nicktjüdifck-eu Mitbürger nachhaltig zu beeinsinsicu und ihr Herz wohltnendsi zu bewegen. Glauben Sie mir altem Alunne, daß ein Aufsatz wie der Ihre über „Deutschlands Wehrkraft" für die gerechte Sache des deutschen Judenrum-, die ich als deutsche Sache werte, so viel, hie gind da noch mehr, wirkt wie die schönste ausgc'prockrene Buchapolvgie. Ti.'nn hinter dem Aussätze sucht der ehrenhafteste lebende Mansch. 29ir alle, der „Studentenvater" und die Jugend, hörten mit wachsendem Interesse Ihr Wort. besprachen es und fühlten uns brüderlich warm mit Ihnen (ins/