Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 20 (15.5.1931)
- Date
- 1931-05-15
- Page
- Seite 253 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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253 Georg SetMöes' „Iuös oösr Europäer" von Julius Gab Unter diesem Titel ist ein „Porträt von Georg Brandes" im Bering von Nutten & Loening erschienen. Ter Verfasser nt Henri Nathansen. Uebcrsener G x in i n?jt a g n u s. GZ ist ein in vielfachem Zinne merkwürdiges und interessantes Buch, es regt nicht nur die Lneratn.rsrennde, sondern alle Juden an, sich lebhaft mit ihm auseinander zln'etzen. Tenn es ist ein aufregender und in mancher Beziehung nicht unbedenklicher Beitrag zur jüdisch - europäi'chen Frage. Zunächst ist es ein Beitrag zur Erkenntnis des Georg Brandes, des großen dännchen Literaten, der in der Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts eine so bedeutende Nolle spielt, dessen ..Hanptströnmngen" als ein Grundwert der europäischen Kritik gelten, und der noch knrzZoor seinem (im hohen Alter, 1927, erfolgten') Tode mit einer so erstaunlichen Reihe großer Monographien (über Goethe. Voltaire, Julius Cäsar, Michelangelo) hervor trat. Nach amen, der Brandes in der zweiten Hälfte feines Lebens nafjoftanb und viele versönttche Erinnerungen und auch Briese von ihm bentzt, liefert kostbare Beiträge zum' Bilde dieses großen Literaten, freilich nur Beiträge und nicht das eigentliche Bild. Tenn Nathansen. von dem ja einige Arbeiten auch in deutscher spreche bekannt^ geworden sind, ist offenbar ein begabter Tichter, aber kaum ein Essayist. Mit derlebenshaltigen -'charfen Erinnerungskraft des Poeten bat er viele einzelne Zuge chon Georg Brandes beobachtet, und er kann ne sehr eindrncksam aus,zeichnen. Es sagt viel, 'wenn er erzählt, wie Brandes immer „nur ans der Kante" des Stuhls gesessen habe — unfähig, sich je breit und dauerhaft nicderzulasien. Es ist kostbar, wenn er von einem Spaziergang erzählt, in dem er vergeblich den großen Literaten auf die Schönheit dos Sonnenuntergangs ausmerksarn zu machen suchte, während der vom Gespräch über einen gewissen Autor, der ihn jüngst ausgesucht habe, nicht abzubringcn war. Nach Jahr und Tag schreibt ihm dann Brandes: Wie merkwürdig, imnrr wenn ich cn jenen Autor denke, der mich doch nur in meiner Stube l^esucht hat, sehe ich eine Land- 'chait mit Sonnenuntergang, und ^ie sind auch dabei! — Und Nathanstns Tarstellung gewinnt dichterische Kraft, wenn er am Ende des Buches das Leben von Brandes in dem biblnchen Bild gibt: Ter junge Tavid, der die verführerische Färse schlügt, listig lächelnd wie bei tickmbrandt — langsam verwandelt in den alten ^aut. der heimlich mit den Vorhang das träncnübersüllte Auge trocknet. Aber dieser Tichter Nathansen ist offenbar kein kritischer Schriftsteller. Er kann das ausgezeichnete Material nicht zu einem organischen Bildnis plastisch ausbauen. Es fehlt nickst nur die fachliche Lrientiernng über die Folge der Lebensdaten und eine, wenn auch noch so knappe Tarstellung vom eigentlichen Werk des Georg Brandes nach seiner Entstehung und Wirkung. ^Es kehlt vor allem jede klare, vorwärtsführende Tispontion: die Eindrücke und Toknmente sind durchein audergehäuft, es wimmelt von Wiederholungen. man dreht sich ständig im Kzeise. Tazu kommt, das; Na-Hansen vor allem sein Material: seine Erfahrungen mit Brandes und die Briese von Brandes an ihn ausbrciten wollte. Solch ein Erinncruugsbuch ist ohnedies sehr schwer zu einem wirklich gültigen oder gar endgültigen Porträt des bcircstendcn Mannes zu gestalten. Teim was der einzelne von dem anderen erlebt hat. ist immer bis zu einem gcwipen Grade zufällig oder doch einscstia. Hier aber kommt hinzu, daß Nathaw'ens Beziehung zu Brandes in einem ganz bestimmten' Sinne sehr einscilig gefärbt war, und daß die Herrorkehrung diestr Beziehung das ganze Buch mit der Heftigkeit einer Monomanie beherrscht. Und damit kommen wir .zu jenem allgemeineren Interesse an dieser Publikation, das durch den Haup:- titel „Jude oder Europäer" gezeichnet ist. Iledrigens durchaus nicht eindeutig bezeichnet, denn was es mit diesem „oder" aus sich hat, wird keineswegs klar! Logische Schärfe und Klarheit ist überhaupt nickst eben Natt-amens Stärke. Es gibt da B. eine lange Abhandlung über „Ethos und Eros" — „Judäa und Hellas" — „Goethe und Heine", bei der unversehens berauskonnnt. daß in diesem Gegen'atz'picl Heine das hellennch-eroti'che — also wohl Goethe das cchisch-jüdische Prinzip vertritt!? — Aber, wie dem auch sei — sicher ist, daß zwischen Brandes und Nathansen jahrelang ein sehr lebhafter Gegensatz spielte:' der Jüngere ist stark ron einem national gefärbten jüdi'chen SclbslbeNonßisein erfüllt, das dem älteren Brandes vollkommen fremd ist. Es gibt wiederholt zwischen den beiden sthr heftige Zusammenstöße über dickes Trema, die nur die Ehrfurcht des einen, die aufrichtige Freundschaft und ein gütiger Humor des anderen überwinden Helsen. Erst ganz spät gewinnt Brandes aus praktischem Weltverstand Sinn rar die Bedeutung, die der Zionismus für die Lstjuden haben könnte. 'Ein in dem Buche abgedruckter Aufsatz „Neues Judentum" handelt davonü Als Orientierung innerer Art für den in westlicher Kultur ausgewachsenen jüdischen Menschen bleibt ihm die Bewegung immer fremd. Aus diesem fehlenden'jüdi'chen Selbstbewußtem nun sieht Nathansen in einer Art Monomanie das ganze Bild des Georg Brandes, seine Kraft, seine Schiräche, kein Schicksal entwickelt. Tas macht sein Buch als ein Porträt des großen Literaten problematisch, zugleich aber noch in einem allgemeineren Sinne erörter un gs bedürftig. Vieles an der Tarstellimg. die Nathansen gibt, ift zweifellos richtig. Brandes ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts, 1816, in Kopenhagen geboren. Er gelchrt einer jüdischen Bürgerfamilie an, die sich aus dem Höhepunkt der liberalen Emanzipation ganz von der Tradition lösen will. „Meine Mutter ist üb<rhaigst nie in einer Synagoge gewesen, mein Barer nicht seit seinem 13. Jahr." Es fehlt ihm jede Tendenz zum Judentum, er will am allgemeinen Werk des Geistes Mitarbeiten, zunächst in Tänemark, dann im internationalen Kreist, und?o wird er „der gute Europäer", den Nietzsche gepriesen hat. Tatsächlich hätte er sein Judentum vielleicht ganz vergessen, wenn es ihm nicht zunächst ans dem konservativen Tänemark als gehässiges Argument stincr zahlreichen Gegner immer wieder ansgetaucht ivä.re. So ist das Jüdische tar sächlich nichts als ein schmerzlicher Stachel in seinem Bewußtsein. lTenn wenn der große Schriftsteller in vielen Fällen für verfolgte Juden ciiitriti, h tut er cs nicht, weil sie Juden und, sondern weit IODBAD DAS BÄD GEGEN ARTERIENVERKALKUNG Tid'XW KUßu, BADHOTEL «* VfisJ/ iJSLsa ln. G. Kisstalt Führendes und err*s i 2^3. im Bayer. Alpen thzi:e ir.it Jodwuellbädern. Zeit^.-ässe Pr? se. er überall für die Gerechtigkeit fickst.) In feinem Innern aber wirkt das Jüdische als der beflügelnde und entzündliche „Nerv", der Antrieb stincs rastlosen Geistes. Es ist richtig, daß die tiefe Unbehaustheit dieses Georg Brandes, der such stis ins höchste Alter immer wieder in große Nciftn stürzt, um immer wieder noch Tänemark zurück.znkehren und immer neu am'zubrecken, mit seinem ungeklärten Verhältnis zum Judentum zusammenhängt. Und es ist wahr: soweit diese Haltung für seine Generation etwas Typiches hat, ist in d-er jüngeren Generation vielstch eiw Wandlung erfolgt durch eine Stärkung des jüdischen Selbstbcivnßtstins. Und an ihr mitgewirkt zu haben, ist zwck.stllos ein Verdienst des Zionismus. Aber, nun wird sogleich die ganze Gefahr der ziouistichen Nichtung höchst beispielhaft klar an der Art, wie Nathansen dies jüdische Selbstbewusstsein nicht n itt in der höchst fragwürdigen palästinenüchen Staatsgründung gipfeln laßt — nein, er macht nun die jüdische Wesensart zum Nlitulpunst der Wett — zum mindesten für eine:: jüdi'chen Mann zur allein gültigen Erklärung^all seines Lebens und Schaffens! Und ' du zeigt 'ch. in schärfster Beleuchtung, loie in der zionistischen Tonart durch maßlock ' Uebertreibung an sich wahre und heilsame Tinge zur Ilmrahrheit und Gefahr werden. Wenn in feiner Betonung der jüdische Mensch „Heimat" nur im Judentum finden kann und schließlich in bedenklich völkischem Sinne die Welt jüdischer Tradition als „heimlicher Staat im Staate" gerühmt wird, so ist das bereits eine hestig dogmati'che llebovtreibung der Tinge, die wirklich sind. Tenn seit vielen hundert Jahren sind die europäischen Jud-eu selbst im Ghetto und nach dem Fall der Gheuomauern erst recht zugleich mit dem Land und der Kultur der Völker, unter denen ne wohnen, ganz innerlich verwachsen. Tie unglückttche. aber höchst heftige Liebe von Brandes zu Dänemark, die Nathansen ja nicht verschweigt, Gt nur ein Beweis mehr. Ter jüdisch-nationale Sinn dickes Autors aber will mm aus dem Judentum von Brandes alles erklären und kommt dadurch zu -merkwürdig engen und schiefen Begründungen ^richtig beobachteter Tatsachen. Es ist wahr, daß das eigentliche Feld dieses großen Literaten „die Diagnose" war, daß ‘ fein Erkennen nur so weit reicht wie sein Verstand, und daß dieser große Kritiker deshalb auch an den Kunstwerken häufig nur die rationalen ElemeMe, nicht das Mystisch-Geheimnisvolle. das eigentlich Künstlerische, erkannte. Wahr, daß seine Stärke wehr die Weite der Betrachtung, als ihre ..Vertiefung" Krar. Aber ist das jüdnch? oder eine Folge seiner unzulänglichen jüdischen Selbstbownung? Ein großer Künstler, wie Mar Liebermann, der etwa ans derselben Generation und derselben Geistessphäre stammen dürfte wie Brandes, liefert den Belveis, wieviel auch hier auf die a! l e r i u d i v i d u e l l st e Veranlagung ankommt! Und anderseits: wenn Brandes in seinem Kanupf für neues Leben, für Freiheit des Geistes für Gerechtigkeit so unendlich viel Feindschaft. Verfolgung. Verkennung erntet, soll da die äußere und innere Situation völlig und in der Hauptsache von seinem Judentum erklärt werden.h Haben Voltaire in Frankreich. Nietz'che in Teuuckland. Strindberg in Schweden, Tolstoi in Aufstand ein anderes Schicksal gehabt?! Ist kür den Herrn, für das Kind! Speziöi-Abteiluns |j D 4 s Heus der guten Que fitsten B e r I i n W 8, Leipziger Str«8e 32-B