Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 20 (15.5.1931)
- Date
- 1931-05-15
- Page
- Seite 248 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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248 daß men euch in den anderen Parteien hellhörig geworden ist, und sich diefein anmaßenden Kampf der Nationalsozialisten gegenüber entsprechend zur Wehr setzte. Sozialdemokratie. Zentrum. Deutsche Temekratische Partei (Staatsparreil nnd Christlicher Volksdieust haben eine großzügige Gcgenagitatwn entfaltet, die noch hellte in sehr lebendigen: Gange' ist, und die Nationalsoftaliftcn gezwungen, sich überall zur Auseinandersetzung zu stellen. In vielen Hunderten von Vcrsammlungcn, die hin imb her im Lande gehalten wurden, ist der Bevölkerung das wahre beuchdes Nationalsozialisnuns gezeigt worden, und nicht nur ihre außenpolitische, wirtschastspolitische und geistige Schädlichkeit, sondern auch ihre vollkonnnene Unfruchtbarkeit und Unfähigkeit in der praktischen Arbeit nachgewicsen worden. Tie Arbeit der Nationalsozialisten unter der Heranwachsenden Jugend, die sogar zur Gründung eines nationalsozialistischen Schülerbundes geführt hat und in deren Auswirkung es da und dort zu übleu Ausschreitungen noch schulpstickttigcr junger Menscheu gekommen ist, hat zn einem Verbot der Regierung gegenüber parteipolitistner Verhetzung und parteipolitischem Mißbrauch der Jugend geführt. (?§ wurde im Landtag, und zwar von Zentrumsseite aus. vom Kultusministerium verlangt, daß es einen scharfen Erlaß cm die Lehrer, insbesondere an die höheren Lehrer hinausgeb'n müsie, der vor einen! Mißbrauch des Unterrichts zu parteipolilischeu Ar ecken warnte und der im Znwiderhandlungsfall zu einer disziplinarischen Verfolgung mit dem Ziel der Tienstentlassung die Voraussetzung schaffen sollte. Vom Bauernbund bis zu den Sozialdemokraten war bei der Beratung des Haushaltplaues eine einheitliche Abwehrfront gegenüber den Nationalsozialisten in Erscheinung getreten. Während der Bauernbund jahrelang mit den Nationalsozialisten liebäugelte, ist er jetzt, wenigstens in der Leitung desselben, in eine sehr deutliche Abwehrstellung eingerückt, weil er merkte, daß feine eigene Jugend von nationalsozialistischer Teile her scharf gefährdet sei und weil insbesondere auch die Verrohung des öffentlichen Lebens, die durch den Nationalsozialismus auch in die Törstr hinausgctragen wurde, eine Ce fahr für die politische Gesittung unseres Volkes und Landes darstelle. Ter Nationalsozialisnms in Württemberg war also wenige Monate nach dem 14. September in eine vollkommene Abwehrstellung gedrängt. Und was die Aufklärung der anderen Parteien noch nicht erreichte, das haben die Nationalsozialisten durch ihren Auszug ans dem Reichstag vollends nachgeholt. Nun ist in Stuttgart vor kurzem ein neues politisches Gefecht ausgetragcn worden bei dem Kampf um den Oberbürgermeisterposten, der cm 26. April neu besetzt werden sollte. Tie Tentfchnationalcn, das Zentrum, die Teutsthe Volkspartei, die Wirtschastspartei, die Tent'che Temokratische Partei und die Sozialdemokraten hatten sich für den bisherigen Oberbürgermeister Tr. Lautenschlager ausgesprochen und die Unterstützung seiner Wiederwahl proklamiert. Tie Kommunisten stellten in deni Reichstagsabgeovdnrten Torgler einen eigenen Kandidaten auf, aber sie betriebe!: keine sehr lebhafte und obendrein eine sehr ungeschickte Agitation für ihren Kandidaten. Auch die Nationalsozialiften traten nüt einem eigenen Kandidaten hervor. Es war ein früherer'aktiver Offizier, Tr. Strölin (ein Stuttgarter), der nach dem Kriege Volkswirtschaft studierte und in dieser Tisziplin auch den Doktorgrad erwarb und daun bei der Stadt Stuttgart als Stadtamtrnann angestellt wurde. Tie Nationalsozialisten haben für diesen Kandidaten eine ungeheure Propaganda gemacht. Selbst Adolf Hitler ist .zwei Tage vor der Wahl noch Stuttgart gekommen, um seinem künftigen Statthalter in Stuttgart noch ein besonderes Nettes zu geben. An den Plakatsäulen von Stuttgart war am Tage vor der Wahl zu leiem ..Alles w-ählt Tr. Ströliu. deu treuen Oberbürgermeister!" Tie Volksrechtspartei halte sich aus besonderer persönlicher Verärgerung gegenüber dem bisherigen Oberbürgermeister für die nationalsozialistische Kandidatur erklärt, und man versuchte es mit allen Mitteln der Politi'chen Suggestion, die Massen der Wählerschaft aus den Sieg des nationalsozialistischen Kandidaten cinznftellen. Tas Ergebnis der Wahl war für die Nationalsozialisten eine bittere Enstän'cknma. Sie batten in Stuttgart bei den lewen. Rcichstagttoablen 21 «'0 Stimmen aufgebracht, die Volksr.cckrspartei annähernd 7«4 0 Stinnncn. znstunmen waren es über 28 EM Stimmen Inzwischen ift die vor den Soren Stuttgarts liegende Stadt Zuffenhausen nach Stuttgart eingemeindet worden, die auch noch rarichiedene Tausend neuer Wähler rnitbr.'.chre, und es ist -eit der Reichstagswahl ein eröeblichcr Zuwachs au Jungwählern naturgemäß hinz-.'gekon'.nen. Außerdem hat es in den deui'ckuattonaten Krek- 'eu. die in Württemberg stramm zu der vinic Lngeuberg hatten, sicher einen erheblichen Seil oon Wallern gegeben, die sich stür den Nakiruacksipzialisten entschieden. Man'Hai gerade tun diew Kreiw auch wieder mit der 'Ihram gcavoiben, Tr. Lamenstchlager sei der Kandidat des Marrisnius und inan müsse durch wie Wahleutscheiduug nur Sonntag dafür sorgen, Stuttgart wieder zu einer ..deutschen Stadt" zu machen. Tas Ergebnis war, daß für Tr. Lantenfchlaeer 115165, für deu Reichsragsabgeordneren Soralcr 24 241 und für den Nationalsozialisten Tr. Strölin 25605 Stimmen abgegeben wurden. Tie Nationalsozialisten babeu alw ihre Stimmen nicht nur nicht mehr steigern können, sondern, wenn mau alles in Berechnung stellt, wgar noch eine Einbuße erlitten. Tabei ist. wie gesirgt. seftzuftellen, daß seit dem 14. Scotcnib.w eine eigene Tageszeitung der Nationalsozialisten iw Stuttgart erscheint, daß inan damit die Gesachttsleute stark unter Truck hält und daß auch wüst eine Agitation entfaltet wurde, die alles üb erboten hat, warmau bisher in Siuttorrt gewöhnt war. Ter Ausgang dicker Wabl bat gezeigt, daß es den anderen Parteien oelunaen ist. die kritische Vernunsr und die vernünftige Kritik weitester Kreise der Bcoölkerrng wach zurufen und auf Abwehr und Aolehnu.ig gegenüber dein nationalsozialistischen Eetriebö einzustellen. Es sind zwar noch durchaus Zahlen, die zur Wachsamkeit und zur cnckch.onencn Weiterarbeit mahnen, aber die ftwaestive Kraft des Nationa-- sozialismus, mit der er glaubte, auch Württemberg in ähnlicher Weise über rennen zu können, wie ihrn das in anderen Setten des Reiches gelungen ist, ist gebrechen, m d er ist auf der ganzen Linie in eine Aluvebr gedrängt, die ihm gerade bei der besonderen niaen mistigen 3trnftur des ivürltenibergischen Volkes nicht leicht gemacht rvird. Die' KitieWt - m Zelle iiferer Kraß Eindrücke von einer Dezirkskagung In Kottbu s, einer regen und saunen Stadt von etwa 60 0(6 Einwohnern, die eine jüdische Gemeinde von etwa 400 Seelen besitzt, fanden am Sonntag, den 10. Mai, eine Bezirkstagung des Eemralvercins für die gesamten benachbarten Gruppen und eine Ccmeind--Versammlung statt. Life Leibholz und Tirckror Tr. Ludwig Holländer nahmen an diesen Tagungen teil, die beide gut besucht gewesen und. Es soll über ne berichtet werden, weit üe in ihrem Verlauf Eindrücke aller Art gaben, die in gewissem Maße grundsätzlicher Natur sind. Zunächst craab sich das eine: die kleineren und die Mittelstädte bieten dem deutschen Juden Schwierigkeiten nach der mannigfach bekannten Richtung, aber sie geben in ganz anderem Maße die Möglichkeit einer bescheidenen Eristen; in fast allen Berufen als die Großstadt. Tcr Pendel schlägt dort, und das ist die Beobachtung, die wir immer machen, weder nach der günstigen, noch nach der ungünstigen Seite des Lebens sch stark aus, wie es der Großbetrieb der Großstadt notwendigerweise mit sich bringt. Tas sollten alle nufere Freunde berücksichtigen. Immer wieder müssen wir cs betonen, denn aus sänit- 'tcfjcu großstädtischen Ortsgruppen dringt die Klage, daß eine zum Teil wohl verständliche, aber unbegründete Hoffnung auf eine bc'oudcrs gute Zukunft unsere Menschen in die Großstadt drängt, wo sie dann — aus einer ganzen Reihe von Gründen — starke Enttäuschungen erleiden. Tas gilt auch für eine Reihe besonderer Berufe, w für tüchtige Sekretärinnen, für sachlich sichr aut voraebildete kaufmännische und gewerbliche Angestcttte. Es darf nie verkannt wurden, daß eine M i t t e l g e m e i n d e gerade für Menschen, die sich für jüdische Arbeit interessieren, eine ganz andere Belätignngsmöglichkeit gibt als die Großgemeinden. Was uns. die Berliner Besucher, aber überaus bedenklich slinnneu mußte, waren die inneren Verhältnisse, die wir rorfanden. Nicht besonders Wunder genonuneu har der Umstand, daß, wie in den meisten Mitteleememden, ältere, einzelne in bckonders guter Stellung befindliche jüdische Mitbürger sich verstecken, nachdem andere in früheren Zeiten durch die Flucht aus dein Judentum ihre wirtz'chastlichm Erfolge mit gestü'chaftlichen zu verbinden getrachtet haben. Beides sind Erscheinungen einer anderen Zeirepoche: sie haben niemandem genutzt, aber unendlich geschadet. Wir haben die diesen dingen zugrunde liegenden gesellschaftlichen Erscheinungen stets aus das schärfste bedauert. Abgesehen davon aber leiden mckere Ortsgruppen zu ciuenr starken Teil au der llninteressiertheit oder einer sal'chen Einstellung vieler, die da glauben, inan kann Politik mn besten durch „Beuerwisseu" machen. Wer grundsätzlich, insbesondere durch eine gefestigte narionaljudiichc Gesinnung, die Möglichkeit jeder politischen Arbeit in Tenckchland leugnet, wird und kann nicht Mitglied des Eeurral-Bercius sein. Ihn achten wir wie jeden ehrlichen Gegner. Aber jeder andere muß sich sagen, daß in der heutigen Notzeit jeder einzelne jüdische Tent'che lebendig interessiert werden muß, daß keiner auch die finanziellen Opstr schonen darr, die honte jede Bewegung erfordert, wie jo auch gerade der Nationalsozialismus durch die fötirtrl des kleinen und des kleinsten Nstaunes unendlich viel gewonnen hat. Hiev gilt es einzusttzeu und hier sehen wir die Klippen, und Schwierigkeiten, über die der Vorsitzende unserer Ortsgruppe in KoLtbüs, Georg d) i e; i n g e r, mit Recht klagte. Und weiter haben wir auf dieser Vezirkstagnng erkannti in kleineren Städten, in denen jeder den anderen kennt, kann durch persönliche Arbeit in Politischer und gesellschaftlicher Hinsicht außerordentlich viel gewonnen werden. Wir hörten aus G n b e n. aus dem Munde unserer Freundin Frau Sirdienrat Tr. W e r t - h e i m e r, genug wertvolle Einzelheiten darüber. Wir lernten vor allem, was von der Hauptstelle ans zu tun ist und wie eine rege Zusannnenarbeit mit verständigen Elementen, die der Sache etwas geben wollen, alle zum Ziele führt, und wir sahen erneut die ungeheure Notwendigkeit und den Wert Politischer Kleinarbeit, auch in den kleinsten Gemeinden. Man spricht heute so viel von Zellen: Hier sind d i e Z e l l e n, i n d e n e n f ü r n n s e r R e ch t und für unsere ' i t L l i ch e B e d e u t lt n g eworben werden kann, und hie r ind die Zellen, a u s d e neu die Gegner Stärkung erhoffen, wenn wir nicht a m P l a tz e sind. Tas Land ist äußerlich ruhig, iuuerlich nicht. Tie Juden sind kurzsichtig, sie sehen die weiten politischen Znknnstsn'.ögtichleiLen zu wenig. Und darum hatte Life Leibholz reckt, wenn sie gerade der Frauenwelt im einzelvnt dieses ungeheure Gebiet, das ihr jetzt erschlo'en ist. darlegte und zur Bearbeitung empfahl. Wandlung zur Aktivität ist Bedürfnis und Lo'uug. Beides uns, die wsir in der ßauptstelle arbeiten, gezeigt zu haben, ist auch ein Erfolg der Kottbuser Reise gon'csen. " L. H.