Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 20 (15.5.1931)
- Date
- 1931-05-15
- Page
- Seite 247 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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N.HMAMWg Ter Vorsitzende der Ortsgruppe Breslau, Dr. Georg Tarnowski, stellio man kurzen Begrüßungswwrten den Zweck der Kundgebung klar: Gegen die Zügellosigkeiten im politischen Tageskampfe. Wer das Judentum bekämpfen will, möge das tun. Was aber hier vorgche, sei eine Kulrurschande. Ter erste Redner, Polrzewizcpräsi-ent Tr. Weif; (Berlin), stellte zuerst die Propaganda, Organisation und Disziplin, die der Hitler-Partei wesentlich zu ihrer großen Anhängerschar verholzen hätten, dar. Wenn aber für den Tageskampf von Führern der Partei jede Skrupellosigkeit gebilligt werde, so könne man sich nicht über die Folgen wundern. Im Programm der Partei stehe manches Schöne. Wie aber werde es in die Wirklichkeit umgesetzt? Gemeinnutz solle vor Eigennutz gehen. Und die Führer der Partei werfen sich gegenseitig vor, daß sie Eigennutz vor Gemeinnutz stellten. Tas Anwachsen der Partei sei gewiß ernst zu werten. Trotzdem sei kein Pessimismus angebracht. Kadavergehorsam und Tisziplin, wie sie die Hitler- Partei verlangt, widersprachen dem demokratischen Grundzuge des deutschen Volkes. Tas deutsche Volk werde erwachen. Tie deutschen Juden sollten nicht überempfindlich sein; sie sollten sich aber mutig verteidigen, wenn sie angegriffen werden, und im Gentralverein, dem alle engehören mußten, ihre Rechte wahren. Ministerialdirektor Tr. K. Spiecker (Berlin) feierte als Katholik die Religion als Hort und Trost gegen Rät und Verelendung. Ter religiöse Mensch sei am besten gegen alle Zügellosigkeiten und Gewalttätigkeiten des Tagcskampfes gewappnet. Ter Katholizismus wlpe aus eigener Erfahrung, was religiöse Verfolgung bedeute, und verstehe daher durchaus die Erregung der jüdischen Bevölkerung/ Daß sogar bei den Jubiläumsfeiern der oberschlesischen Abstimmung, so in Gleiwitz, die Juden gekränkt wurden, sei um so verwerflicher, als er aus eigener Erfahrung bezeugen könne, daß das oberschlesische Judentum# vor zehn Jahren nicht nur feine Schuldigkeit getan, sondern Gut und Blut für das Vaterland eingesetzt habe. Dr. Spiecker entwarf sodann ruhig und überlegen ein Bild von der Wirttchaftsnot, den anderen Ursachen. die dem Nationalsozialismus entscheidend zugute gekomnwn wären. Er betonte unter lebhaftem Beifall den ruhigen Kurs der preußischen Staatsregiernng, die gerade, zielbewusste Linie der Reichsrcdierung unter Brünings Führung. Beide Tatsachen haben uns über den schweren Aus dem Mannheimer Bürgerausschuß Als in der Sitzung des Mannheimer Bürgerausschnsses vom 6. Mai der sozialdemokratische Stadtverordnete Dr. H i r s ch l e r das Wort ergriff, erscholl von nationalsozialistischcr Seite der Zwischenruf: „Was der Jude sag:, ist uns gleichgültig." Ter Zwischenrufer wurde sofort vom Versammlungsleiter zur Ordnung gerufen. Später verlangte der Nationalsozialist unter dem Hinweis daraus, das Wort „Jude' sei leine Beleidigung, sondern die „Feststellung der Rasse", einen Beschluß des Hauses dahin, der Ordnungsruf sei unberechtigt gewesen. Sämtliche Parteien hielten den Ordnungsruf indessen für berechtigt, was mit 70 gegen 16 (natwnalsozialistische) Stimmen bei Stimmenthalllulg der Kommunisten zum Ausdruck kam. Tie Kommunisten ließen erklären, daß auch sie Winter himveggeholsen. Tr. Spiecker verlangt aber angesichts der Tatsache, daß wirtschaftliche Not und seelische Verzweiflung dem Nadikalismus rechts und links die Anhänger scharen zusührten, von jedem einzelnen, mit der Temokratie Ernst zu machen und destür einzutreten, daß die Güter, Schönheiten und Segnungen dieses Lebens möglichst allen zugänglich gemacht werden. Erst dann, wenn jeder Herz und Blagen einigermaß sättigen könne, werde dem Radikalismus der entscheidende Stoß versetzt sein. Ter letzte Redner, Tr. Alfred Wiener (Berlin), Syndikus des GentraLvercins, wies daraus hin, daß kein Tag vergehe, an dem nicht Tote und Verletzte die Zügellosigkeit des politischen Kampfes beweisen. Nur in Deutschland werden die als antinational angeprangert, die eine bestimmte politische Richtung nicht vortreten. Stresemaun, Marr, Koch-Weser, Ebert — alle die Männer, die ihr Bestes dem Vaterlande gegeben haben,_ werden schamlos als Landesverräter ansgerusen. Besonders arg treiben es aber nationalsozialistische Redner und Zeitungen mit^den Juden. Ter Redner las Zitate aus dem „sturmer' in Nürnberg. dem „Tonanboten" in Ingolstadt, dem „Freiheitskamps" in Dresden vor, die die erregte Versammlung mit lebhaften Vstnrmen quittierte. Als der Redner ausrief: „Wir wollen nicht nur diese Tatsachen hier bekanntgeben, wir klagen an, daß gegenüber den schamlosen Uebergrissen, den Friedhossschändungen, den religiösen Kränkungen ein großer Teil der deutschen Oefsenrlichkeit schweigt, die Presse zu wenig Notiz davon nimmt, die Behörden nicht energisch eingreifen; als er hinausrief, wie verbittert der deutsche Jude ob dieser Vorgänge fei, wie er für deutsches Ansehen und für die deutsche Jugend fürchte — setzte minutenlanger Beifall der Versammlung ^ein. Es sei unerhört, den Juden noch Prasierei und Wohlleben vorzuwerfen, obwohl jede Woche jüdi'che Selbstmorde aus wirtschaftlicher Verzweiflung zu beklagen seien. Tr. Wiener behandelte die Stellung zu deutschem Volk und Vaterland. „Wir selbst entscheiden und müsien so entscheiden, weit wir aus tiefstem Herzensgründe heraus gar nicht anders können, als Deutsche zu sein und zu bleiben. Tie gesamten Breslauer und führende reich?- bauptstädtische Zeitungen berichteten über die gewaltige Kundgebung. Tie völki'che Presse brachte die üblichen uMvahren Berichte. Eine besonders anssührlick>e Darstellung findet sich in der Montagsausgabr der „Breslauer Zeitung'. die Judenhetze entschieden verurteilen, daß sie sich aber von dem sozialdemokratischen Redner provoziert glaubten, so daß sie sich in diesem ^onderfall der Stimme enthalten hätten. Wenn man weiß, daß oftmals noch weit unflätigere nationalsozialistische Beschimpfungen anderwärts ungerügt passieren, so verdient die energische Abwehr aller anderen politischen Parteien in Mannheim volle Anerkennung. Di*. L. FMHMWdiMg in WMrs Ter Friedhof der Jüdischen Gemeinde K i tz i n g e n , der bereits im Jahre 1929 von unbekannt gebliebenen Tätern geschändet wcnDen war, wurde Ende April abermals heimgcsucht. Zwei Grabsteine wurden umgcworfcn. Tie Nachforschungen nach den Tätern sind noch im Gange. 247 Der MüonalssZialismus in Württemberg Bon Johannes Fischer, M. d. L. (Stuttgart) Tie Nationalsozialisten haben bis jetzt in der praktischen Politik Württembergs nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Sie paaren in dem Landtag vom Jahre 1924 bis 1928 mit drei Abgeordneten vertreten, sind aber bei den Wahlen im Mai 1928 auf einen 'Abgeordneten zurückgegangen, nachdem bereits vorher einer ihrer drei Abgeordneten wegen der immer stärker hervortretenden sozialistischen Tendenzen und wegen der Brutalisierung der ganzen Arbeitsweise seinen Uebertritt zum württembergischen Bauern- und Weingärtnerbund erklärt hatte. Ans den Rathäusern sind sie noch so gut wie nirgends vertreten, weil sie bei den letzten Wahlen vor drei Jahren nirgends solche Stimmenzahten cusbrachten, daß es ihnen zu einer eigenen Vertretung gereicht hätte. Bei den letzten Neichstagswahlen im September 19-39 haben sie in Württemberg und Hohenzoltern, das zusammen einen Wahlkreis bildete, bei einer Gesamtwählerschaft von 1 407 §01 eine Stimmenzahl von 131 683 angebracht. Württemberg stand in der Zunahme der nat-.onalwzialistischen Stimmen gegenüber dem Jahre 1928 an zweitletzter Stelle im ganzen Reich. Tas hat den Zorn'der Nationalsozialisten in besonderem Maße auf Württemberg gelenkt, und sie haben schon in Vorahnung dieses Ergebnisses bei der Vorbereitung der letzten Neichstag-wahl und im Anschluß daran dem Lande Württemberg eine besondere agitatorische Bearbeitung zugesaat. Sie haben zuerst einige lokale Wochenblätter und dann eine für das ganze Land erscheinende Tageszeitung hcrausaebracht und haben für diese Zeitungen eine ungeheure Propaganda entfaltet, haben nicht nur in der Abonnentenwerbnng, sondern insbesondere auch in der Anzeigenwerbung mit sehr gewalttätigen Methoden gearbeitet, haben Boykottaudrohungen und dergleichen Tinge versucht, ohne allerdings einen zufriedenstellenden Erfolg damit zu erzielen. Ihre Persammlungstätigkeit, nicht nur in Stuttgart, sondern durch das ganze Land hindurch, vor allem in der Hohenloher Gegend, in der Ulmer Gegend, im Schwarzwald und in und um Stuttgart herum, stellte altes bisher in Württemberg TagewesKie weit in den Schatten. Es gab in Stuttgart Wochen, in denen zwei- und dreimal Riesenplakate mit nationalsozialistischen Versammlungsankündigungen an den Anschlagsäulen zu lesen waren; man machte Spezialver'ammlungen für den Mittelstand, für die Beamten, für die Arbeiter und Angestellten, für die Studenten, man arbeitete, wie Minister Severing eimnal in Stuttgart ausgesprochen hat, mit einem auswechselbaren Programm, d. h. man redete, je nach der Znsammensetzung der Zuhörerschaft, den Versammlungsteilnehmern in demagogischster Weise nach dem Munde, in der Annahme, daß die meisten es doch nicht merken, und daß die, die es wußten, darüber stillschweigend hinwegsehen würden. Von dem einzigen rmtionalsozialistischen Landtagsabgeordneten, Professor Meraenthaler, imttbc laut und herausfordernd verkündet, man werde-in Württemberg bei den nächsten Landtagswahlen im Jahre 1932 dafür sorgen, daß auch Württemberg eine „deutsche Regierung" bekonuue. Terstlbe Abgeordnete hat sogar versucht, die Gelegenheit zur Installierung einer „deutschen" Negierung im Lande Württemberg möglichst bald zu bekommen, und hat im Landtag den Antrag gestellt, der Landtag möge sofort seine Selbstauslösung beschließen, weil er in seiner heutigen Znsanunensetzung der Stimmung der Bevölkerung, wie sie am 14. September in Württemberg in Erscheinung getreten sei, nicht mehr entspreche. Er hat aber für diesen.Antrag, der Mitte November zur Beratung kam, nur [eine eigene Summe gewinnen können. Dagegen hat sich sowohl bei der Beratung dieses Antrags wie einige Monate später bei der Generaldebatte zum Haushaltplan sür das Jahr 193132 in bemerkenswerter Meise gezeigt,