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Central-Verein-Zeitung · 1931-05-08 · 19 (8.5.1931) · p. Seite 237

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
19 (8.5.1931)
Date
1931-05-08
Page
Seite 237 (sequence 5)
Language
German
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237 'S x Zu Sigmunö §rmös 76. GeburtsLag (ö.MallHAI) Stefan Zweig über das Lebenswerk von Sigmund Freud« Im JnsK-Verlag, Leipzig, ist soeben aus der Feder von Dtefarr Zweig ein Buch „Heilung durch den Geist" erschienen. Das letzte Stück dieses Buches behandelt Leben und Werk Sigmund Freuds, des Fünfundsiebzigjährigen, im Zusammenhang mit den Biographien von Franz Anton Mesmer und Mary Baker- E d d h, die den gleichen Gedanken erfaßt und, wenn auch in zwei verschiedenen Richtungen, zur Wirksamkeit gebracht haben wie Freud. Franz Anton Mesmer ist der eigentliche Entdecker der Möglichkeit, körperliches Leid durch seelischen Einfluß zu heilen, obschon er zunächst gar nicht einmal auf den Gedanken gekommen ist, daß seine Heilerfolge der Suggestion zuzuschreiben stnd, und vielmehr an magnetische und elektrrsche Wirkungen gedacht hat. Erst Mary Baker-Eddy, die Begründerin der ObniZtian Lcienee^ hat den Gedanken ^by rnind“ zu heilen, in voller Klarheit erfaßt. Sie machte diesen Gedanken zugleich zum Inhalt einer Glaubenslehre, wurde Begründerin einer Kirche und Heilige für Hunderttausende. Kritischem Blick hält ihre Lehre nicht stand; aber es ift gerade die Große ihrer Lehre, daß sie alle Kritik einem unbedingten Glauben gegenüber ausschaltet. Erst Sigmund Freud aber konnte den Gedanken an die Heilung durch den Geist meistern. Sein gesamtes Lebenswerk ist der Vollendung einer Lehre gewidmet, die in wißenschaftlicher Forschung die besondere Art des Heilungsprozeffes auszullären unternommen hat, die ohne die Anwendung körperlicher Mittel doch körperliches Siechtum besiegt. Stesan Zweig gibt, im fühlbaren Gegensatz zu den ersten beiden Biographen, die vor allem die Lebensschicksale der Personen schildern, eine eindringliche Darstellung der Freudjchen Lehre und ihrer Entwicklung. Eine Darstellung überdies, die allgemein verständlich ist und die besondere, erschwerende und spezialisierte Terminologie der psychoanalytischen Lehre vermeidet. Dem Leben Freuds sind in dieser Schilderung nur wenige Seiten gewidmet. Es bat seinen tiefen Grund darin, daß der Mensch Freud vor seiner Leistung verschwindet. „Jedes Genie", sagt Nietzsche, „trägt eine Maske." Freud hat eine der schwerdurchschau, barsten gewählt: die der Unausfälligkeit. Sein äußeres Leben verbirgt dämonische Arbeitsleistung hinter nüchterner, beinahe philiströser Bürgerlichkeit. Sein Antlitz den schöpferischen Genius hinter ebenmäßig ruhigen Zügen. Sein Werk, umstürzlerisch und verwegen wie nur irgendeines, verschallet sich nach außen hin bescheiden als naturwissenschaftlich exakte Universitätsmethode. Wir wißen aus Freuds Lebensgeschichte, daß die Tatsache seiner jüdischen Geburt und seines jüdischen Erlebnisses auf ihn stark gewirkt bat. Er hat sich Hemmungen gegenüber gesehen, die schon zur Zeit seiner Entwicklung auf jeden vorwärts strebenden Juden gelastet Haben. Wäre er nicht Jude getvesen, so hätte sein äußeres Leben zweifellos eine andere Entwicklung genommen. Inwieweit sein Inneres beeinflußt woroen wäre, ist ein Problem, deßen Bearbeitung sicherlich von größtem Interesse sür die Allgenreinheit sein würde. Man hat auch die Frage aufgeworfen, wie weit die F r e u d s ch e Lehre nur von einem Juden geschaffen werden konnte. Uns scheint diese Frage müßig zu sein, weil bei einer Erörterung aller dieser Probleme viel zu viel, sowohl ins Judentum als auch in die Menschen hineingeheimnist wird, und weil eine wirklich wißenschastlich ausreichende Lösung dieser Probleme zurzeit wenigstens noch nicht möglich ist. Stefan Zweig selbst betont die Tatsache nicht, daß Freud Jude ist. Vielleicht hat er damit recht. Was wir an Freud verehren, ist sein Streben nach reiner Wahrheit, und der ruhige, ohne Selbstempsehlung vor sich gehende Ablauf eines wahren Gelehrtenlebens. Professor Dr. Erich Stern (Gießen- Maiuz) über Freuds: „Dns Unbehagen in der Kultur". Freud hatte in seiner Schrift „Die Zukunft einer Illusion" den Nachweis zu führen versucht, daß die Religion nichts sei als eine Zwangsneurose, als eine Illusion. Er hatte betont, daß es an der Zeit sei, die Religion durch die Wißenschaft zu ersetzen, wobei er freilich zugeben mußte, daß auch die von ihm angebotene Lösung der Lebensprobleme nur eine Illusion sei, freilich seiner Meinung nach eine beßere. In seinem neuen Buch „Das Unbehagen in der Kultur" (Internationaler psychoanalytischer Verlag. Wien 1930) setzt er seine Untersuchung fort. Er geht aus von einer kritischen Aeußerung gegen sein früheres Buch: es gäbe ein besonderes Gefühl, die Empfindung der Ewigkeit, ein Gefühl, wie von etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, Ozeanischem; nur wer dieses Gefühl hat, könne sich religiös nennen. Freud gesteht zu, daß dieses Gefühl ihm durchaus fremd sei. wie er früher schon zugellanden hatte, daß er für das Religiöse kein Organ besitze. Es ist eigentlich die Analyse dieses Gefühls, die ihn zu der vorliegenden Untersuchung geführt hat. Von den zahlreichen Problemen, die Freud hier wieder in meisterhafter Weise behandelt — es ist schwer gegen seine scharfsinnigen, von der Autorität eines Freud getragenen Erörterungen Einwendungen vorzubringen —, sei nur das Wesentlichste, sofern es sich auf das religiöse Erleben bezieht, herausgehoben. Zwei Momente rnüßen zu denken geben: die gesamte Kulturentwicklung hat, soweit wir sie auch zu überschauen vermögen, das Glück des Menschen keineswegs vermehrt; gewiß hat die Kultur zahlreiche Leiden beseitigt, aber sie hat doch immer wieder neue an ihre Stelle gesetzt. Die Glücksmoglichkeiten hat sie jedessalls nicht vermehrt. Die Religion setzt hier ein und sucht, da Freude und Glück dem Menschen in diesem Leben versagt stnd, sie ins Jenseits zu verlegen. Fragen wir, worauf die Kultur, biologisch gesehen, beruht, so ist es der Triebverzicht oder, anders eusgedrückt: ohne, daß der Mensch auf die Befriedigung lebenswichtiger Triebe verzichtet, ist eine Kultur nicht möglich. Gerade dieser Verzicht aber aus die Triebersüllung bringt Leiden. Von drei Seiten her droht dem Menschen Leid: „Dom eigenen Körper, der, zu Verfall und Auflösung bestimmt, sogar Schmerz und Angst als Warnungssignale nicht entbehren kann; von der Außenwelt, die mit übermächtigen, unerbittlichen, zerstörenden Kräften gegen uns wüten kann, und endlich aus den Beziehungen zu anderen Menschen." Gerade das Leiden, das aus dieser Quelle stammt, wird besonders heiltrJieren-und i£äSi Blasenleiden. BADVÜLDUN HOTEL KÜISERHÖF Lage. Strenge Diätküche. \ olle Pension von M.9,-an. . Bes.: K. ——— .... schmerzhaft empfunden. Diesem Leiden gegenüber ergibt sich die Frage nach dem Zweck des Lebens, und hier muß Freud zugeben, daß nur die Religion diese Fragen zu beantworten weiß. Allein die Lösung, die sie bietet, steht mit allen unseren Erfahrungen in Widerspruch. „Ihre Technik besteht darin, den Wert des Lebens herabzudrücken und das Bild der realen Welt, wahnhast zu entstellen, was die Einschüchterung der Intelligenz zur Voraussetzung hat." Der „Maßenwahn" erspart vielen Menschen die individuelle Neurose. Zum Schluß bleibt dem Gläubigen nichts übrig, als sich damit zu beruhigen, daß Gottes Ratschluß unerforschlich sei, womit er sich bedingungslos unterwirft. Er hatte dies auch billiger haben und sich den Umweg über die Religion sparen können. Wenn aller Kulturfortschritt nur durch Einschränkung der Triebbefricdigung möglich wird, so entsteht hier noch das Problem des Gewissens. Auch schon die beabsichtigte Tat, nicht nur die ausgeführte Tat hat S ch u l d g e - suhle im Gefolge. Mit diesen Schuldgefühlen rechnen alle Religionen und sie versprechen ihren Gläubigen Erlösung. Die Schuldgefühle sind eine weitere sehr wesentliche Quelle des Leidens. Fragt man nun, wohin die ganze Kulturentwicklung strebt, so ist nach Freuds Auffassung das Ziel die liebe-gebundene Vereinigung der Menschen. Dieser steht aber wiederum etwas sehr Wesentliches entgegen: der Aggressionstrieb. Damit berühren wir einen der wesentlichsten Punkte der vorliegenden Untersuchung. Freud betont, daß eine sehr wesentliche Forderung aller Kultur sei: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Niels Hansen, „Der Fall Ludwig". Verlag Georg StalLing, Oldenburg. 1931. Beachtlich an diesem Buch sind für uns die Ausführungen über den angebliche;^ „Nationalismus" Emil Ludwigs. Ter Versager unterscheidet ganz richtig zwischen dein alten Nationalismus der Vorkriegszeit und dem neuen Nationalismus unserer Tage. Ludwig wird vorgeworsen, daß er nur für den alten Nationalismus und zwar sür den jüdischen Nationalismus Interesse zeige, und daß er ihn sogar bejaht. Mit einem Zitat aus einem seiner Werke wird diese Behauptung zu belegen versucht. Wir wissen, daß Ludwig, wie auch Haufen richtig bemerkt, der zionistischen Bewegung nicht an- Pehört, daß er aber ebensowenig einer'anderen jüdischen Richtung anhängt. Seine Stellung zum Judentum ist dadurch gekennzeichnet, daß er vor langen Jahren aus dem Judentum ausgeschieden ist, und daß er auch später, als er sich wieder bewußt als Jude fühlte, den Rücktritt in die jüdische Gemeinschaft nicht vornahm. Er ist eine durchaus eigenartige Persönlichkeit, ein tuchtiger Schriftsteller, aber niemals der Mann, der sür irgendeine jüdische Gesinnungsgemeinschaft auszusagen berechtigt oder imstande wäre. Was Hansen rw-er Ludwig schreibt, kann in vielen Punkten als richtig anerkannt werden, nur sollte er nicht so häufig zwischen den Zeilen andeuten, daß Vorzüge und Nachteile Ludwigscher Darstellungen irgendwie mit der Tatsache seiner Geburt als Jude im Zusammenhang ständen. ~ rxr~rm nrxm:iizjrxro: x ~juz:ihliuq XExrxizo:

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