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Central-Verein-Zeitung · 1931-05-08 · 19 (8.5.1931) · p. Seite 236

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
19 (8.5.1931)
Date
1931-05-08
Page
Seite 236 (sequence 4)
Language
German
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23H Aus der Aufklärungsarbeit des Centralvereins Der Verlauf der Aussprache in Lübeck lieber die Lübecker Aufklärungsversammlung haben wir in der letzten Nummer der „(S. 23.* Zeitung" kurz berichtet. Eine große Zahl geistig hochstehender christlicher Mitbürger war zu dein Bortrag des Syndikus Dr. Alfred Wiener erschienen und nahm an Dortrag und Aussprache lebhaften Anteil. Die Aussprache beschäftigte sich besonders mit der Frage: Steht sich deutsches und jüdisches Wesen fremd gegenüber? Hat der nichtjüdische Deutsche von vornherein Abneigungsgefühle gegen den Juden? Es war darauf zu antworten, daß es eine jüdische Eigenart wohl gibt; es gibt eine bayerische Eigenart, eine katholische Eigenart, eine Eigenart der verschiedenen Berufe; und in diese Eigenarten hinein ist die jüdische zu stellen. Don einem latent vorhandenen Fremdgesühl aber gegenüber den Juden zu sprechen, ist man um so weniger berechtigt, als dieses Fremdgesühl ja in persönlichem Verkehr, in der Lektüre und sonstwie meist nur dann aufzutreten Pflegt, wenn bekannt wird, der Betreffende fei Jude. So lange die „Deutsche Tageszeitung", die gewiß keiner judensreundlichen Gesinnung verdächtigt werden konnte, nicht wußte, daß der Heidelberger Literaturhistoriker Friedrich Eundols Ju>e war, pries sie seinen „Shakespeare und den deutschen Geist" als die größte Tat deutschen Wesens in den letzten Jahren. Während man in den Freimaurerlogen d^n christlichen Arzt entfernt, weil vor zwei Generationen durch Einheirat jüdisches Blut in die Familie gekommen ist, jubelt die Menge der Florettmeisterin und Olympiasiegerin Helene Mayer zu,' obwohl sie einen jüdischen Vater hatte. Gewiß erschöpfen diese wenigen Beispiele b-ei weitem nicht das Problem; es ist zweifellos zutreffend, wenn in der Lübecker Aussprache d-er Landesschulrat Dr. Schwarz eine planmäßige wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Problem wie mit dem Problem Rasse und Nation verlangte, jedenfalls müßte die Erkenntnis und die Forschung darüber nach der richtigen Meinung des Landesschulrats viel stärker bie Gebildeten beschäftigen als bisher. Sehr anregend und wertvoll waren die Ausführungen, die der Studienrat Dr. Geyer über'den Gegensatz Stadt und Land, Romantik und Sachlichkeit, Vernunft und Herz in bezug aus diese Zelt macht. Er wies besonders daraus hin, dasi ein großer Teil der intellektuellen Juden rn gebildeten Berufen stände, und deß (zerade in ihnen und gegen sie sich der Segenatz zwischen Großstadt und Natur, Romantik und Nationalität auszeigt. Es ist zutreffend, daß die Juden infolge der deutschen Binnenwand-erung der lebten Jahrzehnte zweifellos einen allzu starken Bestandteil der Städte, insbesondere der Großstädte, bilden. Daß diese Entwicklung unguund ist, wisien wir Juden am besten. Das Schicksal der kleinen Gemeinden in den letzten 20 Jahren spricht eine beredte Sprache. Das Verhältnis zum religiösen Judentum z. B. ist durch die Uebersiedlung aus Dorj und Kleinstadt in die großen Städte ungünstig beeinflußt worden. Aber es kann nicht übersehen werden, daß auch in der jüdisck-eu Jugend der Wunsch einer engen Verbindung mit der Mutter Natur, die Hochwertnng, der Romantik schon gegenüber dem Ranonalen nicht mindestens so stark sind wie in der nichtjüdischen. Und schließlich ist der Gegensatz <-tadt und Land keineswegs spezifisch jüdisch, sondern allgemein deutsch. Gewiß finden sich unter den Großstadtliteraten auch solche jüdischen Ursprungs, die keinesfalls irgendeiner Gemeinschaft zur Zierde geraten. Erfreuliche Auseinander'etzungen in der „D e u t s ch e n R u n d - sch a u" über diese Fragen, zu denen auch in der ,.E. D.-Zeitung" Stellung genommen wurde, haben ja gerade dieses Prorlem in seiner Vielfättigkeit, aber auch in seiner Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit ausgezeigt. Weniger grundsätzlich, aber immerhin beachtenswert waren die Ausführungen von zwei Seiten über die geheimnisvolle und vermeintlich ihrem Gehalt nach minderwertige jüdische Religion. Hierauf zu erwidern war leicht. Das jüdisch-religiöse Schrifttum ''ei ein ausgeschlagenes Buch. Die hebräische und aramäische Sprache kennen heute eine gewaltige Anzahl christlicher Gelehrten bis in alle Einzelbeiten, so daß jede.jüdisch-religiöse Schrift der Nachprüfung unterliegt. Das religiöse Judentum sei also Außenstehenden nicht unzugänblich. Der Vortragende betonte aber auch, daß zeder ernste Mensch sich freuen sollte, wie stark noch in jüdischen Kreisen die Liebe zur Religion lei, und wie gerade der Charakter der jüdiw>en Religion mit seinen häuslichen Feiern das Familienleben zu befruchten geeignet sei. Wenn auf der einen Seite über den Materialismus dieser Zeit so dringlich geklagt wird, so sei es anderseits zu begrüßen, daß dem Materialismus die Pflege religiöser Kräfte bedeutungsvoll entgegenarbeite. Die Lübecker Aussprache verdient das Prädikat „ausgezeichnet". Me Teilnehmer und der Vortragende haben gegenseitig manches gelernt und sind mit größter Achtung voneinander geschieden. Pressestimmen „Lü-«lk«r DolkSbot«" Nr. 100 rvm 20. April dieses Jahres: „Wie notwendig und wie glücklich angelegt der Abend war, das bewies die Aussprache, die rnit elx.er sola>en Sachlichkeit und einem solchen Willen zur Wahrhckt geführt wurde, wie es leider heute sehr, sehr seiten geschieht. . . . Darüber hinans aber wies dieser Abend auf die Notwendigkeit hin, anders und schärfer als bisher die P-ttt des Radaucntisenitismus zu bekämpfen. Mit der vornehmen oder kiassenbrwußt selbstverständlichen Ablehnung völkischer Roheiten und Gräberschändungen ist es nicht getan. Noch immer ft es der Masse des deutschen Volles nicht zum Lewußr'ein gekommen, was sür eine Schmach dieser Eiststrom des Hasses — nicht sür die Juden, sondern für Deutschland — bedeutet." „Lüöcckische Anzeigen", Nr. 99 dom 29. April dieses Jahres: „Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe Lübeck, hatte zu einer Versammlung im großen Saal der ,Eemcinnützigen* geladen. Er will mit dazu helfen, die Spannungen, die leider vorhanden sind, zu überwinden und damit dem Gesamtinteresse dienen. . . . Der Redner kam dann auf die Gegenwart, der er in objektiver Weist durchaus gerecht zu werden suchte." Julius Bab-Vortragin Allenstein Das Mitglied des Hauptvorstandes Julius B a b (Berlin) sprach in Alle n st e i n in einer Aufklärungsversammlung des Centralvereins über „Judentum und deutscher Geist". Viele nichtjüdische Männer und Frauen waren ebenso wie die Angehörigen der Synagogengemeinde Allenstein der Einladung in den „Treudank" gefolgt. Babs Darlegungen, die von der Eigenart des deutschen wie des jüdischen Wesens ausgingen und in dem ^Beweis gipfelten, daß deutsches und jüdisches Geistesleben sich durchaus in einer fruchtbaren Synthese einen können, fanden reichen Beifall und starken Nachhall in der Prepe. Die beiden in Allenstein erscheinenden deutschen Tageszeitungen (es gibt dort auch ein polnisches Blatt) brachten lange Abhandlungen über Babs Vortrag. Das „Allenst einer Volksblatt" (Zentrum) bringt einen fast dreispaltigen Bericht. Tie deutschnationale „A l l e n st e i n e r Zeitung" nimmt zu Babs Ausführungen von hoher Warte aus kritisch Stellung und schreibt: „Bab fesselte denn auch wieder durch seine geistreiche, verblüffend schillernde Art, die auch da besticht, wo die Ueberzeugung nicht mitgeht!" Nach der Veröffentlichung der Kritik brachte die „Allensteiner Zeitung" in Form eines Leitartikels „Judentum und Nationalsozialismus" noch zwei Zuschriften. In der einen wird darauf hingewiesen, daß die „nationalen" Verbände und Parteien es den Juden durch den Arierparagraphen tatsächlich unmöglich machen, national oder oentsch zu empfinden. Trotzdem wipe man, daß es eine ganze Reihe alter jüdischer Familien gibt, die national und deutsch gesinnt seien. Der Kampf des Nationalsozialismus gegen das Judentum, der durch die Unmöglichkeit seiner Formen den eigentlichen Sinn seines Kampfes verletze, werde niemals das Problem lösen. Der Verfasser weist dann ans gewisse Zerfetzungserscheinungen hin — wie die sozialistische Lehre, die er als jüdisch ansieht —, kommt aber zu dem Schluß, daß nicht der Jude die Gefahr für den Deutschen sei, sondern der zersetzende Geill schlechthin, dieser aber habe sich nicht ausschließlich rm Judentum inkarniert. „Der Stärkere, nicht der Radikalere, der Größere im geistigen Sinne" wird sich trotz aller Problematik in der Zukunst allein durchsetzen. Die Arbeit zu einer befriedigenden Lösung allerseits könne allein dauerhaft genannt werden. Tie zweite Zuschrift entkräftet die Aussasiung von dem „zersetzenden jüdischen Geist" durch den Hinweis auf aufbauende jüdische Leistung. Der Allensteiner Ortsgruppe und ihrer rührigen Vorsitzenden, Johanna Ladend o r s s, die die Versammlung in ausgezeichneter Weise vorbereitet hatte, sei auch an dieser Stelle herzlichst gedankt. ilm U, Vr J: I / U ,,k ~ i i; \ * v« ' ' •Aja WM

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