Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 18 (1.5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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o m o r (T* Li) ireir Ein Volkskonservstiver Ober den Nationalsozialismus Die von Dr. Hei m a n n s o h n in 9h\ 13 der „C. V.-Zeituug" erwähnte Aussprache über den Nationalsozialismus innerhalb des K y s s Häuser verb and es hat im Märzhest der Zeitschrift des Kysshäuserverbandes eine sehr aufschlußreiche Fortsetzung gesunden. Ausschlußreich schon deshalb, weil die Dortführer in Aussätzen in solchen Derbandsblättern viel offener aus sich herausgehen, als in den von mancherlei Vorsicht und Rücksicht diktierten Artikeln in Tageszeitungen oder allgemeinen Zeitschriften; denn sie sprechen doch in ihrem Derbandsblatt vertraulich gleichsam zu dem geschlossenen Kreis ihrer Vundesbrüder, ausschlußreich aber auch deshalb, weil das, was der A. H. KoepP von seinem volkskonservativen Standpunkt aus über und gegen den Nationalsozialismus sagt, zuin Vesten gehört, was je über diesen Gegenstand zu lesen war. Gr charakterisiert die Nationalsozialisten als 2 ch w a r m g e i st e r und Weltverbesserer, die der illusionsfreudigen Masse einen einfachen Ausweg aus der schwierigsten Lage glaubhaft machen, findet darin die gleiche Ideologie wie in der Jugendbewegung und den verschiedenen Lebensresormbewegungen, stellt aus den entscheidenden Sätzen der nationalsozialistischen Weltanschauung trotz aller idealistischen ilm» fleibnng fest, daß für sie der Sinn der Welt nur in ihr selbst, nicht in irgendeinem Jenseits wohnt. Aus Raumgründen können wir hier nur die Sätze wiedergeben, in denen er das Ergebnis und die politische Lehre seiner Letrachtung zusammenzieht: ,L)er Nationalsozialismus stellt seiner Ideologie und Haltung nach weder eine Umkehr aus einer Sackgasse, noch emen Vorstoß in neue, fruchtbare Möglichkeiten dar. Seine Grundlagen' sind die gleichen, aus denen alle idealistischen Bewegungen der letzten Zeit, im wesentlichen auch die alten Parteien, soweit das Meltanschauliche' bei ihnen herrortrat, ausgebaut haben. Wie sie, lebt er von der Fiktion, daß es möglich sei, aus der Kraft der Idee und des Willens ein neues Menschentum, ein neues harmonisches Reich, ,das Dritte Reichh zu schassen. Zwar setzt er zunächst an die Stelle der Zdee' die Raste, aber es erweist sich, daß das Blut an sich keine Maß. stabe für die Gestaltung der Wirklichkeit gibt, und so tritt an die Stelle der Raste die Rassen, i d e e. Während aber der landläufige Idealismus das der Einheit Widerstrebende nur in seiner Ideologie verdrängt, als nicht vorhanden ansieht, geht der Nationalsozialismus einen Schritt weiter: er verdrängt es in der Wirklichkeit, indem er (beispielsweise) an die Stelle des völkischen organischen Staatsaufbaues die Parteiorganisation setzt, ohne aber die demokratischen Fiktionen fallen zu lassen. Der nationalsozialistische Idealismus ist nicht mehr gliten Glaubens wie sein älterer Bruder, aber er wagt auch no-ch nicht, die Illusionen über Bord zu werstn, sondern er benutzt sie bewußt oder unbewußt als Massenköder. Er führt damit allerdings den individualistischen Idealismus ad absurdum, aber er zeigt keine Möglichkeiten einer neuen Ordnung. Denn gleichzeitig demonstriert das Kabinett Brüning der deutschen Oessentlichkeit, daß es von der Mehrheitsherrschast der Parlamente zur Diktatur nicht eine große Wende, eine völlige Umkehr, sondern nur ein Schritt ist. Wie denn die Politik überhaupt nur aus .Schriften', nicht aus Erneuerungen, radikalen Neuschöpsungen, Kompromißlosigfeiten besteht. Damit sind wir bei der letzten Frage angelangt. Betrachtet man den Nchtionalstzialis- Mus für sich, so ist sein Charakter von Grund aus unpolitisch. Tie Politik ist der Ort der Auseinandersetzung entgegengesetzter Kräfte: wird eme dieser Kräfte ausgeschaloet (wie es die Harmonieforderung des Idealismus will), so hört die Politik auf. In der idealistischen Vorstellung erfolgt daher eine A b w e r t u n g d e s politischen Handelns (.Politik'verdirbt den Charakter*), die sich weniger in seiner Ablehnung an sich als in der Geringschätzung des politischen Aushaud/ns. des Kompromisses, erweist. Beispiele diestr unpolitischen, wenn nicht antipolitischen Einstellung kann man in jeder Nummer eines nationalsozialistischen Blattes finden. Tatsächlich und die Formulierungen wie .Alles rder Nichts!', .Völliger Bruch mit dein Vergangenen', .Die Zeit der Kompromisse ist vorbei!' leere Kraftmeierei: sie sind nicht etwa .heroisch', denn selbst in der heroischsten Form der Politik, im Kriege, gibt es keinen Gewinn ohne Verluste, keinen "Meg ohne Opfer; sie srnd aber überhaupt dem politischen Menschen fremd, der sein Handeln als die Kunst des Möglichen betrachtet. Aber nicht nur die Ideologie des Nationalsozialismus ist unpolitisch, sektiererisch, sondern vor allem auch sein Führergedanke, seine Struktur als Bewegung sind politisch unfruchtbar. Ter .Führer' kann nicht nur seiner Lage, wndern vor allem auch!einer seelischen Disposition nach aus den Beiall der Masse, was Popularität nicht verzichten; er führt daher nicht nur, sondern er ist auch selber von der Masse abhängig — äußerlich, vor allem aber auch innerlich. Der Staatsmann, der Politiker muß von solchen Hemmungen frei, muß volksunmittelbar sein, er muß auch gegen die Jnteresien seiner politischen Freunde zu handeln frei sein. Man braucht nicht sehr tiefen Einblick in das nationalsozialistische Parteiwesen zu haben, um zu wissen, wie sehr die »Führer' Gefangene ihrer Gefolgschaft sind." Diesen gedankenllaren und logisch zwingenden Ausführungen weiß ein aktiver Bundesbruder keine geistige Widerlegung, sondern nur sein „Grundleöensgesühl" entgegenzusiellen, . . aus dem sich zwingend das nationalsozialistische Programm ergibt, ein Lebensgesühl, das man, wenn man cs nordisch, völkisch, nationalisti'ch oder heroisch nennt, kaum näher erklärt, das man nur haben kann und aus dem von selbst die Erundzüge der Ideenwelt von Religion bis zur Rasseeugenik entstehen." Aus diesem Lebensge'ühl entspringen dann tönende Worte über die Ziele des Nationalsozialismus, wie beispielsweise folgende: Der NS. will das Volk in den rassischen Zu st and zurückführen, in dem es, wie er glaubt, eine ihm von Gott gestellte Aufgabe am besten erfüllen kann, in dem am re i nft en das Deutschtum lebt. Daraus ergibt sich die Forderung nach Aufnordung, Entmenkelung. Denn der NS. will den einzelnen wie das Volk der in ihm wohnenden Vest i m m u n g entgegensühren/ Nachdem er vorsichtig vorausgeschickt hat, daß seine Gedanken „nur einer allgemein nationalsozialistischen Haltung entsprungen sind, aber nicht authentische 'Parteimeinungen darstellen", wagt der jugendliche Verfechter des Nationalsozialismus im Verein deutscher Studenten folgende Offenherzigkeiten über die Stellung der Partei z u m G h r i st e n t u m, die vor allem die Beachtung jener Teile der evangelischen Geistlichkeit verdienen, die sich von der Phrase benebeln lauen, die Tartei vertrete den Siandpunkt eines positiven Ghrisieutums. . . Es ist schwierig, hier über religiöse Tinge zu so rechen, um so schwieriger, weil der N S. aus leicht begreiflichen propagandistischen Gründen keine feste Stellung zu den Kirchen einnimmt. Früher oder^soäter^wird es aber dom gesagt werden müwon, daß der NS. sich nichtchufchew Boden unseres heutigen C h r i st e n i u m I stellen kann, das nationalistische Erlebnis drängt auch hier zu neuen Dingen. Wenn man in völkischen Kreisen gerne die clrgermonische Religion^ wieder heroorholen Mächte, wenn man im N <5. chavon spricht, daß die Erneuerung des, Goueserlebeus abhängig ist von dem Bewußtwerden des nordischen Gedankens, wenn man im NS., wie' iL 6. Kcepp es richtig beobachtet hat, weniger vom Glauben als von Weltanschauung sprich:, io mögen das Hinweise sein auf eine neue Religion, die im Werden ist . . / Diu er Au-chauungswelt, auch Fundament unserer Kirchen, wird sich der N 2. nicht umschließen können. Ohne nun einstitig pantherstisch zu werden, wird doch eine neue Religion das Göttliche im Menschen mehr betonen, wird der Abstand Gott und Welt die Idee des örtlichen und zeitlichen Jenseits, die Idee der Gnade, der Seligkeit, so wie diese Tinge heute von den Kanzeln gevredigt werden, aolchnen. Und damit wird in rhrer^Welt der betonte Interims- und <aündencharakter' der Welt keinen Platz haben. Dafür wird der Mille' eingesetzt werden, der Kampß vielleicht manche Dm ge, die religiöses Gut derer waren, die von Bonifaz das Ä)ristentum südlicher Prägung ausgedrängt bekamen, ohne daß man zu alt-germanischen Brauchen zurückgchen darf. An dieser Stelle darf auf eine neue Leuchte am wipenschaftlichen Himmel hingewiesen werden. Prosejwr Herrn. "Wirchs kultsymbolische Forschungen haben aus religiösem Gebiet tiefgreisende Forderungen. Er spricht direkt von einer Fälschung desmordischen Urglaubens durch das Christentum. Mit diesen kurzen Andeutungen darf geantwortet werden auf den Angrist, der von dem jetzt auf dem Patriarchalismus und der bürgerlichen Welt sich gründenden Christentum aus gegen den nationalsozialistischen, aktioen Kulturoptimismus geführt wurde/ Ter jugendliche Verfechter des Nationalsozialismus bekennt, daß die Partei nicht nur über ihre wahren Llbsichten auf religiösem Gebiet, sondern auch über die Verwirklichung-Möglichkeit ihrer staatspolitischen Forderungen die Masse bewußt täuscht. . . Der N S. unterstellt nicht die geforderte innere Harmonie. Er will erst nach vielen Jahren ihr näherkommen. Das zeigt „Wir kennen keine Gewalt, wir kämpfen nur mit geistigen Waffen" beschwor Hitler' — aber . . . Am 23. April verurteilte das Amtsgericht in N a m s 1 a u das Mitglied der NSDAP. Kaufmann Gustav-Mager in Namslau wegen Körperverletzung unures dortigen Ortsgruppen- Mitgliedes H o l l a e n d e r zu einer Geldstrafe von 1>0 Mark und einer Buße von 200 Mark. Magei hatte Hollaender, der Kriegsinvalide ist, auf der Straße zu Boden geworfon: dabei hatte Hollaender sich den rechten Oberarm ausgerenkt. Mager bearbeitete darauf den wehrlos am Boden Liegenden derart mit Fausten, daß er ihm das Nasenbein brach. Das Gericht hielt dem Angeklagten als strafmildernd zugute, daß er sich von Hollaender „provoziert" geglaubt habe.