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Central-Verein-Zeitung · 1931-05-01 · 18 (1.5.1931) · p. Seite 220

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
18 (1.5.1931)
Date
1931-05-01
Page
Seite 220 (sequence 4)
Language
German
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2£0 und dcutschennnwürdig nbluncn. Es ist das eine Moral .mit doppeltem Boden, und man hüte sich, die Ironie des einen ^Falles zu beschmunzeln, ohne das 3l7ftcm zu erkennen. Wr wissen nicht, wie der „völkische Beobachter" sich diesmal ans der Affäre ziehen wird, und wenn wir auch auf die notgedrungen läppische Attraktion, die es dann geben wird, nicht neugierig sind, so verkennen wir doch nicht das Zeichen, das -Kains-Zeichen, das die ganze ^ache hat. Bi an hat 'eine Fälschung begangen, und um sie wettzumachen, wird man wahrscheinlich eine zn'eite begehen, das steht so in den FälschersLernen geschrieben. Wir wisien immerhin, mit wem wir es zn tun haben. Mit „Schriftstellern" und Redakteuren, denen das mindeste Verautwortlichkeits- und Fairneß-Bewußtsein des in der Oenentlichkeit stehenden Menschen fehlt. Mit Redakteuren. die entweder mitsälschen oder als einzigen Entschnkdignugsgrund einen beträchtlichen Mangel an Schulbildung aufzuweisen haben. Mit Schriftstellern, die fremdes geistiges Eigentum bösartig ummodeln und anderen Urhebern zuschieben, was man bei sonstigem Eigentum, wenn nicht stehlen, so doch hehlen nennt. Mit einein Publikum, das sich solche Unterstellungen und Fälschungen bieten läßt und dessen Mangel an Schulbildung dem seiner „Führer und Lehrer" nicht nachsteht. Mit einer „Bewegung", der das Verächtlichste gerade gut genug erscheint: . . die Köpfe windelweiche . . Leo Hirsch. Calent oösr RsligZSNl Der „Angriff" gegen öen Rleist-preis Von Julius öab In dem völkischen Organ Berlins erscheinen zu viel umvahre und gehässige. Artikel, als daß cs möglich wäre, sie alle und einzeln zu beleuchten und zu berichtigen. Man kann nur ab und zu eine Probe machen, um an einem besonderen Prachtexemplar das völkische Verfahren zu zeigen. Am 27. März erschien mit großleuchtender Uebcrschrist ein umfangreicher Aussatz: „Ter ,deutsche* Kleist - Preis". Gezeichnet war er mit dem Pseudonym Sebastian Brandt, und der pseudonyme Verfaner stützt seine Weisheit wesentlich auf Adolf Bartels. Ter weiß — mit seinem unfehlbaren Blick für Rapctizugehörigkeit —, daß von den Unterzeichnern des Gründungsaufrufes „4 4 Juden und nur 17 Deutsche" waren. Auf welcher Basis diese Wissenschaft vermutlich steht, geht aus dieser schon so oft widerlegten falschen Gegenüberstellung hervor und ergibt sich dann ans dem Fortgang des Artikels. Er bemüht sich natürlich nac^uweisen, daß dieser Kleist-Preis eine gänzlich „verjudete" Einrichtung ist und daß Preisrichter und Preisgekrönte zum größten, zum überwiegenden Teil Juden find. Tabei läßt sich hier nun eine sehr einfache und genaue Rechnung aufstellen. Es hat bisher neunzehn Preisrichter gegeben. Bon ihnen waren (auch wenn man diejenigen hinzuzahlt, die nicht mehr ihrem Bekenntnis und der Abstammung nach nur zur Halste etwas mit dem Judentum zu tun haben) sechs Juden. Tie Zahl der Preisgekrönten ist erheblich größer, weil in vielen Jahren der Preis geteilt wurde, also mehrere Preisträger vorhanden waren. Wenn mnu diese zufammenzählt chie bloß ehrend erwähnten Nichtpretströger aber unberücksichtigt läßt), so handelt es sich uni n e u n u n d z w a n - zig verschiedene Namen. Don ihnen sind nur drei der Abstammung nach Juden, wozu noch drei kommen.' die von einer Seite jüdisches Blut haben. Tiefe Zahl ist so erstaunlich gering, daß sie wahrsHinlich auch dem jüdisazen Selbstbewußtsein hier und da eine unangenehme lieberraschung bereitet; denn auch Inden neigen zuweilen dazu, den wirklichen Anteil der Juden an der produktiven deutschen Literatur erheblich zu überschätzen. Ter Eindruck verstärkt sich, wenn man hinzufügt, daß auch unter der ziemlich großen Zahl der ehrend Erwähnten nur zwei Juden sind. Wie bekommen es also die völkischen Beobachter fertig, den Eindruck zu erwecken, daß es Der nächsten Nummer der „C. V. - Zeitung" liegt die Bäderliste bei sich beim Kleist-Preis ganz wesentlich um jüdische Preisträger und Preisrichter handelt? Das positive Verfahren ist sehr einfach. Es marschieren auf, ausdrücklich und unter Sperrdruck des Wortes Jude: der Jude Hermann Eisig, der Jude Oskar Loercke', der Jude Bertyold Brecht, der Jude Leonhard Frank, der Jude Alfred Brust — all diese Männer sind Nichtjuden, und sie sind nicht nur vom besonderen Wesen ihrer deutschen Provinz, sondern großen Teils auch von ihrer christlichen Herkunft (im Bejahen oder im Verneinen) entscheidend gestimmt. Aber die alte antisemitische Taktik, alles, was einem nicht gefällt, jüdisch zu nennen, fuhrt iinmer am einfachsten zum Ziel. Ter zweite Teil der Taktik besteht im Verschweigen oder Uebergehen, 3. B. daß der erste Preisrichter der Kleist - Stiftung Richard T e h m e l war, den unter die Juden einzureihcn einige Schwierigkeiten macht, übergeht man mit Stillschweigen. Und die Tatsache, daß 1924 Ernst B a r l a ch den Kleist-Preis erhielt, wird mit genau fünf Worten notiert — fünf Worte in diesem vier große Spalten füllenden Aussatz. Es macht eben Zu viel Schwierigkeiten, diese Tatsache der gehässigen Tendenz des ganzen Artikels einzugkiedern, darum läßt man sie links liegen. — Einer der wenigen Kleist- Preisträger, gegen den der Artikelschreiber nicht allzuviel einzuwenden hat, ist der Dichter Paul Gurk. Aber hier wird nun wenigstens zur Mißbilligung vermerkt, daß er den Preis durch den „jüdischen Literalurpapst" Julius Bab erhielt. Eigentlich ist für vernünftige Menschen nicht ganz einzusehen, was der Sinn des gehässigen Sperrdrucks ist, in dem das Wort „jüdisch" hier erscheint, wenn an dein Urteil dieses Preisrichters nickst einmal der völkische Artikelschreiber ernsthaft etwas auszusetzen weiß. Aber man darf eben auf keinen Fall ans dem Ton fallen und in irgendeinem Augenblick, in irgendeiner Lage zugeben, daß auch ein Jude etwas Richtiges getan haben könnte, und, wenn man sich schon gezwungen sicht, es der Tatsache nach zuzugeben, muß man cs wenigstens in einem Ton tun, der das Gegenteil auszudrücken scheint, und damit den Sachverhalt sür niemals sehr aufmerksame und sehr kritische Leser verschleiern. Tatsächlich hat der Kleist-Preis seit fast zivanzig Jahren merkwürdig gut gearbeitet. Er dankt das hauptsächlich dem von Richard Dehmel geschaffenen Statut, nach dein kein Komitee, sondern der in jedem Jahre allein verantwortliche Preisrichter die Entscheidung trägt.- Auf diese Weise enthält die Liste der in diesen zwei Jahrzehnten ausgezeichneten Schriftsteller tatsächlich nahezu alles, was an Talenten von irgendeiner Bedeutung in diesem Zeitraum in Teutfchland auftrat. Gewiß kann man über die Preiswürdigkeit des einen oder anderen streiten und diesen oder jenen Namen in der Reibe verminen. Tas Gesinntbikd ist aber ganz zweifellos vollkommen charakteristisch für die inneren Vorgänge in Deutschland während d'.eser er'chüuerten^Jahrzeh'.'te, es ist rcvrästuta'.iv für alle Kräne, die stt diesem Zeitraum Ansdruck suchten. 'Daß diese Kräfte die allgemeinen der deutschen Menschen waren, und daß die Inden an diesem literarischen Abbild nicht anders, nicht stärker beteiligt und als an dem gesamten Leven der Ration, geht ans ben eingangs genannten Za bleu nüt jeder Deutlichkeit Hervor. Unter den Preisrichtern ivaren nicht nur Richard TeHmel. Jakob Schaffner, Wilhelm von Scholz, sondern auch Männer wie Baut Fechter, Karl S treck e r , Franz S e r v a e s, die kulturpolitisch der national betonten ^reite des deutschen Volkes sehr nahe stehen. Trotzdem — das Gesamrresnltat paßt den völkischen Angreifern nicht. Es kann ihnen auch nicht paven. weil dichterische Begabung an sich einen Ltnn für Welt und Menschheit voraussetzt, der der völkischen Vcrranntheit fatal sein muß. Tie niederträchtige Praxis aber, die der bequemeren Agitation halber die Absage, die der dichtende Geist der Nation so deutlich dein nationalistischen Wahn erteilt hat, zur „jüdischen Mache" stempelt — diese niederträchtige.Praxis iinmer wieder einmal anznprangern, bot diese Abhandlung des „Angriff" über den Kleist-Preis eine besonders eindrucksvolle Gelegenheit. in Rußland Am 21. April fand in Frankfurt a. M. eine vom Gentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Deutsch-Evangelischen Volksvereinigung und dein Katholiken- Komitee einberufene Kundgebung mit dem Thema: „Ter Kulturkampf in Rußland und die Religion" statt. Ter Leiter der Veranstaltung betonte in seiner Erössnungsawpracho, daß gegenüber denl russischen Brandherd, dem radikalen Nihilismus, der alle Werte verneine, das Bewußtsein gemeinsamer Verantwortung der abendländischen Kultur weit vonnöten sei und eine Gemeinsamkeit aller derer erfordere, die — ohne Rücksicht auf die besondere Religion — Bindungen anerkennen wollen, die über das Tiesstits hinausgehen. Tann sprach der deutschrussische Schriftsteller Gustav Adolf in einem mehr als zweistündigen Vortrag über die sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Berhältnisie des alten und netten Rußland; unter anderem wies er mit Nachdruck daraus hin, daß der Bolschewistnus in keiner Phase seiner Enhvicklung von Juden getragen worden sei, und daß die Inden und ihre Gotteshäuser in gleicher Weise den Religionsvcrsolgungcn ausgesetzt feien wie die Bekenner der anderen Religionen. Unter starken Beifallskundgebungen nahm die Versammlung folgende Entschließung an: „1500 im Saalbau zu Frankfurt a. M. versammelte Männer und Frauen der christlickrcn und jüdischen Neligiousgernejuschaftcrr wenden sich mit Grrtrüsiurrg gegen den Vernichlungskampf, der in Rußland gegen die Religion geführt wird. Sie bitten die Negierungen des Reiches und der Länder in Deutschland, der Religion den ihr zuftchcndcn gesetzlichen Schutz in vollem Umfarrge zu erhalten, insbesondere mit allen Mitteln und aller Schärfe gegen die immer dreister auftretendcn rcligionsfeindr i ch e n B e ft r e b u n g e u u n d rr m - triebe in Deutschland einzuschrcitcn." Tie Entschließung tvurde an den Reichskanzler, den Reichsminister des Innern, den preußischen Innenminister unb an das Prcußische Kultusministerium wettergeleitet.

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