Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 18 (1.5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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21$ Ursprung 1S35 isisess-, EsruIsansuilunnSsnnd Toclilersiissleiier-VersIiiieroEftea. M'darläter gesucht. durch eine falsche Auffassung vom nationalen Ideal hervorgerrum worden sei, sie lehnen da?, jenige, was Tr. Fechter und zum protzen Teile auch ich in den Begriff des „Eermamsmus" hiueinlegen, ab, als etwas, was den Lebensnotwendigkeiien des deutschen Volkes entgegeustehe und nur innerhalb ganz bestimmter Greife als für das Deutschtum wesentlich betrachtet werde. Damit soll gesagt sein, da st niemand von uns ein Recht hat, hervorragende jüdische wie nichtjüdische Männer und Frauen abweichender Erundanschauungen wegen des Antigermanismus zu verdächtigen, wenn ihnen das Gesamtwohl des deutschen Volkes, die Bejahung feinerZukunftam Herzen liegt. Man mag z. B. über die Wirtschastsaussasiung der Sozialdemokratie ein noch so abwertendes Urteil hegen, — es ist unmöglich, führende Männer und Frauen der Sozialdemokratie oder irgendeiner anderen politischen Gemeinschaft zu „Antigermanisten" zu stempeln und ihnen den nationalen Willen zu bestreiten, weil sie einer Auffassung über den Wert alter Anschauungen und den Willen zu einer möglichen Zukunstsgestaltung anhängm, die eben nur von einem Teile des deutschen Volkes als richtig und lebensnotwendig anerkannt wird. Es mag daran erinnert werden, wie die Leistungen eines Gerhart H a u p t m a n n. die Lei [hingen eines Thomas Mann von einer beträchtlichen Bevölkerungsschicht deswegen auf das schärfste abgelehnt werden, weil man es ihnen nicht verzeihen kann, daß sie den Begriff des Nationalen anders auslegen, als es etwa den Programmmatifchen Forderungen der Deutschnationalen Volkspartei entspricht. Welcher Entrüstung?' sturm würde wohl aus dem gleichen Grunde über aufrechte deutsche Männer wie Gottfried August Bürger und nicht weniger über H o s u mann von Fallersleben dahinbrausen, wenn sie ihre von dem Patriotismus der herrschenden Schicht abweichende Meinung wie einst auch heute noch kund tun konnten? „Sie nennen's Kampf ums Vaterland, in welchen sie dich treiben, O Volk, wie lange wirst du blind beim Spiel der Gaukler bleiben? Sie selber sind das Vaterland und wollen gern bekleiden" singt Bürger, und H o f f m a n n von Fallersleben macht sich in einem Gedicht „Wie ist doch die Zeitung interessant" über die allzu ausführliche Berichterstattung der Preise über die höfischen Ereignisse lustig'und schließt" bissig und scharf: .Doch ihr sonstig Tun und Raten, Was sie für die Völker taten. Wird genau verhehlt; Lb sie sonst was Gutes dachten, Ueberhaupt was Gutes machten. Wird auch nie erzählt." Kein Zweifel, daß, unter heutigen Zeitstimrnuugen betrachtet, auf diese Weise selbst der Dichter unseres Deutschlandliedes in den Verdacht des Antigermanismus hätte kommen können. Doch auch aus der Gegenwart gibt es viele Beispiele, die dazu dienen können, die Unsicherheit des Begriffes zu belegen. Wäre es nicht der deutschnatiouale Führer Quaatz, sondern ein Vertreter der Linken, der, wie es in der Neuerscheinung „Vor dem Sturm" (S. 121) der Fall ist, aussührt: „In der neueren. deutschen Geschichte findet sich kein Beispiel solcher Vereinigung der germanischen Dämonie mir der germanischen Treue, von der man so viel f i n gtu nd die so selten i st" (von mir gesperrt. D. Vers.), so hätte ihn wohl schnell der Bannstrahl der „echt" Vaterländischen getroffen. Da aber diese harten Worte von einem Deutschnationalen gesagt werden, hüllt man sie in Verschwiegenheit ein. Umgekehrt wieder wird unseren katholischen Mitbürgern, die in der Zent rums Partei vereinigt sind, aus wohlbekannten Gründen ihrer religiösen Aufsagung der Vorwurf nationaler Unzuverlässigkeit gemacht. Ans alledem geht hervor, daß der Borwurf des Antigermanismus auch gegen eine so große, vielleicht eine überwiegende Anzahl nichtjüdischer Deutscher gerichtet wird oder wlgerichtigerweise gerichtet werden müßte, daß cs mir unbillig erscheint, den jüdischen Deutschen etwa zuzumuren, sie sollen als jüdische Deut'che eine Einheitsfront bilden, um damit die leider zu unklar als „antigermanisch" bezeichneteu Erfcf; man gen unseres öffentlichen Lebens zu bekämp'en. Zn erstreben ist zunächst eine Umgestaltung der literarischen Auseinandersetzung, von der alle vornehm denkenden Menschen 'wünschen. daß ne jede sittlich begründete Anschauung achtet, und daß Dinge, die anderen heilig sind, niemals mit Hohn und feilem Spott bezeichnet werden. Man muß aber vor allem aus eine Versachlichung der Probleme hinarbeiten. Solche Versachlichung kann nur statthaben, wenn völlige Klarheit herrscht über das, was mau in Wirklichkeit als national bezeichnet, und wenn man anderseits jedem die Pflicht und das Recht zubilligt, an der einen oder anderen Auffassung selbst schärfste Kritik zu üben, wenn sie ihm aus gutem deutschen -Herzen heraus als zum Bestand des Vaterlandes notlvendig erscheint. Unsere GefchjichLe lehrt uns, daß wir seit langen Jahren zwischen spekulativ ausschau enden und positiv gebundenen Auffassungen eine innere Auseinand-erschung haben. Beide können in fruchtbarem Widerstreit zu einer Besserung der Berhälrnisie führen. Aber falsch ist es, etwa die Juden als solche für die eine od-er sür die - andere Auffassung in Anspruch zu nehmen bzw. die gesamte deutsche Judenheit als zu einer oder zu der anderen Austastung gehörig za bezeichnen. Wenn sich jüdische Schriftsteller vielfach in kritischer Weise gegen solche'Auffassungen wenden, die namentlich in den früher herrschend gewesenen Kreisen gepflegt wurden und heute noch gepflegt werden, so sprechen sie weder für die gesamte Judenheit, noch werden ja etwa in ihren Auffassungen von allen Juden gedeckt. Es ist ein Icicfjtc§, hier eine große Reihe von Schriftstellern anzunihren. die, jüdisther Abkunft, sick) mit einem ftartcu nnd bewußten Wollen sür die geschichtlichen Werte denttcheu ^chrstttmns, deutscher Philosophie eia gesellt haben und noch einsetzen. Ich weiß, daß diese Tatsache Dr. Fechter bekannt ist. Er brachtet sie aber nicht und sieht nur einige jüdische „Prominente", die in der Tat. insbesondere in formaler Beziehung, berechtigte Gefühle andersdenkender Gruppen verletzt haben. Würden sie ihre Anschauungen in anderer Form vorgetragen haben, so möchte ick) ihnen das Rech: zu der Aeußerung ihrer Kutturaussastung nach keiner Richtung hin bestreiten, insofern' sie sich den Wunsch nach ErlMung und Förderung des deuttchcn Zukunstswillens zu eigen maechen. Ick) weiß, daß dies viele tun, die sich in der Form sehr stark vergreisen. Erst kürzlich fand einer der schärfsten und versemtesten Rufer im Streite, T u dj o I f f 1}, in seinem neuen Rom.au „Schloß Grips Holm" starke Worte voll Wärme sür den geliebten niederdeutschen Teil dieses Landes, „das zu lieben es einem so schwer mach:". Und es darf and) auf der anderen Seite Laicht vergehen werden, daß diejenigen jüdischen^T.-ätschen, die auf dem Standpunkt der- Dr. Fechter stehen und sür geschichtliche Werte volle Würdigung aufdringen, es infolge der heutigen politischen Stimmung sehr schwer haben, in Zeitungen und Zeitschriften zu Wort zu kommen, da diese von vornherein iu dem jüdischen Mitarbeiter eine Belastung erblicken. Kritische Leser, die die Zeitung des Centralvcreins verfolgen, wissen, daß diese sehr häufig für die deutschen Werte im Sinne Tw Fechters die Lanze bricht, Allerdings werden ihr solche Aeußerunaen durch die Haltung der unbedingt antisenüti'chen Anhänger diestr Gedanken zumindest zu erschweren versucht. Wenn ein deutscher Student jüdischer Abstammung sich heute im akademischen Leben im Fechterschen und in meinem Sinne betätigen will, io findet er an den meisten Stellen hohnvolle Ablehnung. Man stelle feste Begriffe ans anstatt der flüssigen, vermeide das Wort „antist sei es gegen die Juden, sei es gegen die Nichtjuden gerichtet, und stelle fest, was nationale Forderungen und nationaler Wille an positiven Werten von den einzelnen verlangen. Daun stehen uch klare Fronten gegenüber. Das Renenrimcnt wird schwinden, und diejenigen werden leicht überwunden werden, deren rohe Formen und Empfindungen anständig gesinnte Andersdenkende verletzen. Darum keine Einheitsfront gegen bestimmte jüdische Literaten, sondern eine Einheitsfront aller, seien sie Inden oder Aichtjnden. gleichgültig ans welchem Boden sie stehen, zur Ä u s r e ch t e r h a l t u n g des g e in e infam eu nationalen Willens und zu einer sachlichen Austragung der nun einmal vorhandenen und notwendig miteinander ringenden Gegensätze. II. In höchstem Maße bedenklich erscheint mir, trotz seines aufrechten Willens, die Meinung Tr. Fecksters in dem folgenden Einzelfalle zu sein: Ein Berliner Zeitungsverlag antwortet aus die Anfrage eines Buchverlages, warum seine Bücher, die sich mit der deutschen Vergangenheit beschäftigen, nicht besprochen würden, die Deutschen sollten sick) mit der Gegenwart und nick)t mit der Vergangenheit beschäftigen. Dr. Fechter weist diele Stellungnahme mir folgenden Worten zurück: .Wir halten es aber doch für taktvoller, n>:m man diese Sorge uns selbst überließe", d. h. dock) deutlich ausgedrückt: Wenn jemand jüdischen Stammes ist, darf er seine Meinung nicht sagen. Auch ick) halte die Aeußerung des Berliner Zeitungsverlages für völlig verfehlt und mr töricht. Aber eines scheint dock) gänzlich abwegig zu sein: einem jüdischen Deutschen eine Antwort deswegen zu verbieten, weil er Jude ist. So irrig auch der Standpunkt des Verlages ist. so darf man es niemandem übelnchmen, wenn er in sachlicher Form seine Meinung ausspricht. Es ist unmöglich, daß man hier mit zweierlei Maß mißt. Wenn ein nichtjüdischer Zeitungsverlag etwas derartiges ausgesprochen haben würde, so könnte man ihm doch nicht antworten: „Du kannst machen, was du willst. Wärest du ein Jude, so hättest du deinen Mund zu halten." Heben wir die Bedeutung geschichtlichen Verständnisses, sorgen wir dafür, daß das Vergangene in allen Kreisen ms Vorläufer für die Gegenwart angesehen wird, dann wird auch ein? solche Antwort nicht mehr möglich sein. Wird aber in der Erörterung die Auffassung laut, tust gerade in dieser Frage keine Meinuugsverüchiedcnheit herrschen dürfe, so darf es nicht beißen:' Die Juden sollen sich hüten, diests oder jenes ans- AUS DEM INHALT: Julius Bah: Talent oder Religion. Seite 1220 Evangelische Pfarrer gegen politische Hetze. Seite 223 Ein die Seele des jüdischen Menschen ........ Seite 224