Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 17 (24.4.1931)
- Date
- 1931-04-24
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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! 20b t v:; I ji i’ t V I: ■i; ¥ i £ ' ¥ % yc. U f ü ■I M Vom Begriff des Politischen ab, deflen primäre Kategorie ihm die Scheidung ron Freund und Feind, dessen wesentliche Erfordernisse ihm die Üeber- und Unterordnung der Menschen und Völker unter schärfster Ablehnung des Begriffes der Gleichheit ist. Man kennt auch seine biologische Methode: die Gesamtheit alles Lebendigen in Lebewesen und Völkern ist das Plasma. Dieses ist nach Hegel bei den verschiedenen Völkern verschieden differenziert. Bei alten Völkern — Juden, Franzosen usw. — ist die Differenzierung stark vorgeschritten, bei jungen Völkern — Deutschen und Russen — ist sie niÄ) im Rückstand. Juden und Franzosen, beides hochdifferenzierte Völker, können sich also vertragen. Juden und Deutsche dagegen können infolge der ungleichartigen Differenzierung nicht miteinander leben. Es ist nur schade, daß dieser an sich ja recht logisch klingenden Theorie die Hauptsache fehlt, nämlich der Beweis. Tr. Stapel hat niemandem verraten, wie und womit wir den Grad der Differenzierung messen können. Er hat auch nicht gesagt, welche naturwissemchaftlich-eralte Methode ihn dazu geführt habe, ^chlußwlgcrungen zu ziehen wie diese: stark differenzierte Völker wie die Juden seien skeptisch, unfruchtbar; wenig disjereuzierte Völker seien lebendig, gedankenreich, ihnen gehöre die Zukunft. Tr. Stapel bezeichnete den Zweck des Staates als seinen Ruhm. Die Gerechtigkeit gebietet anzumerken, daß das Wort „Ruhm" nicht so aufgefaßt werden soll, wie es Zuerst in die etwas verwunderte Zuhörerschaft gefallen war. Es soll nicht identisch sein mit dem französischen,.§Ioire et Prestige"; es soll me lhaplch fisch aufgefaßt werden, etwa im Lünne: der ^taat will gepriesen werden, wie Gott gepriesen sein will. Es war immerhin Peinlich, anzuhören, wie ein Mann von der Bedeutung des Professors Pierre Bovet (Gens) so etwas als absurd bezeichnete; eine Art Religion, die den Staat mit dem Göttlichen in gleiche Höhe stelle, sei eine niedere Religion, die niederer Kulturstufe entspreche. Es war besonders peinlich, nachdem Tr. Stapel vorher die Idee des Imperium teutonicum verkündet hatte, nach welcher sich unter deutscher Führerschaft kraft der Gewalt und der Größe seiner Kultur, der andere Völker sich unterordnen müßten, ein großes Mitteleuropa ausbauen solle. Nicht viel weniger peinlich war allerdings der Eindruck, den Nah um Eoldmann hinterlassen hat. Er wollte außvühlen, wollte den Juden und den anderen in schonungsloser Weise vor Augen führen, daß es so wie bisher nicht weiter gehe. Ter Jude sei dem Wesen nach Rationalist, er sei der geborene Vorkämpfer für weltkulturelle Tendenzen, aber nicht soweit sie methaphhsisch, sondern nur soweit sie diesseitig eingestellt seien. Hierin bestehe, so meinte Goldmann, der große wesentliche Gegensatz zu anderen Kulturen mit mehr heroischer EersteZrichtung. Ter Jude sei geistig, er fei beweglich and} in seiner geistigen Richtung, denn er habe im Ghetto gelernt, seinen Besitz an Geist und Gut so zu gestalten, daß er ihn von heute auf morgen an andere Orte und in andere Verhältnisse hinüberretten könne. Daher und aus der geschichtlichen Entwicklung des Judentums sei' der Jude zum Heros des Lebens, nicht aber zum Heros des Sterbens geworden. Ter Jude müsse leben — gleichgültig, wie —, wenn er nur überhaupt lebe, um an der Welt seine Aufgabe zu erfüllen. Diese Ausgabe sei erzieherisch und beschränke sich auf die Gestaltung des irdischen Lebens. Die Ausländer hatten sich an den Debatten eine Zeitlang wenig beteiligt. Es war das Wort vom deutschen Erhibitionismus gefallen. Nach Dr. Goldmanns Rede sprach man vorn jüdischen Exhibitionismus. Man fragte sich: Mußte das sein? — Es mußte nicht sein, denn ein Mann wie Tr. Vadt. dessen Begeisterung für den Zionismus nicht weniger glühend ist als Coldmanns, konnte anders sprechen und anderes sagen. Es braucht hier nicht darauf einaraangen zu werden, wie er den politischen Ideen etwa des Dr. Stapel entgegentrat, wie er dessen Biologie und politische Definitionen, — wie er den Gedanken des Imperium tvulcmieum nicht nur mit Worten, sondern mit Gründen abtat. Wenn er aber meinte, der jüdische Politiker sei am besten da zu erkennen, wo er jüdische Politik treibe, wenn er diese, d. h. die zionistische, dahin erläuterte: in Palästina entstehe unter dem Einfluß des Zionismus ein neuer Mensa) und eine neue Form des menschlichen Zusammenlebens, — wenn er der Hoffnung Ausdruck gab, daß vielleicht das Beispiel, das dort gegeben werde, in Zukunft allen Völkern Wege "weisen könne, — wenn er alles das ehrlich) und begeistert, sachlich und liebenswürdig in der Forin, als Redner und in der Unterhaltung äußerte, — dann sah jeder, daß Jude sein etwas anderes ist, als Unruhe stiften, als Bewegung machen, die die anderen stören muß, weil sie sie stören will. Zionismus und völkische Idee berühren sich in vielem. Deshalb war es für die Vertreter der Gedankengänge, die die „E. V.-Zeitung" dauernd vertritt, nicht leicht, ihren Standpunkt vor diesem eigenartig zusammengesetzten Gremium Geltung zu verschalen. Es war nicht zu erwarten, daß Tr. Friedrich Brodnitz ^vder die auf seinem Standpunkt stehenden Diskussionsredner völkische und zionistische Delegierte zur Ausgabe ihres Standpunktes bringen würden. Aber Tr. Brodnitz hat erreicht, daß^ man seine Auffassung nicht nur zu verstehen suchte, sondern zu einem guten Teile auch verstanden und anerkannt hat." Er betonte das Subjektive, das von den anderen Rednern nicht berückjichtigt worden war. Wenn er sich der Religion, der Abstammung nach Jude fühle, so stehe das auf einem anderen Blatte, als seine Stellung^ als Deutscher. Wenn er sich voll als Deutscher fühle, so müsse man es ihm glauben, sofern er es durch das Bekenntnis zur deutschen Schicksalsgemeinschaft, durch Opwrbercitichaft und Opsersähigkeit für das Deutschtum bewähre. Wie in Bierville wurde viel vorn deutschen Volkstum gesprochen. Wie dort, blieb auch hier der Begriff Undefiniert. Das Beispiel der dcutschjüdischen Studenten, die sich in Prag nach M Wl isoc klm inei1 Wer sich mit Politik beschäftigt, wird, zumal in der heutigen Zeit, immer tvieder die betrübende Entdeckung machen, daß es offenbar viel schwieriger ist, Wahrheiten zum Siege zu verhelfen, als Gläubige für die Verbreitung von Verleumdungen einzelner oder ganzer Gruppen zu finden. Ter Mensch ist gar zu bereitwillig, herabsetzende Tatsachen cmfzunehmen und weiterzugeben: er fühlt sich in seinem Selbstbewußtscin gestärkt, wenn er die offensichtliche Minderwertigkeit anderer bestätigt erhält und verkünden kann. Daher die Beliebtheit der Verleumdung als Kampfmittel im apolitischen Leben. Selten bleiben ihre Wirkungen gänzlich aus. Schon die Römer haben dies richtig erkannt, als sie sagten: ..calurnniaro üuckaeter, semper aliquid haeret“, zu deutsch: „Schmähe nur tüchtig, es wird schon etwas hängen bleiben." Neben der allgemein menschlichen Schwäche für solche Tinge kommt noch die Spekulation aus die Unannehmlichleist und Uubequemlichkeit der Widerlegung selbst noch so sinnloser Behauptungen hinzu, um die Verleumdung zu einem bequemen politischen Kampfmittel zu machen. Ein lehrreiches Beispiel hierfür haben tutr in den letzten Tagen erlebt. Am 17. April sind in Krefeld die Nationalsozialisten Kinderarzt Tr. T i e h l und Redakteur T h o m affe n zu je vier Monaten Gefängnis t>€rnrteilt worden. Tr. Dicht hatte bereits im September 1929 die Behauptung ausgestellt, der verstorbene Außenminister Stresemann habe für das Zustandekommen des Doung-Plancs eine Million Reichsmark . durch Vermittlung einer holländischen Bank erhalten. Obgleich er alsbald über die Unsimngkeit dieser Behauptung belehrt worden war — bedurfte es tatsächlich erst einer Belehrung? —, so hat er dennoch am 12. September 1930 in einer Versammlung in Osterrath über diesen Fall absichtlich unklare Andeutungen gemacht, so daß die Hörer glauben mtrßten und dem Kriege in die deutschen Matrikeln erntragen ließen, und so neben dem tschechoslowakischen Truck noch den, nur auf den deutschen Hochschulen Prags bcstehcuden Antisemitismus in Kauf nahmen, war der Beweis, das; auch der deutsche Jude zum deutschen Volkstum Zu zählen ist. Auch die deurschvöltnchen Delegierten erkannten mp daß in der Tscheche!, daß im Osten überhaupt die deutsche Kultur vorwiegend von Juden vertreten werde. Wie alle Konferenzen des Weltstudcntcn-- werks, vertief auch die von Nhon in äußerlich vorbildlicher, sachlicher Form. Man erkannte, daß man zu wenig von sich wisse. Man war sich klar, daß man erkennen müsse, was sei, um erkennen Zu können, was einmal werden solle. Man war sich tlar, daß es unwürdig sei, Weltcmschauungsgegensätze bestehender oder vermeintlicher Art mit der Faust auszutragen. Ties kommt in den eingangs wicdergegebenen „Ergebnissen" der Konferenz zum Ausdruck, die der Generalsekretär des Wettstudentenwcrts, Dr. Kotschnig, der Tagung vorlegte. Dieses Ergebnis scheint auf den ersten Blick nicht viel zu'sein. Eine Tagung, die beinahe eine Woche gedauert hat, Hütte, so glaubt man, mehr. Greifbareres schaffen müssen. Es wäre ungerecht, so zu denken. Man muß beachten, dass das Weitstudentenwerk nicht die Macht hat, für die einzelnen Länder Anordnungen zu treffen oder von sich aus dort Kommissionen einznsetzen. Wenn aber die Anregung, von selbst zusammenzukormneu und die Tinge zu traten und zu prüfen, auf fruchtbaren Boden fällt, dann hat die Konferenz eine Leistung vollbracht, die — gegen die heutigen Verhältnisse — einen gewaltigen Fortschritt darstellt. Tie Hoffnung, daß es dazu kommt, wenn vielleicht nicht überall, so doch vielerorts, ist nicht unbegründet. Möge sie nicht trügen! Dem Weltstudentenwerk aber sei Dank, daß es solche Hoffnungen überhaupt entstehen ließ. l nach Auffassung des Gerichts auch glauben sollten, es müsse an dem Gerücht doch etwas f Wahres sein. 1 1% Jahre also hat das Eist der ungeheuer-' ' lichen Beschuldigung zu wirken vermocht. Erst ' dann fand der Verleumder seine verdiente 1 Strafe. Und hierzu mußten über zwanzig 1 Zeugen ausgeboten werden. Man vergegen- 1 wärtige sich, mit welchen technischen Schwierigkeiten es offenbar verbunden ist, Anwürse auf 1 die Ehre eines Mannes zu ahnden, dessen Wir- 1 kcn sich im hellsten Rampenlicht des politischen ' Zeitrheaters abspielte, der sozusagen kein Privat- [ leben besaß, dessen Handlungen von unzähligen Gegnern belauert wurden, die nur auf den j Augenblick warteten, daß ihnen irgendein Bor- > gehen des Ministers Gelegenheit geben würde, ' einen Sturm zu entfesseln. Wie gering ist da l die Aussicht, böswillige Lügen dort zu entlarven, l wo sie sich gegen unbestimmte Personengruppen [ richten: sagen wir, gkgen die Juden, und noch J dazu, wenn die angeblichen Geschehnisse in grauer Borzeit liegen . . . Es liegt eine traurige Wahrheit in dem bitteren Scherzwort, das für alles , Unglück neben den Juden die Radfahrer vcrant- { wörtlich macht. Sh ne daß hier auf die Frage der Kollcktivbeleidigung emgcgaugen werden soll, x dürfte es stets im Ernnfalle auri) aus rein i technischen Gründen den „Radfahrern" anßert ordentlich schwer werden, sich ihrer Verfolger e mit Hilfe der Gerichte zu erwehren. Calumniare audacter. E. P. 3 Die „Heldentum Rathenow vers urteilt. In Nr. 4 7 der „E. V.-Zeitung" vom * 21. November 1920 hatten wir berichtet, 1 daß unser Mitglied Lebrer Abraham in e Rathenow ohneGrund von zwei als Raufi bolde' bekannten Nationalsozialisten mißhandelt * worden ist. Die beiden Tater sind nunmehr vorn Schöffengericht Nachenow wegen gesähr- ) licher Körperverletzung mit drei Monaten i Gefängnis ohne Bewährungsfrist > bestraft werden.