Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1931-04-17 · 16 (17.4.1931) · p. Seite 196

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
16 (17.4.1931)
Date
1931-04-17
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277886-2277902--06672-2287510
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Dsv IUh§Wfm§hhsf^ wie der ..Angriff" ihn sieht... m die allen Menschen das Heil zu bringen gewillt ist — und diese Katholizität nimmt ja auch die evangelische Kirche für sich in Anspruch — kann niemals völkische Gedanken als berechtigt anerkennen. Warum wir davon an dieser stelle sprechen? Unsere Gegner werden uns Schadenfreude unterschieben, werden glauben, wir buchen diese Aeugerungen der Kirchmvertreter als einen Erfolg. Eie niögen sich beruhigen. Es ist hierbei gleichgültig. ob cs uns angeht oder nicht. Tie Auslastungen find nicht uns zuliebe erfolgt, sie enthalten ja auch keine ausgesprochene Verurteilung des Antisemitismus, die allerdings aus den vorgetragenen Gedanken ohne weiteres geschloffen werden kann. Tie höchste Stelle der katholischen Kirche hat im Jahre 1928 ganz unzweideutig den Antisemitismus als unchrfftlich gebrandmarkst Für uns ist das Gefühl der Verantwortung bemerkenswert, das sich in den Kundgebungen ausspricht, einer Verantwortung gegenüber der inneren Wahrheit der christlichen Religion, ja auch gegenüber der Menschheit. Tie Kirchen erheben den Anspruch darauf, die Menschen zu leiten, die füfjreube Macht im Leven darzustellen. Schwer genug ist diese Aufgabe und sie ist seit dem Beginn der Neuzeit nur unvollkommen erfüllt worden. Aber den Anspruch daraus zu führen, haben die Kirchen niemals aufgegeben, nnd sie haben hier in Erfüllung ihrer Führer- Pflicht den Mut gehabt, auszusprechen, was sie wahrscheinlich im Augenblick nicht populärer macht, zu zeigen, daß sie sich nicht ins Schlepptau einer noch so starken Bewegung und Zeitströmung nehmen lassen. Es wäre ja auch zu merkwürdig gewesen: christliche Theologen haben wiederholt der jüdischen Religion den Vorwurf gemacht, sie sei national beschränkt, ihr fehle der Zug ins Universelle, der dem Christentum eigen, sie lehre nicht die volle uneingeschränkte Liel>e, die erst das Neue Testament gebracht habe. Wir brauchen das gewiß nicht an dieser Stelle zu widerlegen, aber es wäre doch ein groteskes Bild gewesen, wollte heute das Christentum in Verbindung mit Anschauungen treten, die an nationaler Einseitigkeit nicht übertrofsen werden können, die das Gebot der Liebe als Ausfluß der Schwäche betrachten. Die Kirchen haben mit Politik nichts unmittelbar zu tun, aber sie beweisen einen offenen und tiefen Blick auch für das politische Leben, wenn sie zu einer politischen Vetvegung, die sie ins Weltanschauliche hinübergreifen und zu einer Gefahr werden sehen, Stellung nehmen. Eie haben sich durch das Wort des Evangeliums warnen lasten: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Die §rieöhofsjll)änöer von Trebnitz verurteilt Wie wir in Nr. 4b vom 7. November 1930 und in Nr. 46 vom 14. November 1930 der „C. V.-Zeitung" berichteten, wurden auf dem jüdischen Friedhof in Trebnitz im Oktober 1900 34 Erabmäler .mit Haken - kreuzen beschmiert und Fenster der Leichenhalle zertrümmert. Wie wir bei Nedaktionsschluß erfahren, fand die ruchlose Tat jetzt ihre gerichtliche Sühne. Tie Täter waren Mitglieder der NSDAP. Ter Haupttmer A. Weiß wurde zu drei Monaten, sein Helfer S ch r e i b e r zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Das Gericht hat eine Bewährungsfrist abgelehnt. Ter dritte Angeklagte mußte aus Mangel an Beweisen freigefprochen werden. Dribcrchärrde. Zn Nordhaufen haben bisher unbekannte Täter in die Schaufenster von acht Läden, deren Inhaber Juden, und eines, das einem Nichtjudcn gehört, nüt Tiamantcnglasschneidern Hakenkreuze geritzt. Trotz der ausgesttzten Belohnung konnten die Tä:er nicht gefaßt werden. Tor „Angriff" vom 9. April veröffentlicht ein Feuilleton „Ter Judenfricdhos". Ter Verloster, ein Herr Troll, schildert darin seine Eindrücke bei dem Besuch des 900 Jahre alten jüdischen Friedhofs einer alten deuckchen Reichsstadt. „Seiner düsteren Tragik könne sich niemand entziehen": Tas Gewirr von Bäumen, Efeu und Grabsteinen malt er so, als ob er wirklich von der Heiligkeit des Ortes berührt gewesen sei. Schon fragt sich der Leser, wie so ein judenfreundlicher Artikel in dies Blatt gerat, da kommt er zum Schluß, der erst ^inn und Zweck des Aufsatzes erklärt: „Ich habe den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Germanen- und Judentum nie und nirgendwo so stark empfunden, als auf jenem Friedhof des Unfriedens, auf dem mir zuerst bewußt wurde, daß in der entsetzlichen Trostlosigkeit der jüdisckzen Weltanschauung gerade die Ursache der, dem Tiesseirigen zu gewandten, rein m a t e r i a l i st r s ch e n jüdischen Lebensgestaltung 311 tuchen ist. Ter Germane ahnt und fühlt göttliches Leben in allem, was ihn umgibt, wie in sich selbst. Er weiß sich mit der Natur durch einen ewigen Blutkreislauf verbunden, der immer wieder zu dem Herzen des Weltschöpfers zurückkehrt, um aufs neue von dort anszugehen. Tarmn hat auch der Gedanke des Todes für den Germanen nichts Erschreckendes. Tas alles fehlt dein Juden, der sich mit der Natur nie verbunden fühlen kann, der kein anderes Leben kennt als das diesseitige, das er sich aus Grauen vor dein dann drohenden düsteren Nichts in ängstlicher Geschäftigkeit durch Anhäufung von Genügen rein materieller Art zu bereichern trachtet. Feuer und Waffer können nicht entgegengesetzter sein, als germanische und jüdische Weltanschauung. Wenn man Feuer und Waffer zusammenbringt, muß eines von beiden weichen — das Wasser wird verdunsten oder das Feuer erlöschen. . . Wie das Judenblut immer tiefer in unsere reine Raffe cindringt, so auch der jüdische Materialismus. Werden wir in der schatteudunklen Tragik jüdischer Ziel- und Hoffnungslosigkeit langsam ersticken, oder wird es den: Germanen noch einmal wieder vergönnt sein, sich zu dem Gott des Lichts emporzuschwingen, der unfern Ahnen Trost und Verheißung war?" Tiefe Empörimg über den Schreiber und über die Zeitung, die dies Geschreibsel veröffentlicht, mutz jeden anständig fühlenden Menschen, gleich welcher Weltanschauung und welchen Glaubens, Packen. So geht uns denn auch von einem politisch durchaus rechts gerichteten christlichen Leser unserer Zeitung ein offener Brief an den Verfasser jenes 'haßverzerrten Feuilletons zu, dem wir nachstehend gern Raum geben. Offener Brief an Herrn Troll im „Angriff" z u V e r l i n. Verehrter Herr! In Nr. 73 vom 9. April Ihres Parteiorgans „Ter Angriff" bringen Sie unter dem Titel „Ter Judenfriedhos" einen Artikel, auf den zu antworten mir als Christ nicht allein Cewiffensangelegenheit ist, sondern wozu mich Objektivität und die Ehrfurcht vor Gott und den Tod zwingt. Wenn schon Ihre Bewegung einen Kampf ohne jegliche Achtung vor dem Gegner führt, Ihrer Bewegung Humanität, Menschlichkeit, Wahrheit und Klarheit fehlst sollte sie doch wenigstens die Waffen strecken vor der nie zu besiegenden Gewalt des Todes. Gestatten Sir mir zu behaupten, daß wohl jeder Friedhof, sei es ein katholischer, protestantischer oder jüdischer, eine Stätte des Friedens, der Ruhe, der Erbauung, nie aber eine Stätte des „Unfriedens" ist. Mit welcher innerlichen Empörung würden Sie demjenigen cntgegentretcn, der von einer gleichen Stätte, mit der <-ie durch Bande der Zugehörigkeit verbunden sind, in solchem Tone sprechen würde. Mit welchem Schmerz würden Sie cs empfinden, wenn Grabstätten und Gedenksteine Ihrer Toten geschändet und besudelt würden. Tie tieferen, Wurzeln Ihrer Ausführungen sind doch offensichtlich nicht, religiöse und ethische Momente wachzurusen, sondern diesen Grabfchändern Vorschub zu leisten, den Schutz ihrer gemeinen Handlungsweise mit eine:» heuchlerischen Heiligenschein zu umgeben. Was den sonstigen, seuilletonistischen Wert Ihrer Ausführungen angeht, überhebt einen jeder Kritik. Nur so viel sei gesagt, daß doch Trauerweiden weder arisch noch jüdisch sind. Wenn diese schatten'pcnderrden Bäunce Jahrzehnte dort stehen und trotzdem noch „mager" sind, „kraut und umroh" aussehen, so hängt wohl diese Tatsache allein mit der Natur, keineswegs aber wohl mit ihrer persönlichen Nassereinheit znsanunen. Tie „Zweige waren zwar unbelaubt", die „Sonne sandte glühende strahlen herab", trotzdem lag aber „eine grüne Tämmeruug" über dem Friedhof. Wie so etwas möglich ist, wird wohl wenigen nur klar. Anscheinend verfinsterte sich die Sonne über die Tiefe Ihrer Gedanken. Ich möchte nicht in bcni^ gleichen plebejischen Ton reden wie >^:e, aber bitte, wollen wir nicht die Toten ruhen lassen. Wollen wir nicht den Friedhof von parteipolitischer Hetze freihalten? Und daran denken, daß sowohl die jüdische wie auch arische Mutter unter gleichem Schmerz, unter gleicher Liebe dem Kinde unter ihrem Herzen das Leben schenkst Und dieses Kind, ob jüdisch oder arisch, den gleichen Schmerz beim Tode eines Nahestehenden empfindet. BoSCD. Tie offizielle nationalsozialistische Tageszeitung veröffentlicht den Artikel des Herrn Troll. Wenn dann aber wieder eine Friedhofsschändung gemeldet wird, wäscht sie ihre Hände in Unschuld . . . Bestrafung eines anlifermiischen Mieters Ein jüdischer Hauswirt sah sich genötigt, einen Mieter auf Zahlung rückständiger Miete und auf Räumung des von diesen: innegehaltenen Geschäfts zu verklagen, und erstritt ein obsiegendes Urteil. Ter nationalsozialistische Mieter rächte sich dadurch, daß er in: Schaufenster des Ladens ein Schild mit der Anschrift anbrachte: „Judeuhand schloß mein Gcchäft." Am Abend beleuchtete er dieses Plakat außerdcn: noch durch zwei Kerzen. Ter Mieter wurde vom Landgericht II durch Urteil vom 4. Tezember 1930 (41) 4a N 79.30 (178.30) wegen öffentlicher Beleidigung in Tateinheit mit grobem Unfug zu einer Geldstrafe von 40 Mark, im Nnvermögensfallc zu vier Tagen Hast verurteilst Dem beleidigten Hauswirt wurde Publikationsbcsugnis zugesprochen. Tie Revision des Mieters gegen das vorstehende Urteil wurde vom Kammergericht durch Urteil vom 21. Mürz 1931 — 2 8 82?30 — zurückgewiesen. UeebtL3n>v2U Dr. Hans Lazarus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.