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Central-Verein-Zeitung · 1931-04-17 · 16 (17.4.1931) · p. Seite 195

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
16 (17.4.1931)
Date
1931-04-17
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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iCirclh© und Von Rabbiner POLQy I1& / Dr.Baerwald,Mönchen Die bayerischen Bischöfe gegen den Nationalsozialismus - Erfreulicher Erlass des bayerischen Kirchenpräsidenten - Unverständliche Langmut der evangelischen Kirche gegen christentumsfeindliche Hasspolitik 3ft es ein Zufall, daß in dm letzten STodjcn mehrere Stimmen cu3 kirchlichen Kreisen sich zum Thema „Christentum und Natiouasi'ozialismus* haben vernehmen lassen? In 'ih 7 dieser Zeitung ist von dem Bortrag berichtet worden, den Kaplan Fa h sei kürzlich in der Berliner Singakademie gehalten und in dem er dem National'ozialisumZ seine Grenzen gegenüber der Religion gezeigt hat. Bedeutsamer und wichtiger noch erscheint es, wenn die bayerischen Bischöfe zur gleichen Zeit eine gemeinsame Kundgebung erlassen, in der es u. a. heißt: ,T)er Nationalsozialismus enthält in seinem kulturgeschichtlichen Programm Irrlehren, weil er darin wesentliche Lehrp.mkre des katholischen Glaubens ablehnt oder schief auffast und weil er nach Erklärung seiner Führer eine n.eue Weltanschauung "an die Stelle des christlichen Glaubens setzen will. Führende Vertreter des Nationalsozialismus stellen die Nasse Häher als die Religion. Sie lehnen die Offenbarungen des Alten Testaments und sogar die mosaischen zehn Gebote ab . . . Was der Nationalsozialismus Christentum nennt, ist nicht mehr Christentum Christi. Tie Bischöfe müssen also als Wächter der kirchlichen Glaubenslehre vor dem Nationalsozialismus warnen, solange er und soweit er Auffassungen kundgibt, die mit der katholischen Lehre nicht vereinbar sind. Ten katholischen Geistlichen ist streng verboten, an der nationalsozialistischen Bewegung in irgendeiner Weise rnitzuarbeiten." Eine ähnliche Kundgebung haben, wie in Nr. 11 der „C. V.-Zeitung" berichtet, auch die Bischose der Kölner K i r ch e n p r o v i n z erlassen, in der sie auf jene der bayerischen Bischöfe ausdrücklich verweisen und auch das gleichfalls von diesen Blättern schon wiedergegebene „Offene Mahnwort zur Jahreswende" des Breslauer Kardinal-Erzbischoss zitieren. Auch in der evangelischen K i r ch^e 'werden ähnliche Stimmen laut. Kirchenpräsident O. B e i t, d a s O b e r h a u p t d e r evangelischen Landeskirche Bayerns, führte in . einem vielbeachteten Bortrag, nach einem Bericht der „BI ü n ch e n e r Neue st e n N 2 ch r i ch t e n", unter anderm aus: ..Bestrebungen sind am Werk, die das Christentum umbilden und umgestalten und es loslösen wollen von den geschichtlichen Grundlagen, die Gott ihm gegeben hat. Es sind Gedanken, die von der immer stärker auftebenden völkischen Bewegung her kommen, die dem. der es mir christlichem Glauben und der Gottesoffenbarung ernst meint, ernste Sorge erwecken maß. Nicht mehr in demütigem Gehorsam will man lauschen auf Gatte- Wort des Alten ua.d des NeuemBundes, wndern aus den Tiefen der eigenen Seele heraus sucht mau seine reinsten und edelsten und besten Gedanken, deren eben der deutsche Geist und das deutsche Gemüt fähig sind, und formt sich daraus etwas wie eine Religion, die man wohl als Christentum bezeichnet, aber kein Christentum ist." Aeußerungen wie diese verdienen innere ernsteste Beachtung; es kann uns nicht gleichgültig sein, wie sich die Kirchen zum Nationalsozialismus stellen; nicht so sehr deswegen, weil diese Tinge ja auch uns irgendwie berühren, als vielmehr, weil, wie wir glauben, hier eine bedeutsame geistige Auseinandersetzung beginnt; die kirchlichen Verlautbarungen zeigen,"daß man die geisriae Gefahr erkennt und ihr entgegentritt. Für die kirchlichen Stellen sind cs begreislichenveise nur die von ihrem, ^eigenen Standpunkt aus bestehenden Besorgniue. die ausgesprochen werden, und so könnte"man uns entgegeuhalten, warum wir uns mit solchen inuerlirchlichen Tingen befassen. Wer seine eigenen religiösen Angelegenheiten von fremdem Einst'uß freigehalten wissen will, muß takueoll und klug genug sein, sich nicht in fremde zu mischen. Diese Erkenntnis soll doch aber wobl nicht ausschließen, daß man mit Innerere die Tinge im „andern Lager* verfolgt. Das kirchliche Leben ist viel zu sehr ein Erponoest unseres gesamten Kulturlebens, als daß wir ohne Anteilnahme daran vorübergehen dürften. Ja. cs wäre vielfach beyer, wenn wir den geistigen Strömungen innerhalb der Kirchen mehr Aufmerksamkeit schenken wollten, als es für gewöhnlich der Fall ist. Wenn wir auf die obengenannten Aeußerungen verweisen, bandelt es sich keineswegs nur um die Registrierung einer Tasiache, die in den Tagesblütteru vielfach unbeobachtet verschwindet, sondern um ein Faknun. von geistesgeschichtlicher Bedeutung: der Geist setzt sich dem Ungeist, dem Psendogeist gegenüber zur Wehr. Ter Nationalsozialismus ist jung und er hat mit der Stoßkraft der Jugend, begünstig: durch die Zeitumstände, unleugbar Effolge erzielt, mehr Erfolge, als er selbst wahrscheinlich erwartet hatte. Tie Mittel, deren, er sich bedient, sind ja allesamt alte nationale, völkisthe und antisemitische Ideen, soweit man bei letzteren überhaupt von Jd-een sprechen kann. Tas ist. wie gesagt, alles nichts Neues, aber, nach faschistischem Rezept zusammengebraut, haben sich diese Jngredenzien zu einem Opiat vereinigt, dessen benebelnde Wirkung man am 14. September deutlich genug sehen konnte. Aber der unverbildete Sinn des Volkes fühlt sich doch nicht recht wohl dabei. Man ist in weiten Kreisen der Bevölkerung erfreulicherweise religiös genug gesinnt, um bald leiser, bald lauter die Gretchenfrage zu stellen: „Wie hältst du's mit der Religion?" Es ist die heikelste und verfänglichste Frage, die dem Nationalsozialismus gestellt werden kann. Konsequente Raffentheorctiker und-Politiker können nie und nimmer sich mir einer Religion absinden, die die Gleichheit alles denen, was Menschenantlitz trägt, verkündet, die Opstrsinn. Geduld, demütige Menschenliebe predigt, die sogar — borribile dictu! — aus dem Judentum 'hervorgegangen ist und der die öebräischo Bibel als eine Öfsenbarungsurkunde gilt. Ta muß reiner Tisch gemacht werden.:" es kann nur eine deutsche Religion geben, erwachsen aus dem Denken, Fühlen und Ahnen nordischer Mersichen. Man lese nur als Beispiel in der Nr. lü der „G. D.-Zeituug", was Tin! e r, wohl der folgerichtigste Verkünder einer solchen Lehre, der 'deshalb auch von den Raüonalstzialisten aus der Partei ausgeschlossen wurde, schreibt und redet. Tem Nationalsozialismus ist das außerordentlich unbequem. Er weiß, wie cs in der deutsllM Volksseele aussieht, die mit dem Christentum eng verbunden ist. Ter offizielle Nationalsozialismus will die große Kluft, die zwischen seinen Anschauungen m:d denen der christlichen Religion unüberbrückbar klafft, nicht sichbar werden lassen; er schüttelt einen Dinier ab, der nur konsequent aussprichi, was nach völkischer Ideologie unvermeidbar ist. Er dekretiert: der Nationalsozialismus steht auf dem Boden des Positiven Christentums. Sieht man sich freilich die Aeußerungen an. in denen sieh namhafte Vertreter des Nationalsozialismus mit dem Christentum auscinandersetzen, so sieht man die Verlegenheit, in der der Nationalsozialismus zrvisäzen der Scylla der Konsequenz und d-er Charybdis der Opportunität hindurchzusteuern sich bemüht. Wollte man aus den Voraussetzungen der völkischen Idee vor den Augen des christlich gesinnten Volkes die richtigen Folgen ziehen, daun wäre cs mit den Erwlgen vorbei. So kommt es zu den merkwürdigen Eiertänzen auf dem Gebiete der Religionsge'chichle und -Philosophie, wie den Behauptungen, daß Jesus Vlrier gewesen sei, daß das Christentum eine wesentlich deutsche Religion und mit dem Bollsl:r;n verwurzelte Mallst sei usw. Unbestreitbar haben diese Konstruktionen bei so manchem ihre Wirkung getan und ihm den Naiionalwzialismus als eine christlich verbräumte Welumschaunng erscheinen lasten. Darüber Humus ll. allen wohl viele andere, und nicht die Schlechtsten. den Traum von einer deutschen Vollsreligion und Volkskirche verwirklich: geglaubt. Sogar Geistsichen hat dies Trugbild vor Augen gestanden, und sie haben gemeint, sich dem Raeionalsozialismus nicht versagen zu dürfen. In dieser Situation treten die schon erwähnten hervorragenden Kirchenvertrercr auf den Plan und weisen auf die Gestihren hin, die um so großer sind, als sie sich hinter Idealismus verstellen. Es hieße die Bedeutung dieser Kundgebungen abschwächen, wollte man sie im einzelnen erläutern. Insbesondere der bayerische B i s ch o s s e r l a ß ist so eindeutig und bestimmt, wie er sein muß. so behutsam, wie er sein kann. Es handelt sich bei all diesen Verlautbarungen, das steht deutlich zwischen den Zeilen, nicht nm die Besonderheiten der katholischen oder evangelischen Kirche, es Handel: sich um die allgemeinen Grundlagen der christlichen Religion. Klar und überzeugend wird ausgesprochen, was ist: Kirche und Nationalsozialismus vertragen sich wie Feuer und Wasser. Eine Religion, der die Liebe oberstes Gebot ist. kann sich mit einer Lehre des Haffes nicht verbinden, eine Kirche, der alle Menschen gottgesch-assen sind. Nationalsozialistische Listen bei den Wahlen zum Landeskirchentag Wie weit die Zusammenkopplung von evangelischer Kirche und Nationalsozialismus bereits gediehen ist. mag aus folgender Nachricht ersehen werdem.die wir der Zeitschrift „D a s evangelische Deutschland", dem offizielten Korrespondenzblatt des Deutschen evangelischen Kirchenbundes, vom 5. April, entnehmen: „N a s s a u. Bei den Wahlen zum Landeskirchentag ist erstmalig unter Führung von Tekan Lehr (Gladenbach) eine Lifte der Nationalsozialisten in Erscheinung getreten, während die bisher i:u Landeskirchentag vertretenen Gruppen eine Einheitsliste vereinbart hatten. Rach dem bisher vorliegenden Ergebnis würden in den Bezirken C9 Abgeordnete der Einheitsliste (14 der Rechten, 12 der Mitte, O der Linken und 4 Jung-Evangelische) und 9 Abgeordnete der Nationalsozialisten gewählt. Bon den 12 durch die Landesliste zu vergebenden Mandaten werden vermutlich 6 Sitze den Nationalsozialisten zufallen."

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