Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 16 (17.4.1931)
- Date
- 1931-04-17
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 $4 zum Heeresdienst fickte, von denen 12 000 geblieben sind, und von denen an der Front 2000 Zu Offizieren befördert wurden. Aber ein noch weit schwerwiegenderer Grund als dieser macht es unbedingt nötig, daß die gegensätzlichen Gefühle zwischen deutschem Judentuur und deutscher Wehrmacht schwinden. Jeder, der diesen Krieg mitgemacht hat, wird für sein ^dcrltinb und die ganze Menschheit keinen besseren Wunsch hegen können, als daß es nie wieder zu einem Kriege kommen möge. Aber solches steht allein in der Macht derjenigen Nationen, die eben heute die Macht haben, nicht aber in der Macht oder richtiger der Ohnmacht Deutschlands. Die Tinge liegen sogar tatsächlich so, daß „d e u t - scher Pazifismus" nichts ist als der billigste, aber nicht der unwirksamste Bestandteil der ungeheuren militärischen Rüstung derjenigen, unter deren eiserner Faust heute die Menschheit und am meisten wir Deutsche sei du zusammenbrechen. Zunächst kommt es für Deutschland darauf an, wenigstens den Grad der Wehrhastigkeit zu erringen, daß es in dov Lage ist, wie z. B. die Schweiz, in einem Kriege zwischen den Starken seinen Boden zu schützen und seine Lebensinteressen zu wahren. Der nationalsozialistische Wahlsieg am 14. September wird von vielen als die Wende des deutschen Schicksals betrachtet, als Ende oder doch als Anfang vom Ende des liberal-demokratisch-nationalen Staates und als Beginn einer Entwicklung, die zum autoritar-faschistischirrationalen Staat führen wird. Der in Nr. 5 der „C. V.-Zeitung" veröffentlichte Aussatz: „Nationalsozialismus — und was weiter?" ist für diese Auffassung charakteristisch. Man begnügt sich nicht mit den klar zutage liegenden Ursachen, der Wirtschastsnot, um den 14. September zu erklären, man ist vielmehr durch dieses Ereignis so fasziniert und erschüttert, daß man sich vor die Ausgabe gestellt meint, es geistig zu verarbeiten und zu bewältigen, es in geschichtliche Zusammenhänge einzuordnen, seinen „wahren Sinn" zu deuten. All dies vielfach zunächst nur, um dem ausgerüttelten Gewiffen, dem historischen Sinn die geschuldete Rechenschaft abzulegen, ohne daß man gewillt ist, die Tinge auch praktisch in der vermeintlichen Entwicklungsrichtung voranzutreiben. Ja, es nennen sich doch viele Gegner des Nationalsozialismus, die den 14. September als wesentliches Datum, als großen Wendepunkt der deutschen - Geschichte verkünden. Mir scheint allerdings, als ob hier eine leise, oft nicht klar bewußte Sympathie den deutenden Intellekt leite. Immerhin — nehmen wir mit aufrichtigem Ernst den Wunsch entgegen, an der Bekämpfung des Nationalsozialismus teilzunehmen. Was hören wir nun? So wie ihr den Nationalsozialismus bekämpft, ist das ganz zwecklos. Ihr kennt und versteht ja sein innerstes Wesen nicht, ihr wißt' nicht um seine entscheidenden Antriebe. Ihr versaßt Broschüren, veranstaltet Diskussionen, redet von Vernunft, Demokratie, Humanität, Ehristtuium, allgemeiner Menschenliebe, ihr sucht die Ungereimtheiten der Wlrtschaststheorie bloßzulegen, die ganze Phraseologie vom „Tritten Reich" lächerlich zu machen. Was soll das alles? Das sind Ideen, das ist Raticknalismus, das ist heute außer Kurs gesetzt. Damit trefft ihr gerade daneben. Tie nationalsozialistische Bewegung ist nicht Idee, sie ist Wille zur Tat. Und nun geht es los! Hie: Individualismus, Rationalismus, Liberalismus, Pazifismus. Dort: Gemeinschasisgebundene Demokratie, rcvolutio- Tieses Ziel muß auch unsere Einstellung zu unserer Wehrmacht bestimmen, vielleicht sogar über manche berechtigten oder unberechtigten Empfindlichkeiten hinweg. Allerdings wird es allmählich auch höchste Zeit, daß unsere nichtjudrschen Bolksgene^en, die süv Kräftigtlng deutscher Wehrmacht eintreten, ein sehen, daß ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Wehrkraft heute mehr als je in möglichster Bermeidnng aller Riffe im Innern besteht. Auch der Weltkrieg wäre für uns anders verlaufen, wenn man zu dieser Erkenntnis nicht erst am 4. August 1914, sondern einige Jahre vorher gekommen wäre. Ich glaube, daß gerade bei der heutigen Art der Rüstung die deutschen Juden der deutschen Wehrkraft nicht nur durch Stellung ihres Kontingentes zum Heere, sondern auch durch ihre besondere geistige Eigenart für die wirtschaftliche und technische Wehrkraft Deutschlands weit mehr leisten könnten, als ihrem kleinen Anteil von 0,9 Prozent an der Bevölkerung entspricht. Dazu wäre allerdings ein Pazifismus dringend durchzusetzen, nämlich ein Pazifismus gegen den Krieg und den Haß innerhalb der deutschen Grenzen. närer Konservativismus, organische Staatsaufsapung. Man könnte aus beiden Seiten noch eine Menge solcher vielsagender Substantiva hinzufügen. Voran aber steht das Wor: Muffolinis: „Zur Erlösung Italiens sind keine Programme nötig, sondern Männer und Willenskraft." Also: Idee und Wille; rationales Programm und irrationales Führertum. Und wie sieht die Wirklichkeit aus, die von den großen Zeichen, die sich um den tieferen Sinn bemühen und das Wesen der Tinge erschauen wollen, meist arg vernachlässigt wird. Gewiß ist die Willenskraft im politischen Leben von entscheidender Bedeutung. Aber sie bedeutet nichts und kamt ntir zerstörend wirken, wann sie nicht durch den Politischen Verstand gelenk: wird. Die Diktatur — und retten wir dieses nüchtertte, aber durchaus unmißverständliche Wort für das, lvas Mussolini mit dem zitierten Ausspruch meint — ist mehr als jedes andere System durch die Persönlichkeit ihres Trägers gerechtfertigt, aber nicht nur durch seine irrationallenergisck^n, sondern ebensosehr durch seine rationalen politischen Fähigkeiten — und nicht nur innerlich — wesensmäßig gerechtfertigt, fonbern in ihrer praktisch-konkreten Existenzfähigkeit bedingt. Ja gerade die Diktatur kann zu einem Höchstmaß rationaler Regierungspraris führen, "weil sie die Verwirklichung der staatsmälmischen ratio eines einzelnen oder einer kleinen Gruppe bis zu einem hohen Grade gewährleistet, während inr liberal-demokratischen Staat irrationale, unberechenbare Einflüsse von Dolksmaffen und Volksbewegungen ausgehen. Das Irrationale liegt wesentlich und im Verhältnis des Führers zur Gesol v'chaft. Es heißt: Vertrauen und Unterordnung nicht aus rationaler Erkenntnis der Fähigkeiten des Führers, sondern aus intuitivem Erfassen seiner Persönlichkeit. Tie negative Seite dieses Verhältnisses £>cftcFjt in der Gefahr der Troffetung und inneren Abtötung der Kritik und Urteilsfähigkeit. Aber selbst diese wird am die Dauer nie ein ganzes Volk zu ergreifen vermögen, sondern im wesentlichen nur den Kreis der mittelbaren Gesotgsthast des Diktators. Führt die Politik des Diktators zu schweren Mißerfolgen, so wird das Vertrauen weiter Dotkskreise zu ihm schwinden, und schließlich wird ihm keine irrationale Ideologie, sondern werden allenfalls nur die Maschinengewehre seiner Soldaten ihn retten können. Dies alles gilt allerdings nur von dem fertigen Staatssystem des Dritten Reiches, wie man es sich nach der antiparlamentarischen Haltung des Nationalsozialismus vorstellen muß. Denn die Diktatur ist neben der Entrechtung der Juden das einzig Konkrete im nationalsozialistischen Programm. Diktaturen und Gewallsvstemeii dient der Irrationalismus zur Rechtfertigung, er soll ihren Mangel an positivem Gehalt verdecken. Hier gilt es, die Unwahrheit dieser Position durch ihre Konfrontation mit der Wirtlichkeit schonungslos aufzuzeigen. Mit der Antithese Nationalismus — Emotionalismu s ist nicht das mindeste gewonnen. Das ist Phraseologie und nichts außerdem. Jedes Staatssystem ist von irrationalen und rationalen Elementen durchsetzt, vorwiegend irrational in seinem inneren Zusammenhalt, vorwiegend rational in seiner Regierungspraris. Ein Staatssystem ist aber als Ideal, als Ziel einer Bewegung nicht wirllam zu behaupten, sondern nur, wenn es verwirklicht ist. auf dem Boden dieser Wirklichkeit. Daher ist der Verfasser des erwähnten Aufsatzes grundsätzlich aus dem richtigen Wege, wenn er meint, man solle die Führer des Naticnab'ozirlismus^n den entscheidenden Ministerien (Reicheres, Finanz, Arbeit) regieren lassen. Wie aber reimt sich dies damit zusammen, daß er den Nationalsozialismus von einer geistig-polirischen Position, nämlich der der gemeinschaftsgebuudcuen Demokratie, aus bekämpfen will und alle anderen Positionen, die des Liberalisnms, des Pazifismus usw., verwirft. Wie soll man die gemeinschastsgebundene Demokratie ins Tressen führen, wenn die Nationalsozialisten von vornherein überhaupt leugnen, daß Demokratie zur Volksgemeinschaft führen könne. Demokratie ist, nüchtern gesehen, notwendig das Neben- und Gegeneinander der in der Gesellschaft wirksamen politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Strömungen — sonst ist es keine Demokratie. Mil der Antithese liberalistische und gemeiuschastsgebundene Demokratie ist wieder nichts gewonnen; auch das ist Phraseologie. In Summa: der nationalsozialistische Staat wäre wirksam nur auf dem Boden der Wirklichkeit zu behaupten. Gegen die nationalsozialistische Bewegung und ihr Staatsideal ist mit Ideen — darin ist dem Versaffer zuzustimmen — nichts anszurichten. Sie ist, wie jede Bewegung, zweifellos emotionalen Charakters, die von der Krisis der Gegenwart genährt, von Verzweiflung und Haß getragen wird. Aber es ist ein ungeheurer Trugschluß Zu glauben, man könne sie bekämp'en durch eine Annäherung an ihre emotionalen Willens- und Führerschajtsideologien, indem man Vernunft, Liberalismus, Humanität zum alten Eisen wirst. Man erreicht damit das gerade Gegenteil. Ties ist eine ganz große Gefahr — und hier setzt die m. E. wesentlichste Gegenwartsanfgabe ein — sich gegen die Schlammflut voluntaristisckxr Gewaltideologie zu behaupten, sich das gute Cewincn zu erhallen, das mutige Iasagen zu den uuvergänglidjcn Werten der Freiheit und Menschlichkeit. Radikale Skepsis tut not gegenüber d-en Propheten eines neuen Zeitalters. Der Nationalsozialismus ist — man mag mich des plattestcn Nationalismus zeihen — eine Ausgeburt der Not und wird zugleich mit ihr überwunden werden. BerthoM Weinberg. Prcssestimmen zur Hamburger Kundgebung des (5. B. Äußer den in der vorigen Nmnmer der ,.E. V.-Zeitung" genannten Zeitungen haben noch die ..Kölnische Zeitung" und der „G eneratanzeiger für Dortmund", beide mit der Wiedergabe der scharfen volksparteilichen Absage an die Dentfchnationaten, sowie der „Würzburger Generalanzeiger", die „Inge lh ei me r Zeitung" über die eindrucksvolle Hamburger Kundgebung des C. B. gegen die Politische Verhetzung berichtet. f!v'ff' II ly '• .V.ju'di] l\: > h h:v,:jr iüjj.:' ''-Fff