Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 15 (10.4.1931)
- Date
- 1931-04-10
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1$6 als heilige Ueberzcugung auch heute noch in der Seele glüht. Und doch sollten wir nicht übersehen, daß die bloß äußerliche Uebernahme dieser vor etwa hundert Jahren gesprochenen Worte durch unser Geschlecht nicht möglich ist, ohne uns dem Vorwurf der Oberflächlichkeit uuszusetzen. Ist doch die Thew von der gesonderten Nationalität der Juden heute ein Argument geworden, das uns keineswegs nur aus judenfeindlichem Lager cntgegenklingt, daß sich vielmehr durch die Bewegung des Zionismus gerade auch Juden zu eigen machen. Es ist keine Frage, daß der von Theodor Herzl in die moderne Judeuheit geworfene Ruf: „Wir Juden sind ein Volk", den von Mendelssohn cingeleiteten und von Gabriel Rießer so machtvoll geförderten Kampf der Juden um das Hcimatrecht in dem Lande ihrer Geburt außerordentlich erschwert hat, keine Frage aber auch, daß die durch die ziorristischs Belvegung ausgelöfte Welle in allen Lagern eine Renaissance des Judentums angebahnt hat. Durch die sich türmenden Schwierigkeiten empfinden wir Erben Rießers vielleicht tiefer noch als unsere Väter die Pflicht, der von ihm gewiesenen Richtung treu zu bleiben, die geistigen Fundamente unserer Stellung immer wieder auf ihre Haltbarkeit zu prüfen, vor allem aber die treibenden Ideen nicht aus den Augen zu verlieren, die die führenden Geister, nicht zuletzt ein Gabriel Rießer, uns in die -<-ecle geworfen haben. Es ist vielleicht gut, an dieser Stelle an die berühmten Worte eines Zeitgenossen Gabriel Rießers, des großen Geschichtsschreibers Leopold von Ranke, zu erinnern, der in dem Aussatze über die „großen Mächte" seine Ueberzeugung von den treibenden Kräften im Leben der Völker folgendermaßen zusammenfaßt: „Nicht ein solches zufälliges Durcheinanderstürmen, Ueboremanderherfallen... der Staaten und Völker bietet die Weltgeschichte dar, wie es beim ersten Blick wohl ausfieht, ... es sind Kräfte, und zwar geistige... es sind moralische Energien, die wir in ihrer Entwicklung erblicken." Wohl selten war es so nötig, diese geistigen Kräfte, diese moralischen Energien sich ins Bewußtsein zu rufen, wie in der Gegenwart. Denn wenn wir nach den Gründen fragen für die tiefste seelische Müdigkeit, die aus weiten Kreisen unseres deutschen Volkes lastet, so wäre es falsch, sie nur in dem verlorenen Krieg und den damit verbundenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten suchen zu wollen. Was uns fehlt, das ist dieser tiefe, innere Glaube Rankes an die „schöpferischen Kräfte", an die „moralischen Energien", die das Rad der Weltgeschichte vorwärts treiben. Wir sind ein Volk ohne Glauben geworden, ohne den Glauben an die Kraft der Idee. Was heute die Menschen treibt/ den einzelnen, die Volker, das ist der kalte Nutzen, das kühle, sachliche Interesse — Realpolitik, das ist das Schlagwort im politischen Leben, Nationalisierung das Schlagwort in der Wirtschaft. Fast nirgends mehr eine große, hinreißende Idee, die früher die Menschen erfaßte und mit unwiderstehlicher Gewalt antrreb, alle kalten Interessen, allen bloßen Nutzen rücksichtslos beiseite zu werfen. Das ist ja das Geheimnis jener Parteien, die bei den jüngsten Wahlen solche Erfolge erzielten. Sie packen die Menschen nicht bei der kühlen Vernunft, sie packen sie bei den Herzen, sie entzünden die Seelen, sie werfen den Funken in die von Not und Hunger zer- .rnürbten Massen. Ihr wollt den Brand löschen, ihr wollt den Sturm beschwören? Ihr vermögt es nur. wenn ihr ihren Ideen andere, bessere, gegenüberstellr, wenn ihr die unklaren, verschwommener! Ziele durch klarere, bestimmtere ersetzt, wenn ihr vor allem die Glut verzehrenden Hasses, die unheimlich in ihren Seelen glüht, durch das heilige Feuer echter, opferbereiter Liebe zu überwinden wißt. Warum wir gerade in diesem Zusammenhänge davon reden? Weil es in dem Dunkel unserer Gegenwart wohl wenige Persönlichkeiten gibt, die durch die ganze Art, wie sie in ihrer Zeit den Kampf führten, so geeignet wären. unserer Zeit die Richtung zu weisen wie Gabriel Rießer. Wenn irgend jemand, so war e r erfüllt von dem Glauben an die Macht der Jdeew als der schöpferischen Kräfte in der Welt, wenn irgend jemand, so war sein Handeln beflügelt durch die moralischen Energien, die in ihm schlummerten. Diese moralischen Energien verdankte er seiner Verwurzelung in deulschcr Kultur, insbesondere in der Gedankenwelt eines Lessing imb Schiller, denen er in seinen Werken ein Denkmal gesetzt hat, diese moralischen Energien verdankte er vor allem aber auch seiner jüdischen Abstammung, dem Eesättigtsein mit jüdischem Geiste. Das Rcchrsgesühl, das Rießer im Innersten durckizittert und an einzelnen Stellen seiner Schriften zu leidenschaftlicher Kraft emporwäckst, hat sich an dem Pathos unserer Propheten entzündet, der Mut, mit dem ^Rießer die Sache des Schwachen gegen den starken verficht, ist jener Mut, den seine jüdischen Ahnen unbeugsam in jahrhundertelanger Versuchung immer wieder bewiesen haben. Niemals ist es ihm darum auch in den Sinn gekommen, so hoch, das Gut der politischen Emanzipation ihm auch erscheinen mochte, es um das Opjer der religiösen Ueberzeugung sich zu erkaufen. „Fort mit aller bürgerlichen Gleichstellung, wenn sie durch das kleinste Opfer der Ehre erkauft werden soll", so ruft er aus. „Die Ehre ist der Geist und die Seele des Rechts. Wer Recht um Ehre eintauschte. Wieder ist wahrend der Tagung des P r e u - ßischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden von einem Sprecher der Jüdischen Dolkspartei der Vorwuri erhoben worden, die „C. V.-Zeitung" sei eurch ihre Berichterstattung über die letzten polnischen Sejm- Wahlen nicht nur der jüdischen Minderheit, sondern damit auch Zugleich der deutschen Minderheit in Polen in den Rücken gefallen. Dieser Behauptung stehen zwei Tatsachen entgegen: 1. Es gibt keine einheitliche jüdische Minderheit in Polen. Es gibt eine Gruppe, die sich als religiöse Minderheit betrachtet und in der Aguda ihren organisatorischen Ausdruck findet; diese Gruppe ist in den Berichten der „C. V.- Zeitung" durch einen ihrer Führer selbst zu Wort gekommen. Und es gibt die zionistische Gruppe, die sich als natiouale Minderheit betrachtet; sie wurde, wie die anderen nationalen Minderheiten, von der Pilsudski-Regierung bekämpft, wenn auch, wie aus den nachstehenden Erklärungen im einzelnen hervorgcht, der Kamps gegen sie nicht mit voller Schärfe und nicht einheitlich durchgeführt wurde. 2. Tie Berichterstattung der „E. V.-Zeitung" befaßre sich ausschließlich mit den Erfolgen der jüdischen Kandidaturen in den Sejm-Wahlen und nahm in keiner Weise gesamtpolitisch zur Pilsudski-Regierung Stellung. Tie „G.-D.- Zeitung" müßte eine solche Stellungnahme, als außerhalb ihrer Zuständigkeit liegend, ablehnen. Vielleicht tritt hier sogar der keineswegs vereinzelte Fall ein. daß es eine einheitliche deutschjüdische Betrachtungsweise dieses komplexen außenpolitischen Tatbestandes nicht gibt. Tie „(5. B.-Zcitung" ist weit davon entfernt zu behaupten, daß die von ihr verfochtene deutschjüdische Synthese einen gebrauchsfertigen Schlüssels für sämtliche Erscheinungen der Welt bilde, ^ie hat den schwer kämpfenden deutschen Minderheiten ihren Gruß entboten; sie hat die Abkehr weiter Schichten der polnischen Juden von der nationalen Minderheitenpolitik als einen Schritt auf dem Wege zu ihrer Eingliederung in die Kultur ihrer Umwelt, also zur Lösung der Judenfrage schlechthin begrüßt, zmnal die Haltung der Regierung in der I u d e n f r a ge den Fortschritt zu verbürgen scheint. würde den Inhalt um die Form, den Kern für die Schale hingeben." Diese innere Verwurzelung mit dem Geist des Judentums ist cs. die ihn wappnet, die ihm Kraft gibt nach außen, Kraft aber auch gibt nach innen gegen jene treulosen Juden, gegen jenen, wie Rießer sich ausdrückt, „Jesuitismus der Aufklärung, der den Glauben wie das Gewand wechselt. Mit prophetischer Eiudringlichkeir beschwört er seine Brüder: „Das inhaltschwcre Wort der ewigen Wahrheit, ,du sollst den Rainen deine? Gottes nicht umsonst anrusenß hallt ewig in den Tiefen unseres Herzens wider und flößt uns ein Grauen ein vor einein Goiresbekemwnis, an dem das Herz kein Anteil hat." Bon einem Wunder erzählt jenes Lied, mit denn wir diesen Umsatz einleiretcn: ,,Tcir k’aur ja um cheschkas Ioj’loh“, „du mackst hell wie Tageslicht das Tunke! der Nacht". Bei der Betrachtung von Rießers Lebcnswcrk kommt dem nachdenklichen Leser dieses Wunder erhebend zum Bewußtsein. Das stille, reine Licht, das von Gabriel Rießer ausstrahlt, fällt — nn Dunkel der Gegenwart — uns Erben seines Geistes erhellend in die Seele. Laßt uns deutsche Juden dieses Licht hüten, laßt uns im Sinne Rießers wirken, daß es heller werde in der Welt. Es ist unzutreffend, wenn man in dieser Betrachtungsweise einen Widerspruch zu dem Standpunkt Eugen Fuchs' sieht, der bekanntlich das Bestehen jüdischer Minderheiten für diejenigen Lander anerkannte, in denen die Inden sich als solche Minderheiten ganz offenbar fühlten und betätigten. Dieses Anerkenntnis besagt nichts darüber, ob die Verfassung der Inden als nationale Minderheit in den betreffenden Ländern etwas Wünschenswertes oder nicht Wünschenswertes bedeute, es besagt nur, daß sie vorhanden ist. Durch die Politische Entwicklung der letzten Jahre bahnt sich im jüdischen Leben Polens eine EuLwickliw.g an, die eine Abkehr vom nationalen Minderheiteucharakter der polnischen Juden darstellt. Tie Juden selbst beginnen, sich in immer größeren Massen von der Minderheitenpolitik ab- und einer landim!» staatsbejahenden Politik zuzuwenden. Indem wir, ganz im Sinne unseres eigenen nationalen Programms, diese Richtung bejahen, fühlen wir uns in vollem Einverständnis nicht nur mit unseren Gtaubensbrüdern im Osten, sondern auch mit unserem Führer Eugen Fuchs, der als erster die Notwendigkeit der neu sich annenden erfolgverheißenden Entwicklung im en erkannt hatte. Wir haben die Verfasser der früheren Berichte, die Herren Rabbiner Tr. Tobias horowitz (Rzeszow) und Tr. Seister (Bülitz) gebeten, noch einmal zu teil Angriffen das Wort zu nehmen, die unmittelbar nach dc:n Erstcheinen ihrer Artikel und jetzt erneut auf zionistischer Seite gegen sie gerichtet wurden. Nabbiner Tobias horowitz aus Nzeszow hat uns öie folgende Erklärung zuaeschickt: ,Vch habe seinerzeit einem Vertreter de: „E. V.-Zeitung" gegenüber erklärt, daß di: Mehrheit der polnischen Juden mit dem Ausgang der letzten Sejm-Wahlen zufrieden ist, und daß bei diesen Wahlen die Zionisten verloren und die Aauda Jisroel sonne die jüdischen Wiruchasts- Parteien gewonnen haben. Die'e Ausführungen veranlagen einige zionistische Organe zu Angriffen gegen die „C. V.-Zeitung". ^ie bestrittew Religiöss rmö KatioWle MinöechsiLsN in Polen