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Central-Verein-Zeitung · 1931-04-10 · 15 (10.4.1931) · p. Seite 185

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
15 (10.4.1931)
Date
1931-04-10
Page
Seite 185 (sequence 5)
Language
German
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1$5 Nachmittags, bei der großen Negierungskundgebuug in Beut Heu im Stadion, chargierten wir einträchtig mit neun katholischen Verbindungen zusammen. Ter Waffenring hatte es, wegen der Teilnahme des Reichskanzlers und des p r e u ß i s ch e n I n n e n - rn i n i st e r s, n b g e l e h nt z u e r.s ch e i n e n! Als wir nach Schluß der Kundgebung zu sechs Mann — wie die anderen Studenten — in Couleur durch die Straßen von Beuthen zogen,' wurden wir von einein nationalsozialistischen Sturmtrupp von ungefähr 50 Mann angepöbelt. Wir setzten uns zur Wehr und cs entwickelte sich eine Schlägerei, bei der sich die neue Ausbildung im K. E. hervorragend bewährte. Als Kuriosum sei noch vermerkt. das; am Abend in G l e i w i y der — bereits erwähnte — Festkommers stieg, veranstaltet von der Gleiwitzer Ferienvereimguug. Toren Leiter, Referendar Neu mann, erklärte in einer Vorbesprechung dem Vorsitzenden des hiesigen K. V., sie würden diesmal nut Rücksicht auf die einheitliche Kundgebung die Teilnahme des Herrn Reichskanzlers dulden (!), verlangten aber als Entgegenkommen, daß die katholischen Verbände aus die Teilnahme der jüdischen Akademiker verzichteter;. eo geschehen in Gleiwitz im Jahre 1931, in; 13. Jahre der Republik! Referendar Dr. Walter Lange. Gabriel IRsesser Gedenkpredigt zum 125.Geburtstag von Rabbiner Dr. Italiener (Hamburg) Nunstbetrkeb und ^uöenfrage Tie kulturpolitische Auseinandersetzung über die Judensrage, die, wie wir in Nr. 10 der „C. D.-Zeitnng" berichteten, in der „Deutschen Rundschau" in Aussätzen von Paul Fechter, Jakob Wassermann, Dr. Rudolf Pechel und Eduard Behrens begonnen hatte, wird in dem soeben erschienenen blprilhest der „Deutschen Rundschau" fortgesetzt. Zwei jüdische Autoren verschiedener poliüscher Richtung legen darin ihre Stellung zu diesem Kernproblem der Judensrage dar. Ml der üblichen denunziatorischen Phraseologie schiebt der nationaldeutsche Jude die Meinschuld an dem Mißverstehen von Juden und Richrjuden allein den Juden zu, während der Nationaljude zwischen der „mast- und gewissenlosen Judenheue auf der einen und einem letzten Endes ziemlich primitiven Antigermanismus auf der anderen Seite" die Schuld abzuwägen sucht, ohne daß eine der beiden Beiträge die Aussprache wesentlich förderte. Tr. Fechter wehrt sich in einer „Entgegnung" gegen die Mißdeutung der „Literarischen Welt", die seine Behauptungen, daß eine große Zahl des Kunstbetriebes m jüdischen Händen sei, angezweiselt hat. Die Stellung des Centralvereins wird in einem Aussatz dargelcgt werden, der Anfang Mai zugleich in der „Tentscken Rundschau" und in der „G. V.-Zeitung" erscheinen wird. Gesinnung unö Geschäft Aus Württemberg wird uns ein kleiner gelber Zettel zugcschickt, der in folgender gcsmnungstüchtiger Weise für den „N. S. - Kurier", die nationalsozialistisch: Tageszeitung für Württemberg und Hohenzvllern, Abonnenten wirbt. Tie Vorderseite dieses Zettels, der offenbar absichtlich in den Wirtschaften liegen gelassen wird, trägt den Ausdruck Ich vermisse in Ihrem Lokal den ,,N. S.-Kurier". Wenn Sie Wert darauf legen, mich als Kunden zu behalten, so würde ich es sthc wünschen, daß Sie die Zeitung sofort bestellen. Unser Wahlspruch: Treue um Treue! Bitte wenden! Die Rückseite des Zettels vt als Bestellformular für den „N. ^.-Kurier" Vorabdruck:. Wie würden wohl die Nckwnolst.sialiUen solche Methoden nennen, wenn eine jüdi'che Firma sie cmwcnden würde? Auf dem jüdischen Friedhof in Hernöheim der Worms wurden, wie die Tagespreise mitteilte, Ende März zehn Grabreine umgeroochen und einer zertrümmert. Die sofort erfolgten polizeilichen Ermrttlungen haben, wie wir erfahren, ergeben, das; diese rohe Tat von einem Bctrunlenen verübt worden ist. So sehr wir diese Schandtat bedauern, so freuen wir uns doch, ftüstellcn zu können, daß ihr offenbar kein politisches Äotiv zugrunde liegt. Es ist eine schöne Sitte, am ersten Sederabend des beginnenden Freiheitsfeftes ein Lied anzustimmen, denen Strophen mit den sich immer wiederholenden Worten schließen: „Wafhi baebazi halajloh.“ „Es war mitten in der Nacht/ Es ist ein frommes, ein echt jüdisches Lied. Denn es lehrt schauen. Es wendet den Blick ab von der Tberflüche und öffnet das Auge für die Tieferer Dinge, für das Geheimnis, das uns anblickt in allen Erscheinungen des Lebens, vor allem anblickt in dem Dunkel, dem Schweigen der Nacht. Biel mehr als der belle Tag — das ist der Sinn des Liedes — bat die Nacht ihr Entscheidendes, ihr schöpferisches. Wie das Dunkel der Erde das ^amcnkorn birgt, das später kraftvoll zum Lichte drängt, fo ist das Dunkel im Leben des einzelnen und der Völker oft nur der Mutterbodeu für die Ereignine, die sich aller Welt sichtbar in; Hellen Glanz des Tages, später offenbaren. So ist es vor allem auch in der Geschichte des Judentums. Im Schweigen der Nacht hat Abraham zum ersten Male seinen Cotl gesunden, der ihm die Botschaft kündete: ,,Tn sollst ein Segen werden." In der Nacht ist unser Ahnherr Jakob ringend und kämpsend zu einem Gotlesüreiter, Israel, heran- , gereift. Nur die Nacht dunkelsten Leides hat cs vermocht, unsere Gemeinschaft zu dein ewigen, dem Gottesvolke emporwachsen zu lassen. „Es war mitten in der Nacht." — In diesem Jahre hatten wir deutschen Juden allen Grund, das Lied der Haggadah mit erhöhter Andacht za singen. Tenn um dieselbe Stunde, da wir in der ersten Sedernacht diese Verse amstimmten, wurde vor 125 Jahren, auch dem bürgerlichen Datum nach säst aus denselben Tag — am 2. April 1806 — der Mann geboren, der in br.n Kampf der deutschen Juden um Recht und Ehre Führer werden sollte: Gabriel Riester. Es war damals, bcsotrders politisch gesehen, „mitten in der Nacht". Wir brauchen nur die Zahl IM zu wiederholen und vor unserem Auge erstehen jene dunklen Jahre, da Deutschland ein Sviclbatt napoleonischer Willkür war. zerrissen durch die Uneinigkeit seiner Fürsten, gebunden auch durch die geistige Enge eines verzopften Bürgertums, das in seiner breiten Masse selbst der Idealismus der um die - Jahrhundertwende lebenden deutschen Tichrer und Denker kaum emporzureisten vermochte. „Es war mitten in der Nacht" — vor allem für die deutschen. Inden. Tiefe Bemerkung mag ans dm erneu Blick befremdlich erscheinen. Wißen wir dock, daß gerade der Anfang des 19. Jahrhunderts durch den Sieg der Ideen der französiscncu Revolution den Juden, insbesondere auch den deutschen Juden, manche Erleichterung beachte. Aber das ist ja gerade das Schmerzliche, von unserem deutschen Standpunkte aus gesehen, das; das Licht, das in die Judengaüon drang, vielfach nur ein künstliches war, entzündet durch äußeren Zwang, entzündet durch die Not, daß es aber nicht mit elementarer Gewalt aus der für die Idee des Rechts begeisterten Seele des deutschen Volkes hervorbrach. W i e dunkel es damals war, das lehren am besten jene trüben Jahre der Reaktion nach Beendigung der Freiheitskriege, da man. den Begriff Freiheit grob mistorauckench die den Juden gewährten Rechte in vielen deutsthen Staaten wieder zurücknahm und selbst vor gewaltfamen Ausschrei'ungen gegen die Juden, beispielsweise auch in dem Geburtsort Riesters, in Hamburg, nickt zurückschreckte. Das ist der zeitgeschichtliche Hintergrund, von dem das Bild des Männer sich abhebt, dessen Gedenken diese Zeilen gewidmet sind. Bon all den Persönlichkeiten, die als Jünger Moses M e n d e l s s o h n s das von ihm begonnene Werk der kulturellen Einbürgerung der deutschen Juden sortsetzten, war vielleicht keiner so mutig, keiner auch in seiner Zeit so erfolgreich, wie Gabriel Riester. Mit den letzten Worten „in seiner Zeit" haben wir die Leistung des Mannes bereits umschrieben, haben nur gleichzeitig auch die Grenzen c:tgedeutet, die seinem Wirken gezogen waren. Riester feiern, heißt daher scheidet; zwischen dem Zeitaebnndenen und den; Ueberzeülichtt! seiner Persönlichkeit. Das erste, was jedem bei der^Lektüre von Riesters Schriften ausfällt, ist der ^rit. Riester schreibt und spricht den breiten, in kunstvollen Perioden dahiniliestenden Stil des gebildeten Bürgers des 19. Jahrhunderts. Tenn Riester ist seinem tiefsten Wesen nach ein bürgerlicher Bleu sch. Wir gebrauchen das Wort „bürgerlich" ohne die hästliche Nebenbedeutung des Behäbigen, Philisterhaften, die es in unserer von Klasienkämpfen zerrissenen Zeit vielfach erhalten hat, gebrauchen es vielmehr im Bewußtsein des Vollklanges, den es besitzt, wenn wir an die kulturellen Werre denken, die — gerade auch vom jüdischen Standpunkte aus — das auf bürgerlickze Traditionen Lufgebaute Milieu geschaffen hat. Gespeist aus dem Toppelquell des deutschen Idealismus und des jüdischen Lptinüsmus, war Riester in innerster Seele erfüllt von dem frohen Glauben an den Sieg der Vernunft, der nrr ihn gleichbedeutend ist mit der Verwirklichung seiner Politischen und religiösen Ideale. Es sind die Ideen der Aufklärung, insbesondere die eines Moses Mendelssohn, die in Riesters ^eele machtvoll nachklingen. Was Riester mangelt, ist das Empfinden für die Problematik der von chm vertretenen Gedanken, deren ganze quälende Tiefe uns Kindern des 20. Jahrhunderts von;iQg zu Tag mehr zum Bewußtsein konunt. Dieser Mangel war begründet durch die Zeitanschauung, in der Riester lebte, war begründet aber auch durch seine Veranlagung, die in aewiuem Sinne einen Typ darstell:. Tas har vielleicht niemand deutlicher empfunden als jener deutsche Dichter jüdischen Blutes, der seinem ganzen Wesen nach den genauen Widerpart Gabriel Riesters bildet, Heinrich Heine. Tiefe seelische Verschiedenheit der beiden Männer — lim mit der scharfen Charakterisierung Sombarts zu reden. — standen sich gegenüber der Genußmensch dem Pslichtnwnsckent, die innerlich zerrissene Natur der harntonisch ausgeglichenen — diese seelische Verschiedenheit bildet die Ursache für die Abneigung, die beide Männer für einander hegten. Wie verändert die Situation ist, in der Riester sich befand, und in der wir heute leben, wieviel komplizierter die scheinbar gleichen Begrifte sind, die damals wie heute zur'Erörwrung sichen, das zeigt sich vielleicht nirgends so deutlich wie an dem Problem der Nationalität der Juden. Bon allen Argumenten, die die Gegner der politischen Emanzipation der Juden geltend machten, hat Riester keinen so ernst genommen, keinen n:rt solch leidenschaftlicher Entrüstung zurückgcwiesen, wie den, wir Juden seien fremd ans deutschem Boden, bildeten innerhalb des deut'chen Volkes eine eigene Nation. „Wir sind nick: eingewandert, wir sind eingeboren, und weit wir es sind, haben wir keinen Anspruch anderswo ans eine Heimat: wir sind entweder Deutsche oder wir sind heimatlos." Riester hat mir diesen Worten in klassischer Form das zum Ausdruck gebracht, was der überwiegenden Mehrheit der deutschen Juden

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