Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 14 (3.4.1931)
- Date
- 1931-04-03
- Page
- Seite 171 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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171 dem flachen Lande hergestellt, und die Etektrist tat als Licht und Kraft hat den ländlichen Haushalt dem städtischen schon stark angeühnelt. Tie Hausnoeberei ist restlos verschwunden, Backen und Schlachten gehen immer weiter zurück. Die eleftrifd>e Pumpe und die Kreissäge, die Waschmaschine und das elektrische Licht haben dem Landmann und seiner Frau viele lästige Handarbeit abgenommen. Arzt und Tierarzt sind mit Auto auf telephonischen Anruf ebenso schnell da wie in der Stadt. Biele deutsche Dörfer, vielleicht schon die Mehrzahl, bekommen ihre Ware vom Warenhaus der nächsten Groß- oder Mittelstadt zwei- bis dreimal in der Woche ins Haus geliefert. Schlecht bestellt ist es auf dem Lande allerdings noch nieist mit den Schuloerhältnissen, jedenfalls mit höheren Schulen. Noch ein Wort über die Siedlungsanwärter. Sie setzen sich aus zwei deutlich geschiedenen Schichten zusammen. Auf der einen Seite stehen gut und modern ausgebildete junge Leute, oft Schüler der Ahlemer Anstalt, meist noch nicht verheiratet. Auf der anderen Seite stehen ältere Familienväter, oft mit Kindern, die ans verwandten Berufen kommen, wie Viehhändler, Landgastwirte, Fuhrunternehmer, auch Kaufleute aus ländlichen oder ganz kleinstädtischen Verhältnissen. Es läßt sich noch nicht sagen, welche Gruppe beper einschlagen wird: in diesem Jahre werden Anwärter von jeder Gruppe angesiedelt. Bei der Ansiedlung von Inden drohen natürlich auch von der nichtjüdischen Umwelt Gefahren. Ich lebe seit 1912 auf dem Lande und kann leider nicht bestätigen, daß die bloße Tatsackfe des Juden in der Landwirtschaft den Antisemitismus anslöscht. Eine gewisse Achtung erringt man, aber nicht restlos freundliche Gefühle. Und der Lebenslauf der Siedlungsbewerber bestätigt, daß stellenweise der Antisemitismus auf dem Lande Formen annimmt. die dem vereinzelt wohnenden Juden das Leben unerträglich macht. Ausnahmen gibt es auch. Hieraus ist die Lehre zu ziehen, daß man Juden nicht vereinzelt auf dem Lande ansiedech darf. Siedelt man aber Gruppen an. so zeigt sich ein durch religiöse Motive beeinflußtes geselliges Leben, das unabhängig davon ist. wie sich die Umwelt verhält. Es dürfte dem Geist des ,C. V.-Mannes' entfprecfen, wenn ich sage, daß in der Gruppensiedlung auch das Extrem zu vermeiden E ist. Größere rein jüdische Dörfer führen ins Ghetto zurück. In der ersten Siedltrrig ist der Mittelweg beschritten worden. Das Gut Gaglow, das in engster Gemeinschaft mit dem Tors Gaglow steht, wird etwa fünfzig-jüdische Familien aufnehmen, so daß alsdann in der Gemeinde auf einen Juden etwa zwei Nichtjuden kommen werden. Im übrigen hat die Siedlung Anlehnung an die lebensfähige Synagogenaemeinde Kottbus. Jeder auf dem Lande angesiedelte Jude stellt für eine größere Anzahl anderer Juden dw Verbindung zum ,Geist des Landes her. Mit Recht hat denn auch Rabbiner Väck einmal in einem Vortrag diesen wertvollen seelischen Einfluß der Siedlung für die deutschelt Juden dargestellt." Nuöolf Solmserr „Tie beiden Artikel von Herrn Martin Koch und Herrn Tr. MnrcnZ in Nr. 8 der ,.C. P,-Zeilnn§' haben uns eine neue Möglichst, ein neue-; Problem ncjciflt, di- Frage der indischen Siedlung in Deutschland als' Ausweg ans der gegenwärtigen Bcrnssnot. Wir begrüben vor allem, daß der Artikel von Herrn Erxch »ns einen posiliven Weg weist, während die vorhergehenden Artikel geeignet sind, uns zu entinnligen, die Hände in den «choß ,;u legen und tatenlos dem Untergang des deutschen JudentuniZ ^»Zusehen. . Leider haben beide Herren die Frage der jüdischen Siedlung nur bon der wirtschaftlichen Seite betrachtet und dabei die jüdisch - bevölkerungspolitische Seite außer acht gelassen. Dieser Gesichtspunkt scheint mir aber beinahe der wichtigste zu sein, denn wenn man den erschreckenden Rückgang der jüdischen Bevölkerungszifser betrachte:, besteht kein Zweifel mehr, daß hier sofort grundlegend geholfen werden muß. Ueberall. auch in der nichtjüdisll)en Bevölkerung, finden wir den Geburtenrückgang in den Städten, der nur durch den Zuzug vom Lunde ausgeglichen wird. Uns Juden aber fehlt diese Ausg'eichsmöglichkeit. Bei einem Geburtenrückgang, der allein in der Berliner Jüdischen Gemeinde jährlich fast die Zahl 1000 erreicht, müssen wir auf dem Wege einer jüdischen Ansiedlung versuchen, den not- Jm Rahmen der Reihe .Bewegung und Schlagwort" sprachen im Berliner. Rundfunk Herbert Ihering und Dr. Friedrich H i e l - scher über „Antisemitismus". Hielscher, der einem Kreise junger Nationalisten nahefteht, war hierbei der angreifende Teil. Er begründete die Existenz des Antisemitismus zunächst rein praktisch: Das Uebergewicht jüdischer Namen in Film. Presse. Politik und Literatur sei schuld daran,'daß der nichtjüdische Deutsche sich genötigt sehe, gegen den überragenden Einfluß dech Judentums in Deutschland aufzutreten. Bei dieser Gegnerschaft unterschied er streng zwischen dem kapitalistischen Juden, der mit dem wahren Judentum nichts mehr zu tun habe, und zwischen dem noch ganzen jüdischer Kultur wurzelnden Juden, als depen vornehmsten Vertreter er Martin B u b e r nannte. Nur dem kapitalistischen Juden gelte der Kampf des von ihm selbst und seiner Gruppe vertretenen Antisemitismus. An ihm sei die Zerstreuung des jüdischen Volkes unter die Völker der Welt nicht spurlos vorübergegangen.. Er sei dadurch innerlich zersetzt und darum selbst ein Zersetzer. Sein Typus sei ebenso abzulehnen wie der eines Deutschen, der sich von Deutschland gelöst und sich der Kultur der Westvölker angeglichen habe. In diesem kapitalistischen Juden wolle man einen besonders charakteristischen Vertreter des kapitalistischen Systems überhaupt treffen. Auch die sogenannten Sozialisten unter den Juden, die marxistischen A nhängerdevSPD., seien in Wirklichkeit Vertreter des Kapitalismus, wie es überhaupt sehr zweifelhaft sei, ob man im marxistischen Sozialismus noch etwas anderes zu erblicken habe als eine Stütze der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. In dieser betonten Frontstellung gegen den Kapitalismus grenzte sich Hielscher auch gegen den Nationalsozialismus ab. wendigen Ausgleich zu schaffen, solange es noch nicht zu spät ist. Ich glaube, daß die jüdische Jugend bereit ist, bei dem Aufbauwerk in Deutschland mitzuhelsen, auch wenn es nicht heute und morgen, sondern erst in Jahrzehnten große _ Erfolge zeitigt, aber die heutigen Führer dürfen nicht übersehen, daß sie zu einem so langwierigen Werk die Jugend brauchen. Man soll uns unseren tätigen Anteil an der jüdischen Siedlung in Deutschland geben, wir werden unseren Platz ausfüllen." den er für kapitalistisch verseucht ansieht. Hitler selbst sei ein verkappter Kapitalist, der nur vor der Konsequenz seines St dpunktes zurückscheue. weil es unter seine.. Anhängern entschiedene Sozialisten gebe. I h e r i n g holte in feinen Antworten, die einander ergänzten und steigerten, tief aus. Er fand nicht allein ausgezeichnete Formulierungen für die Barbarei des Antisemitismus, die sich im Juden einen Prügelknaben ausersehen habe, an dem man unterdrückte Gefühle abreagieren könne, sondern er analysierte den angeblichen Gegensatz zwischen Deutschtum und Judentum und erwies ihn als unhaltbar. Im Judentum bekämpfe man alles Intellektuelle, alles Kritische, alles Reflektierende: man setze dem einen verschwommenen, sentimentalen Begriff von Deutschtum entgegen, gegen den sich jeder echte Deutsche verwahren müiu\ Auch in der deutschen Kultur — man denke nur an die deutsche Klassik, die Chavloiie Embdert, geh. Heine Gemälde von Cilly Bernheim Za dem Aufsatz ,,Das Berliner Jüdische Museum* von Dr. Max Osborn f» A:* 1 V V' V % Aussprache zwischen De. §erb:rt Fhrrmg und Ar. Friedrich Wschrr