Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 14 (3.4.1931)
- Date
- 1931-04-03
- Page
- Seite 170 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Mfreö Marcus „Zunächst möchte ich feststellen, daß die Schrifrleitun'g der „C. V.-Zeitung" die Rußland betreffenden Absätze meiner Abhandlung aus Raumgründen zu kürzen gezwungen war. Wir können uns über dieses Problem vielleicht gelegentlich privatim unterhalten. Ich will mich lediglich mit der Frage der deutschen landwirtschaftlichen Entwicklung unabhängig von der in Osteuropa besauen. Sie sagen, daß ich aus der Tatsache des Rückganges unserer Anbaufläche für Weizen, Itoggen usw. unrichtige Schlüffe ziehe. Die Tendenz der Landwirtschaft gehe ja gerade darauf hinaus, die Anbaufläche zu verringern Eleichzeitig aber exemplifizieren Sie auf das berühmte Berspiel Dänemarks, in welchem bis zum Jahre 18§0 Weizen und andere Ge- Lreidesorten die Hauptprodukte der Landwirtschaft dargestcllt hätten, was heute nicht mehr der Fall sei; es würde statt dessen im wesentlichen die Produlrion und der Export an Fleisch, Butter und Eiern von Dänemark gepflegt. Zwar ist die Tatsache der Exportsteigerung an den letzten drei genannten landwirtschaftlichen Veredelungs- Produkten in Dänemark unbestreitbar richtig, aber diese Exportsteigerung konnte doch wohl nur aus Grund der Tatsache herbeigeführt werden, daß in Dänemark im Durchschnitt der Jahre 1909 bis 1913 rund 50 000 Hektar mit Weizen und 241 000 Hektar mit Gerste bestellt worden sind, gegenüber im Jahre 1929 104 000 Hektar, beziehungsweise 368 000 Hektar. Es scheint also ein recht enger Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Exportes an landwirtschaftlichen Veredlung-Produkten und den: Umfang der bebauten Fläche in Dänemark zu bestehen,^ also auch ein solcher zwischen der Produktion an den genannten Produkten und diesem Umfange. Für Deutschland wird man analoge Schlüge ziehen müssen. Es ist nun sehr die Frage, ob wir in Deutschland derartige Relationen werden Herstellen können. Das Kernproblem unserer Landwirtschaft ist das Roggenproblem. Um dieses zu lösen, haben wir seit einiger Zeit unter anderem euch ein Maisgesetz. Ter Maisbezug und überhaupt der Futtergetreidebezug aus dem Auslande ist den deutschen Geflügelzüchtern dein Roggen zuliebe stark verteuert worden. Gilt das schon beim Ersatz von Gerste in der. Schweinemast, so gilt das noch mehr beim Ersatz von Mais aus dem Geflügelhof. Hühner nehmen^ ja bekanntlich den Roggen nicht ohne weiteres gerne an. Und so ergibt es sich, daß das gleichfalls als Roggenschutz gedachte Maismonopol sich für die Förderung imfcrer Geflügelzucht und dadurch^unserer Eierproduktion unverkennbar als abträglich erweist. Unsere Agrarpolitik befindet sich hier in einem sehr üblen Dilemma. Die Frage tautet heute: Roggenschutz oder Wlege der Produktion an landwirtschaftlichen Deredlungsprodukten. Ta zurzeit in Deutschland von zirka 14,7 Millionen Hektar Weizen-, Roggen-, Gersteusw. Kulturen 4,7 Millionen Hektar mit Roggen bebaut siild, so liegt cs auf der Hand, daß die Perlagerung unseres landwirtschaftlichen Schwerpunktes Quf andere Kulturen überaus problematisch ist. ^Jch möchte nicht die Auffassung entstehen lapen,^Lls ob ich ein prinzipieller Gegner jüdischer Siedlung in Deutschland wäre. Ich be- Haupte nur, daß die Durchführung des fraglichen Programmes, wirtschaftlich gesehen, so lauge nicht in Angriff genommen werden kann, die wir nicht wissen, wie sich die deutsche Wirtschaft in ihrer Gesamtheit zu den erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit akuten Fragen der hier in Rede stehenden Art orientieren wird." Guisbejrtzer Erich Uuhwor „Wer sich genügend über das Siedlungsproblem, das doch heilte von der Negierung mit großen Mitteln gefördert wird, orientiert hat, wird hcrausgcfunden haben, daß den meisten Siedlern eine unbedingt sichere Existenz geschaffen werden kann. Natürlich liegt es in der Hauptsache an dem Vorwärtskommen des Siedlers bzw. Gärtners, an seiner, und seiner Frair Person, was ja bei jedem andern Berns Fauch zutrisst. Es ist natürlich ilar, daß ein Siedler oder Gärtner kein Krösus werden kann. Ist aber nicht schon genug getan, wenn Ulan einer Familie ein auskömmliches, sorgenfreies Dasein schont, das sie in die Lage versetzt, ihre Kinder gesund und kräftig zu erziehen?' Gibt es unter den Juden genügend geeignete Siedler? Das kann man nur unbedingt bejahen. Durch die Abtrennung großer striche unseres Vaterlandes nach dem Kriege sind viele Familien, die ihre gesicherte Position hatten, aus diesen Gebieten vertrieben, reftr ausgewandert und haben das jüdische Proletariat vergrößert. Ter größte Teil dieser Leute war unmittelbar mit der Landwirtschaft in Berührung. Als Kaufmann, Händler oder Handwerker hatte er in den kleinen Städten oder Dörfern eigenes Land, das er auch selbst bewirtschaftet hat; oder aber, er war so unmittelbar mit der Landwirtschaft in Berührung, daß er meistens das Landleben kennt und auch weiß, was es auf sich hat, Siedler oder Lauer zu sein. Was ich bisher als Praktiker bezüglich der Siedlung erfahren habe, sei sie bäuerlich, gärtnerisch oder Kleilitiersiedlung, ist sie, wenn die Siedler richtig angesetzt sind, unbedingt rentabel. Ich wünschte, meine jüdischen Mitbürger brächten soviel Interesse der Siedlung entgegen, daß die Jüdische Landarbeit C. m. b. H. mit den großen Staatsmitteln, die ihr zur Verfügung stehen, endlich in der Lage sein möge, dieses Problem zur Tat werden zu lassen, und recht bald viele jüdische Siedler an setzen." Louis Ucämer, darmftaöt „Ich möchte^auf eine Möglichkeit Hinweisen, die für die Ansiedlung in den Staaten Hessen, Hessen-Nassau, Baden, Pfalz und einem Teil von Bayern besteht. In einer großen Anzahl von ländlichen jüdischen Gemeinden besteht noch zum Teil erheblicher Landbesitz, welcher von der vorletzten (Generation noch selbst bestellt wurde und'der heute zum größten Teil verpachtet ist. Durch die Umschichtung der letzten fünfzig Jahre sind diese Gemeinden. sehr zusammengeschmotzeu, und es würde mir der Ansässigmachung von neuen jüdischen Landwirten manche Gemeinde, die als solche noch kaum anzusprechen ist, wieder zu neuem Leben erblühen. Tie Mitglieder der Gemeinde würden oder sollten zweifellos den neuen Landwirt durch Abnahme seiner Produkte in erster Linie mitunterstützen. Durch eine Umfrage bei allen jüdischen Gemeinden wäre mit Leichtigkeit sestzustellen, wo landwirtschaftliche Liegenschaften vorhanden sind und wo Ansiedlung zur Ausfüllung der Gemeinden besonders wünschenswert ist. Mir selbst ist nun ein Fall bekannt, wo in einem Orte in Heyen von zirka 6000 Einwohnern ländlicher Besitz üch in jüdischen Händen befindet, welcher entweder käuflich oder pachtweise abgegeben ist, dazugehörige landwirtschaftliche Hosraite wäre käuflich oder pachtweise zu erhalten. Wie in diesem Falle, wäre an einer großen Anzahl von anderen Orten mit jüdischen Gemeinden die Möglichkeit von Einzelsiedlungen gegeben, und ich glaube bestimmt, daß sich Kreise finden würden, welche dazu beisteuern würden, daß solche Einzeleristeuzen gegründet würden, falls besondere Fonds hierfür nicht vorhanden sind." Einer Zuschrift von Rittergutsbesitzer Uuöolf Mosie, Stangenhagen die. seine Ausführungen in Nr. 10 der „C. V.- Zeitung" ergänzt, entnehmen wir folgende wichtige Darlegungen: „An die Stelle der väterlichen Tradition tritt heute die berufliche Beratung durch angestellte Siedln ngsberater. Tw Berusstradition spielt deshalb nicht mehr die ausschlaggebende Rolle, weil vom modernen Landwirt und Gärtner in steigendem Maße Anpassung an den Markt' und ,G en offen sch a s tsgeist' gefordert wird, und zwar ist sie eine der dringendsten Ersorderniffe der Rationalisierung unserer Landbetriebe aller Größen. Tie Freiheit von dieser Bauerntradition und die ererbte kaufmännische Tradition, die an Marktbeobachtung gewohnt ist, kann als Aktivum unserer jüdischen Siedler angesprochen werden. Ebenso steht es mit dem Genopenschastsgeist. Ohne Genosfenschastswes-n können unsere schlechten agrarischen Absanverhältnisse nicht gesunden; der starre Wirtschastsindividualismus des deutschen Bauern, besonders des norddeutschen Bauern, hemmt diese Entwicklung. Ter Jude wird dorn Genosienschaftszwang vielleicht williger gegenüberstehen, gerade weil er aus der kaufmännischen Tradition an geschäftliche Vertragstreue gewöhnt ist. Nun wird immer wieder eingewandt, der Jude wird nie auf-dem Lande aushalten; seine Mentalität drängt zur Großstadt. Und wenn schon Männer aushalten, so werden sie bestimmt keine Frauen finden, die aus die Segnungen' der Großstadt verzichten. Dieser Einwand kann nicht ohne weiteres von der Hand gewiesen werden; in einer Zeit, wo auch in christlichen Bauerickreisen gewisse Tendenzen zur Landflucht bemerkbar werden, wäre es wunderbar, wenn nun auf einmal alle Juden auf dem Lande leben wollten. Es kommt ja aber nur darauf an. daß ein angemesiener Teil der deutschen Juden sich für das Landleben eignet. Und hier kann aus Grund dev Lebenslaufe der zahlreichen Bewerber um die Landstellen gesagt werden, daß es bestimmt eine ansehnliche Zahl deutscher Juden gibt, die für das Landleben Pasten, auf dem Lande aushalten werden und Frauen gesunden haben, die mit ihnen aus die Großstadt verzichten. Uebrigens geht ja mit unserem ganzen Landleben eine tiefe Veränderung vor sich; mit der Stille des Landlebens ist es leider ebenso vorbei wie mit dem weltabgeschiedenen Stumpfsinn. Fahrrad, Post, Telephon, Auto und Radio haben die Verbindung mit der großen Welt auch auf