Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 14 (3.4.1931)
- Date
- 1931-04-03
- Page
- Seite 167 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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167 Glaube an die Macht der starken Geste, bie siegende Gewalt männlicher Brutalität. Ben tjicr aus ist nur noch ein Schritt zur grnndsätzlichen Ablehnung der Humanität überhaupt. Darum geht es. Und zwar in einer kaum zu begreifenden Plötzlichkeit ist gerade jetzt, ein Jahrzehnt nach dem Kriege, die natürliche Menschlichkeit, das Einfachste und Selbstverständlichste verlästert und zurückgedrängt worden in geschichtlich neuartiger Wendung. Da, uw Brutalität und Ableugnung der Menschlichkeit als politisches Mittel einer im Grunde unsicheren Minderheit auftritt, die sich durchsetzen und an der Macht erhalten will, handelt es sich um eine altbekannte Erscheinung . . . Das Schema ist klar: Humanität, Verstehen, Mitfühlen. Dulden und Tolerieren gilt als schädlich, führe zu nichts und mache lächerlich. Das Heil liege im Gegenteil, im Kampf der besseren Art gegen die Schwachen. Diese Auffassung ist allgemein geworden; man sieht förmlich, wie die inenschlichen Beziehungen verdorben werden. Löslichkeit und Rücksicht aufhören, die Verwilderung als allgemeine Erscheinung sich durchsetzt. Und dies alles in einem Zeitalter, dem wir den Raunen das soziale zu geben gewohnt sind ... Die Idee des Sozialen selbst hat sich von der Idee der Menschlichkeit und Humanität entfernt, wenn nicht sogar getrennt . . . Das soziale Prinzip hat uns die persönliche Verantwortung genommen — mm glauben wir. die Orgauisa- Livnen würden von sich aus gcnng leisten, so daß wir in einer gewissen Gleichgültigkeit und Stumpfheit, eingesargt in unsere Interessen, den Rebenmenschen kaum mehr erkennen, weiter entfernte Kreise schon nicht mehr verstehen wollen. . ch Der alte jüdische Friedhof in der Gr. Hamburger Strasse in Berlin Gemälde von Friedrich Feigl "Zu dem Aufsatz ,J)os Berliner Jüdische Museum'' von Dt. Max Osborn Diese Erkenntnisse drängen darauf hin, endlich Folgerungen zu ziehen. Revision dos sozialen Begriffs! . . . Und weiter: keine um dieses Begriffes willen fortdauernde Privilegierung einzelner Schichten, und noch mehr: keine weitere Uebersteigerung der krassen Unduldsamkeit im Namen des Sozialen. Was trotzdem gefordert werden kann, ist ein menschlicheres Betrachten der Tinge. Wir wissen, was Prestigepolitik, abstrakter MachLwahn und ähnliche Dinge angerichtet haben. Wir haben zu verlangen, daß man als Cegenbenvegung zu diesen gefährlichen Uebertreibungen sich wiederum vereinfache ... Es wird eine Frage von entscheidender Bedeutung sein, ob und wieviele Menschen sich jetzt finden werden, die der sinnlosen Gewalt und der Intoleranz grundsätzlich widerstreben werden. Wer den Gummiknüppel auch schwingt und welcher Befehl auch hinter den Vergewaltiguugen und Unterdrückungen stehen mag. ob rechts oder links, ob in Fragen der Zahl und Meinung, der Lehre und Darstellung, Intoleranz bleibt immer, was sie ist, Gewalt bleibt Gewalt, Ausschreitung Ausschreitung . . .* Der bekannte Leipziger NechtSanwalt Hermann Martin, denen Schriften: „Zehn Jahre Stahlhelm" und „Vor dem Bürgerkrieg" berechtigtes Aussehen erregt haben, veröffentlicht im KorrnuifsronsvcAag, Karl Fr. Fleischer, Leipzig, 5o-brn eine Schrift „Deutschland erwache". In ihr unterzieht er die Entwicklung des Stahlhelms und der nationalsozialistischen Bewegung feit dem 14. Dezember 1930 eingehender Kritik. Dem Kapitel über das Wesen der NSDAP. entnehmen wir nachstehende Abschnitte: Kern und Stern der nationalsozialistischen Bewegung ist der Antiseinitismus .. . Der Antisemitismus grassiert heute bei uns wie eine Dolksepidemie. Im Leipziger Gewandhaus {hfien in diesem Winter große Lücken. Woher dieser befremdliche Anblick? Mehrere Abonnenten seien, so sagt man, in diesem Winter zu Hanse geblieben, mit der Begründung, Bruno Walter sei ein Jude. Dabei steht vor der Hmiptiront des Kouzerthausts das Denkruat für Felir Mendelssohu-Bartholdp. ... Die Bllitprobe werden nicht viele bestehen, die heute das Hakenkreuz anbeteu. Wa-z für Weltbürger waren doch unsere Väter? Bismarck hat vier Juden in die höchsten Aemter berufen: Friedberg. Friedenthal und Laieius von Ballhausen sind durch ihn zu Preußischen Staatsministern erhoben worden und Simson zum Präsidenten des Reichsgerichts. Ter letztere ist auch der Kandidat Wilhelms I. für diesen hohen Posten gewesen. Friedberg und Simson haben sogar den Schwarzen Adlerorden bekommen. Kaiser Friedrich, der doch auch ein „arischer" Mann war, hat in einer Unterredung mit Stadtrat Magnus in Berlin den Antisemitismus eine Schmach für Deutschland genannt. Daß die Kaiserin Friedrich den Standpunkt ihres Mannes teilte, versteht sich von selbst, dasür war sie eine Prineeß Ropal. In England gab und gibt es keinen Antisemiti-oums. Disraeli ist der Staatsmann gewesen, welcher der Königin Viktoria am nächsten gestanden hat. Noch vor einigen Jahren hat ein Jude. Lord Neading, das königliche Amt des Vizekönigs von Indien bekleidet. Wie hoch war das Ansehen, in bem Lord Melchett gestanden hat? Uebrigens hatte auch Mussolini einen Juden namens Fienzi zum Staatssekretär gemaeht. In unserm Ersten Reich haben viele vornehme Deutsche, adlige wie bürgerliche, Jüdinuen geheiratet. Es hat in diesen Greifen damals eine förmliche Blutmisn/.'.ng stattgefunden, übrigens auch schon früher: eine Tatsache, welche die Nazi nicht aus der Welt schassen können. Bekanntlich hat Fürst Bismarck eine solche Mischung mit drastischen Worten empfohlen. Unser größter Staatsmann muß sich heute von den Nazi nachsagen lassen, daß er die Sünde wider das Blut begangen hat, wenn auch nur in Gedanken. Die Indenriecherei der Nationalsozialisten geht übrigemselbst manchen! Antisenüten ans die Nerven. Sie fängt an, unser gesellsehastliches Leben geradezu zu vergiften. „Alles Große ist von nordischen Menschen geschaffen worden", meinte vor einigen Tagen unser Tischnachbar. Uns war das neu. Wir haben diese Unwahrheit erst ganz begriffen, als Nur folgende Stelle aus dem Weimarer „Nationalsozialist" lasen: „Minister Frick vertritt die klare Anschauung, daß die Bilder der genannten Männer mit nordisch-deutschem Wesen nichts zu hm haben und nichts eUdie Berewigung und Verherrlichung des ostischen oder sonstwie minderrassigen Untermenschenkums bedeuten. Derartige Verirrungen und Verzerrungen einer chaotischen Asphaltwelt gehören nicht in das Museum einer Stadt wie Weimar, in der Deutsche wie Ausländer unverfälschtes deutsches Wesen in seinen höchsten Offenbarungen kennenlernen wollen. Das ist sachlich und nicht Politisch." Tie Vergötterung der Raste gehört zum Wesen des Nationalsozialismus. Dafür ist er eine „völkische" Bewegung. Natürlich fühlen sich viele deutsche Männer tmd Frauen geschmeichelt in der Vorstellung, von so erlauchter Herkunft zu sein. Aber sie sind das Opfer einer Nenommisterei geworden. Sind die alten Griechen vielleicht minderwertig oder sind sie aus der Arktis in Hellas eingewandert? Ist der große Cäsar vielleicht ein Wikinger gewesen? War Jesus ein nordischer Mensch? Jesus war Jude, Paulus war Jude, sämtliche Jünger des Herrn und die Apostel, vielleicht mit Ausnahme des Johannis, waren Juden-. . . In vcr Dcutschsaarländischcn Voltspartcl, Ortsgruppe Malstatt, sprach Kommerzienrat I>r. h. c. Röchling über Kommunismus und Nationalsozialismus. Die „S aarbrücker Zeitung" vom 25. März r>. I. berichtet darüber: . . . In der Aussprache äußerte sich der Redner dann noch über den Nationalsozialismus. Nie sei ihm etwas Verlogeneres vorgekommen als der Name ^nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Tie Partei sei weder sozialistisch noch sei sie eine Arbeiterpartei. Wenn ein Mitglied der Familie Hohen zollern, die zu den größten Grundbesitzern Preußens gehöre, der Partei diene, so besage das für ihren „Sozialismus" gerade genug. " Die Partei empfehle zur Rettung des Reiches Gewalt. Aber wer Gewalt predige, ohne Gewalt auch wirtlich ausüben zu können, mache sich lächerlich. Dann beschäftigte sich der Redner eingehend und sachverständig mit dem Feder-Geld, dessen Einführung zu katastrophalen Folgen führen müsse. Dieses „Blech" könnten nur solche Leute iür bare Münze nehmen, die von volGwirtschaßlichen Zusammenhängen keine Ahnung Hanen ..."