Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 13 (27.3.1931)
- Date
- 1931-03-27
- Page
- Seite 153 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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153 von Life reMlz Die nachfolgenden Ausführungen geben Ln großen Strichen die Auffassung unserer Mitarbeiterin über ein besonders wichtiges Gebiet wieder. Sie sind aus Beobachtungen und Forschungen des praktischen Lebens geflossen, vom Standpunkt der Derfasserin auS gesehen, durchaus zutreffend. Natürlich find auf einem so schlüpfrigen und örtlich überall verschieden gelagerten Gebiet allgemeine Folgerungen nur mit größter Vorsicht zu ziehen. Tie Schristleltung. Von 289 000 jüdischen'Frauen in Deutschland find rund HX) 000 berufstätig. In diese Zahl find nicht die Frauen eingeschlosien, die im Berieb des Ehegatten oder des Vaters Mitarbeiten. Die Zahl der berufstätigen Frauen wird sich in den nächsten Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach durch die große wirtschaftliche Umwälzung im deutschen Judentum noch vergrößern. Wohl werden nach neueren statistischen Berechnungen von 1936 an die Eheaussichten für unseren weiblichen Nachwuchs wieder günstiger, weil sich der Ausfall durch die Kriegsverluste allmählich wieder ausgleicht, ober es bildet sich jetzt ein neues ausgeprägtes Bcrufsethos auch bei unseren jüdischen Frauen, das sie dazu treibt, sich immer weiter in das Berufsleben hineinzustellen. Hnd allen Skeptikern zum Trotz muß auch festgestellt werden, daß die Frauen keineswegs die schlechtesten Ehefrauen und Mütter wurden, die vor der Ehe ihr Berantwortungsbewußtsein und ihr Können in einem Beruf geübt hatten. Nichts ist daher unzeitgemäßer und törichter, als wenn jüdische Eltern auch heute noch von der Berufstätigkeit ihrer Töchter als von einem notwendigen Nebel sprechen. Und nichts ist kurzsichtiger, als die Berussausbildung der Töchter zugunsten der der Söhne zu vernachlässigen. Selbst wenn Eltern mit einer Verheiratung ihrer Tochter rechnen sollten, so möge ihnen gegenwärtig sein, daß in Deutschland von 3 000 000 Ehefrauen, die im Berufsleben stehen. 2 990 000 dringend für den Familienunterhalt Mitarbeiten müpen.. Gibt es nun spezifische Berufsfragen für die deutsche Jüdin, oder sind die jüdischen Frauen ohne tveiteres in die Problematik des Millionenkreises berufstätiger Frauen in Deutschland einzuordnen? Tie Besonderheiten liegen in denselben Schwierigkeiten, die sich auch unserer männlichen Jugend in den Weg stellen, vor allen; also in dem wirtschaftlichen Antisemitismus, der in diesen Blättern ja jchon eingehend erörtert wurde. Für das jüdische ^Mädchen kommt erschwerend noch eine gewipe konservative Anschauung in der Berufswahl und in der Umstellung auf ganz neue Berufe hinzu. Bei einigen typischen Frauenberufen hindern auch konfessionelle Bindungen ohne Mitwirkung judenfeindlicher Einstellung das Fortkommen. So wird eine jüdische Sozialbeamtin oder Lehrerin nicht ohne weiteres bei jeder Kommune aus zum Teil berechtigten konfessionellen Rücksichten als Beamtin eine Stellung finden. Alle diese Fragen sind bei der Berufswahl ernster Beachtung wert. Jede Berufsberaterin wird uns bestätigen, daß für außerordentlich begabte und körperlich widerstandsfähige Frauen mit starker Berus-Hingabe, also für wirkliche Persönlichkeiten, auch heute noch jeder Beruf allssichtsreich ist, weil die echten Begabungen selten sind. Bei der Begabungsprüsling darf allerdings nickst der Maßstab der Familie angelegt werden, denn bekanntlich ist gerade in jüdischen Familien der Blick für die Leistungsgrenzen der eigenen Kinder häufig durch allzu viel Liebe getrübt. Man wird also zweckmäßigerweise nach Berufsmöglichkeitm für den Durchschnitt suchen und außerdem verlangen müsien, daß sich jedes jüdische Mädchen vor der Berufswahl rechtzeitig einer körperlichen, intellektuellen und ethischen Berufs Prüfung unterzieht. Betrachten wir einmal einige der üblichsten Berussgattungen in ihrer augenblicklichen Lage: Nach Fühlungnahme mit der Bernfe-beratungsstelle des Jüdischen Arbeitsnachweises Berlin und mit dem Jüdischen Frauenbund ist die hauswirtschaftliche Ausbildung für jüdische Frauen teilweise erfolgversprechend. Die jüdischen Haushaltungsschulen in Berlin. Hamburg, Seegeber g, Frankfurt a. M.. B r e s - lau. Königsberg, Wolfraths hausen, Rheydt, B e u t h e n, die teils selbständige Schulen, teils an jüdische Anstalten angegliedert' sind, bereiten jüdische Mädchen für hauswirtschaftliche Berufe vor. Tie jüdische Hausangestellte oder Hausgehilfin muß sich ihr Berufsseld erst noch erobern. Die jüdische Hausfrau muß dabei Helsen, indem sie Vorurteile überwindet und ihre hauswirtschaftlichen und pädagogischen Fähigkeiten in den Dienst einer wichtigen jüdischen Berufssrage stellt. Auch die . Ausbildung der jüdischen H a u s m e i st e - rin. die die hauswirtschaftliche Lehrlingsausbildung übernehmen kann, ist wichtig. Die H au s Haltpflegerin, die Diaiköchin für Krankenhäuser und Sanatorien sowie die hauswirtschaftlich vorgebildete A n - staltsleiterin haben günstige Berufsaussichten; nach solchen Kräften besteht Nachfrage genug. Auch als Vorstufe für soziale Berufe und für das Berufs schul- und G e w e r b e l e h r e r i n n e n e x a m c n ist eine hauswirtschaftliche Ausbildung außerordentlich erwünscht. Für soziale und Erziehungsberufe, also für Sozialbeamtinnen, Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen dagegen werden die Berufsaussichten vorübergehend als besonders u n g ü n st i g beurteilt. Tie Nachfrage nach solchen ist bei allen Konfessionen, Organisationen und privaten Unternehmungen infolge der wirtschaftlichen Wandlungen stark Zurückgegangen. Weit günstiger werden die gewerblichen Berufe beurteilt. Hier kommt es neben guter Fachausbildung besonders auf Persönliche Eigenart und Geschmack an. Soweit es bei der ständig schwankenden Wirtschaftslage vorauszusehen ist, sollen für solche besonders qualifizierten Schneiderinnen, Direktricen. Putzmacherinnen usw. leidliche Aussichten auf gut bezahlte Stellen und evtl, auch für die Gründung selbständiger Existenzen vorhanden sein. Für die Silber- und Goldschmiedin, sofern sie sich nicht z. B. für Umarbeitungen spezialisiert, beurteilen die Innungen die Situation nicht günstig. Die sehr befähigte Kunstgewerblerin, Modellzeichnerin und Jnnenarcknteltrn, die neben der üblichen Fachschulausbildung eine gründliche Lehre durchgemacht hat, findet besiere Chancen. Ein besonderes Kapitel bilden die kaufmännischen Berufe für Frauen. Nirgends aber leistet der Durchschnitt der Frauen so viel mittelmäßige Arbeit wie im kaufmännischen Leben. Dadurch ist der Berus der Büroangestellten und der Verkäuferinnen teilweise disqualifiziert worden. Schuld daran sind meistens die Eltern, die if)ren Töchtern eine oberflächliche. billige und schlechte Ausbildung geben, weit der Berus nicht unter den; Gesichtspunkt der Berufsselbständigkeit und des Lebeusbcrufs gewählt wird une bei dem Manne, sondern nur unter dem eines vorübergehenden Arbeitsverdienstes. Während von jeden; jungen Kaufmann Warenkenntnis, Wirtschastslnude. Hebersicht über Konjunktur, Konkurrenz Reklame- Möglichkeiten usw. verlangt wird, halten die meistert Frauen solche Kenntnisse für sich nicht für nötig. Tie Mindestforderung der Ausbildung mühte der zweijährige Besuch einer besonders guten Handelsschule oder die übliche 2—3jährige praktische Lehrzeit sein. Stenotypistinnen, Buchhalterinnen, Expedientum.cn haben Entwicklungsmöglichkeiten, wenn sie mit eisernem munDSTUCK dam hur: PRIVAT Fleiß Spezialfähigkeiten entwickeln; dann können sie als Bücherrevisorinnen, Steuerberaterinnen, Lürovorsteherinnen u. ä. in sehr verantwortliche und auch einträgliche Berufe gelangen. Vertreter des Einzelhandels versichern, daß gebildete. gewandte und besonders gut vorgebildete Verkäuferinnen, Einkäuferinnen. Filialleiterinnen gute Berufsaussichten haben. Aufstiegsmöglichkeiten bieten sich auch für W e r b e be r a t e r i n n e n, Reklametechnikerrnnen, Jnstruktorinnen für die P e r s o n a l a u s b i l d u n g. Sie müsien allerdings ganz besondere Fachkenntnisie haben. Gesucht sind auch Dolmetscherinn e n mit hervorragenden Sprachkenntnisien und exaktem kaufmännischen Wisien im Handel, bei Verkehrs- und Reisebüros, in der Fremden- Werbung u. a. m. Stark überbesetzt sind die Berufe der Röntgenologin, Bakteriologin und Laborantin. Nach jüdischen Lehrerinnen ist die Nachfrage gering. Bibliothekarinnen, die 1926 das Eramen gemacht haben, werden erst jetzt angestellt. Krankenschwestern. Säuglingspflegerinnen, Helferinnen beim Arzt und Apotheker werden sich bei ihrer Ausbildungsstätte über die Berufsaussichten genau informieren müsien. Genaue Untersuchungen über die Aussichten des akademischen Studiums für Bfileenag im «lim»! Einige Landesverbände haben de» Antrag gestellt, die Hauptversammlung des Ecntralvercins zu vertagen. Sahnngögcmäs; wurde die zugclasscnc schriftliche Abstimmung über diesen Antrag bei allen Landesverbänden und Mitgliedern Des Hauptvorstandcs vorgcuommcn. Sowohl Hanptvorstand als auch Landesverbände sprachen sich mit der notwendigen Mehrheit für die Vertagung der Hauptversammlung auS und erteilten Dem Arbeitsausschuß Vollmacht, zu einer ihrn notwendig erscheinenden Zeit die Hauptversammlung eiuzuberufen.