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Central-Verein-Zeitung · 1931-03-27 · 13 (27.3.1931) · p. Seite 151

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
13 (27.3.1931)
Date
1931-03-27
Page
Seite 151 (sequence 3)
Language
German
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151 Am Abend deS 17. März wurde in Pr.-Holland (Ostpreußen) der kaufmännische Lehrling Knopp, Sohn eines erwerbslosen jüdischen Arbeiters, von dem 2d)üfrr ^ct dortigen SrealschuLe Sprigat nach vorangegangcucr Rauferei durch VLcsicrftiche in die Herz- und Lnugrngegend schwer verletzt. Das Befinden Knopps ist ernst. abLe nicht hoffnungslos, lieber die Hintergründe der Tat besteht noch keine Klarheit. Sprigat ist wegen Uederfchreitung der Notwehr in das BezirkSgefäugniS zu Braunsberg eingeliefcrt worden. lieber die politischen Zustände in Sr.-Holland. die geeignet sind, die inlergründe des blutigen Vorfalls aufzuhellen, erholten wir aus zuverlässiger Quelle folgenden Bericht: Pr.-Holland ist ein kleines Landstüdtchen in der Nähe von Elbing. Bis tior anderthalb Jahren herrschte dort Ruhe und Frieden. Seitdem haben nationalsozialistische Agitatoren vom Schlage des Gauleiters Koch (Königsbergs des Brzirtsleiters Haas (Elbing) sowie viele andere die Atmosphäre in starkem Maste vergiftet und dazu beigetragen, dast die Schiller der dortigen Realschule sich zwar nicht offiziell, aber ihrer Gesinnung nach der Hitler-Bewegung anschloffen. Tief beschämend ist cs. dast angesehene jüdische wie nich'jüdische Bewohner des Ortes aus der Straße von Schülern in der übelsten Weise beschimpft wurden. Aeltercn jüdischen Herren wurde ..Heil Hitler!", ..Juda verrecke!" und ..Dreckiger Jude!" zugerufen. Die Polizei- Verwaltung hat es bisher an der notwendigen Energie gegenüber diesen Ausschreitungen fehlen lassen. In der Tat fühlt man sich in Pr.-Holland auss stärkste beunruhigt. Das beweist z. D. die Tatsache, dast die Gewerkschaften am Tage nach der Tat einen Demonstrationszug veranstalteten und eine Deputation zu dem Bürgermeister als dem P o l r z e i v e r w a l t e r entsandten, die strengste Polizeimaßnahmen forderte. Die Untersuchung durch!ne Polizei- Verwaltung ist nach der politischen Seile überhaupt nicht geführt worden; Leumundszeugen über Sprigat. der von einer großen Anzahl Bürger als übler Bursche geschildert wird, sin) von der Polizei nicht vernommen worden. Erst als auf dringende Vorstellung hin der Oberstaatsanwalt in Brau'nsberg sich^veranlaßt sah. die Untersuchung selbst in die Hand zu nehmen, wurden Leumundszeugen vernommen und die politische Seite der Angelegenheit untersucht. Charakteristisch ist die Haltung des in Pr.-Holland erscheinenden ..Oberländer Bolksblattes", das jedes politische Moment leugnet und aus durchsichtigen Gründen betont, der übersallene Knopp sei polnischer Staatsangehöriger. Hoffentlich bester! sich das Befinden des Uebersallenen bald derart, dast er vernommen und damit volle Klarheit über die Tat und ihre Hintergründe geschaffen werden kann. ll Im Sonderbericht für die „E. V.-Zeitung" Vor dem erweiterter- Bezirksschässengerichl in Mainz fand, wie wir in der vorigen Jtummer der „E.D.-Zeiiung" meldeten, vom 11. bis 16. März die Verhandlung gegen 29 Einwohner des rheinhessischen Dorfes Dolgesheim wegen Landfriedensbruches statt, lieber die geradezu unerhörten Vorgänge, die dieser Anklage zugrunde lagen, gibt uns unser zu dieser Verhandlung nach Mainz entsandte Sonderberichterstatter nachstehenden Derichk. E. B—r. Mainz, den 16, März 1031. Die Angeklagten waren zum Teil Reichsbannerleute und politisch Neutrale, denen ein Ilebersall aus Nationalsozialisten, die gerneinsam des Angriffs und Beschädigung des Hauses des jüdischen Kaufmanns Nathan Frank beschuldigt waren, zur Last gelegt wurde. Tie Strafen sind gering. Nur sechs Angeklagte wurden verurteilt, teils wegen Körperverletzung, teils wegen Sachbeschädigung und unbefugten Wasscntragens. Mit Ausnahme einer Ge sä nguis strafe von einem Monat wurde nur aus Geldstrafen erkannt. Die beweisaufnahme Live Ortsgruppe der NSDAP, wird gegründet. Desto interessanter und erschütternder waren die Ergebnisse der Beweisaufnahme. zu der über sechzig Zeugen geladen waren, über die Zuspitzung der Verhältnisse in dieser Gemeinde, besten Bewohner sich zu zwei Dritteln aus Nationatjozialisten zusannnensetzen. Bis zum Frühjahr des Jahres 1930 herrschten laut Aussöge des Bürgermeisters die friedlichsten Berwhunaen. Nst.ru wußte gar nickst, welcher 4strtei der einzelne angehörte. und man fragte nicht nach dem Bekenntnis. Dies änderte sich von dem Tage an. an dem eine nationalsozialistische Ortsgruppe gegründet wurde. Man versnchte. das Torf zu erobern. Einern militärischen Fähnrich wurde die in S. A. eingekleidete Jugend unterstellt. Er und andere „Führer* (durchweg junge Leute in den Zwanziger Jahren) nahmen an regelmäßigen Führerzusammenküns. tcn des Bezirke teil, in denen die Befehle von oben ausgegeben wurden. Dast dieser Tolgesheimer S. A.-Führer. ein Tlenstknccht Dietrich von Leg gern, trotz seiner Jugend über eine reichliche Vorstrasenliste versagte (das Gerückt verlas Vorstrafen wegen: Diebstahls, Betrugs, Urkundenfälschung in vier verschiedenen Fällen mit Strafen von einem Monat, drei E'uaVn und sechs Wochen Gefängnis, sowie Gelbst rasen), hinderte seine Ernennung nicht. Daneben fungierte als OrLsgruppenführer der Angeklagte Seemann; er trat nach Aussage eines Gendarmeriewachtmeisters auf. als ob ihm das Dorf unterstellt sei. Ter Truck, der von der nationalsozialistischen Gruppe ausging, erzeugte Gegendruck. Tie Minderheit schloß sich in einer Ortsgruppe des Reichsbanners zusammen. Zwischen beiden Gruppen gab es fortgesetzt Reibereien, Beschimpfungen, Bedrohungen, Schlägereien. Einem 'Republikaner wurden von zwei ans einer nationalsozialistischen Versammlung kommenden Mitgliedern dieser Partei Heuhaufen auf dem Felde angezündet. Die schwächeren Naturen, Juden wie Christen, ließen sich einschüchwrn und wagten der nationalsozialistischen Propaganda keinen Widerstand entgegenzusetzen. Bezeichnend dafür war die Zeugenaussage des Lehrers, der ängstlich bedacht war, nichtzu äußern, was einer Seite mißfallen könnte. Das Schicksal der jüdischen Familie Nathan Arank Mit den übrigen selbstbewußten Nichtnationalsozialiston teilte die Familie Frank die Eigenschaft, aus ihrer republikanischen Ueberzeugung kein Hehl zu machen und. nachdem das Reichsbanner gegründet war, trat Nathan Frank ihm bei. Darüber hinaus war er den Nationalsozialisten ein besonderer Torn im Auge: Er, der Jude, war seit langen Jahren zweiter Vorsitzender des Turnvereins. Wie der Verteidiger des nanonalsozialistischen Angeklagten Rechtsanwalt Jung wiederholt in den Gerichtssaal schaue tterte: ..Wir Nationalsozialisten stehen ans dem SbcnQpuickt, daß Artgehörige des jüdischen Volkes nicht über Deutschs richten dürfen und als Fremdlinge in Deutschland keinen Einfluß ausüben dürfen/ so handelte man im kleinen. Persönlicher Ehrgeiz des nationalsozialistischen Ortsgruppenführers Seemann, der im Turnverein nicht die Rolle spielen konnte, die er erstrebte, und mit einer Krnkurrenzgründung Schifsüruch erlitt, tat das übrige. So setzte sich die von ihm gegründete uaLioualsozialist^che Ortsgruppe in einer Zusammenkunft, wie ein früherer Nationalsozialist vor Gericht aussagte, das Ziel: „Der Jud muß hinaus." Tie Mittel hierzu waren planmäßige Provokation gegen Mitglieder der Familie Frank. Aus dem gegenüberliegenden Hof eines Nationalsozialisten wurden Steine und Kohtenstücke auf sein Amvesen geworfen. Bor seinem Hause sang man demonstrativ antisemitische Wieder. Auf der Straße riefen ihm die Nationalsozialisten ihren Kampsrus zu. Bor seinem Hause wurden Blumenkästen abgerissen und gestohlen. Durch das geschlossene Fenster des ersten Stockes flog ein Backstein, der. wenn er einen Menschen getroffen hatte, ihn tödlich hatte verletzen können. Waren nationalsozialistische Gruppen aus der Straße, so wagte das Ehepaar Frank sich oft nicht aus dem Hause; ihre Tochter mußte altere Leute um Begleitung bitten. Man rief Frank zu, er bekäme den Hals abgeschnitten. und verbreitete unwahre Gerüchte, er habe die nationalsozialistischen Brandstifter ar^ezergt. man müsse an ihm Rache nehmen. Selbst in einem schlesischen nationalsozialistrsck^n Blatt fand sich unter wüsten Beschimpfungen diese Behauptung. Tie Verhetzung im Dorfe war so weit gediehen, daß neunjährige Kinder von Nationalsozialisten den Fenstersims des Franksä)en Hauses erkletterten und den Ruf: „Juda verrecke!" hinelnricsen. Aus der Herma! verjag! Diesem Druck sühtte sich Frank nicht mehr gewachsen. Er entschloß sich woran er sonst nie gedacht hätte, wegzuziehen. Bom Bekanntwerden dieses Entschlußes bis zu seinem Wegzug saßen Abend für Abend Freunde, politische und unpolitische bei ihm. um ihn zu schützen und ihn nicht allein zu lassen. Menschen, denen sein Schicksal uahegmg. An diesen letzten Tagen war ein Kommen und Gehen der Freunde. Zwei Tage vor der geplanten Abreise stieß in der Nacht eine größere Anzahl von Leuten, die 4UV-ot im Irankscchn Hauswaren, auf der Straße mit Nationalsozialisten zusammen. Aus der Erbitterung heraus, die seit Wochen zwischen beiden Parteien im Tors herrschte, enlstarid eine kurze Schlägerei, bei der zwei Rationalsozialisten verletzt wurden. Darauf alarmierte von Seggern einen Teil seiner Leute und zog mit diesen vor das Haus Franks. Und nun erlebten dopen Insassen, die mit Ausnahme des Sohnes früh schlafen gegangen waren und von dem Vorfall keine Ahnung gehabt hatton. eine grauenvolle Nacht. Von Seggern

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