Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 13 (27.3.1931)
- Date
- 1931-03-27
- Page
- Seite 150 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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150 Der Jfiü Schermger Ta\d) diesem^ Rezepts arbeitet lutu _ die nationalsozialistische Presse. Tein „Völki asten Beobachter" genügen selbst die lebenden Juden nicht mehr, und er mutz in seiner neuen Beilage „Tos jüdische ProblenG sogar auf den jüdischen Leichenhandel (die ^chauermär spielt int 16. Jahrhundert!) zurückgreifen. Ganz gewiß wird die Erörterung solcher „aktueller Probleme" den fünf Millionen Arbeitslosen Brot geben! Goebbels verkündet im „Angriff" vom 20. März, daß. „die Juden die Partei sind, gegen die es letzten Endes geht, wenn das organisierte' Deutschtum aufmarschiert,^ mit in Deutschland ein neues politisches System in Form zu bringen." Und welche Sprache riskieren erst die vielen nationalsozialistischen Provinzblätter! Wie der Dresdener „Freiheitskampf", das Organ des Spitzeusabrikauten M u t f ch nt n n n, die Tat des Polizeiwachtmeisters Pohl ausdrücklich billigt, haben wir in der vorigen Nummer der „C.. V.-Zeitung" wiedergegeben. In den „Organisationsbriejen der NSDAP, vom 15. Marz wird gefordert, die naturgegebene Feindschaft des Bauern gegen den Juden unrsi bis zur Raserei aufgestachclt werden. Jahrelang Hetzen aus geschästlickwu Gründen kriminelle Gesellen, die sich den Titel „Redakteur" beilegen, gegen unsere Glaubensgenossen in Osnabrück und suchen um jeden Preis Sensationen und Leser. Tie Oesrentlichkeit schweigt, die Presse läßt das Skandalblatt gewähren, so daß seine Auslage von Monat zu Monat steigt. Verantwortungsvolles Führertum scheint ein vergessener Begriff zu werden, und Rücksichten, Abwägen vder bestenfalls „Sichnicht - mit - solchen - Leuten - befassen - wollen" sind die Motive, aus denen man solches Treiben duldet. Erst als ein unglücklicher Mensch — übrigens ein Nichtjude — gejagt, gehetzt und begeifert, sein Leben unter den Rädern des Osnabrücker V-Zugcs aushaucht, begehrt man auf. Spät, allzu spät! In Berlin zeigt die n a 11 o n a I \ o 3 i q I i - stischeKaborett-Truppe„DerStoßtrupp" an Bild, „Tie deutsche Not". Zwei Juden blenden, beschimpfen und fesseln deutsche Volksgenossen, bis die wackere S. A. die Gefesselten befreit, und die Juden dann miter fürchterlichem Geschrei die Bühne verlaßen müssen. „Jetzt ist es Zeit für uns, dieses Land zu verlassen", mauscheln die Tarsteller der beiden Juden, und der Beifallssturm rast. Im Lande treibt eine nationalsozialistische Thectertruppe, deren Tarsteller sich unkontrollierbar als Mitglieder des „Deutschen" und des „Lessing-Theaters" (!!) anpreisen, ihr Unwesen mit der Aufführung eines blutigen Schauerdramas „Der Mischling", „Die Judenaxt" oder „Die Blutsünde". Heute, da die judenfeindliche Propaganda wieder vssiziell ist, wagt man sich mit solchen Schandstücken selbst in die Reichshauplsiadt. Wann wird das deutsche Gewissen erwachen? Wir deutschen Juden haben eher als alle anderen Parteien und Bünde gewarnt, nicht aus egoistischem Interesse, sondern weil wir die Kulturschande der Judenhetze für eine nationale Gefahr gehalten haben. Man hat vor noch gar nicht sehr langer Zeit unsere Warnungen für unbegründet, unsere Meldungen für ausgebauscht gehalten. Wer nationales Verantwortungsbewußtsein und kulturelles deutsches Gewissen hat, wird diese Ausfassung überprüfen müsien. Kein ethisch-empsindcnder Deutscher, kein Träger deutschen Kulturgewistens, wird sich honte der Entscheidung entziehen können, ob dieses Treiben weiter geduldet oder durch saustes Uebersehen gar gesteigert werden darf. Sie alle, die Träger des deutschen Gewiflens, müssen endlich erwachen. „Was ist Ihnen lieber: Kommunisten oder Nationalsozialisten?" So etwa weicht man in den Kreisen der deutschen Winschafrsführer. die hecite noch die Schecks für die Hitler-Partei ausschreiben, Vorhaltungen ans. Diese Herren werden unfern „Appell an das deut'che Gewissen", zur Ueberprüsung ihrer Stellung gegenüber dem Nationalsozialismus, peintieh berührt von unseren „sentimentalen Regungen", zurückweisen. Tenn sie meinen noch immer, die NSDAP, als Sprengstoff gegen den marxistischen Flügel des deutschen Volkes ansnützen zu können. So mögen diese Herren sich von uns die Feststellung warnend entgegenhalten lassen, daß ihre geschäftliche Rechnung nicht stimmt. Am 16. Mai 1930 schrieben wir in diesen Blättern: „Mit dem Feuemzu spielen ist gefährlich. Tie Flamme des ^cheinsozialismus, die in jeder nationalsozialistischen Versammlung entzündet wurde, glänzt genau so rot wie die kommunistischen Lagerfeuer, von denen „nationale Kreise" den deutschen Bürger und den deutschen Arbeiter ins Lager der national zuverlässigen Hitler-Leute hinübersühreu wollten. Ter Plan ist nicht gelungen. Vielleicht werden die spendenden Förderer sehr bald enttäuscht sein und einsehcn, daß sie ihr Geld schlecht angelegt haben. Ter Weg von der radikalsten liechten bis zur radikalsten Linken ist gar nicht so weit, lind eines . Tages könnte sich das Hakenkreuz auf der Fahne mancher Sturmabteilung in einen Sowjetstern verwandeln." Ter aus dem Reichswehrprozeß bekannte, als nationaler Märtyrer umjubelte Leutnant Sch e r i n g e r ist in der Festung Gollnow von den Nationalsozialisten zur kommunistischen Partei hinübergewechselt. Bedauerlicher Eiuzelfall? Gewiß, in der Festung Gollnow haben schon andere Führer der nationalistischen Bewegung ihr Damaskus erlebt. Major B u ch r u ck e r , der den Küstriner Putsch wagte, ist gewandelt aus der Festungshaft zurückgekehrt und steht heute im Lager Otto Strassers, den man mit Recht als Nationalbolschewisten" bezeichnen darf. Man wird den Gesinnungswechsel des Leutnants Scheringer nicht allein ans die Ileberrednngskünste kommunistischer Festungshastkollegen zurücksühren dürfen. Tie Gründe liegen tiefer. Wir gestatten uns, dein Kalkulationsbüro der politischen Abteilung der deutschen Schwerindustrie, die heule etwa Herrn Tr. Reupke in wirtschaftlichen Gremien über „Nationalsozialismus und die Wirtschaft" Propagandareden halten läßt, einiges Material aus der letzten Zeit zu übermitteln. Nachdem der Leiter der nationalsozialistischen Nednerschulen Willem Korn, der Vorsitzende der Betriebszellenobleute Ln Berlin, *JJl u mmenh 0 s, und der Schriftsteller Schapke auf dem Umiveg über die Gruppe Revolutionärer Nationalsozialisten zur KPD. gestoßen waren, nachdem auch in der nationalistischen P a e t e l - Gruppe die bolschewistische Sympathie immer stärker zum Ausdruck kam, sind im Dezember 1930 der Hitler- I u g e n d s ü h r c r und ad)i AN tglie - der der Ortsgruppe G 0 lz 0 w - Man sch ow, im Januar 1931 der Fa 5). nenträger der Ortsgruppe Freyst a d t (Ostpreußen). im gleichen Monat der S. - A. - F ü h r e r Robert in K ö l n , im Februar 1931 ein erheblicher Teil der Ortsgruppe Mahlis in Sachsen zur K. P. D. übergegangen. In S h r a u in Sachsen arbeiten KPD. und NSDAP, im Gemeindeparlament dauernd zusammen. Und Herr Stoehr erklärt in seiner schon vorher erwähnten Rede dieses Hinüber-Herüber, indem er sagt: „nicht der Kommunist sei für die NSDAP, dev gefürchtete Segrrc^. Mit der KPD, kieste sich auf jeden Fall ein rncdus vivendi finden. Der wahre Feind st che von der SPD. bis zu denn schwarzen bZcsiudcl. Hier sei schärfster Kampf geboten." Man bedenke: in der nanonalsozialistischeu Bewegung bekämpft man die kommimiftUche Parole „Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!" Dem Drachen Marxismus, am reinsten symbolisiert durch die kommunistische Partei, rückt mau täglich zuleide. Und dann diese y m p a t h i c e r k l ü r u n g S t 0 e h r s u n d die U e b e r t r i 11 e! Es scheint, als ob ein Teil der Nationalsozialisten den Schrecken des deutschen Bürgers vor dem Kommunismus verloren hat. „Laßt die Rolläden herunter, die Sozialdemokraten kommen" war der Angstrus des Bürgertums in der Vorkriegsepoche. Heut greift man aus Angst vor dem Sozialismus zu hyper-sozialistischcn revolutionären Parolen, sammelt sich in der national sozialistischen Arbeiterpartei, trügt den Sturmabteilungen die blutrote Fachte des Hakenkreuzes voran, spricht von dem System, das man aushöhlen, revolutionieren und stürzen muß, gewöhnt das Ohr des Bürgers an den Klang von Kampfrufen, die bisher nur in der Partei der konsequenten Revolution, der KPD., üblich waren. Aber diese Taktik, sich dem Gegner in den Methoden und den Formeln auzupassen, rächt sich. Tenn ans die Tauer uegt die echte Idee. Während bisher in den Kreisen des nationalen Bürgertums, selbst innerhalb der deutschnationalen Volkspartei das Prinzip der Evolution galt, hat die revolutionäre Propaganda der Nationalsozialisten das Fühlen der friedlichen Schichten umwälzend beeinflußt. Bisher standen sie nach Erziehung und Gesinnung der revolutionären Borstellungswelt schroff ablehnend gegenüber und wünschten „Ruhe und Ordnung." Tie wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Einordnung in eine sozialistische Partei sind bei großen Teilen dieser längst proletarisierten Schicht vorhanden. Tas wissen die Gönner des Nationalsozialismus und gerade deshalb haben sie der nationalsozialistischen Partei die Rolle der Aufsangorganisation für das prolekarrsierte nationale Bürgertum zugewiesen. Aber die Rechnung geht nicht auf. Tie Nationalsozialisten treiben mit ihren sozialen Forderungen und mit dem Sozialismus Schindluder. Ihre Taten sind anders als ihre Ned e n. Das beginnen die Anhänger langsam zu merken, und die Ausfassung des Leutnants S ch e r i n g e r, die NSDAP. habe den Sozialismus verraten, ist rächt mehr nur die Meinung eines Einzelgängers. Jetzt, da man einmal an revolutionäre Schtagworte gewöhnt ist und mit der alten geruhsamen Vergangenheit gebrochen hat, da nicht mehr die „satten", bürgerlichen, friedlichen Parteien genügen, muß es eine revolutionäre, eine radikale Partei sein, zu der man sich bekennt: entweder ganz rechts oder ganz links! Und da „ganz rechts" enttäuscht hat, und man an das gleißende Rot und den Gedanken des Umsturzes gewöhnt ist, blickt man nach ganz links hinüber. Es ist das Gesetz des Radikalismus, daß der Pendel radikaler Volksstimmungen weit nach der einen '^ciie schwingt, um dann infolge der Schwungkraft zur anderen extremen hiuüberzn.sanjen. Ein großer Teil der bürgerlichen Scharen, die so wie Leutnant Scheriuger denken, wird nicht zur Mitte znrücksinden, sondern schnurstracks, von der NSDAP, enttäuscht, zu den Kommunisten gehen. „Das also war des Pudels Kern", werden die um ihr Geld betrogenen Jndustrieherren seufzen, und das möge sie wenigstens zur Ueberprüsung ihrer Stellung zum Nationalsozialismus führen, auch wenn dosten Begleiterscheinungen — Schändung der Friedhöfe, die Austachelung der antisemitischen Instinkte bis zur Raserei — ihre Gewissen nicht beunruhigen.