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Central-Verein-Zeitung · 1931-03-20 · 12 (20.3.1931) · p. Seite 137

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
12 (20.3.1931)
Date
1931-03-20
Page
Seite 137 (sequence 9)
Language
German
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137 Zum Tage des Buches: Beilage zur „C. V.-Zeftung" Nr. 12 vom 20. Marz 1931 Jüdinnen lesen Von Leo Hirsch „Ach, was", rief sie einige Tage vor ihrem Tode der treuen Zofe Zu, „ach, was, es hat sich ausgegnädigefraut! Nennt mich nur Rahel!" » . . Wir entnehmen dieses Zitat dem Buche „Zehn Jüdinnen" von Otto A b e l e s (soeben erschienen im Dr. Mar Prager-Verlag. Wien und Leipzig). Es ist natürlich Nahel Barn- Hagen^ die sich im Angesicht des Todes besinnt, daß sie eine Jüdin ist und Nahel heißt. Otto Abelcs,. der in einer gefälligen, manchmal zu auffällig gefälligen Sprache zehn Jüdinnen, zehn Leben voller Martyrium und Lebonsbejahung. mittelalterliche und neuere, porträtiert und an Stelle der Nahel Varnhagen lieber eine Rahe! Levin gehabt hätte, „die eine Judith- Gestalt" wäre. Aböles betont natürlich, daß diese Nahel Goethes Genius als erste erkannt hat. unt> diese alte Neuigkeit ist für uns wieder einmat aktuell. Auch wir wollen zum „Tag des Buches" ja eine kleine Rechenschaft ablegen. Der „Tag des Buches" wird seit einigen Jahren immer am 22. März begangen, an Goethes Todestag, und er ist so gemeint, daß wenigstens an diesen: Tage alle Deutschen einmal an ,chas" Buch denken sollen, an die Literatur. Natürlich ist „das" Buch nicht die Bibel, sondern gute Bücher sind gemeint, dem Geiste soll mit diesem Tag geholfen werden. Man versucht das mit Borträgen. Rezitationen in Schulen, man läßt Bücher von ihren Autoren verkaufen, und jeder, der mit Literatur zu tun hat, soll mitwerben. Außerdem gibt cs jedes Jahr eine neue Devise, diesmal heißt sie „Frau und Buch", und so wenig populär die Veranstaltungen zum „Tag des Buches'" bisher waren, diesmal soll,' soll, soll es besser werden.. Goethes Todestag, Frau und Buch — unsere kleine Rechenschaft muß mit Rahel beginnen; diese deutsche Jüdin war Goethes Pionier. Sollen wir davon sprechen, daß ihr viele Jüdinnen folgten, daß die deutsche Romantik ohne Henriette Herz und Dorothea S ch l e - gek. geö. Mendelssohn, undenkbar geworden ist? Daß in unseren Tagen Margarete Susma n die Bilder dieser Frauen mit neuem Leben erfüllte? Daß der beste Ilebersetzer vou Gedichten Hedwig Lachmann hieß und daß Else Laskcr-Schüler die eigenartigste Figur der neuen deutschen Lyrik ist? Zollen wir die Phrase von der mangelhaften dichteri'chen Produktivität der Frauen überhaupt aufwärmen und gleich Auguste H a u s ch n e r dagegen ins Treffen führen und daran erinnern, daß unter den erfolgreichsten Autoren der Welt die französischen Jüdinnen Sarah Levy und Irene N e m i r o w s t a und die amerikanische (füna Ferber fungieren? Sollen wir von Politikerinnen und Wiffenschaftlerinucn sprechen, von Rosa L n x e m b u r g bis Nahel H i r s ch? Wir haben zum „Tag des Buches" nur eine kleine Rechenschaft abzulegen, und cs geht uns nicht darum, Rekorde zu schassen. Die jüdische Künstlerin hat ihre Eigenart wie jode andere, es ist genug darüber gesagt worden. Aber von unseren Frauen als fleißigen Leserinnen hat man wenig galanterweise geschwiegen. T-arf man behaupten, daß die deutschen Jüdinnen mehr lesen als die nichtjüdischcn Deutschen? Es mag ' daran liegen, daß unsere Leserinnen v zum großen Teil anderen Bildungsschichten angehören. Bon den annähernd dreiunddieißig Millionen deutschen Frauen .sind etwa acht Millionen minderjährig unt> fast zwölf Millionen inr Hauptberuf erwerbstätig, nicht verheiratet, also zum größten Teil proletarisiert. Was und wie sie überhaupt noch lesen können, das wollen wir nicht ausdenken. Bei den Jüdinnen dürfte noch etwas anderes mitsprechen. Die allgemeine Proletarisierung hat konfessionelle Grenzen gewiß nicht anerkannt, aber Tradition, Veranlagung und Erziehung sind sicherlich nicht ohne weiteres auf ein der Lebenshaltung immer entsprechendes Niveau herabzudrücken. Wir sind es ja nicht allein, die lesen und lernen, die Generationen vor uns lesen und lernen in uns mit. Man spricht viel davon, daß die Lyrik beispielsweise in den letzten Zügen liege. Ich glaube so wenig daran, wie ich mir vorftellen kann, daß es einmal keine Musik mehr geben sollte, Menschen und doch keine Musik mehrt Es gibt noch Gedichte und sie werden noch gelesen, nicht nur die neuen, nicht sehr respekrierkichen von Kästner und M e h r i n g, sondern audj das Buch der Lieder von Heine und die Verse von E o e t h e, die Hymnen von Hölderlin, Lenaus Schwermut und Rilkes Getragen heit. Und es ist ein besonders anheimelndes Gefühl zu willen — es ist Wissen, nicht vage Vermutung —, daß es sehr viele Jüdinnen sind, die sich von den Klassiker-Ausgaben nicht trennen werden und die neue Bücher kaufen, die Leihbibliotheken besuchen und Bücher verschenken. Man unterschätze das nicht. Tie Mission der Leserin ist nicht bloß ein kleiner unterhaltsamer Zeitvertreib. Man überhöre nicht die leiseren Regungen, weil das Geschrei über die moderne Frau so taut ist. Ohne die Frauen, heißt ein altes Atheistenwort, gäbe es leine Kirche mehr, die Frauen sind konservativ — jedenfalls sind die jüdischen Frauen insofern konservativ, als sie lesen. Sie lesen gewiß gern das Neueste, aber sie Lesen, und da es in den Dingen der Literatur wie jeder Kunst keinen Fortschritt gibt — Goethe ist als Künstler so wenig zu überholen wie Rahel als seine Leserin —, spielt das Neue als solches, die Aktualität, in Wirklichkeit keine Rolle. Es gibt auch neue Bücher, die gut, es gibt auch alte, die schlecht sind. Was aber lesen unsere jüdischen Frauen? Wenig historische Bücher, verhältnismäßig wenig den süßen Kitsch der Wald- und Wieß'nromane mit Grasentöchterlein bizürn guten Ende, verhältnismäßig wenig Kriminalromane. Dafür lesen sie von modernen deutschen Autoren relativ viel Wassermann. Thomas und Heinrich Mann. Dann cfci-a Bücher mit den: Niveau von Kellermann. Sie lesen die! gute ausländische Literatur, von Virginia Wolf bis Panaik Jstrati, von Knut Hamsun bis Dos Pasios. lind in ihrer leidenschaftlich nervösen Art zu lesen, sich in Fernes und Fremdes hineinzudenken und mitzuträmnen, liegt vielleicht mehr Tätiges, Frauliches, also Friedliches, also Verbindendes als in vielen internationalen Kongressen und Konferenzen der Männer, die von Völkerverständigung sprechen. Daß junge Mädchen lesen, ist nicht weiter verwunderlich. Daß junge Frauen lesen, besonders die Zeit dazu erübrigen können, wird niemanden überraschen. Aber es ist mir zuweilen begegnet, daß ich mit alten Frauen Zu sprechen hatte, und sie fingen an vom Lesen zu sprechen. Es waren säst niemals reiche alte Damen, die „ihr Lebtag auf goldenen Stühlchen gesellen" hatten, sondern alte Damen aus kleinen und kleinsten Verhältnissen, Mütter, die noch den Kindern zu helfen hatten, Frauen ans dem ehemaligen Mittelstand, die alten, ein wenig verschrumpelten jüdischen Damen, für die wir alle noch ein bißchen Verehrung im Herzen haben, wenn wir auch zeitgemäß genug sind, uns dessen zu schämen. Und sie laßen. Sie lesen. Sie lesen mit der Gelassenheit. die ihnen die Jahrzehnte vielleicht als einzige Ernte eingebracht haben, und manche betvegen die kleinen runzligen Lippen dabei, als ob sie laut und doch unhörbar mitbuchstabieren. Sie lesen sogar Gedichte. Und als ich ein sehr junger Bursche war und im Englischen Garten in München aus dem einfachsten Grunde von der Welt sehr traurig aus einer Bank saß. da nickte gegenüber eine alte Dame mir zu und sagte ein wenig pathetisch, ein wenig lieb-ironisch deklamierend: „Es ist eine alte Geschichte. . Ob ich Heine nicht kenne, fragte sie dann. Sie las wieder Heine, und ich habe den billigen Grund meiner jugendlichen Traurigkeit längst vergessen dürfen. Aber an das Nicken dieser alten, fleißigen jüdischen Leserin, die eine von vielen unbeachteten Frauen ist, an dieses Nicken muß ich wieder denken, wenn auf den Plakaten und in den Zeitungen steht: „Frau und Buch", und dann die Namen so vieler Komitees folgen: Es gibt ja dieses ungenannte und v'.ck innigere Verhältnis zwischen Frau und Buch noch bei vielen unserer alten Damen wie bei den Jüngsten. Und: Frau und Buch nicht bloß einmal inr Jahre. Das wollten wir nur gesagt haben. Die Froüen-Bibel Zeenah n-Reenah, die alle Frauenbibel. ist in deutscher llebersetzung von Bcrtba Pappenhcim uns Frauen von neuem zugänglich gewagt worden. Der erüe Band der Bibel, „Bcreschiw". dem hoffentlich bald der zweite Band, ,/Lchemoth", folgen wird, is: die Bearbeitung einer in hebräischer punktierter Onadratfchrill geschriebenen Wilncrcr Ausgabe. Bei genauester Hebcrseyrmg der hebräi'chen Formen har Bertba P a p v e n h e i m die Eigenartigteil der Ausdruckweise in wörtlicher Uebersctzung aus dem Jüdisch - Te ätschen gcroabrt. Wir neben nachstellend das Vorwort ans der Feder von Dr. Mllach (5 o l d r i n ß wieder, das die Entstehung und Bedeutung der Fraucn- Dibel kennzeichne:. Das Buch Zeenah u-Reenab, die sogenannte „Frauonoibel" wurde jcit feinen: ersten Erscheinen (Anfang des 17. Iahrbnndensj zu einem der populärsten und verbreitetsten Wecke des jüdischen Schrifttums. Es wurde das Buch für die jüdische Frau und das jüdische Haus, das Buch, das Ijcute noch im ganzen weiten

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