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Central-Verein-Zeitung · 1931-03-13 · 11 (13.3.1931) · p. Seite 118

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
11 (13.3.1931)
Date
1931-03-13
Page
Seite 118 (sequence 2)
Language
German
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11$ Töcbleraassteöer-Vereic&eningen. normal zu bi Wau. Tie wenigen nach dem Kriege rasch gewachsenen oder von früher leidlich erhaltenen Vermögen erscheinen wie sittenwidrige Zeugen unnationaler und unsozialer Rafssucht, hohe Einkommen nicht minder lute eine Versündigung a::i Volksgauzen. &3 ist schon fast eine ..Schande". viel zu verdienen, weil in der endlosen Rachkriegskriüs millionenfach die Zweifel lebendig werden, ob hohe Einkommen — sozial gesehen — überhaupt „verdient" sein können, oder nicht unsozial, unverdient, ungerecht sind.. Ter Richter über ..gerecht" oder „ungerecht" in diesem Belang fehlt freilich-, an Stelle seines Urteils tritt das soziale Vorurteil. Es must gesagt werden: Was die glorreichen Staatsmänner der ehemaligen Entente aus Europa gemacht haben, das ist die Vorbereitung der bolschewistischen Massenpsychologie, daß die normalen Staatsbürger auch eiu möglichst gleichmäßiges normalniedriges Einkommen haben sollten.- die Frage der Kapitalbildung scheint erledigt, .überholt, antiquiert und unzeitgemäß. III. In dieser Atmosphäre Mitteleuropas gedeiht eine Menge faulen Zaubers: geistig-seelisches Sektierertum allrr Art, Angriffe auf die vierte Timension, mittelalterlich-phantastischer Hokuspokus, der zwar dem Realismus der technischen Fortschritte diametral entgegengesetzt ist, aber aus dem Unvermögen der Millionen Menschen, dieses rasende Tempo neuen maschinellen Könnens zu begreifen, gerade das Masiengesüht für das Ungewöhnliche und Zukünftig-Unklare, aber Hoffnungsvolle weckt — alles das kennzeichnet den geistigen Gehalt dieser verarmten Zeit. Es erinnert schon vieles an die Hungerphantasien des gefährdeten Einzelmenfchen. Ter satte und in geordneten Verhältniyen lebende Staatsbürger kann nichts ausrichten gegen die oszillierende Tenkart der proletarisier'ten Menge, die zum Teil wehmütige Erinnerungen an gesündere Zeiten, an größere Vergangenheit pflegt. Ter Sowjetstaat, dessen ferne Vrutalität nicht abstößt angesichts des zum Greifen nahen Elends, und das nebelhafte ..Tritte Reich" erscheinen wie das gelobte Land, n?ei[ man in der nächsten Umgebung kaum etwas eutdeckeu kann, was einer allmählichen Erhöhung der eigenen Lebenshaltung oder gar der Ansammlung bescheidenen Wohlstandes ähnlich sicht. Tie Irrationalität dieser Geistesverfassung erfaßt leicht auch da-' jugendliche Tenken. Tamit überschreitet sie die Grenzen des Elends und gewinnt — ganz zu Unrecht, aber kaum vermeidbar — deu Glanz eines zulmrstsschwangcren Heroismus. Ter Sozialismus, der in der Vergangenheit trotz seiner materialistischen Grundlage einen ähnlichen heroischen Etzarakterzug besaß, ist nach dem Weltkrieg mir seinem demokratischen Zweig, namentlich in Teutfchland, nicht nur aus stemigcm Acker zur fogenanntcn Macht, zur Mitverantwortung gelangt, sondern er hat die verklärende Stellung der verfolgten Unschuld verloren und damit — noch mitten im kapitalistischen System — eine schwierige Verteidigungsstellung wohl oder übel einehmeu müssen. Soll man cs als eine pathologische Ironie des kapitalistischen Schicksals bezeichnen, das; damit der demokratische Sozialismus gleichzeitig — vielleicht nach seiner Meinung nur vorläufig — die Wirtschaftsform der Gegenwart, wenngleich mit der Absicht zu sozialer Gestaltung, verteidigen muß, während hochkapiralrstische Gruppen aus Haß und Abneigung gegen die sozialpolitische Republik jenen nationalsozialistischen Radikalismus hochtreiben, der seiner Herkunft und Psychologie nach auf das engste verwandt ist mit dem Verzweiflungs-Kommunismus zur Linken. Tie Verblendung, die von Tausenden von oberflächlichen Köpfen wirtschaftlich führender Menschen Besitz ergriffen hat. erklärt schließlich auch das Wiederaussteigen des Antisemitismus. Wie oft mag die Gedankenwelt von Handelsherren und Industriellen, denen in dieser Zeit des Kapitalschwuudes das Zinsenkonto Sorgen macht, verwirrt worden sein durch die Tatsache, daß jüdische Wettbewerber glücklicher waren (von den unglücklichen spricht mau nicht) oder daß die Empfänger der Zinsen Bankinstitute mit jüdischen Tirettoren waren. Aber das Entscheidende ist doch auch hier wieder die Tatsache: Ter Kapitalismus ist erkrankt, hat die ganze Welt infiziert, weil er seine Voraussetzung, die immer erneute Bildung von Kapital in Massen, selbst verleugnete. IV. Run ist gewiß der Kapitalismus, wie alles Menschliche, nichts Unsterbliches. So wie der animalische oder menschliche Körper lebt, indem er seine Lebenselemente täglich erneuert, und erst abstirbt, wenn dies nicht mehr gelingt, so wird auch das kapitalistische System nur so lange seine Lebenselemente erneuern können, als die technische und geistige Entwicklung der Menschheit es zuläßt. Tie Frage ist heute nur, ob dieser Prozeß bereits eingeleitet ist oder, um es anders anszndrücken: ob die jetzige Wirtschasts- und Gesellschaftsform im S i n n e d e s Fortschritts durch ihre Träger die Macht au ein neues System abzugeben hat. Taß dies nicht der Fall sein kann i n d e r Z e i t st e i g e n t> c r weltwirtschaftlicher Verflechtung durch die Aufrichtung national beschränkter „Tritter Reiche", braucht nicht bewiesen zu werden. (Schon die Anwendung des Begriffs in der Mehrzahl reizt die Lachmnsketn.) Wer aber nicht das bolschewistische System für das Glück der Zukunft hält, wsird die Frage beantworten müssen^ ans welchem Wege dann die schwere Krisis der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu beseitigen ist. Tie Antwort ist meines Erachtens nicht zweifelhaft: Ter Kapitalismus wird w i e d e r gesunden. w enu cr znr K apitalbildüng, zur Bild u n g v o u M illiarden E i n z e l k a p i t a l i e n übergeht und z u diesem Zwecke die jetzt vor handelt c n R i e f c 11 b a r r i c r c it niederle g t. T i e Vernicht u n g d c s M ittelstaude s durch de n K r i e g i st eine lv a fj r c Sabotage des k a p i t a l i st i s ch e lt S y st e m s g c lv e s e lt. Diese Sabot a g c lv i r d du r ch das Sy st e m d e r R e p a r a - t i o lt e n fort g e s e tz t. iudeiu letzteres die groteske Ansantmlung des Kapitals in Frankreich und deu Vereinigten Staaten von Rordamerika. verbunden mit der Konzentrierung der Goldschätze in dieftn Ländern, und die andauernde Ausplünderung Mitteleuropas zur Regel inacht. In dieser Beleuchtung ist die Steigerung des Bolschewismus, dem nubewußt mit seiner hetzerischen Verkleisterung der Gehirile der jungen Generation auch der Rationalsozialismus dient, in Europa eine dirette Folge des K r i e - g e s und der R e p a r a t i o n c n. H i e r u nt z ukeh r c n u n d u nt f e h r c n z u f ö im c n . i ft d t e S ch i ck s a l s f r a g e f ü r d i e A li f r e ch t c r h a l t n u g der k a P i t a - m st i f ch e n W i r t f ch afts 0 x d u u u g . deren vernünftige s 0 z i a l P 0 l i t i - f ch e Turchdriltgu n g u »t s 0 s i ch e r c r , k u l t u r p 0 l i t i s ch n m s v wirksa m e r s e i n lv i r d , je z a h t r e i ch e r die K a P i - kalb e s i tz e r' wieder lv e r d e n. T i e Steige r u n g ihre r Z a h l ist zurzeit w e gen der -)l e parati 0 it e 11 1111 d Schuldenz a h l u n g e n der Alliierten au Amerika n i ch t m 0 g l i ch. V. Dieses Problem hat in deu lesften Wochen für sich bereits im Sinne meiner Wünsche Fortschritte gemacht. Versuchen lvir noch eine Grundlegung im großen Ratzmen! Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß alle Wirtschaft auch diejenige lvettwirtschastliehen Kreislaufes, aus dem primitiven Grundsatz von „L e i st u n z und G e g e n l e i ft 11 u g" beruht. Wird dieses Grundgesetz verletzt, dauernd verletzt und-mit Füßen getreten, dann ift eine schwere Wirt schasisertrantung im kleinsten Unternehmen wie im größren Kreise die notwendige Folge. Ter Krieg selbst ist stets eine Riesenleistung ohne Gegenleistung, seit die Zeit der „Kriegsentschädigungen" tin bescheidenen Rahmen, die wenigstens den Sieger meist wieder sanierten, vorbei ist. Ter Friedensvertrag von Versailles von 1919 — mit dem vorhergehenden Waffenstillstand von Eompiögne — war und ist „Leistung ohne Gegenleistung". Wie eine Krebsgeschwulst befällt dieft Krcmkheitsform immer neue Trgane: Inflation l welche Riesenopfer ohne Gegenleistung!! — Arbeitslosigkeit lUnterstützung und Fürsorge ohne Gegenleistung!) und so fort bis in die Katastrophe. Schließlich ist auch die Rückzahlung der Kriegsschulden, mit der inan die Reparationen zu rechtfertigen versucht, die gleiche Zersetzungserscheinnug. Tenn diese Tilgung gleicht nicht der sonst' üblichen. Wer normale Anleihen empfing, schuf produktive Anlagen, deren Ertragnisse die Rückzahlung in Raten begründen. Tie Amerikaner gaben nicht normale Anleihen mr produktive Anlagen in Frankreich: sie gaben Kriegsdarlehen, und es. eriveift sich, daß die Spekulation auf die „Produktivität des Sieges" eine Fehlspekulation war. Wilson und seine Ration haben erreicht, daß das wilhelminische Tcutschland den Krieg verlor und zugrunde ging. Zn verlangen, daß das republikanische Raciftriegs-Teutschland noch die Kosten dieser amerikanischen Cpcratton bezahlt, erweist sich als unmöglich, indem bei der Durchführung dieser Erekution das kapitalistische System der Welt schwer erkrankt: Tie Schuldentilgung i ft, da hinter ihr nicht produktive A nlagen stehen, eine w irtschastsw id r i g e „Lc iftn n g ohne Geg e n - leistung". Es ist höchste Zeit, daß die Staatsmänner und Wirtsichastssührer diesen Irrweg, den die Wett seit dem 4. August 1914 geht, endgültig verlasien und neue Straßen aufsuchen, auf denen die Reubildung eines gesunden Mittelstandes und die Hebung des Proletariats durchs positive, nicht nur Elend abwehrende c 0 z i alp 0 litik in Europa wieder möglich wird. Kürzlich stand der nationalsozialistische Agitator Frist Waldmann als Verbreiter eines antiseiniusttzen HcstsiugblatteS . vor der Verunmgskau'.lucr des Landgerichts V r e s l a 11. Ten Vorst st in der Verlumdlung führte ein getaiister vandgcrichttdrrcltvr. ein bcisistendcr Anesivr nur jüdischen Glaubms. Ter Angeklagte kirnte beide Aicbier roegell Bestingenheit ab. Tiefe erklärten stch jedoch niüit für besangen. Trotzdem tzi.lt die mr En.fttz.iduug über das Abletznungsgefncl) gebildele O.aiuunr, benetzend ans den Landgerietztsräl.n Tobrzvm'li, Franz und Zahn, die Abletznnng für bercüftigt. Tieft' Entscheidung steht in Widerftumch zu den von uns in Rr. der ..E. V. - Zeiinng" vom 22. August 1930 verosfentliditcn Aeictzso.ri^U-urk.il ünuio zu der BerfüglMg des Vr.ußiscl.en Iustizlninisterituns, die wir in Rr. J-2 der E. V. - ,ßeüullg" vom 17. Lktober 19.10 betaulllgegttuu staben. Wir fragen: Was gedenkt der Herr Infii;- ministcr gegen ettte derartige Sabotage seiner Verfügungen und gegen cittc derartige Atomincrung dcr .'Ncchlspslcgc zn unlerttchlnert'^ Rächfrcns werden Angeklagte nur noch vor» it.rcn nääisten Freunden abgenrteilt werdet: dürfen. H. L.

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