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Central-Verein-Zeitung · 1931-03-13 · 11 (13.3.1931) · p. Seite 117

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
11 (13.3.1931)
Date
1931-03-13
Page
Seite 117 (sequence 1)
Language
German
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Serlin, 13. März 1931 X. Jahrgang ♦ Hr. 11 Einzelnummer 20pfennig _£U. ViMsr Bk KsrrWrSM» mrK DrKmÄKM.! 'saLrÄMkÄAS ösvWrsk/ " re.t). Allgemeine Zeitung des Judentums Vrerteljahrsabonnement 2,50 NM. (zuzüg!. Bestellgeld). Verlag und CchriftleitrmZ: Derlür'N'15, Emse-Str. 42. Fernsprecher: 3 2 Oliva 5071. PoMeckkontc: Berlin 304 72. Berlin-Wilmersdorf 1, Lohenzollerndamm 195, und von Eoldschrnidt - Roth er)ild 6c Co., Berlin 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-E^oedition Bndolf Masse, Berlin 8W 102, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JtM für die Igespaltene Zeile nach Rudott Moffes Normalzeilenmcsscr Nr. 4, Familicnanzeiaen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centraloereins 0,15 JIM, die 62 mm breite Äeklamezeile 3,50 JIM. Bankkonto: Dresdner Ban?, Dspositenkaffe H MMSMML UNS x^chsroglML WKTZSM öss NaÜSMlfsZMSMWS / In der leisten Nummer dieser Zeitung hat Dr. Ltidwig Holländer in einein Attftatz „Wozu die Aufregung?" über die ständigen Beschimpfungen und Bedrohungen berichtet, die gegen Judentum und Judenkreit in aller Oefsentlichkeit geäußert werden, ohne daß die Behörden einschreiten. Einige Beispiele aus den lebten Tagen mögen beweisen, wie trotz aller Reden von Reichsministern und anderen führenden Persönlichkeiten die Vergiftung der politischen Atmosphäre zunimmt und die öffentliche Hetze gegen die Juden sortschreitet. In einer Versammlung der NSDAP, in Spandau am 5. März trat M ü n ch - meyer, angekündigt als „der bekannte Reichstagsabgeordnete und Vorkämpfer für ein deutsches Borkum" als Redner auf. Thema: „Morgenrot über 'Deutschland, die Angst vor der Wahrheit". Münchmeyer läßt sich, entgegen allen behördlichen Verboten, als „Pfarrer" vorstellen. Er schildert seinen Siegeszug durch Hessen-Darmstadt. Unter ' Vorantritt einer Musikkapelle sei er in feierlichem Zuge in die Versammlungslokale geführt worden. Tann spricht er von der Not des deutschen Volkes. Am Reichstagsgebäude stehe: „Dem deutschen Volte", statt dessen müsse es heißen: „Dem internationalen Tributwahnsinn". Tenn: „die Einnehmer unserer Zahlungen seien zu 99 Prozent die Plattsußindianer": es folgen Beschimpfungen gegen Stresemann (die Franzosen hätten wohl gewußt, warum sie ih:n einen Kranz aus seinen Sarg gelegt hätten) und gegen die „famose Daihche Volkspartei". Rach den üblichen Angriffen auf Nathcnau und angebliche Zitate aus feinen Werken, steigert Münchmeyer sich immer mehr zu Angriffen' gegen die Regierung und die Juden bis zu den Worten: „Man kann sich nicht vorstellen, wieviel Eist gegen uns verspritzt wird. Tie Zentrale dicsir Giftspritzerei befindet sich in der Linden - r a ß e , woselbst sich ja auch das Z e n - ralbüro der Deutschen mit den jüdischen S ch i c b c r v i s a g e n befindet. Allerhand Verleumdungen werden gegen mich geschleudert, so auch. ' daß ich aus meinem Amt entfernt sei. Ich habe meiner Gemeinde gesagt, ich gehe freiwillig. Es ist schön, von der Kanzel zu einer kleinen Gemeinde zu sprechen. Ich aber fühle Größeres in mir, meine (Ocmcinbe muß das deutsche Volk sein. Und Treust am Volk ist meiner Meinung nach auch wirklicher und reiuüer Gottesdienst. Freiwillig bin ich ausgeschiedeu. Aber cs wird nicht bei Verleumdungen bleiben. An dem Tage, anrum einem von uns etwas passiert, wird keine Ruhe bleiben. Tie Juden und ihre Zuhälter sind hiermit gewarnt. Ich aber werde meinen Gottesdienst am Volk weiter versehen." Und das alles nicht etwa in einer kleinen Versammlung, sondern in einer Kundgebung, die von mehr als tausend Menschen besucht war. .Derartige Versammlungsberichte liegen uns in Massen von allen möglichen nationalsozialisti' I. Tas Zeitalter des Kapitalismus ift mir Beginn des 20. Jahrhunderts in einen krankhaften Zustand geraten, der mit Ausbruch des Weltkrieges zu einem akuten Fieber geworden ist. Ter normale Ausbau in ständiger Entwicklung ist in den kapitalistischen Ländern in verschiedenem Betracht gestört. Der gesunde Kapitalismus ist bedingt durch normale Kapitalbildung. Bis vor kurzem befand sich Nordamerika noch in dieser gesunden Lage; allem Anschein nach ist es auch in der Gefahr der Erkrankung. Ein gesundes kapitalistisches Land ist seit langem — nicht erst seit der Kapitalauswanderung dorthin — die Schweiz, wo es besitzlose Menschen kaum gibt. Wo die Kapitalbildung gestört wird, muß notwendig der Kapitalismus als-Wirtschaft-- und Gesellschaftsform erkrauken. Er beginnt Krastzentren zu bilden, die zur Schädigung anderer Gesellschaftsorgane führen und Gegenkräften die Bahn für ihre Angriffe frei machen. Ter sogenannte H o ch k a p i t a l i s m u s ist bereits eine hypertrophische Erkrankungsform. Ter tnpüche Großkapitalist ist der Totengräber des Kapitalismus. Tas System widerlegt sich selbst, indem seine Uebertreibungen die Voraussetzungen für die gesunde Lebensform des Kapitalismus vernichten; diese Uebertreibungen verhindern die Kapitalbildung auf möglichst breiter Basis und bringen sie zum Absterben. Ter g e s u n d e st e Kapitalismus stellt sich dar als die größte Vielheit langsam scheu Rednern vor. Man fragt sich, ob die anwesende Polizei gegen diese offensichtliche Hetze gegen die Regierung und diese deutliche Aufforderung zum Pogrom nicht eingreisen müßte! In dem Sonutagsleitartikel des Tr. Goebbels im „Angriff" finden sich nach heitiaen Angriffen auf die „Wcltbühnc" und aus ein Gedicht von Tucholfki, die er beide als die eigentlichen Urheber des immer mehr wachsenden Antisemitismus bezeichnet, folgende Sätze: „Wir haben nicht d i e A b s i & {, bei jüdischen Gefahr nt i t c i u c m Paar o m zu bcfli'flncn. Die Art und Weise, loie man in Deutschland die Judcnsrage einmal!ö''en wird, hängt ganz davon ab, wie die Mehrheit des Volkes sic will und verlangt.... Aber je niederträchtiger die Art und Wüse^ wird, mit der man uns auf jüdischer Seite entgcgeutritt, um so radikaler wird unser Aktivismns, und um so leidenschaftlicher nnwr Wille, diesem Zustand legal ein Ende zu machen. ... Nichts liegt uns ferner, als lins zu verteidigen. Unsere wachsender Kap it al ö esih e. Kapitalbildung ist am ehesten möglich bei freiem Spiel der Einkommensbildung, gefördert durch eine gesunde fortschrittliche Sozialpolitik. Beide Möglichkeiten sind durch den Weltkrieg aus der Bahn geworfen. II. Tas freie Spiel der Einkommensbildung, das nicht zu verwechseln ist mit der manchesterlichou Ausbeutung der Mcnschenkraft nach unten, ist schon durch die Kriegsuftrilchaft korrumpiert, aber erst durch die Nachkriegsfolgen, die Inflation, die Gold- und Kapitalverkrampfungen und die unsinnigen Einzelheiten der Neuordnung der Welt beispiellos gestört. Diese Störungen werden — fast möchte man sagen — gedankenlos fort ge styl durch die Neparationspolittk und ein widersinniges Schuldentilgungssnstem, eines Shylok würdig. Tie Sozialpolitik nach dem Kriege dient nicht der Kraftbildung unter den schwachen Cesellschastsgliedern, sondern einer meist nicht ausreichenden Elendsverhütung unter den Lpfern der Nachkriegsnürme. Nicht der zielsichere, vorwärtstreibende Schwung beherrscht die Entwicklung. sondern alles, was sonst aufwärts führte, scheint umgebogen zu sein zur Tendenz, verteidigend ein weiteres Abgteiten in die Tiefe zu verhüten. Tie Millionen und aber Millionen, die gcnerationswcise in diese Lage vom Schicksal hmeingestellt sind, 'kennen gar nicht mehr das Glück, vorwärtszukommen, und die Freude, das Einkommen zu steigern oder gar Vermögen langsam und Waffe ist seit je der A n g r i s f gewesen. Wir unterbreiten nur diese Felonie der Aufmerksamkeit eines geneigten deutschen Publikums und fragen zur Gegcn'eite hiuübeigcwandt: W i e lauge noch, E a t i l i n ß , will st bu unsere Geduld u u d Sanßm it t miß - dranchc n V Ter Stil dieses fast ganz im Sperrdruck gehaltenen Aufsatzes, zeigt, was man von ben Worten: „Wir haben nicht die Absicht, der jüdischen Gefahr m i t eine nt Pogro m zu begegnen", zu Hallen hat! Ter „Stürmer", das berüchtigte Nürnberger Wochenblatt zum Kampf um die Wahrheit. übertrifft sich m seiner verantwortungslosen Hetze von Nummer zu Nummer. Tas Purimsest bezeichnet er als Mordsest. Unter der Schlagzeile „Ter Würger" bringt er ein Bild „Alljuda watet ans seinem Weg zur Weltherrschaft durch ein Meer von Blut". Die ganze Nlnnmcr, auf die wir noch zurückkommen werden, ist von infernalischem Haß diktiert. Aber die Behörden schweigen. . . .

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