Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 10 (6.3.1931)
- Date
- 1931-03-06
- Page
- Seite 110 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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110 -L, . - .'' ■ t . v ■ t y f-- ,r S- 7/;n * ■;1? ‘ f;'f heit herüberget ragen hat. Nur der Gewalt ftlnes Ethos. daZ ja auch die Grundlage des chriülichen Ethos geworden ist. verdankt die Welt die.es Sck>iu spiel. Genug der Beispiele und Gegenbeispiele. Mir ist, als wüchse das Jahrtausend des Blutes und der Tränen noch allzu tief in das gepriesene Jahrhundert der Befreiung hinein. Ist es denn nicht möglich, selbst so wohlmeinenden Männern wie Ihnen die Augen zn öffnen für das Gebirge von Leid und Unrecht, das auf die Schultern schon jedes neugeborenen deutschen Kindes jüdischer Art gehäuft liegt? Was bedeutet dagegen das Zeitungsgeschrei einiger ..Emanzipierter"? Erträgt die große deutsche Nation von allen Nationen allein keine Kritik? Was haben Engländer über England sagen dürfen: vor uvd nach Lord Byron? Helsen Wohlverhallung-unasrregeln gegen ..Inda'verrecke?" Im Grunde ist es erschütternd, tatf «tc vor die an Leib und Leben, an Geist und Herz bedrohten Juden hintreten tmd sagen, sie mögen ein Einsehen haben. Mit ergebenem Gruß Jakob Wassermann." Altaussee, Steiermark, Januar 1981. sehen dich an. Eine grobe Ungchörigkcift will mich bcdünken, wenn mir dabei nur nicht eine Geschichte einficle. Ein ehemaliger deutscher Offizier. sympathisch, beliebt und angesehen auch m der Mannschaft, hat sie selbst erzählt. Als er in der Ukraine lag, kam eines Tages eine Abordnung verzweifelter jüdischer Männer zu ihm. Sie wußten, daß in der gleichen Nacht ein Pogrom über ste herfallcn ' sollte, sie waren waffenlos, sie flehten den Offizier um ihre eigene Rettung und die ihrer Frauen und Kinder an. An dieser Stelle'seiner Erzählung äffte der Offizier den Jargon der Juden nach- Geantwortet hat er ihnen: erstens sympathisiere er mit dem Borgehen der Ukrainer — ich wiederhole, daß dies seine eigenen Worte und — und zweitens wolle er jetzt schlafen. Wie glauben Sie. hat das Antlitz dieses Offiziers jene jüdischen Männer angeblickt? ^ehr menschlich? Wobei den unschuldigen Tieren kein Unrecht zugesügt werden soll. Es handelt sich in unserem Fall auch weniger um die furchtbare Tatsache selbst als _ triehueljt darum: der junge Mann wußte, daß er mit dieser Geschichte in Deutschland nicht nur Verständnis, sondern allenthalben in seinen Kreisen Bestall finden würde. Damit finde ich. ist der Einwand entkräftet, das; er ellva kein repräsentativer Typus gewesen wäre. Ich lese weiter. Herrn Meidner? kräftige Worte fanden sicher meinen Beifall, störte mich nicht ein Heiner, ganz kleiner Mangel an Präzision. Herr Meidner findet, daß das Heer ein Heiligtum der Deutschen sei. Gemeint stt doch wohl das Heer von 1914?.Wodurch unterscheidet es sich vom gesamten Volkstum? Ehre sei diesem Volkstum, eine Welt hat es geehrt. 'Darüber hinaus finde ich nichts des großen Namens heilig würdig, und hier gerate ich auch schon an den Mann, der dann schreibt, beim ersten Anblick einer französischen Uniform auf dem Potsdamer Platz fei ihm unsäglich wohl geworden. Dies erscheint mir als unaussprechliche Torheit, denn mir wird beim Anblick keiner Uniform in einer friedlichen Stadt sonderlich wohl oder wehe, zum mindesten nicht wohler als beim Anblick eines anderen Tlenstklcides. Mag es doch einmal ausgesprochen sein: warum soll mir im Frieden ein militärisches Kleid einen Lieferen Eindruck machen als das Gewand eines Feuerwehrmannes. der jederzeit,, ohne jede politische Herausforderung, mit Einsatz seines Lebens bereit ist. mir Weib und Kind aus den Flammen zu holen? Hinzusügen möchte ich, daß ich Soldat gewesen bin . in jenem Heer, in dem nur den Juden alle jene Aussichten versperrt blieben, die sich andern dazu befähigten eröffnet haben. Ich lese staunend, daß Juden sich über das Nibelungenlied abfällig geäußert haben. In Gedanken . darüber versunken, steigt plötzlich ein anderes Bild vor mir auf: Ich sitze mir meiner Frau in einem Eisenbahnabteil zwifck-en München und Starnberg. Irgendwo steigt ein Harker Trupp von jungen Burschen ein, durchs rrus keine Rowdys. Sie. durchtraben den Zug mit lautem Gesang, und was singen sie? Daß man den Judenbankerten Arme und Beine abchacken soll. Niemand im Zug protestiert. Ich lese weiter in .Herrn Fechters Aussatz. . Ter Blutzeuge Walter Raihcnau steht vor mir auf. Es steht vor mir auf ein Jahrtausend doll Marter, Schändung. Raub, Qual. Hohn, Schmähung, Entsetzen. Blut und Feuer. Gewiß, gewiß, man soll den Schuldbrief eines Jahrtausends nicht immer wieder heraufholen. Ein einziges Jahrhundert der Emanzipation liegt auf der anderen Waagschale. Ich will es gern gelten lassen, wie es Herr Fechter stillschweigend von uns fordert. Obgleich er immer wieder die ungeheure 'Anzahl nichtjüdischer Deutscher ins Hessen führt, verlangt er von der kleinen jüdischen Minorität die feinsten Tugenden einer krastbewußten Ueberzahl. Ohne weiteres stellt rr in seine Rechnung von Vorwürfen und An-' nagen die erschütternde Weisheit, die der Jnde — nie genug zu bestaunender-Triumph des menschlichen Geistes — aus einem Jahrtausend von Brand,.Schrecken und Schmach in die Frei¬ Tr. P e cT> c I und Paul Fechter antworten in der gleichen Nummer Wassermann in zwei kurzen Briefen, „in denen sie ihrer Enttäuschung darüber Ausdruck geben, daß Wassermann die Diskussion wieder aus dem Sachlichen in die Gebiete des Sentiments" verschiebe. In dem Märzheft der „Deutschen Rundschau" nimmt auf Aufforderung des Herausgebers der Deutsch-Schweizer Eduard Behrens ..Anderthalb Millionen Juden maßen sich guasi die geistige Führung von uns 65 Millionen Deutschen an! Ausländer, sagen Sie selbst, dürfen wir uns das bieten laffen?!* Daraus kann der Ausländer, glaube ich. nur antworten: 65 Millionen sollen 1% Millionen nicht Meister werden? Das wäre doch nur ein Zeugnis der Schwäche und des Unvermögens der 65. Das große, von der ganzen Welt bewunderte und gefürchtete deutsche Volk soll nicht imstande sein, sich 1A Millionen Juden einzuverleiben? Nebenbei: was heißt überhaupt .Fremdheit der Juden?" Ich muß gestehen,' daß mir zum Beispiel gewisse nationalistische deutsche Schriftsteller in Gedanken und Sprachform mindestens so fremd und undeutsch erscheinen wie gewisse jüdische. Also, die Franzosen haben ihre Juden absorbiert, die Engländer, die Amerikaner (die Prozentsätze sind zwar überall geringer als in Deutschland), aber auch die Russen mit ihrem enormen jüdischen Anteil an der Intelligenz. Ist Deutschland etwa weniger kräftig, großherzig, human? Dem Ausländer erscheint die Judensrage in Deutschland vor allem als eine Teutschenfrage, besonders jetzt sieht er die Deutschen befangen in einem Minderwertigkeitsgefühl, einer Hysterie, wenn man so sagen darf, in einer Cespensterseherei, die als Folge der furchtbaren Jahre seit 1914 Psychologisch wohl verständlich ist, die aber der Wirklichkeit gewiß nicht mehr entspricht. Hier in Deutschland sieht der Ausländer, daß sich der Deutsche nichts zutrau ft und im Ausland sieht er. daß man dem Deutschen alles zu traut, am meisten zutraut von allen Völkern. Schon vor dem großen Kriege lebte ich in Deutschland, und damals sah ich die Juden als Staatsbürger minderer Art. Von ihnen starke Gefühle für ein Land zu verlangen, wo sie sozusagen als Parias gelten, ist vielleicht etwas viel verlangt, und trotzdem standen Tausende dieser Parias in den deutschen Schützengräben! Nichts jedoch war der Antisemitismus einst gegen den Antisemitismus jetzt. Vergangenen Dezember begleitete ich den Zug der Zwanzigtauscnd durch den Berliner Westen, Zwawzigtausend schrien drei Stunden lang Zuda verrecke, Irrda verrecke"! Und die Polizei folgte ihnen noch auf Lastwagen zum Schutz gegen Ueberfälle. Darf ich als Fremder in einer deutschen Zeitschrift sagen, daß Exzesse dieser Art in jedem anderen zivilisierten Land unmöglich wären, und daß dieser antisemitische Nationalismus für Deutsch- 3ii dem Thema Stellung. Er bekennt zunächst, daß er selbst scharfer Antisemit war und sich vor dem Kriege als Herausgeber einer judcnfeind lichen Wochenschrift „Der Samstag" betätigt hat. Auch er behauptet...die ausfallende jüdische Geringschätzung alles dessen, was mit deutscher Nation und deutscher Tradition verbunden ist", bei den Juden empfunden zu haben, fährt dann aber fort: land draußen bei den anderen Völkern eine Katastrophe zn werden droht? Ein Volksteil ruft zum Totschlag und Mord an einem anderen Dolksteil! Wie mag sich da der Jude salviercu? Entweder bricht er in seines Nichts durchbohrendem Gefühl zusammen oder er strafst sich erst recht und ,kompensiert" das Pariagefühl, das ihm eingebläut wird, mit noch verstärktem jüdischem Hochmut". Und das ist es, was geschieht. Der Narionalsozialismus bewirkt das' Gegenteil dessen, was er will. Ein Jude könnte sagen: ,Hundert Völker - gingen zugrunde, weil sie zuviel litten. Aber wir? Alles Elend und alles Leid schlugen uns. zum Guten aus. Juda verrecke? Armer Hitler, arme Nazis! Wir haben im Laufe der Jahrtausende noch ganz anderen Flugsand verwesen sehen!" Zusammenfassend wäre meiner Meinung nach etwa zu sagen: die Judensrage in Deutschland ist die Folge zweier sich gegenseitig immer wieder an sich selbst entzündenden und sich steigernden Ressentiments, Gespenstersehcreien: die Deutschen haben vor den Juden Angst, und die Juden vor den Deutschen. Heilen kann der Zustand nur, wenn die Ressentiments verschwinden. Aber dazu müßten die Deutschen als der weitaus stärkere und wichtigere Partner doch wohl den Anfang machen, und nicht umgekehrt, wie Paul Fechter verlangt. Die Judenfrage in ihrer jetzt unerträglichen Form ist im Grunde mehr eine Deut scheu frage. Der dereinst seiner selbst wieder sichere Deutsche wird die Kraft haben, die unwiderstehliche Kraft, sich alles, was ihm fremd scheint, anzugleichen, es in sich zu verarbeiten, es in sich verschwinden zu lassen. Darf ich aber zum Schluß vielleicht' noch sagen, daß das deutsche Dasein ohne den jüdischen Einschlag ärmer, ärmlicher, wäre? Herrgott. wenn dieses große deutsche Volk, das' wir anderen so respektieren und das wir so ganz anders sehen, als es sich jetzt-sieht, wenn dieses Volk eines Morgens aufwachen würde, frei von Antisemitismus und allen Mindcnvertigkeitsgefühlen und dastnn.de.in seiner Großherzigkeit und überlegenen humanen Arft die es in sich hat durch seine edelsten Geister!"; * i Wie wir erfahren, wird die. Aussprache in den nächsten Heften der „Deutschen Rundschau" nod) fortgesetzt. Wir behalten uns vor. selbst noch zu dem Thema Stellung zu nehmen. Eduard Behrens an Dr. Peche!