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Central-Verein-Zeitung · 1931-03-06 · 10 (6.3.1931) · p. Seite 107

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
10 (6.3.1931)
Date
1931-03-06
Page
Seite 107 (sequence 3)
Language
German
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J07 Kommt die rechtsradikale Flut zum Stillstand? anderen europäischen Landern, wie Holland und Dänemark, schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vor sich gegangen. Ein Beispiel hierfür möge Dänemark sein. Bis zum Jahre 1850 waren Weizen und andere Getreidesorten die Hauptprodukte der dänisckfen Landwirtschaft. Unter dem Truck des Angebotes billigen überseeischen Getreides stellte sich die dänische Landwirtschaft vollständig um. Heute marschiert Dänemark an der Spitze der Exportländer für F l e i s ch, 33 u 11 c r und Eier, die ausschlaggebend für den Wohlstand des Bauern und somit des ganzen Landes geworden sind. Eine ähnliche Entwicklung der Landwirtschaft wird in Deutschland vor sich gehen müssen und von vornherein bei unseren jüdischen Siedlungsbestrebungen zu beachten sein. Hier können vielleicht auch die Juden in Deutschland für die Art und Form der Produktion und des Absatzes v o r b i l d l i ch w e r d e n, wie sie es in anderen Berufen geworden sind. Es dürfte interessieren, etwas über die erste iübiidjc Siedlung Eroß-Gaglow zu erfahren: Hier werden zunächst Gärtner gesiedelt. Die 8 Morgen großen Görwerstellen werden ungefähr 20 000 Mark kosten (einschl. Haus und Beregnungsanlagen usw.), von denen 17 000 Mark im Rentengutsversahren. d. h. durch Hauszinssteuer und Rentendanlkredit umgelegt werden, während der Betrag von 3C0Q Mark als Anzahlung von dem Siedler aufgebracht werden muß. - Tie zinsliche Belastung einer solchen Gärtnerstelle beträgt dank der billigen Staatskredite nur etwa 650 Mark pro Jahr. D<r Arbeitsverdienst des Siedlers dürfte sich nach den Voranschlägen, die von einem Kulturamtsvorsteher und einem Sachverständigen der Preußenkaffe gemacht sind, auf etwa 2000 Mark bei fast freier Station pro Jahr belaufen. Wenn der Siedler nur feine Rente herauswirtschaslei und später seinen Kindern ein unbelastetes Grundstück hinterläßt, das durch Wertzuwachs in nächster Nähe einer Mittelstadt und durch Investitionen sich verdoppelt, vielleicht verdreifacht hat, so hat er cm und sür sich genug erspart. Es gibt genug jüdische Menschen in Deutschland, die siedeln wollen; ehemalige A h l e m e r, die seit Jahren im gärtnerischen Berufe tätig sind, ehemalige jüdische Bauern, die ererbtes Land in Posen oder Westpreußen besaßen und heute ein mühseliges Dasern in der Großstadt fristen, und ehemalige jüdische Frontsoldaten, die im Kriege gelernt haben, körperlich zu arbeiten, und die die Liebe Zur Natur und die Unmöglichkeit. in ihren bisherigen Berufen existieren können, ländlichen Berufen zugeführt hat oder zuführen will. Sie alle haben den sehnlichen Wunsch, auf eigener Scholle selbständig Zu werden, und ohne dre Unter st ü tz u n g einer sie beratenden Organisation, die auch die notwendigen Mittel Zur Verfügung stellen kann, können sie dies nicht. Darüber hinaus wendet sich auch die jüdische Jugend bereits in verstärktem Maße den ländlichen Berufen Zu. Soll man ihr abraten, soll man dem Auge: Heraus aus der Großstadt, aufs fläche Land, der endlich dem lahrzehnlelangm Zu^ vom Lande in die Großstadt sich entgegcnzustellen beginnt, Einhalt gebieten. ihn im Keime ersticken? Von unserem nach Vraunschweig Braunschweig, 2. März 1931. Eine objektive Bewertung des Braunschweiger Wahlergebnisses vom 1. März d. I. setzt folgende Ueberlegung voraus: Wenn auch die Beteiligung der NSDAP, an der Landesregierung ihre Anhänger ernüchtern mußte, so wirkt die stärkste Antriebskraft unserer politischen Radikalisierung, Massenerwerbslosigkeit und Wirtschaftsnot euch heute noch genau so stark, sogar noch stärker als im September des Vorjahres. Die Arbeitslosenzifsern sind seither weiter gestiegen, von irgendeiner wirtschaftlichen Entspannung kann nicht die Rede sein. Es war danach zu envarten, daß auch das Braunschweiger Wahlergebnis ein weiteres beträchtliches Ansteigen der radikalen Stimmen mit sich bringen würde. Und das ist, soweit es sich um den Rechtsradikalismus handelt, nicht in dem Dlaße eingetreten. als es die NSDAP erhofft, die Linke und die Mitte gefürchtet hatten. Konnte die NSDAP zum Beispiel in Bielefeld bei den Kommunakwahlen im Dezember trotz erheblich verringerter Wahlbeteiligung ihre Stimmen noch von 16 000 auf 22 009 steigern, so stiegen die nationalsozialistischen Stimmen im Lande Braunschweig lediglich von 83 393 auf 85 079. Wir legen dabei das Ergebnis der Reichstagswahl vom 14. September als Dergleichszisfer zugrunde, weil bei der braunschweigischen Landtagswahl am gleichen Tage sich die bürgerlichen Parteien zu einer Einheitsliste zufammengefunden hatten, die natürlich auf weite bürgerliche ßxeife eine erhöhte Anziehungskraft ausübte und den Nationalsozialisten den Einbruch ins Bürgertum erschwerte. Bei der Reichstagswahl und jetzt bei den Kommunalwahlen marschierten aber die bürgerlichen Gruppen in fast allen größeren Orten des Landes mit getrennten Listen auf. Gemessen an der geringeren Wahlbeteiligung ist der Fortschritt der NSDAP etwas größer, als die absoluten Stimmzahlen verraten. Sie erhielt diesmal 30 Prozent aller abgegebenen Stimmen (26,6), die bürgerlichen Listen 2! Prozent (26.1). auf die Sozialdemokraten entfielen 39,8 Prozent (40,5). aus die Kommunisten 9.2 Prozent (6,8). Diese Ziffern sind insofern sehr lehrreich, als sie beweisen, daß der NSDAP ihr eigentliches Wahlziel, die „Zertrümmerung der marxistischen Front"" keineswegs gelungen ist. Bei den Reichstagswahlen entfielen auf die beiden sozialistischen Parteien (SPD und KPD) 47;3 Prozent aller abgegebenen Stimmen, jetzt 49 Prozent. Demgegenüber^haben sich die Prozentzifsern der nichtsozialistischen Parteien (bürgerliche Listen und NSDAP) von 52,7 aus 51 Prozent erniedrigt. Der Satz, daß entsandren Sonderberichlerstatter der ganze Aufschwung der NSDAP ausschließlich auf Kosten des Bürgertums geht und daß diese Partei nicht imstande ist, der sozialistischen Linken irgendwelchen Abbruch zu tun, ist damit wieder einmal eindeutig bewiesen. Gerade in dieser Hinsicht ist das Wahlergebnis vom 1. März besonders bemerkenswert, weil in den meisten Braunschweiger Kreisen und vielen Braun'chweiger Gemeinden sozialistische Mehrheiten Vorlagen, gegen die der Kamps von der NSDAP mit aller Wucht gemhrt wurde. (Das mag übrigens euch der Grund dafür sein, daß die Judenhetze bei diesem Wahlkampf so gut wie gar nicht in Erscheinung trat.) Wenn es trotzdem der NSDAP nicht gelang, Sozialdemokratie und Kommunisten zurückzuwerfen, und wenn die Verluste der Sozialdemokraten lediglich den Kommunisten zugute kamen, wahrend gleichzeitig in vielen Orten die bürgerlichen Parteien schwere Einbußen zugunsten der NSDAP erlitten, also zugunsten einer Partei, die wenigstens nach außen sozialistischen Anstrich zeigt, so zeigt dies, daß die nationalsozialistische Agitation lediglich zu einer Verstärkung der gesamtsozialistischen Strömungen führt. Aus dem Dorf hak die NSDAP die bürgerlichen Parteien fast restlos verschluckt und damit in den Dörfern, die auch früher die Sozialdemokratie fast nicht kannten, eine beherrschende Stellung erlangt. So erzielten die Nationalsozialisten zum Beispiel im Kreise Helmstedt in den Orten Tiddische, Brechtors. Brackstedt, Berg'eld, 2lhneöeck, Hoitlingen, Velsdorf. Löüewitz. Parleib, Jeseritz, Elseöeck, Berenbrock überwältigende Mehrheiten. In sechs weiteren Orten dieses Kreises erhielten sie die Mehrheit aller abgegebenen Stimmen, in weiteren 2! wurden sie Zur stärksten Partei. Gleichzeitig hat sich aber auch erwiesen, daß eine geschickte und nachdrückliche Gegenarbeit den Nationalsozialisten schwer Abbruch tun kann. So konnten sie in Vechelde 37 (14. September: 55), Kissenbrück 164 (233), Volperode 24 (35''. Bodenstedt 41 (71), Hordors 45 (63), Hahausen 73 (156), Thiede 198 bei der Gemeindewahl, 26! bei der Kreiswahl (363) ihren Bestand vom Herbst nicht behaupten. Das soll nicht beißen, 'daß dort lediglich die verstärkte Gegenaaitation der NSDAP Abbruchgetan hat, das Gemeindewahlergebnis von Thiede zeigt dafür zu deutlich, was die Kandidatenauswahl gerade bei Kommunalwahlen bedeutet. Aber der Nimbus der Unbesiegbarkeit, in den sich die NSDAP so gern hüllen möchte, erweist sich als trügernch. Die Braunschwerger Wahlen geben uns die Gewißheit, daß die NSDAP zu schlagen ist. Und damit erhöhen sie die Verantwortung, vor allem die Verantwortung des kleinen Parteiführers in der Provinz und auf dem Land. Der Weg zum Verdienst durch Kelvinator-Elektro-Kühlaniagen a.-G., Leipzig CI, Bitterfelder Strasse 19 &'..

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